Ausgabe 
25.6.1905
 
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Nr. 26.

Gießen, den 25. Juni 1905.

12. Jahrgang

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

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Als unseren Hauptfeind

im wirtschaftlichen und polttischen Befreiungs⸗ kampfe bezeichnete schon vor langer Zeit Jakob Audorf in seinemLied der deuschen Arbeiter denUnverstand der Massen. Und das Wort ist wahr und richtig. Daß heute noch eine Handvoll Kapitalisten das ganze werktätige Volk ausbeuten, sich auf dessen Kosten Reich⸗ tümer aufhäufen, es schließlich auch noch politisch bevormunden, unterdrücken können, daran ist lediglich die Rückständigkeit, Ein⸗ sichtslosigkeit und der geistige Tiefstand eines roßen Teils der Arbeiter schuld. Ohne dieses Bleigewicht an den Füßen wäre unsere Be⸗ wegung, die die Wohlfahrtaller Menschen zum Ziele hat, schon jetzt viel weiter vor⸗ geschritten. Aufklärung über die poli⸗ schen und wirtschaftlichen Dinge, Erkennt⸗ nis ihrer eigenen Lage, das ist es, was der Arbeiterschaft, der befitzlosen Klasse not tut! Wo kaun sie sich aber diese Aufklärung und

Erkenntnis verschaffen? 0 g und allein in der sozial⸗

kr Presse!

Das Arheiterblatt selbst zu lesen, für seine weiteste Verbreitung zu sorgen, ihm im Hause jedes Angehörigen des werktätigen und minderbemittelten Volkes Eingang zu ver⸗ schaffen das ist unabweisbare Pflicht jedes Parteifreundes nicht nur, sondern jedes denkenden Arbeiters! Wie oft wird aber diese Pflicht versäumt! Tausende Arbeiter nicht wenig organisierte darunter halten die volksverdummenden arbeiterfeindlichen Klatsch⸗ und Schundblätter, die täglich unsere Partei und ihre Anhänger beschimpfen und verdächtigen. Sie binden sich damit selbst die Ruten, mit denen ste hence werden, be⸗ gehen Verrat an ihrer eigenen Klasse!

Wann ist je ein bürgerliches Blatt für Arbeiteriateressen eingetreten? Diese Organe ind bloß Mittel zum Geldverdienen für ihre Besitzer. Wo noch immer die Arbeiter und Unterdrückten für eine Besserung ihrer Lage kämpften, hat ste nur die soztialdemo⸗ kratische Presse unterstützt. Das müssen sich besonders die Gewerkschaftsmit

lieder merken und in erster Linie in ihren Reihen für Weiterverbreitung des Arbeiterblattes Sorge tragen.

Wer mit hilft, unserer Presse mehr Leser zuzuführen, trägt damit unsere Ideen, Grund⸗ sätze und Forderungen in das Volk, erhöht den Einfluß der Arbeiterklasse, nützt sich und den Interessen seiner Familie! Lasse sich deshalb jeder angelegen sein, zum 1. Juli der Nitteldeutschen g. e die monatlich nur 25 Pfg. kostet mindestens einen Abonnenten zu gewinnen!

Volksschule und Universität.

Von K. Wbr.

1M Seit zum Entsetzen des preußischen Mini⸗ steriums der Königsberger Lehrertag im vorigen Jahre die Universitätsbildung für den Volks⸗ schullehrer als Zielforderung aufgestellt hat, ist diese große Frage nicht mehr aus dem Gebiete des Nachdenkens und der Erörterung ver⸗ schwunden und wird, wie alle derartige Kultur⸗ aufgaben der Zukunft, nicht daraus verschwinden

bis zu ihrer endgültigen Lösung. Denn daß der heutige Zustand mit seiner künstlich ge⸗ machten Einteilung in Menschen I. und II. Klasse, wobei letzteren, wohl um sie dummer undzu⸗ friedener zu erhalten, schon wegen des Zufalls ihrer Geburt nur ein Mindermaß von Bildung ängstlich gestattet wird, daß dieser Zustand allem feudal⸗konservativen Philistertum zum Trotz, kein ewiger und endgültiger zu sein braucht, und nicht sein darf, ist jedem vorurteilslosen Denken gewiß. Gar schroff aber steht da die preußische Lehrerschaft mit ihren fortschrittlichen Wünschen der vorgesetzten Behörde gegenüber, von der sie nun sogar durch denSchulkompromiß einen Bruch und Rückschritt in der seitherigen Entwicklung zu befürchten hat. Als neulich das Denkmal für den früheren fortschrittlichen Schulminister Falk enthüllt wurde, konnte dieser Gegensatz durch alles äußerlich gebotene Zeremoniell gegenüber Herrn Studt nicht ganz verdeckt werden. In Hessen ist ein solcher Rückschritt, nach der kürzlich erfolgten Mainzer Kund⸗ gebung zu urteilen, zum Glück eben nicht zu befürchten. Aber den Königsberger Wünschen steht man doch auch hier nicht nur zweifel nd (was seine Berechtigung hätte), sondern ohne jede Absicht ernster Ueberlegung einfach ab⸗ lehnend gegenüber. Es muß deshalb auch hier unsere Aufgabe bleiben, der satten und bequemen Freude am gewohnten Zustande gegenüber das Streben und die Lust zu höheren Idealen wach⸗ zuhalten.

Es gibt Wahrheiten, und vor allem gerade sittliche Wahrheiten, die bis zum Ueberdruß häufig wiederholt werden, die aber von ihrer ewigen Gültigkeit darum noch nicht das Geringste einbüßen. Zu ihnen gehört der Gedanke der Menschenrechte. Welche gewaltige Rolle hat er in der Geschichte gespielt! In der griechischen Philosophenschule der Stoa geboren überwand er die Sklaverei des Altertums und Jahrhunderte später lieferte er noch den Vorkämpfern gegen die Leibeigenschaft ein gut Teil ihrer Waffen, er begleitete die Aus⸗ wanderer des 17. und 18. Jahrhunderts in die neue Welt nach Amerika um ihnen dort ihre Staaten aufbauen zu helfen, und er bereitete in der alten Heimat kurz danach einem der frivolsten und kurzsichtigsten Regierungssysteme aller Zeiten in der großen franz ö 1 schen Revolution ein gräßliches Ende. Sollte nun in unsern Tagen die so oft erhobene Losung der fortschreitenden Menschheit verstummen müssen? Gibt es da etwa keine Mißstände mehr, gegen die sie als Waffe zu brauchen wäre? Oder müßte ste unter dem Titel Utopie jetzt plötzlich zum alten Eisen wandern? Ich denke nein! Solange es noch lebende und strebende Menschheit auf Erden gibt, wird sie auch jenen großen Gedanken als Leitstern auf den uferlosen Fluten des Daseins im Auge behalten. Ja, sie muß das, wenn sie überhaupt vorwärts zu kommen und nicht planlos sich treiben zu lassen denkt. Der Gedanke der Menschenrechte ist es, der über die Schranken der nationalen Interessen hinaus zum Dol⸗

* Stoa, Säulenhalle in Athen, in der der Philo⸗ soph Zeno lehrte. Seine Schüler, die Stoiker betrach⸗ teten Tugend als das höchste Gut. Stoizis mus: Gleichgültigkeit gegen äußere Eindrücke Unerschütter⸗ lichkeit.

metscher alles allgemein menschlichen Wüuschens und Könnens wird, er ist es, der im fort⸗ schrettenden Verfeinerungs⸗ und Arbeitsteilungs⸗ prozeß der Kultur die zum Leben doch wieder erforderliche Einheitlichkeit und Gerechtigkeit in den menschlichen Existenzverhältnissen fest⸗ zuhalten oder herzustellen sucht. Und wie die Religion schon an jeden einzelnen das Ansinnen stellt, seinen Lebenslauf über die Erfolge oder Mißerfolge des Augenblicks hinaus nach ewigen Sternen zu steuern, so dürfen nicht nur, sondern sol len sogar die Bestrebungen ganzer Klassen von Menschen, um mit Spinoza zu reden, erst recht, im Hinblick auf die Ewigkeit betrachtet werden. 8 ist also nur das gute Recht der Volksschullehrer, sich auf dieMenschen⸗ rechte zu berufen, wenn ste alle Kindererziehung auf einer 1 e Grundlage aufgebaut wünschen, und man stellt seiner eignen Bildung rade kein glänzendes Zeugnis aus, wenn man solchen idealen, d. 1 geistig weitschauenden Gestchtspunkten gegenüber immer gleich mit dem VorwurfPhrasen bei der Hand ist, wie es auch im vorliegenden Falle vielfach geschehen ist. Ernster zu nehmen ist dagegen natürlich die Betonung derpraktischen Schwierig⸗ keiten. Aber auch da ist eins vornherein zu sagen: Diese Praxis, so wie das Wort meistens verstanden wird, als der jeweils gegebene zur Gewohnheit gewordene Zustand hat schließlich allen neuen Ideen und Fortschritten, selbst solchen, die uns heute selbstverständlich scheinen, wie z. B. der Aufhebung der Sklaverei, einmal im Wege gestanden. Wenn hinter jenen Ideen nur die Macht der gerechten Vernunft stand, so sind sie schon der größten praktischen Bedenken Herr geworden. Und wo ste es nicht wurden, da blieben die traurigen Folgen nicht aus. Dafür ein Beispiel: Die alte römische Republik hat mit ihrer großenteils von Selbstsucht dik⸗ tierten Scheu vor gründlichen Reformen über die Gracchen, dieseidealen Schwärmer trium⸗ phiert. Aber sie hat das Volk dadurch nur in den Abgrund der Revolution gestürzt, aus dem es sich erschöpft in die politische Gleich⸗ gültigkeit rettete, um durch ste zu grunde zu gehen. So wenig wir also einerseits all dem Be⸗ denken mit denen uns dieMänner der Praxis entgegengetreten, unser Ohr verschließen, eben⸗ sowenig dürfen wir doch andrerseits die Worte der großen Idealweiser der Menschheit, die zu⸗ gleich die Stimme des Gewissens in uns bilden sollten, ganz übertönen lassen. Die Gedanken eines Kant, die Humanitätsideale unsrer Klas⸗ stker, die sich, wenn man so will, auch durchaus in die Formen, der christlichen Ethik fügen, daß kein Mensch nur als Mittel zum Zweck für andere da sei, auch nicht für den Staat, daß jede Persönlichkeit einen ewigen Wert für sich repräsentiere, daß deshalb nach Möglichkeit einer jeden die Freiheit zu vollster Entfaltung ihrer guten Anlagen gegeben werden müsse, daß darin die höchsten und wichtigsten Auf⸗ gaben der Menschheit liegen, all diese Gedanken stnd mit einem Hinweis auch auf noch so un⸗ geheure praktische Schwierigkeiten niemals end⸗ gültig erledigt. Und wenn auch freilich wir selbst diese letzten Ziele zu erleben nicht hoffen dürfen, so sind wir damit doch keineswegs der Pflicht entbunden, sie zur Richtschnur unseres Schaffens zu machen. Ohne ste sind ja wohl so ein paar Flickereien für den Augenblick