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Seite 6.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Ne. 52.
Von Nah und Lern.
Was alles in die Wurst kommt zeigte eine Verhandlung vor dem Landgerichte in München, dle drei Tage dauerte. Angeklagt war der Wurstfabrikant Mathias Hercker von dort wegen fortgesetzten Vergehen feht das Nahrungsmittelgesetz. Es wurde festgestellt, daß Hercker verdorbene, stinkende Würste und Wurstreste, ganze Massen verdorbener Schinken, stinkende Schweineschwarten, schon benutzte Wursthäute, Geschlechtsteile ꝛc. zu Wurst ver⸗ arbeitete. Er holte sogar Fleischstücke, die die Gesellen als verdorben in die Abfalltonne ge⸗ worfen hatten, wieder heraus, kochte und ver⸗ wendete das stinkende Zeug. Der Staatsan- walt beantragte ein Jahr Gefängnis, fünf Jahre Ehrverlust, sofortige Verhaftung und Publikation des Urteils. Das Gericht ver⸗ urteilte Hercker zu der sehr milden Strafe von 14 Tagen Gefängnis, 1000 Mk. Geld⸗ strafe und Urteilspublikation. Hercker war Lieferant für Kasernen, höhere Militär- anstalten usw.
Eine Wahnsinns⸗Tat.
Die ledige Haushälterin Margarete Wald von Wernfeld bei Würzburg hat in einem An- fall von Wahnsinn ihr vierjähriges Kind mit einem Beil ermordet und den Leichnam schreck⸗ lich verstümmelt. Die Wahnsinnige hat dann einen Teil des Fleisches gekocht und ihrem Bruder, der in einem Steinbruch arbeitet, als Mahlzeit gebracht. Später warf ste sich außer ⸗ halb Wernfeld vor einen Güterzug, wurde jedoch von der Maschine zur Seite geschleudert und nur am Kopfe verletzt.
Gebrochene Orduungsstützen.
Wegen Unterschlagung wurde der Bürgermeister Welzenbach von Obersinn (bei Würzburg) verhaftet. Die Unterschlagungen zum Schaden der dortigen Darlehenskasse und Viehversticherungsvereins werden auf 15 000 Mark geschätzt. Das 5 an dem Falle dürfte die Tatsache sein, daß ihn das Vertrauen der Ortsbürger bei den heurigen Gemeindewahlen wieder zum Bürgermeister berufen hatte.
Gesellenfahrten.
Eine Weihnachtsgeschichte von Philipp Schei demanu. 1) Nachdr. verb.
Weihnachtsabend. Wir saßen zu acht fröh⸗ lich beisammen. Das einfache Abendbrot hatte uns gemundet und just als wir die Mahlzeit beendigten, waren auch die Lichter unseres Weihnachtsbaumes heruntergebrannt. Bis auf die beiden Frauen, die dem Kaffee den Vorzug gaben, waren wir durchwegs Freunde eines kräftigeren Männertrunks. Die jungen Deut⸗ schen haben halt mancherlei von den alten gelernt.
Unser Freund Gottlieb Schulze, der sein Weibchen mitgebracht hatte, war besonders guter Laune. Er hatte kaum die Broschüren gegen den Mißbrauch geistiger Getränke auf einem Schreibtisch liegen sehen, als er auch schon die grausamsten Witze über die Abstinenzler rieß. „Was ist Mißbrauch geistiger Getränke? Zum Beispiel: wenn jemand die steifen Glieder mit Cognac einreibt.“ Dabei blinzelte er unseren Freund August an, der zeitweilig das Zipper⸗ lein in den Knochen hatte.„Den Cognac muß man trinken und mit der Flasche muß man reiben, so fest als man's verträgt.“
Na, und was er sonst noch alles von den Abstinenzlern zu erzählen wußte! Zu dem Dr. Müller, einem fanatischen Alkoholgegner, hatte der Schlossermeister Schmidt gesagt, er begreife gar nicht, wie es Leute geben könne, die selbst gegen den mäßigen Biergenuß wet⸗
terten.„Ich trinke täglich vielleicht ein Liter Bier und das ist mir sehr bekömmlich.“ Dar- auf soll Dr. Müller geantwortet haben:„Ich wünschte, Sie konsumierten täglich zehn Eiter und lägen jeden Abend im Rinnstein. Dann könnte ich Sie wenigsten als abschreckendes Beispiel anführen. So, wie Sie jetzt sind, kann ich gar nichts mit Ihnen anfangen.“—
Wir hatten am runden Tisch Platz genom⸗ men und tauschten Lebenserinnerungen, die mehr oder weniger mit dem Weihnachtsfest in Zusammenhang standen, aus. Jeder hatte ge⸗ nug zu erzählen. Freud und Leid der ver⸗ schiedensten Art hatten alle zu durchkostengehabt. Jetzt war Gottlieb Schulze, der während der Erzählungen immer stiller und nachdenklicher war, an der Reihe. Er hatte sich ganz gegen seine Gewohnheit von einem Unterhaltungsbei⸗ trag zu drücken versucht und zögerte auch jetzt noch. Und erst als seine Frau die Scherzfrage „Darf ich?“ lachend mit„Meinetwegen!“ be⸗ antwortet hatte, fing Gottlieb seine Erzäh⸗ lung an.
Ich habe ihn nie so, wie an diesem Abend gesehen. Nur ganz allmählich kam er in Fluß, dann aber wurde er immer angeregter und durchlebte scheinbar all das wieder, was er uns erzählte. Bald hob er übermütig das Glas, um mit uns anzustoßen, bald blickte er zärtlich, als sei er erst fünfzehn Tage und nicht schon fünfzehn Jahre verheiratet, seinem Weib in die lustigen Augen. Dann wieder schüttelte er sich vor Lachen. Ich will versuchen seine Erzählung möglichst genau wiederzugeben, selbst auf die Gefahr hin, daß er mir einen groben Brief schickt, in dem er mich der Indis⸗ kretion zeiht.
*
Unser Freund erzählte: Keine zehn Pferde hätten mich noch lange daheim gehalten, als die schlimme Lehrzeit vorüber war. Die Er⸗ zählungen der Gehilfen von fremden Städten und Ländern hatten Gefühle der Sehnsucht in mir ausgelöst, die nicht einmal das gute Mütterchen zu beschwichtigen vermochte. Und eines schönen Tages war es so weit. Das Herz schlug mir vor Freude, als ich mein Zeugnis in Händen, den letzten Wochenlohn in der Tasche hatte. Mütterchen ging bekümmert im Hause umher. Ich sollte die Tränen nicht sehen, aber ste brannten mir auf dem Gewissen—— Durfte ich sie allein lassen?
Sonntag schlich ich zum Friedhofe hinaus, um Abschied vom Vater zu nehmen. Ich ging ganz allein und ich blieb lange draußen.
Montag früh. Meine zehnjährige Schwester heulte, als steckte ste am Messer. Mutter weinte nicht, ste konnte auch kein Wort herausbringen. Sie drückte mir die Hand und blickte mir tief in die Augen. Ich vergaß den Blick nicht, ich hatte ihn verstanden und habe mich redlich be⸗ müht, seine Mahnungen zu befolgen.
(Fortsetzung folgt.)
Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.
60(Fortsetzung.)
Plötzlich nahm der Vorgesetzte des guten Werner eine andere Haltung an, zog seine Uhr hervor und sagte in bedächtigem Tone:
„Was meinen Sie, Werner, sollten wir keinen schattigeren Platz als diesen aufsuchen können?“
„Ich habe etwas an meinem Fuße,“ an⸗ wortete Werner, womit er eigentlich zu erkennen geben wollte, daß ihm etwas an seinem Fuße fehle. Nämlich eine vollständige Sohle.
„Dann ein auderes Mal; aber ich werde so frei sein!“ Und hierauf zog Morsen seinen ganz neuen gelben Bureaurock aus, vervoll⸗ ständigte seine Toilette und verließ das Zimmer, während Werner noch beschäftigt war, seine Akten zu verschließen. Langsam zog darauf dieser den Rock an und blickte noch einmal umher, ob vielleicht etwas liegen geblieben sei.—
Ja, da lag Morsens Zigarrentasche gut gefüllt auf dem Schreibtische. Soll er? Es war verführerisch. Fünf oder Sechs, wer zählte
seine Zigarren! Aber doch! Sie schmeckten so gut und so oft Morsen ihm eine anbot— was oft genug geschah— überdies—— Werner nahm die Zigarrentasche und warf ste in die Schieblade, drehte den Schlüssel um, steckte den⸗ selben zu sich, stieg die Treppe hinunter, ging durch den Hausflur, fchlenderte seiner Wohnung zu und dachte an keine Zigarren mehr.
„Hast du Herrn Morsen gesprochen?“ war die erste Frage seiner Frau, als die dürftige Mahlzeit abgelaufen war und die Kinder das Zimmer verlassen hatten.
„Ja, liebes Kind, ich fing an.“
„Und?“
Werner zuckte die Achseln.
„Hatte er kein Geld?“
„Das sagte er nicht.“
Wollte er nicht helfen?“
„Aber was sagte er denn?“
„Er gab mir keine Antwort und ließ mich reden.“
„Und für Franz?“
„Darüber habe ich nicht gesprochen; das kommt ein anders Mal; nicht alles zugleich.“
Der Leser wird vielleicht aus den Worten, welche Werner auf seinem Burau sprach, nicht herausgefunden haben, daß er Morsen um 25 Gulden Darlehen bitten und außerdem über seinen ältesten Sohn mit ihm sprechen wollte. Wahrscheinlich ist der Leser in derselben Lage wie Morsen, der aus den halben Worten seines 1 eben so wenig dessen Absicht bemerkt
atte.
Aber Werner war zu furchtsam, um gerade⸗ zu mit seiner Angelegenheit herauszurücken. Er glaubte indessen behaupten zu dürfen, daß er die Sache in Angriff genommen, und damit war ihm ein Stein vom Herzen gefallen. Er hatte dem Versprechen genügt, welches ihm seine Frau beinahe abgezwungen hatte. Und er würde es vorläufig unbescheiden gefunden haben, wenn er bald wieder auf dem⸗ selben Gegenstand hätte zurückkommen wollen.
Aber damit war für den Augenblick wenig fene d„Ich begreiffe nicht, Werner,“ sagte eine Frau, nachdem sie eine Weile geschwiegen hatte.„Ich begreife nicht, daß du die Sache so rasch aufgegeben hast. Du weißt doch so gut wie ich, was wir zu erwarten haben.“
„Ja, Beste, aber— man kann solche An⸗ gelegenheiten nicht erzwingen. Man muß seine Zeit wählen und Geduld haben.“
„Geduld! Wer hat mit uns Geduld? Ich möchte wissen, wie du am ersten September auszukommen gedenkst.“
„Die Sparbüchsen der Kinder,“ begann Werner.
„Die sind längst ausgeleert. Du mußt etwas tun, Werner! Wenn Morsen dir nicht helfen will, mußt du dich an einen anderen wenden. So kann es nicht länger fortgehen. Franz kann sich kaum sehen lassen so ist er aus seinen Kleidern gewachsen, und die Kinder—“
„Die Kinder zerreißen auch gar zu viel.“
„Nein, sie wachsen.“
„Nun, das kommt auf eins heraus. Aber was meinst du denn, daß ich tun soll? Man kann doch nicht Eisen mit den Händen zer⸗ brechen.“
„Irgend etwas, bester Mann, irgend etwas muß geschehen— das Leihhaus—“
Werner erschrak. Das Leihhaus!„Du willst doch unsere Sachen nicht verpfänden?“
„Und warum nicht? Aber nein, es ist besser, wenn du ein Paar silberne Bestecke verkaufst Vielleicht reicht das bis zum Ende des Quartals.“
Frau Werner erhob sich und nahm aus einem altmodischen Buffet zwei silberne Löffel und Gabeln, die ihr Gatte mech mnisch hinnahm.
„Und dann?“ frug er.
„Und dann? Dann habe ich noch sechs Paar; davon werden wir das folgende Quar⸗ tal leben und von deinem Gehalt die Miete und das Schulgeld berichtigen und den Bäcker bezahlen. Inzwischen aber mußt du durchaus dafür sorgen, daß Franz sich selbst forthelfen kann. Der Junge wird nun stebzehn Jahre alt.“
„Und verwächst alles,“ setzte Werner hinzu. „Du könntest ihm aus meinem schwarzen Fracke einen Rock machen lassen. Vor sieben Jahren
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