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Seite 4.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 30.
„Darmstadter Zeitung“ geantwortet. Er gibt darin zu, daß er sich bezüglich des Schriftstückes, auf das er seine Ausführungen in der Kammer gründete, geirrt habe. Doch hätten sich prak⸗ tische Folgen aus diesem Irrtum nicht. Genosse David nimmt Akt von dieser Richtig⸗ stellung und folgert aus der Erklärung Nod⸗ nagels:
Nach dem eigenen Zugeständnis des Herrn Nodnagel ist also jetzt die von ihm in der Kammersitzung vom 15. Februar abgegebene Erklärung, daß das Gießener Lehrerkollegium es ablehne, irgend etwas von den gegen den Direktor vorgebrachten Beschwerden für berechtigt zu halten, falsch. Das Lehrerkollegium hat also niemals eire solche Erklärung abgegeben. Der scheinbare Widerspruch gegen die mir von Anfang an gewordene Juformation über die wahre Meinung der Mehrheit des Lehrerkolle⸗ giums ist damit aus dem Wege geräumt.
Die Richtigkeit meiner Information wird natürlich nicht im geringsten durch die Meinung des Herrn Dr. Schädel über die Meinung der in Betracht kommenden Oberlehrer erschüttert. Herrn Schädels Urteil hätte auch für die Re⸗ gierung in diesem Fall in keinem Stadium der Angelegenheit als objektiv einwandfreie Infor⸗ mation gelten dürfen. Zum mindesten hätte man sofort eine ergänzende Erklärung von seiten der Lehrer einholen sollen. Professor Stamm selbst hat aber auch nachträglich in unzweideutigster Form bekundet, daß er die Nodnagel'sche Erklärung in der Kammer für unvereinbar mit der von ihm erteilten Auskunft halte. Die Tatsache, daß Herr Prof. Sramm am 10. März ds. Js. Herrn Nodnagel ersucht hat, ihm in Gegenwart des Lehrerkollegiums zu bestätigen, daß er ihm seinerzeit die Wahrheit nicht verschwiegen, son⸗ dern ihn darüber richtig informiert habe, daß jene Beschwerden bei aller Uebertreibung in der Form sich doch inhaltlich mit den Ansichten und Stimmungen des Lehrerkollegiums deckten, wird von Herrn Nodnagel nicht bestritten. Sie allein genügt, um alle anders gerichteten Kon⸗ struktionen über den Haufen zu werfen.“
Der Verlauf der ganzen Affaire zeigt also, daß Genosse David mit seinem Vorgehen voll⸗ kommen im Rechte war. Die Ordnungspresse überhäufte ihn aber mit einer Flut von Schmähungen und Verdächtigungen. Zum Bei⸗ spiel trieb's der Darmstädter Korrespondet des Gießener Anzeigers ziemlich toll. Und der An⸗F zeiger hat zwar die lange Erklärung des Herrn Nodnagel gebracht, von Davids Antwort haben wir aber darin noch nichts gesehen.
— Amtsblatt⸗Schwindel. Der „Gießener Anzeiger“ übt noch immer seine alte Gewohnheit, über die Sozialdemokratie aller⸗ hand Fabeln zu verbreiten. So war in der Nummer vom 15. Juli zu lesen:
„Für das Proportionalwahlrecht schwärmt die Sozialdemokratie nur da, wo sie von diesem Wahl⸗ system für sich Erfolge erhoffen kann. Wo jedoch die Sozialisten in der Mehrheit sind, da wollen sie von der Verhältniswahl nichts wissen.“
Das ist das genaue Gegenteil der Wahr⸗ heit. In einer ganzen Reihe Städte hat unsere Partei sich um die Einführung des Proportional⸗ wahlrechtes für die Gewerbe⸗Gerichtswahlen bemüht, obwohl wir in der Mehrheit waren und alle Sitze leicht erobern konnten, so in Mainz, Frankfurt und vielen andern Orten. In Frankfurt führten unsere Genossen schon vor Jahren die Verhältniswahl zur General⸗ versammlung der Ortskrankenkasse ein, wo sie die Mehrheit hatten. Dagegen wurde fast nir⸗ gends das Proportionalwahlrecht eingeführt, wo die Christlichen in der Mehrheit waren. Was also das Amtsblatt da dreist und gottes⸗ fuͤrchtig behauptet, ist eine grobe Unwahrheit. Eine bewußte sogar, denn es müssen ihm die von uns angeführten Tatsachen bekannt sein und wenn es seine Behauptung damit beweisen will, daß in Düsseldorf die sozial⸗ demokratischen Gewerbegerichtsbeisitzer bei irgend welchen Abteilungswahlen den Christlichen keine Vertretung eingeräumt hatten, so können wir diese Geschichte, vorausgesetzt, daß sie überhaupt richtig ist, durchaus nicht als einen Beweis für des Anzeigers verdächtigende Behauptung an⸗
erkennen. Wir wüßten überhaupt nicht, was Gewerbegerichtsbeisitzer für wichtige Unterabtei⸗ lungen zu wählen hätten. Die Sozialdemokratie handelt stets gemäs ihres Programms, sie ist keine Drehscheibenpartei, wie die National⸗ liberalen und ihre Verwandten.
— Das kluge Amtsblatt. Tolles Zeug verzapfte der„Gieß. Anz.“ zu den bay⸗ rischen Landtagswahlen. Die Sozial⸗ demokratie wäre fürchterlich hereingefallen, vom Zentrum übertölpelt worden, hätte„moralisch alles verloren.“ Wie schlimm für uns! Hätte doch die bayrische Parteileitung erst bei dem Gießener Anzeiger um Rat gefragt. Vier Tage vor dem Erscheinen des die bayrische Sozial⸗ demokratie verhöhnenden Artikels schrieb er aller⸗ dings selber, daß unsere Partei profitiert habe! Das meinen wir auch; unsere Stimmenzahl ist überall gewachsen. Geschlagen, vernichtet und blamiert sind nur die Gesinnungsverwandten des Anzeigers, die„Liberalen“, die bei den Wahlreform⸗Verhandlungen eine so überaus traurige und volksfeindliche Rolle spielten.
— Sozialdemokratische Phanthasie oder Amtsblatt⸗Unwissenheit? Genosse Dr. David hat kürzlich einen Artikel über Königstreue veröffentlicht, in dem er u. a. sagt, daß Geldsack, Thron und Altar sich einander stützen. Diese durchaus richtige Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse nennt der Gießener Anzeiger „sozialdemokratische Phantaste“ und fügt hinzu:„Was sagt der Geldsack des Herrn Paul Singer dazu?“ Damit glaubt das Amtsblatt eine geistreiche Bemerkung gemacht zu haben. Die Richtigkeit der Ansicht Davids, die auch die unsere ist, steht für jeden die Verhältnisse unbefangen beurteilenden Menschen fest. Der liberale Bürger⸗ meister von Zittau hat kürzlich das Interesse des Kapitals an der Monarchie unverblümt zugegeben. Unser Genosse Singer bekämpft seit 40 Jahren den Kapitalismus, hat für seine Ueberzeugung für die Sache des Volkes in selbstloser Weise gearbeitet und große Opfer gebracht. Er besitzt jedenfalls viel mehr Idealismus als ein Amtsblattredakteur! Der„Witz“ des Anzeigers ist also ein schofler Anwurf und eine Dumheit obendrein.
— Ueber den Gewerkschaftskongreß spricht am Miltwoch den 26. Juli Genosse Stadtv. Hüttmann⸗Frankfurt in einer all⸗ gemeinen Gewerkschaftsversammlung im Café Leib. Um auch den auswärts wohnenden Arbeitern es zu ermöglichen an der Versamm⸗ lung teilzunehmen, beginnt diese bereits um steben Uhr abends. Jedes Gewerkschafts⸗ mitglied sei zur Stelle und agitiere für guten Besuch der Versammlung! Der Referent ist in Gießen bereits als guter Redner bekannt.
— Sommerfest. Diesen Sonntag(23.) begehen die hiesigen Holzarbeiter ihr Sommerfest auf der Pulvermühle. Alle Kollegen in Gießen und Umgebung sind dazu eingeladen und selbstverständlich sind auch andere Berufs- angehörige willkommen. Man beteilige sich zahl⸗ reich! Im Uebrigen sei auf das Inserat ver⸗ wiesen.
— Eine Fabrikordnung, die eher einer Zuchthaus ordnung gleicht, hat sich Schreinermeister E. Müller, Schillerstraße, nicht gescheut seinen Ar⸗ beitern vorzulegen. Wir werden das Machwerk, in dem Müller von seiner Person wie ein regierender Fürst im Plural spricht(von uns eingestellte Leute ec.) in nächster Nummer ein wenig beleuchten. Ob die Arbeiter das Ding unterschreiben?
— Das Feuerwehrfest am Sonntag wurde durch das Unwetter, das am Sonntag über unsere Gegend niederging und verschiedentlich nicht geringen Schaden anrichtete, sehr geschädigt. Auch viele andere Feste hatten natürlich darunter zu leiden. Viele Krieg erfeste fanden statt und das ruft natürlich den Zorn des Himmels hervor,
— Im Freibad ertrank am Montag Abend der Arbeiter Schaumburger. Er hat jedenfalls einen Schlaganfall erlitten.
Aus dem Areise gießen.
k. Zu den Landtagswahlen brachte. dieser Tage der„Gieß. Anzeiger“ einen Artikel, in dem er u. a. bemerkte, daß sich unsere Partei„auf den Gießener Landkreis verspitze.“ Nicht bloß das. Der Kreis ge⸗ hört von Gott und Rechtswegen der Sozialdemokratie und wenn er infolge des vertrakten sudirekten Wahl⸗ rechts einem Gegner zufällt, so sitzt dieser zu Unrecht im Landtage. Wenn es dem Anzeiger ernst wäre mit dem direkten Wahlrecht, für das er immer eintritt, dürfte er die Wiederwahl Leuns gar nicht befürworten.
— Zwei Versamm lungen fanden am Sonntag in Lindenstruth und Reiskirchen statt. Genosse
Vetters sprach über die wichtigsten politischen Vorkomm⸗
nisse und Ereignisse aus der jüngsten Zeit. Starker Besuch war allerdings nicht zu verzeichnen, wie das ja jetzt bel dieser Jahreszeit, wo Sonntags überall Feste und Kirchwelhen abgehalten werden, erllärlich ist. Unsere Genossen in Reiskirchen haben jetzt 34 Mitglieder im Vereine und hoffen in nächster Zeit noch auf weitere Zunahme. Vorsitzender ist Karl Spaar, Kassterer Joh. Klees, Schriftführer K. Balzer.
Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen.
Rommelhausen. Sonntag, den 23. d. Mts. finden zwei große öffentliche Volksversammlungen statt, Die erste um 2½ Uhr in Rommelhausen, die zweite um 61½ Uhr in Oberau. In beiden Versammlungen wird Gen. Busold aus Friedberg referiren über die Tages⸗ ordnung:„Wohin führt unsere Zollpolitik“. Die Leser der Mitteld. Sonntags⸗Ztg. in den Nachbargemeinden werden hierdurch auf die Versammlungen aufmerksam gemacht. Ein zahlreiches Erscheinen ist erwünscht.— Die Bürgermeisterwahl in Rommelhausen soll, wie ver⸗ lautet, am 29. Juli vorgenommen werden. Allen organi⸗ sterten Arbeitern hier im Orte ist bei dieser Wahl zu empfehlen, ihre Stimmen für den seitherigen Bürgermeister Wolff abzugeben. Derselbe hat den Interessen der Arbeiter in den letzten Jahren nie im Wege gestanden. Bei politischen Wahlen, wie z. B. Reichstagswahlen bleibt er dem politischen Kampfe fern und verhält sich voll⸗ ständig unparteiisch, Ferner führt er eine sparsame Gemeindeverwaltung und ist nicht zu haben für Bewilli⸗ gung von Geldern aus der Gemeindekasse für patrio⸗ tischen Festlichkeiten usw. wie dieses leider noch in vielen Gemeinden der Fall ist. Er weiß die sauer verdienten Groschen der Gemeindesteuerzahler besser anzulegen. Die Wahl findet voraussichtlich auf einen Samstagnachmittag statt und ist daher nochmals zu empfehlen, daß alle Arbeiter an der Wahlurne erscheinen, um ihre Stimme dem bewährten Bürgermeister Wolff zu geben.
z. Beim Kriegerfest in Lindheim am ver⸗ gangenen Sonntag kam es unter Mitgliedern eines Vereins zu einer blutigen Prügelei. Das gehört bei Krieger⸗ festen beinahe mit zum Programm. Es ist eigentlich auch ganz richtig, wenn die Leute ihre Kriegstüchtigkeit und ihren Kampfesmut an sich selber erproben. Wem solche altdeutsche oder richtiger hunnische Sitten nicht behagen, der muß sich anderwärts Vergnügen suchen.
Aus dem Nreise Alsfesd-Cauter bach.
t. In Alsfeld schreitet die Gewerkschaftsbewegung zwar langsam aber doch stetig vorwärts. Daß sie schon ziemlich Wurzel gefaßt, bewies die am Sonntag im Stadtpark stattgefundene Gewerkschaftsversammlung, die von etwa 100 Personeu ans allen Berufen besucht war. Hüttmann⸗Frankfurt sprach über die gegen⸗ wärtigen Kämpfe zwischen Arbeiterschaft und Unternehmer⸗ tum. Der Arbeiter habe ein Recht mitzuwirken an der Festsetzung der Arbeitsbedingungen Um dieses Recht sich zu wahren oder zu erkämpfen müsse er sich organisieren und zwar dauernd, nicht nur vorübergehend! Terschowitz schilderte in der Diskusston die örtlichen Verhältnisse. In einzelnen Geschäften herrschten fast russische Zustände, viel fehle nicht, daß die Arbeiter geprügelt würden. Weiter wies er darauf hin, daß noch 13— 14 stündige Arbeitszeit herrsche und kennzeichnete die Mißstände, die sich aus dem Kost⸗ und Logiszwang ergeben. Schließlich kam es noch zu lebhaften Aus⸗ einandersetzungen mit einigen Christlichen. Hüttmann bemühte sich, die Differenzen auszugleichen. Im Allge⸗ meinen geht unsere Bewegung vorwärts und es ist auch die höchste Zeit dazu.
Aus dem Rreise Wezlar.
h. Ein merkwürdiges Verhalten zeigte kürzlich der den Dombau leitende Regierungsbaumeister Hehl. Als der von uns neulich mitgeteilte Unglücks⸗ fall, durch den ein Maurer schwer verletzt wurde, sich ereignet hatte, legte Herr Hehl den andern Arbeitern ein Schriftstück zur Unterschrift vor, womit sie erklärk hätten, daß der erwähnte Unfall durch Selbstverschulden entstanden sei. Das lehnten die Arbeiter mit vollem Rechte ab. Was kann denn der Arbeiter dafür, wenn von oben ein Stein herabstürzt und ihn beinahe tot⸗ schlägt? Was übrigens der Herr Baumeister damit bezwecken wollte, ist nicht recht erfindlich, Wollte er damit etwa den Nachweis liefern, daß unter seiner Leitung alles in Ordnung ist, die nötigen Schutzmaß⸗ regeln getroffen find und daß sich die Arbeiter nur aus lauter Mutwillen Steine auf den Kopf fallen lassen? Oder sollte der arme Verunglückte um die Unfallrente gebracht werden? Jedenfalls tun die Arbeiter gut, wenn sie nie etwas unterschreiben, sondern nur vor Gericht ihr Zeugnis ablegen.
— Achtung, Steinarbeiter! Diesen Sonntag, den 23. Juli, findet nachmittags 4 Uhr eine Besprechung der in den Marmorwerken Dykerhoff und Neumann be⸗ schäftigten Steinarbeitern statt. Zum ersten Punkte
spricht Gauleiter Hermann-Frankfurt über: Die


