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Nr. 39.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
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Offtztieren eingeführt. Diese hat sich jedoch wenig bewährk. Die Stellen, an denen die Scheide durch Pferdeschweiß oder öftere Reibun
angegriffen wurde, verloren bald die dur
Oxydierung hergestellte braune Farbe und wurden wieder blank. Es ist nun, wie die„Neue mil.⸗pol. Korrespondenz“ erfährt, beabsichtigt, eine andere Art der Färbung zu er⸗ proben, inzwischen soll die vernickelte oder blankgeputzte Säbelscheide beibehalten werden, von den Offizieren aber— auch nach endgültiger Einführung der stumpffarbigen Scheiden— zur Parade, zum Gesellschafts⸗ und Straßenanzuge weitergetragen werden.— Wäre es nicht klüger gewesen, vorher zu erproben, ob sich die Neu⸗ erung bewährt oder nicht? Denn die Geschichte kostet doch ein leidliches Stückchen Geld! Aber nur immer darauf los, wir habens ja dazu!
Die sächsischen Landtagswahlen
haben das Ergebnis gehabt, das alle Genossen
vorausgesehen haben und wie es unter dem schändlichen Dreiklassensystem kaum anders aus⸗ fallen kann. Keiner unserer Genossen wurde gewählt, obwohl die für unsere Wahlmänner abgegebenen Stimmen ganz bedeutend zuge⸗ nommen haben. Die Nationalltberalen, die an dem Wahlrechtsraub mitschuldig sind, und infolge des Dreiklassenwahlrechts fast sämtlich von den Konservativen verdrängt wurden, wollten bei dieser Wahl wieder Gebiet erobern. Ihr„An⸗ sturm“ ist aber so gut wie gescheitert, sie be⸗ kommen höchstens zwei Kreise. Es ist ja auch im Grunde völlig gleichgültig, ob ein national⸗ miserabler oder konservativer Reaktionär im Landtage sitzt. Daß wir keine Mandate er⸗ obern würden, wußten ja auch unsere sächsischen Genossen vorher. Wenn sie sich trotzdem mit Energie an dem Wahlkampf eee so ge⸗ schah es, um dem Volke die Schänbdlichkeit der Wahlrechtsräuberei zu zeigen und darzutun, wie sich die Geldsacksvertretung am Volke versün⸗ digt. Und das erkennen mit der Zeit auch die nicht direkt zu uns gehörigen Kreise des säch⸗ sischen Volkes, die aber mit zu den Entrechteten gehören. Die Folge dieser Erkenntnis wird eine weitere Steigerung der sozialdemokratischen Reichstagswahlstimmen sein.
Der Wahlkampf in Essen
ist von den bürgerlichen Parteien und vor allem von den„christlichen“ Stöckerleuten in einer Weise geführt worden wie es wohl noch nie, selbst zu sozialistengesetzlicher Zeit da war. Was es gekostet hat, schrieb man dem Vorwärts, die Wirte in den Landorten zur Vermietung ihrer Lokale zu bewegen, ist unbeschreiblich. Polizei, Geistlichkeit und Unternehmerschaft be⸗ drohten die Saalinhaber mit Schädigung, wenn ste den„Roten“ die Säle vermieteten. Die großen städtischen Säle in Essen stehen allen Parteien, nur nicht uns zur Verfügung. Diskussion gibt es nicht, also können die„christ⸗ lich⸗sozialen“,„nationalen“ und ultramontanen Wanderredner das Blaue vom Himmel herab⸗ schwindelu, eine Korrektur kann nicht vorge⸗ nommen werden in der Versammlung; die ein⸗ geseiften Wähler gehen in dem Glauben an die „Verworfenheit“ der Sozialdemokratie nach Hause. Auf dem Lande sind vorzüglich die Kapläne in fieberhafter Tätigkeit. Bis in die Nacht hinein laufen sie von Haus zu Haus, um sich der Arbeiterstimmen„im Namen der Religton“ zu versichern.
Der Wahlkreis ist sozusagen überschwemmt mit sozialistentötenden Rednern. Das Zen⸗ trum hat seine ersten Kräfte herangezogen: Bachem, Trimborn, Roeren und den ganzen Stab der Kapläne aus der M.⸗Gladbacher Zentrale. Die besoldeten Sekretäre der chr tst⸗ lichen Gewerkvereine sind fast alle in der Zentrumsagttation tätig und fordern schlechthin die christlichen Gewerkvereinler auf, nur für das Zentrum zu stimmen! Ein drastischer Beweis für die—„Neutralität“ der christlichen Ge⸗ werkvereine. Wer hier den„Ton“ angibt, charakterisierte der„nationale“ Kandidat Nie⸗ meyer, indem er aussprach:„Herr Hankamer (der Redakteur der ultramontanen„Essener Volkszeitung“) hat sich den Vorzug gestchert,
von allen Blättern und Personen, die bisher in den Wahlkampf eingegriffen, den Wahlkampf am unlautersten, unwahrhaftigsten, persön⸗ lichsten und gehässigsten geführt zu haben.“ Dieses Zeugnis erhellt die Situation. Das Zentrums blatt bleibt sich selbst getreu, indem es nicht eine einzige ungen ung seiner beispiellos wüsten Beschimpfungen und Ver⸗ leumdungen brachte, sondern stets neue Schmutz⸗ kübel ausschüttet. Die gegnerischen Flugblätter und Reden wimmeln von gröbsten Entstellungen und direkten Lügen. Hundertmal kann unser h die von den Gegnern gefälschten ttate aus Reden und Schriften unserer be⸗ kanntesten Parteigenossen richtig stellen, am nächsten Tage werden dieselben Zitate frech, „fromm“, dreist doch wieder benutzt.
Am ruppigsten führt sich der auch in unserer Gegend sehr unvorteilhaft bekannte Stöcker⸗ jüngling Franz Behrens auf, der jetzt Sekretär der christlichen Bergleute im Ruhr- revier ist. In einer Versammlung der„Natio⸗ nalen“, die im Evangelischen Vereinshaus in Essen kürzlich stattfand, hatte er sich mit einem starken geschlossenen Trupp seiner Anhänger be⸗ geben. Es entspann stch eine richtige Wahl, schlacht“! Der Anlaß ist gleichgültig, genug, bald entstand ein fürchterlicher, wüster Spektakel! Mit Stöcken, Regenschirmen, Stühlen und Biergläsern schlugen und stießen die„Nationalen“ und„Christlich⸗sozialen“ auf⸗ einander los! Die rüdesten Schimpfworte, wie Lump, Lügner, Spitzbube, Gauner, Hallunke schwirrten durch die Luft, das Ge⸗ töse war unbeschreiblich. Der evangelische Pfarrer Hasse, der von evangelischen Ar⸗ beitern und Bürgern aufs ärgste beschimpft wurde, mußte über die Bühne flüchten, sonst hätte er Schläge bekommen! Behrens war„mitten mang“, ein„christlich⸗sozialer“ Schreinermeister schlug wie ein Wilder um sich, so daß Stühle und Tische flogen. Die Polizei machte dem national⸗christlich⸗sozialen Skandal ein Ende.„Ein Schlachten war es, keine Schlacht zu nennen!! Das war die würdigste Einleitung der Agitationstour des Herrn Hofpredigers a. D. Stöcker, die am Tage nach dieser Schlägerei begann. Eine solche Schlägerversammlung hat Essen noch nicht er⸗ lebt. Selbst„bessere Bürger“ sagen, da ginge es in den Versammlungen der vielverlästerten „Roten“ doch anständig her. In der Tat verliefen alle unsere Versammlungen ruhig, obwohl wir die einzige Partei sind, die den Gegnern freie Diskussion gewährt.— Wenn unter solchen Umständen, bei einer solchen Kampfesweise der Gegner unsere Stimmenzahl um einige Tausend gegen die Wahl von 1903 zurückbleibt, so ist das wahrlich kein Wunder.
Sieg in Essen!
Das Resultat der am Dienstag stattgefun⸗ denen Ersatzwahl in Essen bedeutet für die deutsche Sozialdemokratie einen großartigen Erfolg, von dem alle Genossen mit Genug⸗ tuung Kenntnis nehmen werden. Angesichts der ganzen Umstände, die die Wahl begleiteten und oben geschildert sind, so wie angesichts der riesigen, ja fast unnatürlichen Stimmenzunahme, die wir bei der letzten Wahl in diesem Kreise zu verzeichnen hatten, konnte man bei der dies⸗ maligen Wahl mit einem Rückgang von einigen Tausend Stimmen rechnen. Im Jahre 1903 brachten die Parteien folgende Stimmenzahlen auf: Zentrum: 35 157; Soztaldemokraten: 22 773; Nationalliberale: 20819; Polen: 1589. In der Stichwahl stegte der Zentrumsmann mit 39016 gegen 32632 sozialdemokratische Stimmen. Am Dienstag erhielten: Genosse Gewehr 28500, Giesberts(Ztr.) 35 500, An(liberal) 17 800, Behrens(stöcke⸗ risch) 3200 und der Pole 1700 Stimmen. Die Sozialdemokratie hat also 6000 Stimmen zugenommen! Wahr⸗ lich ein glänzendes Resultat! Kläglich hat da⸗ gegen die Stöckerei abgeschnitten. Trotz der riestgsten, skrupellos betriebenen Agitation brachte Behrens nur ganze 3000 Stimmen auf! Das beweist, daß alle Schnodderigkeit bei der Agi⸗ tation nichts nützt und beweist ferner, wie albern
das Gerede vom„Rückgang“ der Sozialdemo⸗ kratie ist. Auch das Zentrum machte keine Fortschritte, obwohl am Sonntag 200 Kapläne auf den Kreis losgelassen wurden!— Der Parteitag in Jena begrüßte die Bekanntgabe des Resultats durch Singer mit stürmischem Jubel.
Soldatenschinderei im Großen
betrieb der Unteroffizier Than von dem „Königin Augusta“-Regiment, gegen den vor⸗ letzte Woche vor dem Kriegsgericht der 2. Garde⸗ diviston in Berlin verhandelt wurde. Nicht weniger als 345 Fälle von Mißhand⸗ lungen Untergebener und 106 Fälle des Mißbrauchs der Dtenstgewalt legte die Anklage dem Unteroffizier zur Last.
Am 19. Juli unternahm der Rekrut Jaspers
von der 9. Kompanie abends auf der Mann⸗ schaftsstube einen Selbstmordversuch. Er schoß sich mit seinem Dienstgewehr eine Platz⸗ patrone ins Gesicht. Unterhalb des Auges drang das Geschoß ein. Der Rekrut wurde nach dem Garnisonlazarett in Tempelhof ge⸗ bracht, wo er längere Zeit hindurch zwischen Tod und Leben schwebte. Jetzt ist die Lebensgefahr beseitigt, doch ist das Gesicht Jaspers durch die Wirkung des Schusses dauernd entstellt. Es wurden sofort eingehende Unter⸗ suchungen nach der Ursache des Selbstmordver⸗ suches angestellt und ermittelt, daß der Rekrut häufig von seinem Vorgesetzten, dem Uunter⸗ offizter Than, mißhandelt worden war. Auch am Abend des fraglichen Tages hatte der Unteroffizier Jaspers auf seine Stube be⸗ stellt. Der Rekrut glaubte wohl, er solle wieder 0 Kab werden, und griff zur Waffe gegen ich selbst. Noch heute liegt er im Lazarett. Auch die übrigen Leute seiner Korporalschaft hatte der Angeklagte fortgesetzt geschlagen, gestoßen u. s. w. Die Mißhandlungen wurden fast stets im Dienst ausgeführt. Durch die Untersuchung wurden 345 Fälle festgestellt. Außerdem stellte es sich jetzt heraus, daß der Unteroffizier sich in 106 Fällen des Mißbrauchs der Dienstgewalt an den Untergebenen schuldig gemacht habe; er hatte sich von seinen Leuten Gelder im Betrag von 5 Pfg. bis zu 6 Mk.„geliehen“.
Vor dem Richter gab der Angeklagte die Mißhandlungen zu. Er will dieselbe aber nie⸗ mals ohne Veranlassung begangen haben. Immer hatten kleinere dienstliche Verfehlungen bei den Geschlagenen vorgelegen. Einen be⸗ sonders schweren Fall bestritt der Angeklagte. Als der Rekrut Mobers, der neben Jaspers am meisten unter dem Vorgesetzten zu leiden hatte, einmal besonders schwer mißhandelt worden war, wollte er sich krank melden. Than hielt ihn durch Mißbrauch der Dlenstgewalt von der Meldung ab. Als Entschuldigung gab der Unterofftzier an, er leide an ner vöser Ueberreizung und sei stets von dem Ehr⸗ geiz beseelt gewesen, seine Korporalschaft zu der möglichst besten in der Kompanie zu machen. Nach etwa stebenstündiger Verhandlung bean⸗ tragte der Vertreter der Anklage zwei Jahre Gefängnis und Degradation. Das Gertcht be⸗ urteilte gemäß den Ausführungen des Ver⸗ teidigers die Mißhandlungen nicht als Einzel⸗ fälle, sondern als eine fortgesetzte Handlung. Auch zog es die von der Verteidigung vorge⸗ brachten Milderungsgründe in Betracht, anderer- seits aber erkannte es nicht an, daß der Angeklagte durch seine Handlungsweise dem Regiment schwer geschadet und dem Unterofftzier⸗ korps Schande bereitet habe. Das Urteil lautete auf 1½ Jahre Gefängnis und auf Degradation.— So lange noch solche Urteils⸗ begründungen gegeben werden, kann man sicher sein, daß die schmählichen Soldatenmißhand⸗ lungen keln Ende nehmen.
7 Bemüht Parteifreunde! cc e nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der
Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitulg


