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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 39

Von Nah und Lern. Der geohrfeigte Antisemitrich.

Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Bruhn, der, wie in der letzten Nummer kurz erwähnt, im Ostseebade Ahlbeck sich rüpelhaft benahm und deswegen von dem Kapellmeister der Kurkapelle ein paar hinter die Ohren be⸗ kam, wollte diese Tatsache in dem Berliner Tageblatt abstreiten. Er erklärte dort, daß der Kapellmeister die Bestrebungen der Sozial⸗ demokratie verteidigt habe,worauf ich (Bruhn) ihn in Rücksicht auf seine Stellung auf das Unzulässige seiner Handlungsweise auf⸗ merksam machte, woraufhin derselbe mich tätlich angriff. Ich bin ihm übrigens daraufhin nichts schuldig geblieben. Das ist ja noch schöner. Mit dem Hinweis auf den Brotkorb hat Bruhn einen andern Menschen in seiner Gesinnung knechten wollen. Da hätte er die Prügel reichlich verdient. Der Kapellmeister antwortete aber auf die Berichtigung Bruhns folgendes:Ich habe den Herrn nur seiner unflätigen Ausdrücke wegen, die er gegen mich und die Fran Bade⸗ direktor richtete, gezüchtigt.(Die Redewendung des Herru Bruhn können wir nicht einmal an⸗ deutungsweise mitteilen. Die Red.) Sämtliche Damen und Herren, die die Bemerkung des Herrn Reichstagsabgeordneten gehört, standen sofort auf und gingen, wohl der beste Beweis, wie anständig denkende Menschen über die Aus⸗ drücke des Herrn dachten. Lange voran ging folgender Vorfall: Scherzweise sagte ich, daß ich Sozialdemokrat sei; da erklärte Herr Bruhn, jeder Sozialdemokrat sei ein Lump, und ich sei dann auch einer. Jetzt merkte ich, daß es nicht mehr Scherz war und erklärte ausdrücklich, daß ich nur scherzweise gesprochen, aber in der Tat von guter patriotischer Gesinnung bin. Nach dieser durchaus glaubhaften Darstellung hat der Herr Abgeordnete die Ohrfeigen redlich verdient. Sein Benehmen entspricht ganz dem Ton, wie er in der antisemitischen Presse üblich ist und beispielsweise in dem Friedberger Blatte des Herrn Hirschel zum Ausdruck kommt.

Das revolutionäre Hoch.

Das Schöffengericht in Berlin hatte den Genossen Metzke, weil er die Maifeier⸗Ver⸗ sammlung seiner Kollegen mit einem Hoch auf die internationale revolutionäre Sozial demo⸗ cratie schloß, zu der horrenden Strafe von einer Woche Haft verurteilt. Das Gericht hatte im Ausbringen des Hochs auf die revolutionäre Sozialdemokratie groben Unfug erblickt, obgleich selbstverständlich nichts geschehen war, was man nach dem Sprachgebrauch als groben Unfug ansehen könnte. Ja selbst die juristischen Vor⸗ aussetzungen des groben Unfugs lagen nicht vor. Das stellte die Strafkammer, die auf Metzkes Berufung am Donnerstag sich mit der Ange⸗ legenheit befaßte, ausdrücklich fest. Nach der Rechtsprechung des Reichsgerichts muß, wenn grober Unfug vorliegen soll, die öffentliche Ord⸗ nung entweder verletzt sein oder es muß wenig⸗ stens die Gefahr bestehen, daß sie verletzt werde. Weder das eine noch das andere war aber, wie das Berufungsgericht feststellte, im vorliegenden Falle geschehen. Metzke wurde deshalb frei⸗ gesprochen.

Wieder brav geworden.

Wie bürgerliche Blätter kürzlich berichteten, hat das Berliner studentische Korps Normannia seinem früheren Alten Herrn Viereck das Band zurückgegeben. Es war ihm seinerzeit entzogen worden, als er offen zur Sozialdemo⸗ kratie übertrat und zeitweilig in der Partei eine Führerrolle spielte. Dasselbe geschah dam als seitens der Teutonia in Marburg, von der Viereck jetzt ebenfalls wieder aufgenom men ist. Viereck war anfangs der achtziger Jahre Redak⸗ teur derSüdd. Post in München und sozial⸗ demokratischer Reichstagsabgeordneter für Leip⸗ zig⸗Land. Vom St. Gallener Kongreß erhielt er ein Mißtrauensvotum, weil er nicht gewagt hatte, die Einladung zu dem Kongreß zu unter⸗ zeichnen. Daraufhin sagte er sich von der Partei los und lebt in New⸗ York, wo er imPatrio⸗ tismus macht. Dort hat er sich nun auch dem

Alten⸗Herren⸗S. C. angeschlossen. Wir gönnen dem Viereck seine Korpsbänder und den Korps ihren Viereck.

Der Minister als Spielsachverständiger.

In München beantragte kürzlich ein wegen Duldung verbotenen Glücksspieles in Anklage⸗ zustand versetzter Restaurateur den Minister Ruh⸗ strat in Oldenburg als Sachverständigen zu ver⸗ nehmen. Interessant ist folgende Erklärung des Rechtsanwalts, der die bei dem Spiel ertappten Personen vertritt.Das Strafgesetzbuch gilt für alle Teile des Deutschen Reiches, also auch für Oldenburg. Meine Klienten haben in der Tat gepokert undLustige Sieben gespielt, aber erst fünf Tage nach der Spielgerichtsverhandlung in Oldenburg, als ihnen durch diese öffentliche Gerichtsverhandlung aus dem Munde des olden⸗ burgischen Justizministers, der doch Rechtskun⸗ diger und früherer Staatsanwalt ist, bekannt wurde, daß das Pokern kein verbotenes Glücks⸗ spiel sei. Das kommt davon!

Kaiserlich österreichische Sonnenfinsternis.

Die WienerArbeiterzeitung⸗ teilte kürzlich folgendes hübsche Stücklein mit: Die Abteilung 2 der Betriebs direktion der österreichischen Nord⸗ bahn, deren Chef der Regierungsrat Z. Kuttig v. Domberg ist, hat an alle Exekutivorgane des Verkehrsdienstes am 29. August einen tele⸗ graphischen Zirkularerlaß gerichtet, der; zu den besten Schildbürgerstücken gehört, die schon seit langem vorgekommen sind. Herr Kuttig verfügte nämlich in diesem authentischen Schriftstück anläßlich der Sonnenfinsternis vom 30. August, daß die Beleuchtung aller Züge, Stationsplätze, Perrons und Warteräume in der Zeit von ungefähr 1 Uhr bis 3 Uhr 30 Minuten Nachmittags zu er⸗ folgen habe, und daß auch für den Bedarfsfall die Beleuchtung der Handsignale vor⸗ zunehmen sei. Noch nie hat man so herzlich bei der Nordbahn gelacht, wie beim Erscheinen dieser Verfügung.

Tätigkeit der Sozialdemo⸗

kratie im Reichstage. III. (Schluß.) Etat des Reichs justizamts.

Der für die deutsche Justiz so blamable und schimpf⸗ liche Königsberger Prozeß im Dienste Ruß⸗ lands wurde noch einmal besprochen. Es wurde der Nachweis geführt, daß der Prozeß in formal,juristischer Beziehung in einer Weise geführt worden ist, die wohl ein Vergleich mit russischen Verhältnissen möglich macht, aber nicht in einem Lande vorkommen sollte, das Anspruch erhebt auf geordnete Rechtspflege. Am Regierungs⸗ tisch schwieg man sich gegenüber den Vorwürfen aus. Es war auch wohl das einzige Mögliche, was der Staatssekretär von Nieberding tun konnte. Und wenn heute eine amtliche Verfügung ergangen ist, die dahin geht, daß man bei solchen Anlässen keine Uebersetzungen von auswärtigen Konsulaten einholen soll, so gibt man den schmählichen Reinfall amtlich zu. Es wurde weiter der Nachweis geführt, daß nur zwischen Ländern ein Gegenseitigkeitsverhältnis bestehen kann, in welchen die Zu⸗ stände gleich sind. Die Regierungen müssen in der Lage sein, die gesetzlichen Verhältnisse des anderen Landes kontrollieren zu können. Diese Voraussetzungen treffen auf Rußland nicht zu, es fehlt in Rußland an jeder geordneten und gesicherten Rechtspflege.

Wie es bei uns mit der Rechtspflege und der Justiz aussieht, das wurde von unserem Redner in seinen Ausführungen vortrefflich dargelegt. Klassenfjustiz! Diese Beweisführung, daß wir eine solche haben, und daß sie immer stärker in die Erscheinung tritt und treten muß, lieferte unser Redner dadurch, daß er eine nicht geringe Anzahl von Gerichtsurteilen, doch bei weitem nicht alle derartigen, einfach zur Verlesung brachte. Diese einfache Gegenüberstellung zeigte zur Evidenz, wie es mit dem Recht und der Rechtsprechung bei uns bestellt ist. Auch die Redner der bürgerlichen Parteien konnten gegenüber dem Tatsachenmaterial nicht streiten. Freilich hüten sie sich, offen von Klassenjustiz zu sprechen, allein sie selbst meinen, es könnte dazu kommen, wenn es so weiter ginge. Es wird aber so weiter gehen und wird schlimmer werden! Der Klassen⸗ kampf wird immer schärfer, die Richter sind aber auch nur Menschen und werden in Mitleidenschaft gezogen. Das arbeitende Volk kann nur durch ein Mittel wieder

um Vertrauen zur Rechtspflege gebracht werden, wenn

die sozialdemokratische Programmforderuug erfüllt wird: Rechtsprechung durch vom Volke erwählte Richter.

Neichskanzler und Reichskanzlei.

Uuser Fraktionsredner forderte vom Reichs⸗ kanzler Antwort und Aufklärung über die Haltung der Neutralität der Reichsre⸗ Rieu im Kriege 1 Japan und

land. Ferner kam er auf das Abhängig⸗ keitsverhältnis Deutschlands von Rußland zu sprechen; im besonderen auf die Auslieferungs⸗ verträge, welche im Jahre 1885 zwischen Preußen und Bayern einerseits und Rußland andererseits abgeschlossen worden sind und sich noch in Kraft befinden. Diese Verträge, so führte er aus, hätten sowohl ihres materiellen Inhalts wegen, als wegen der Gründe, aus denen ste abge⸗ schlossen worden sind, die schärfste Kritik heraus⸗ gefordert. Gegenüber dieser Kritik hat sich weder in der Wissenschaft noch in der Politik irgend eine Verteidigung gefunden. Eine Tat⸗ sache, die sich einfach daraus erklärt, daß diese Verträge allen bisherigen Grundsätzen des Völkerrechts ins Gesicht schlagen. Unser Redner forderte, daß die Verträge mit Rußland bal digst gekündigt werden, um das Deutsche Reich nicht weiter in den Augen der gesitteten Welt bloß⸗ zustellen. Bismarck sprach das geflügelte Wort aus:Wir Deutsche fürchten Gott, soust nichts auf dieser Welt. Der Zar ist doch aber auch auf der Welt und ihm gegenüber ist man ängstlich bemüht, jeden Wunsch zu erfüllen, so daß selbst die nationalliberaleKölnische Ztg. das Verhalten der Regierung als ein Wett⸗ kriechen vor Rußland bezeichnet. N

Was hatte denn nun der Reichskanzler auf all die schweren Vorwürfe und Anklagen zu erwidern? Zu unserem Antrage hatte er nichts zu sagen und zu den weiteren Anklagen meinte er: unser Rednerhabe offenbar den Zweck verfolgt, der auswärtigen Politik Bis⸗ marcks Mängel und Fehler vorzuwerfen. Aber gewiß hat unser Genosse das getan, und zwar unter Beibringung von geschichtlichen Beweisen und Tatsachenmaterial. 5

Auch die Behandlung der Aus⸗ wanderer aus Rußland und Polen seitens Ballin und Konsorten wurde von der Fraktion zur Sprache gebracht. Die Regierungsvertreter machten sich auch hier die Sache sehr einfach, indem sie erklärten:Die Kontrollstationen sind lediglich in sanitärem Interesse errichtet. Um das zu glauben muß man freilich noch mehr wie gutgläubig sein. Ballin, Wiegand und ihre Helfershelfer werden sich freuen, über sanitäre Maßregeln, die ihnen so schön die Kassen füllen helfen.

Auf die weiteren Darlegungen des Berichts werden wir noch späler Gelegenheit finden ein⸗ zugehen.

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Anterhaltungs-Ceil.

In der Zwickmühle.

Erzählung von R. Schweichel. (Fortsetzung.)

Am nächsten Morgen holte Ruprecht sich von dem Küster den Kirchenschlüssel, wobet er gleich die Frau des heiligen Mannes für seine Auf⸗ wartung gewann. Seine Brust war voll Frühlings⸗ sonnenschein, wie die Welt außer ihm, und bald strömte ihn die kleine Orgel in vollen Tönen aus. Selbstschöpferisch war er nicht. Er spielte daher einen Choral nach dem anderen und legte in sie hinein, was in ihm war. Ohne sich dessen bewußt zu sein, war's eine geistliche Mustk zu sehr weltlichen Gefühlen. Als er, es war noch nicht zwölf Uhr, in dieSonne kam, deckte das Annerl eben in einer Ecke den Mittagstisch. An einem anderen Tische waren ein paar Bauern beim Bier in Streit geraten und konnten aus dem Zank nicht 1 ihren Weibern nach Haus finden. Schön Aennchen