Ausgabe 
24.12.1905
 
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Nr. 52.

mitteldeutsche Sonuags- Jeitung ·

Seite 8.

schossen. Kurz danach sprengten die Berittenen auch in die Seitenstraßen hinein, immer mit dem Säbel um sich hauend. Nach wenigen Minuten war die ganze Um gebung der Metzschen Wohnung von behelmten Staats⸗ rettern angefüllt, während die empörte Menge in den Seitenstraßen standhielt und ihre Empörung durch laute Protestrufe gegen die Gendarmen zu erkennen gab, die sich zur Wut steigerte, je mehr man blutüberströmte Verletzte vom Schauplatze der Taten der Berittenen brachte.

Gegen 18 Personen waren mehr oder weniger schwer verwundet worden, darunter zwei Frauen. Man brachte die blutenden Verletzten in nahe Restaurants wo sie von Arbeitersanitätern verbunden und ihnen auch Hilfe geleistet wurde, bis die telephonisch herbeigerufenen Aerzte ankamen, die auch Wunden zunähen mußten. Einer älteren korpulenten Frau hatte man den rechten Teil der Wange fast abgehauen, ein Mann hat einen liefen Hieb über das Handgelenk bekommen, der wahr⸗ scheinlich die Abnahme der Hand nötig machen wird; ein älterer Mann hatte tiefe Hiebwunden am Kopf, ein vierter hatte eine gefährliche Wunde am Schulterblatt.

Wer die Schüsse abgegeben hat, weiß man nicht. Es wird vermutet, daß es Poltzet⸗ spitzel oder sonst höchst zweifelhafte Indi⸗ viduen gewesen siud. Gegen einige Teilnehmer an den Demonstrationen soll, wie berichtet wird, Anklage wegenAufruhr und Meu⸗ terei erhoben werden. Das wäre so un⸗ klug wie nur möglich und würde höchstens noch große Erbitterung hervorrufen. Jeder Bürger hat das gute Recht auf die Straße zu gehen. Allein die Polizei hat durch ihr tölpelhaftes Vorgehen die Zusammenstöße verschuldet.

Einenkleinen Erfolg hat der Wahl⸗ rechtskampf wenigstens zu verzeichnen. Im Landtage wurde mitgeteilt, daß die Regierung in dieser Session eine Wahlreformvor lage einbringen werde. Der König soll in einem Ministerrate lebhaft für die Aenderung des Wahlrechts eingetreten sein. Minister Metz sch habe zurücktreten wollen, doch hätten ihn seine Kollegen davon abgehalten. Ferner wurde berichtet, daß der Minister seine Familie aus Dresden nach dem Vogtlande bringen wolle. Wenn er das wirklich beab⸗ sichtigt, bekundet er eine übermäßige Angst. Der Familie würde selbst im schlimmsten Falle nichts zu leide getan werden.

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Politische Rundschau.

Gießen, den 21. Dezember 1905.

Bebel und Bülow.

Am vorigen Donnerstage antwortete Bebel im Reichstage auf die Angriffe, welche der Reichskanzler neulich gegen ihn und die Sozial demokratie gerichtet hatte. Unser Genosse nahm sich auch den Finanzminister Rheinbaben und den Grafen Stollberg vor, welch letzterer das Lied von der Not der Junker gesungen hatte. Fürst Bülow antwortete mit einer geradezu sinnlosen Scharfmacherrede, auf deren Einzel⸗ heiten und Schönheiten noch gelegentlich zurück⸗ zukommen sein wird.

Zur Fleischnot.

Unerhörte Preise für Schweine wurden in dem nassauischen Laudstädtchen Nastädten gefordert und bezahlt. Nach dem Berichte eines Wiesbadener Blattes wurden dort am 12. Dezember von den Schweine⸗ züchtern 1 Mark für das Pfund Schweine⸗ fleich gefordert und diese ungeheuerlichen Preise wurden auch teil weise bezahlt.

Aus Dresden wurde der Frankfurter Zeitung geschrieben, daß dort unter dem Ein⸗ fluß der agrarischen verteuerung des Schlacht- viehes fünfzehn Fleischermeister ihr Geschäft aufgeben mußten, unter ihnen alte Meister. 22 Geschäfte stehen zum Verkauf, für die sich jedoch unter den heutigen Verhältnissen ein Käufer schwer findet.

Die Flotten schwärmer

waren am Sountag in Leipzig zusammen, wo sie eine verrückte Komödie über die Flottenvor⸗ lage ausführten. Sie beschimpften den Goch so bewilligungseifrigen!) Reichstag, daß er nicht gleich das vter⸗ bis fünffache der Flottenforde⸗

aber laßt die

rungen der Regierung auf dem Präsentierteller darbringt und hetzten nicht wenig gegen Eng⸗ land. Von Bezahlen sagten ste allerdings nichts, das überläßt die Gesellschaft gnädigst dem arbeitenden Volke. Leider gibt es auf dem Lande noch manchen Arbeiter, der töricht genug war, sich für Flottenvereine einfangen zu lassen.

Patriotismus und Steuerzahlen.

Das Kölner Zentrumsblatt, dieKöln. Volksztg. sagte kürzlich den Flottenpatrioten einige hübsche Wahrheiten. In einem gegen dieHamb. Nachr. gerichteten Artikel bemerkte das gewiß nicht im Verdachte umstürzlerischer Gesinnung stehende Blatt zur Reichserbschafts⸗ steuer:Wir verlangen den Beweis, daß ste (die Flottenschwärmer) die Opfer nicht haupt⸗ sächlich aus anderer Leute Taschen bringen wollen. Ist ihre Begeisterung echt, so sollen sie sich nicht sperren und zieren, wenn der Steuerfiskus sie mit in erster Linie aufs Korn nimmt, um die Kosten für die Vermehrung der Marine zu decken. An ihrer Bereitwilligkeit, Steuern zu zahlen, sollt ihr ste erkennen die echten Patrioten. Merkwür⸗ digerweise trifft das in außerordentlich vielen Fällen gar nicht zu. Da sind Leute, die alle Tage laut schreien, die Regierung habe viel zu wenig verlangt, und Pe itionen für noch mehr Schiffe in Umlauf setzen, sehr kapital⸗ und steuerkräftige Herren, bei denen Geld nur eine geringe Rolle spielt, aber gerade sie hören wir immer schreien:Die Masse muß es bringen, besteuert die Massenartikel, großen Vermögen in Ruhe! Es gibt eben Leute, die sich für so große Patrioten halten, daß ste es als eine unwürdige Zumutung empfinden, wenn ste ihren Patriotismus auch noch durch vermehrtes Steuerzay len betätigen sollen. Bin ich nicht wahrlich patriotisch geuug? Heißt es dann. Schmücke ich nicht bei jedem patrlotischen Fest⸗ tag mein Haus mit Flaggen? Trinke ich nicht bei jeder Sedansfeier aus patriotischer Be⸗ geisterung das dreifache Quantum? Sieht man mich nicht auf jedem Kriegervereinsballe? Habe ich nicht schon zahlreiche parriotische Reden ge⸗ schwungen und unzählige Mal auf das Wohl des teueren Vaterlandes angestoßen und das Schöpplein geleert? Das ist doch wahrlich genug; da kann ich mindestens verlangen, daß man mich, wenn ich eine Erbschaft erhebe, mit einer Steuer verschont. Und wie der Gesetzgeber Moses befahl:Du sollst dem Ochsen, der da drischet, das Maul nicht verbinden, so wollen sie doch auch einen Lohn für ihren Patriotismus haben. Kann es sonst nicht sein, so verlangen ste zum min⸗ 1955 schonende Berücksichtigung in der Deckungs⸗ rage.

Die Maulpatrioten sind hier recht treffend gekennzeichnet. Aber auch im Zentrum selber befinden sich von dieser Sorte genug und sie spielen sogar oft eine führende Rolle.

Segen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung.

Kürzlich fand in Essen die Generalver⸗ sammlung derAktiengesellschaft Friedrich Krupp statt, die den Bericht über das letzte, mit dem 30. Juni schließende Geschäftsjahr entgegennahm. Man liebt es bei dieser Aktien⸗

esellschaft nicht, dem Geschäftsbericht lange

Ereldrungen beizugeben. Er enthält einfach das zahlenmäßige Ergebnis, alles weitere ist vom Uebel. Aber er ist auch so interessant genug, und zeigt, welch lukratives Geschäft die Anfertigung von Mordwerkzeugen aller Art für die Unternehmer ist.

Nach Abzug und Abschreibungen auf Im⸗ mobilien mit 12604037 Mark stellt der Ge⸗ schäftsbericht einen Betriebsüberschuß der sämt⸗ lichen Werke von 22 104817 Mk.(im Vorjahr 17290 180 Mk.) fest, dazu treten Zinsen und verschiedene Einnahmen, sodaß sich der Brutto⸗ gewinn auf 24879 646 Mk. stellt. Den Einnahmen stehen Ausgaben gegenüber in der Höhe von 8 466 593 Mk. sodaß der Reinge⸗ wiun 16414 052 Mark beträgt, wozu noch

der Vortrag mit 145 230 Mk. kommt. Von dem Gewinn werden 5 Prozent der gesetzlichen Rücklage überwiesen, daneben werden der Son⸗ der⸗Rücklage 2,4 Millionen zugeführt. Die Dividende wurde auf 7,5 Prozent(im Vorjahr 6 Prozent) festgesetzt. Auf das 160 Millionen betragende Aktienkapital werden der Penstons⸗ und Unterstützungskasse 1 Million Mark zu⸗ geführt.

Fräulein Krupp, denn ste ist es, die hinter dieser formellen Aktiengesellschaft steckt, kann also über die hübsche Summe von 12 Millionen Mark, das sind Pro⸗ zent von 160 Millionen Mark Aktienkapital verfügen. Und diese Summe wäre noch be⸗ deutend höher, wenn man nicht krampfhaft be⸗ müht gewesen wäre, durch hohe Abschreibungen, Sonder⸗Rücklagen und ähnliche Manipulationen den wirklich erzielten Gewinn kleiner erscheinen zu lassen. Die Kehrseite dieses glänzenden Bildes bilden die zahlreichen Mißstände in den Krupp'schen Betrieben, die niedrigen Löhne, Ueberstunden, schlechte Behandlung und der⸗ gleichen mehr, worüber aus allen Krupp'schen Betrieben Klage geführt wird.

Für diese beruͤhmteWohlfahrtszwecke der Firma Krupp wurden im letzten Geschäftsjahr 3891099 Mk. verwandt. Man weiß, was es mit diesenWohlfahrtseinrichtungen auf sich hat. Sie dienen dazu, die Arbeiter an den Betrieb zu ketten und geduldiger Ausbeutung zu unterwerfen; aber selbst wenn es wirkliche Wohlfahrtseinrichtungen wären, wie hübsch werden sie beleuchtet durch die eine Tatsache, daß 45000 Arbeitern und Angestellten noch nicht einmal 4 Millionen verteilt werden, während die Geschäftsinhaberin für sich allein zwölf Millionen erhält. Jawohl, auf die Teilerei verstehen sich die Herrschaften aus⸗ gezeichnet!

Für das allgemeine Wahlrecht

wollen auch unsere Gengossen in Elsaß⸗ Lothringen eine energische Agitation ent⸗ falten. Die am Sonntag in Kolmar stattge⸗ fundene Landeskonferenz beschloß, am Sonntag vor Ecöffnung des Landesauschnsses im ganzen Lande Demonstrationsversammlungen abzuhalten zu Gunsten des all g emeinen direkten Wahlrechts für den Landes⸗ ausschuß.

Sozialdemokratischer Vizepräsident.

Der badische Landtag, der am Samstag zusammentrat, wählte auf Vorschlag der sozialdemokratischen Fraktion den Genossen Adolf Beck mit 38 Stimmen zum zweiten Vizepräsidenten. Zentrum und Konservatlve gaben weiße Zettel(insgesamt 30) ab; ste weigerten also, den vollberechtigten sozialdemo⸗ kratischen Anspruch anzuerkennen. Selbstver⸗ ständlich hat Geck auch nicht die Verpflichtung übernommen mit zu Hofe zu gehen und Bück⸗ linge zu machen, wie es die Heyl und andere Liberale bei uns in Hessen verlangten.

Kleine politische Nachrichten.

Die Reichstags⸗Ersatzwahl im Wahl⸗ kreis Chemnitz, die bekanntlich durch die Mandatsnieder⸗ legung Schippels notwendig geworden ist, ist auf den 13. Februar festgesetzt.

Das italienische Ministerium Fortis ist zurückgetreten. Es stolperte über die Frage des Handesabkommens mit Spanien. Daß in Italien etwas Besseres nachkommt, ist nicht anzunehmen,

Revolution in Rußland.

Nach den eingelaufenen Nachrichten zu ur⸗ teilen, hat der revolutionäre Kampf noch keines wegs nachgelassen. In den Ostseeprovinzen gehen die Wogen am höchsten, die Revolutionäre find vollkommen Herr der Lage. Die Letten wollen sich vollkommen lossagen und die Re⸗ publik proklamieren. Der Post⸗ und Tele⸗ graphenverkehr stockte überall. a

Riga war nach spärlichen Berichten am Anfang der Woche gän zlich vom Reiche abgeschnitten. Es streiken dort alle Fabriken. Nur die elektrische Station und die Wasserleitung waren im Betriebe. Be⸗

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