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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 39.
Von Nah und Lern.
Gießener Angelegenheiten.
— Wer macht das Gießener„un⸗ parteiische“ Blatt? Von Herrn Albin Klein, dem Verleger und Redakteur der „Gießener Neuesten Nachrichten“ erhielten wir folgende Zuschrift: i
„Sie brachten in Ihrer letzten Nummer eine Notiz, wonach Sie behaupten meine Zeitung resp. deren Inhalt stamme aus Berlin einer sog. Zeitungs⸗„Fabrik;“ auch hätte ich keinen Einfluß auf die Redaktion resp. den Inhalt meiner Zeitung. Es ist dies eine grobe Un⸗ wahrheit, denn es steht mir resp. meinem Lokal⸗Redakteur in meiner Vertretung vollständig frei, was wir in der Zeitung veröffentlichen oder nicht. Sie können unseren ganzen Betrieb besichtigen, wobei ich Ihnen beweisen würde, daß die„G. N. N.“ redigiert werden. Wohl aber gehen wir mit den Intenstonen unseres Berl iner Redaktion s⸗Bureaus— das an allen hohen Verwaltungsbehörden Berlins gute Beziehungen hat — einig.“
Wir können demgegenüber nur erklären, daß wir das in der betreffenden Notiz Gesagte vollkommen aufrecht erhalten. Es ist ein starkes Stück— wir wollen das un⸗ höflische Wort Unverfrorenheit nicht ge⸗ brauchen— wenn Herr Klein unsere DBe⸗ hauptungen als grobe Unwahrheit bezeichnet. Wir haben gesagt, daß das Blatt des Herrn Klein zum großen Teil in einer Berliner Fabrik hergestellt werde und daß auf diesen Teil der Redakteur keinen Einfluß habe. Und dies ist Tatsache. Eine Aenderung
dieses Teiles würde große technische Schwierig⸗
keiten veranlassen, deuen Herr Klein aus sehr begreiflichen Gründen aus dem Wege gehen wird. Allerdings kann er veröffentlichen was er will, er könnte auch das Fabrikmaterial wegwerfen, das tut er aber nicht, denn neuer Satz kostet doch Geld. Uns gab der unstnnige Artikel vom„Sozialmoloch“ Veranlassung, auf diese Zeitungsmache hinzuweisen und den Ar⸗ beitern zu zeigen, was für volks⸗und arbeiter⸗ feindliches Zeug unter„unabhängiger“ und „unparteiischer“ Flagge verzapft wird. Wenn sich Herr Klein damit noch einverstanden erklärt, so tut uns das leid, wir hätten ihn etwas höher eingeschätzt. Er wird aber doch nicht zumuten, daß wir seine Renommisterei mit dem „Berliner Redaktions⸗Bureau“ samt den guten Beziehungen ernst nehmen. Das kann bei uns blos Heiterkeit erregen.
Unsere Parteifreunde, alle Arbeiter sollten auch hieraus wieder die Mahnung schöpfen, für die Ausbreitung ihrer Presse, der sozialdemokratischen Arbeiterpresse stets zu tun, was in ihren Kräften steht. Besonders jetzt, wo es dem Winter zu geht, jetzt werbt tapfer Abonnenten für die Mitteldeutsche Sonn⸗ tagszeitung!
— Der Streik bei Schaffstädt ist, wie wir hören, unter für die Arbeiter an⸗ nehmbaren Bedingungen beigelegt. Auf diese selbst kommen wir noch zurück.
ph. m. An die Maschinisten und Heizer in Gießen und Umgegend! Am Samstag, den 16. d. Mts. wurde hier eine Versammlung abgehalten, aber leider war ste so schlecht besucht, daß ich nicht begreife, wann die Kollegen einmal zur Erkenntnis kommen wollen. Die Maschinisten und Heizer verdienen ihr Geld wahrlich nicht im Schlafe; wenn man aber den Versammlungsbesuch hier in Gießen betrachtet, sollte man glauben, es gebe gar keine Mißstände. In Wirklichkeit ist's anders. Sind das vielleicht keine Mißstände, wenn man bei den teueren Verhältnissen Kollegen mit 16 Mk. Wockenlohn abspeist? Und was wird sonst noch alles verlangt! Kollegen, be⸗ denkt, daß wir keinem Vergnügungsverein, son⸗ dern einer Kampforganisation angehören und für Verbesserung unserer Lage, sowie der ge⸗ samten Arbeiterschaft Deutschlands arbeiten müssen. Deshalb organistert Euch und erscheint in den Versammlungen, damit Ihr mithelfen könnt zum besten des Verbands und vor allen Dingen zur Verbesserung Eurer Lage! Die nächste Versammlung findet am 1. Oktober, nachmittags 4 Uhr im„Wiener Hof“ statt.
Aus dem Rreise gießen.
— Die Kriegervereine nehmen jetzt, da die Reservisten entlassen worden sind, die Zeit wahr, Mitglieder zu werben. Jeder nur halbwegs verständige Arbeiter kennt das Wesen dieser Vereine und ihre Feindschaft gegen die Bestrebuagen der Arbeiterschaft, jeder muß des⸗ halb seine Freunde, Bekannten und Mitarbeiter, soweit sie jetzt wieder„in's Zivil“ zurückgekehrt sind, darüber aufklären und dahin wirken, daß sie diesen arbeiterfeindlichen Vereinigungen fern⸗ bleiben. Schon von der Truppe aus wird ja ein gelinder Zwang ausgeübt, um die jungen Leute zum Beitritt zu den Krieger vereinen zu bewegen. Das Statut der„Hassia“ wird schon gleich in den Militärpaß eingeklebt, so daß nicht wenige unter den Leuten den Beitritt zum Kriegerverein als mtlitärisches Gebot auffassen. Unsere Freunde müssen ihren zur Reserve ent⸗ lassenen Bekannten klarmachen, daß sie durch den Beitritt zum Kriegerverein die Sache der Arbeiter, ihre eigene Sache schädigen und unserm Befreiungskampfe, dem Streben nach Verbesse⸗ rung der Lage der Arbeiter Schwierigkeiten in den Weg türmen. Man sollte auch meinen, sie müßten von dem Kommißdrill gerade genug haben und keine Lust nach Fortsetzung desselben im Kriegerverein verspüren. Daß dieser Drill aber im Kriegervereine weiter getrieben wird, dafür lieferten die Vorfälle bei der Homburger „Kaiserparade“ einen Beweis. Und einen weiteren ein Vorkommnis, das sich dieser Tage in Britz bei Berlin zur Belustigung der Zuschauer ab⸗ spielte. Dort gab der Veteranenverein einem Mitgliede das Grabgeleite. Auf der sehr be⸗ lebten Chaussee befahl der„Höchstkomman⸗ dierende“, seines Zeichens Seifenfabrikant, der Gewehrsektion, vor die Musik zu treten, da ge⸗ schah etwas Unerhörtes: die„Kameraden“ weigerten sich, dem Befehl nachzukommen! Sie wollten es nicht, weil sie früher nie vor der Musik marschiert waren, und alles noch so laute und barsche Kommandieren des„Oberbefehls⸗ habers“ nutzte nichts, die widerhaarigen Kame⸗ raden unter dem Gewehr behielten ihre Plätze im Trauerkondukt bei. Aber die Strafe sollte nicht ausbleiben. Als die Beerdigung vorüber war und der Kriegerverein unter lustigen Weisen vom Friedhof zurückmarschierte, brachte plötzlich wiederum auf der Chausseestraße ein lautes, donnerndes„Bataillon halt!“ des kommandierenden Herrn die alten Landwehrleute und Veteranen zum Stehen; das ganze wurde in zwei Glieder geteilt, der Anführer trat zwischen ste, und nun erfolgte vor versammelter Mann⸗ schaft und in Auwesenheit eines zahlreichen Publikums eine furchtbare Strafpredigt an die rebellischen„Kameraden“, so)' daß die Zu⸗ schauer sich vor Lachen schüttelten. Dabei fuchtelte der zürnende Kommandeur mit dem blanken Degen den Gehorsamsverweigerern so dicht vor dem Gesicht herum, daß sie Angst um ihre Nasenspitzen bekamen. Es ist ihnen aber ganz recht geschehen; denn Strafe muß sein!— So müssen sich bejahrte Männer bütteln lassen! Aber es schadet ihnen eigentlich nicht, warum gehen sie in die Kriechervereine!
— Alten⸗Buseck. Hier fand am Sonn⸗ tag eine Tabakarbeiter⸗ und Arbeiterinnen⸗Ver⸗ sammlung statt, welche leider nicht so gut besucht war, als wie man es hätte erwarten sollen. Kollege Hermann⸗Wiesbaden referierte über die Lage der Tabakarbeiter, schilderte die traurige Lage der in dieser Branche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen und mahnte zum Eintritt in den Verband. Einige Aufnahmen fanden statt, und es soll in nächster Zeit wieder eine Ver⸗ sammlung stattfinden, in der dann hoffentlich eine Zahlstelle gegründet wird.
Aus dem Rreise griedberg⸗Püdingen.
— Ueber den Mord in Büdingen, den wir in voriger Nummer nur kurz erwähnten, sei noch folgendes nachgetragen: Der Mörder ist der Erdarbeiter Gottlob Bauer aus Worms und sein Opfer der Fuhrunternehmer Wilh. Bieber. Bauer war mit dem Zuge von Geln⸗ hausen am Montag Nachmittag angekommen, wie verlautet, lediglich in der Absicht, diese Tat auszuführen. In einer Wirtschaft in der Schloß⸗
gasse traf der Unmensch, nachdem er zuvor in einer anderen Wirtschaft nach dem ihm jeden⸗ falls bekannten Fuhrmann Bieber gefragt hatte, denselben an. Ohne daß ein Wortwechsel statt⸗ El uz verließ Bieber, nachdem er sein Glas
ier ausgetrunken, die Wirtschaft, ihm folgte der Mörder und gab in der Nähe des Hoftores zwei Schüsse auf ihn ab, worauf Bieber sofort zusammenstürzte. Auf dem Transportwege nach seiner Wohnung gab der Bedauerns werte seinen Geist auf. Nach vollbrachter Tat soll der Mörder ganz gemütlich eine Strecke weiter⸗ gegangen sein, als ob gar nichts passtert sei; dann aber habe er eiligen Schrittes den Weg nach dem Bahnhofe eingeschlagen, in dessen Nähe er auch kurze Zeit darauf vom Gen⸗ darmen Reeg festgenommen und zunächst in das Polizeigefängnis eingeliefert wurde. Der dem Mordbube abgenommene Revolver war noch mit vier scharfen Patronen geladen. Die Sektion der Leiche, sowie die Konfrontierung des Mörders mit seinem Opfer hat am Diens⸗ tag Nachmittag in der städtischen Turnhalle stattgefunden. Der Mörder trug bei dem Hin⸗ und Rücktransport, dem ebenfalls wieder eine große Menschenmenge beiwohnte, ein recht freches Benehmen zur Schau. Der Familie des auf so tragische Weise aus dem Leben Geschiedenen wird seitens der Bevölkerung die größte Teil⸗ nahme entgegengebracht.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Bei der Bäckerei wird immerhin noch etwas verdient. Das beweist der Bericht des Konsumvereins Wetzlar, in welchem ein Ueberschuß von 11754 Mk. von der Bäckerei des Vereins aufgeführt ist. Dieser Ueberschuß könnte noch bedeutend größer sein, wenn die Bäckerei mit mehr Energie betrieben und für ihren weiteren Ausbau und Umsatz mehr gesorgt würde. Aber die Konsumvereinsleitung mag offenbar für diesen Ausbau nichts tun. Sie fürchtet Erfolge, weil die Bäckermeister längst mit scheelen Augen auf die Konkurrenz des Konsumvereins blicken, dessen Leiter ja auch als gute Ordnungsleute die„Hebung des Miitelstandes“ propagieren und natürlich finden die Bäckermeister, daß die Betätigung jener Herren als Konsumvereins⸗Verwaltung eigent⸗ lich mit dem Reden von der Mittelstandshebung in Widerspruch steht. Das Handwerk aber, richtiger gesagt, rückständige Handwerker, erblicken bekanntlich in den Konsumvereinen den„Ruin des Mittelstandes“ und es ist wohl möglich, daß diese Anschauungen selbst in der Leitung des Wetzlarer Konsumvereins vertreten sind. Ist das aber der Fall, so beweist dieser Um⸗ stand, daß die Leitung des Konsumvereins eigentlich gar nicht auf dem genossenschaftlichen Standpunkt steht, was ja auch nach der ganzen wirtschaftlichen Stellung der dabei in Betracht kommenden Männer kaum anzunehmen ist. Die Mitglieder des Vereins sollten deshalb dafür sorgen, daß die Leitung des Vereins in Hände kommt, die, getragen von dem genossenschaft⸗ lichen Gedanken, sich die Förderung der Ge⸗ nossenschaft zum Nutzen ihrer Mitgliedschaft angelegen sein lassen. Vielleicht davon später einmal mehr.— Für jetzt möchten wir nur angesichts des schönen Ueberschusses, daß man auch daran denken sollte, die Arbeitsverhältnisse der Arbeiter in der Konsumbäckerei ein wenig zu verbessern.
h. Die erste Frauenversamm⸗ lung in Wetzlar fand am Freitag in Göth's Garten statt. Genossin Kähler⸗Dresden sprach über Arbeit slöhne und Lebens⸗ mittelpreise. Wenn das Amtsblatt hämisch bemerkt, das nur ca. 30 Frauen an⸗ wesend gewesen wären, so ist das erstens nicht wahr; es waren mindestens 4050. Wenn aber auch nur 30 dagewesen wären, so war das für Wetzlar viel und bedeutet einen nicht geringen Erfolg. Der Gesamtbesuch war ein großartiger, der geräumige Saal war dicht gefüllt, die Zahl der Besucher ist mit 450— 500 nicht zu hoch geschätzt. Frau Kähler ent⸗ ledigte sich ihrer Aufgabe in vorzüglicher Weise.
Sie verstand es, den Anwesenden die heutigen
Mißverhältnisse so klar und so verständlich vor Augen zu führen, daß jeder Mann und jede


