Ausgabe 
24.12.1905
 
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Seite 10.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 52.

S8 Heuchler heute am Frieden reden und auf

ene verwelsen, wir rufen das olk zum Kampf, daß es übe sein unverjährbares Recht, Herr seines eigenen Geschickes zu sein!

Das Vaterland der Reichen.

Es gibt nichts, was so zum Klassenkampf agitiert, was so aufreizend wirkt, als die frivole Frechheit, mit welcher die herrschenden Klassen die Zumutung an das Proletartat stellen, sich zum höheren Ruhme des Vaterlandes der Reichen die Knochen kaput schlagen zu lassen. Die Bourgoisie rechnet mit diesen Knochen des Proletariats als mit einer platten Selbstver⸗ ständlichkeit ihres Spiels. Hat ste sich ver⸗ spekuliert im Rate der Völker, dann sind die Knochen der Arbeiter dafür da, ihr, wenn möglich, den betrügerischen Bankrott zu decken. Hat sich die Regierung durch ihre Arroganz und ihr herausforderndes Betragen anderen Regierungen gegenüber in eine unleidliche Lage gebracht, so muß das ausgepowerte Proletariat ihrer Ansicht nach dazu herhalten, zu dem Schlachtvieh herabzusinken, dessen sie bedarf, um ihr Defizit anGlorie wieder auszu⸗ leichen. Denn, heißt es, so verlangt esdas Vaterland.

Was bietet nun aber heute das Vaterland⸗ Staat den ärmeren Klassen? Nichts als Zwang. Den Zwang einer Konfession in Preußen sind selbst die Kinder konfessionsloser Eltern zur Teilnahme am Religionsunterricht, einem Gewissenszwang, verpflichtet. Den Zwang eines Heeres dienstes, der, die Unterschiede unter den Klassen im bürgerlichen Leben in Regeln sperreud und bis zur Karikatur verzerrend, die Söhne der Armen, unter denen auch Intellegente und Begabte sind, zwei oder drei Jahre, die Kinder der Reichen hingegen, unter denen sich auch Geistesschwache und Schwerfälltige befinden, bloß ein Jahr unter den Waffen hält; diesen den Stand der Gemeinen und niederen Chargen, jenen den durch chinesische Mauern abgesperrten Offtziersstand reserviert. Endlich den Zwang harter Lohnarbeit bei Strafe des Strafarbeits⸗ hauses oder des Verhungerns.

Wahrlich, die arbeitenden Klassen vermögen in den heutigen Vaterländern nicht viel Liebens⸗ wertes oder gar Verteidigungswertes zu erblicken. Sie können nicht einmal große Unterschtede zwischen ihnen erblicken. Ohne Recht auf Ar⸗ beit dieses elementarste Menschenrecht, dessen Erfüllung die heutige Gesellschaftsordnung un⸗ möglich macht sehen sie sich, in dem einen wie in dem anderen gezwungen, einer ungewissen Zukunft, stets einen Fuß auf dem Pflaster, eutgegenzudämmern. Die Bildung, die ihnen das Vaterland verzopft, rudimentär, und nach dem berüchtigten Maßstab bemessen: Gerade so viel, als berge um sie die Funktion als Rädchen in der Maschtnerie der kapitalistischen

roduktion erfüllen zu lassen, eine auf die

ohnsklaverei zugepaßte, bewußtermaßen nicht über deren Zwecke hinausgehende Bildung, zu groß immerhin, um diese Massen in der hungern⸗ den Zufriedenheit ihrer verdammten Bedürfnis⸗ losigkeit zu belassen, aber viel zu gering, um ihnen die angehäuften Schätze unserer Höhen⸗ kultur und die unsagbaren Herrlichkeiten unserer Kunst zu erschließen, ganz dazu argetan, ihre Genußfähigkeit möglichst auf dem niederen Niveau grobsinnlicher Vergnügungen zu erhalten. Eine Fürsorge für das weibliche Geschlecht end⸗ lich, die Hunderttausende kultur⸗ und körperlich⸗ hungernde Frauen in die Bordelle hinein, oder, wenn mau will, auf die Straßen hinaus wirft. DasVaterland hat für die arbeitenden Klassen wenig liebenswerte Güter.

Ueberall, in Berlin und in Frankfurt genau so, wie in Paris und London, entspricht die Lohnhöhe ungefähr der Summe von Familien- unterhaltungs⸗Minimum und Erhaltung der Sexualkraft des Arbeiters zwecks Erzeugung der Lohnarbeiterschaft der Zukunft. Wo soll

da dem Arbeiter ein Patriotisches Spezialgefühl herkommen? Daraus, daß ihm in dem einen der Vaterländer sein Lohn in Francs, in einem

zweiten iu Shilling, in einem dritten aber in Markstücken ausbezahlt wird? Selbst der Patriotismus des Besitzes muß unseren Schichten notwendiger Weise mangeln. Welchen Privat⸗

besttz hat in der Tat der Metallarbeiter, der

Textilarbeiter, der Braueretarbeiter zu ver⸗ teidigen? Seine Sparkasseneinlage? Niemand will sie ihm falls er überhaupt welche hat nehmen! Seine Werkzeuge? Seine Fabrik? Aber sie gehören ja nicht ihm. Der Besitzer aller dieser seiner Berufsnotwendigkeiten kann ihn jederzeit nach Belieben vor die Tür setzen. SeinVaterland ist im Besitz der Reichen. Sein wirkliches Vaterland ist seine Klasse, die ganze, riesige Klasse der Vaterlandslosen, das mit dem Vaterland der Reichen keine Ideen⸗ gemeinschaft aufweist.

Auf diese Weise ist es zu erklären, daß die arbeitenden Klassen dem Problem desVater⸗ landes kälter, fachlicher, ohne viele Vorurteile in's Gesicht sehen können, vorausgesetzt, daß sie sich von dem ihnen von den in den Händen des Klassenstaates befindlichen Schule aufgepfropften bürgerlicher Ideologien befreit haben. Es ist begreiflich, daß ste geneigt sind, sich kurzweg auf den Standpunkt zu stellen, daß jede Kriegs⸗ erklärung seitens der Herrschenden an ein Nach⸗ barvolk im sogenanntpatriotischen Juteresse eine revolutionäre Tat des Proletariats seiner⸗ seits sittlich rechtferttge. Auf Kriegserklärung an ein Nachbarvolk aus sogenanntem Patriotis⸗ mus Generalstreik aus internationalem Menschentum als Antwort; so ihre Parole. Und mit der offenen Aussprache dieser Absicht glauben sie mit vollem Recht eine hohe Friedens⸗ tat zu erfüllen; sehen sich die heute so leicht⸗ fertig, so bodenlos zynisch mit dem Blut ihrer Untertanen spielenden Regierungen vor die Alternative gestellt: entwede wir erklären den Krieg und haben obendrein die Revolution, oder aber wir halten Frieden sie werden es sich zweimal überlegen, ob sie wirklich den Rubikon übersck reiten oder ob ste nicht doch lieber den Weg nach dem Haager Schiedsgericht finden sollen unter der Pression des Proletariats!

Das Proletariat, das arbeitende Volk, ist heute der einzige Hort des Friedens in Europa. Es kann den Frieden erhalten, wenn es nur will. Und es wird wollen!

pom Wahlrechtskampf in Sachsen.

Das sächsische Volk beginnt endlich sich ener⸗ gisch gegen die Wahlentrechtung zu wehren. Es ist selbstverständlich, daß die wegwerfende und verächtliche Behandlung, welche die Re⸗ gierung und die reaktionären Parteien den Wahlrechtsforderungen zu teil werden ließen, die größte Erbitterung im Volke hervorrufen mußten. Als am Freitag in der Kammer d ie Interpellation unseres Gen. Goldstein uber die Haltung der Regierung zur Wahl⸗ reform und wegen des Vorgehens der Polizei bei den Wahlrechtsdemonstrationen zur Ver⸗ handlung kam, legte unser Genosse dar, daß das setzige Wahlsystem 8 0 Prozent der Wähler jedes wirklichen Wahlrechts beraube, das habe selbst die Regierung zugegeben. Wenn man solches Unrecht unter dem Schein des Rechts weiter bestehen lasse, dann werde die Bevölke⸗ rung eben schließlich in den Stand der Not- wehr gedrängt und habe wohl das Recht zu fragen, ob sie bei dem Kampfe gegen solches Unrecht ängstlich auf das formale echt sehen müsse. DieSächs. Polit. Nachr., das Organ der Konservativen, hätten freilich schon ange⸗ sichts der friedlichen Demonstrationen nach einer Einschränkung des Vereins⸗ und Versammlungs⸗ rechtes gerufen. Was solle aber dann werden, wenn es zu ernsteren Demonstrationen komme. Auf die Dauer würden sich diese bei dem starren Festhalten an dem Unrecht nickt verhindern lassen. Denn in Sachsen sei das Recht ge⸗ brochen worden

Was erklärte aber der Minister Metz sch darauf? Er verlas trocken eine Erklärung, daß die Polizeibehörde ein Hinaustragen der Kundgebungen auf die Straße unter keinen Um⸗ ständen dulden durfte und zum Eluschretten ver⸗

pflichtet gewesen wäre. Denn diese Demon⸗ strationen sind ungesetzlich. Und nun folgt die Aufzählung der Paragraphen, wogegen ste ver⸗ stoßen. Die Polizei 5 ihre Vefugnisse nach den amtlichen Berichten nirgends überschritten.

Die ae billigt die Polizeimaß⸗ nahmen die Polizei hat ihre Pflicht getan Poltzet hat sich korrekt verhalten. redete der Minister. Und die Nationalliberalen, die hier doch Gelegenheit gehabt hätten, den konserva⸗ 15 en Wahlrechtsräubern aufs Dach zu steigen, verlasen eine echt national miserable Erklärung und schleunigst wurde Schluß ge⸗ macht. Es ist klar, daß solche Mißachtung des Volkswillens die äußerste Erbittterung her⸗ vorrufen mußte. Von Seiten unserer Partei wurden sofort Versammlungen einberufen, um zu der Antwort der Regterung Stellung zu nehmen.

In Leipzig, Chemnitz und anderen Orten wurden die Versammlungen verboten. In Dresden fanden dagegen am Samstag 9155 en überfüllte Volksversammlungen statt,

te durchaus ruhig und würdig verliefen. Doch

es waren starke Polizel⸗Aufgebote in der Nähe der Versammlungslokale postiert, wodurch sich die Versammlungsbesucher natürlich belästigt fühlten. Die Parteileitung wollte es bei den Versammlungen bewenden lassen und eine Straßendemonstration vermeiden und es hatten daher alle Redner, sowie die Versamm⸗ lungs⸗Vorsttzenden die protestierenden Massen dringend ersucht, unmittelbar nach Beendigung der Versammlungen nach Hause zu gehen. Trotzdem kam es zu einem blutigen Zusammenstez und die Schuld daran liegt offenbar auf Seiten der Polizei. Unser Dresdener Parteiblatt be⸗ richtet darüber:

Von der Güldnen Aue(Blumenstraße) aus, wo elwa 4000 Menschen versammelt waren, wandte sich nach Schluß der Protestkundgebung etwa die Hälfte der Teilnehmer in zwanglosem Zuge dem Stadt⸗ innern zu. In der Nähe des Polizeigebäudes ange⸗ langt, wurde den Demonstranten eine blutige Ueberraschung dereitet. Das große Tor öff⸗

nete sich plöbplich und heraus spreng⸗

ten etwa 25 berittene Gendarmen mit geschwungenen Säbeln, die ohne weiteres in die Menge hinein⸗ ritten und zuschlugen. Es entstand eine Panik, zumal eine Teil der Demonstranten auf dem Zeughausplatze in die Ecke gedrängt wurde und nicht weiter konnte, während die Berittenen unausgesetzt die Klingen spielen ließen..

Es war eine regelrechte Attacke gegen wehrlose Menschen, die in der friedlichsten Absicht kamen. Die Proteste verschiedener Genossen ver⸗ anlaßten den kommandierenden Pollzeileutnant endlich, die Blutarbeit einzustellen, Arbeitersamariter verbanden die Verletzten. Auch von den Versammlungsteilnehmern in der Neustadt hatte ein Teil die Parole, nicht auf die Straße zu gehen, nicht beachte t. Mehrere hundert Personen suchten nach der Altstadt zu gelangen, fanden aber die Augustusbrücke von der Polizei besetzt. Zu ernsteren Zusammeustößen ist es jedoch hier nicht ge⸗ kommen.

Einen bedauerlichen und blutigen Abschluß fand ein Umzug, der sich vom Trianon aus nach dem Stadt⸗ innern zu bewegte. Etwa ein Drittel der Versamm⸗ lungsteilnehmer marschlerte die Wettiner Straße ent⸗ lang, dem Altmarkt zu. Der Zug, der sich unter Hoch⸗ rufen auf das allgemeine Wahlrecht und Singen sozia⸗ listischer Lieder über den Postplatz durch die Wilsdruffer Straße bewegte, mochte etwa 2 000 Personen. stark sein. Auf dem Altmarkt angelangt, fand die Menge die Schloßstraße, den Zugang nach dem Schlosse abgesperrt. Nachdem die Poltzisten mit den üblichen Hochs begrüßt worden waren, marschierten die Demon⸗ stranten singend die Prager Straße entlang, der Wo h⸗ nung des Heren v. Metz sch zu. Kurz hinter der Goeth⸗straße, in deren Nähe der Minister sein Domizil hat, hinderte ein starler Polizelkordon, aus Sicherheitsgendarmen und Berittenen bestehend, den Weitermarsch. g

Nach einer kurzen Auseinandersetzung von wenigen Sekunden krachte n zwei Revol verschüsse, im gleichen Augenblicke sprengten die Berittenen, wild mit der blanken Waffe einschagend, indie schreiende und protestierende Menge hinein, die sich bald zur Flucht wandte und in den Seiten⸗

straßen Schutz suchte, Während dieses Vorganges, der kaum eine Minute währte, wurde a beer ma Is ge