Ausgabe 
23.7.1905
 
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Nr. 30.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

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ere einzureden versucht, daß nur die

Fleischer schuld an den hohen Fleischpreisen trügen. Jetzt redet dieDeutsche Tageszeitung

den Fleischern gut zu, sie sollten mit den Vieh⸗ züchternrückhaltlos zusammenstehen in der

wirklich gemeinsamen Vertretung des Grund⸗ satzesLeben und leben lassen. Das heißt mit andern Worten, man will über den Fleisch⸗ wucher der Fleischer herzhaft beide Augen zu⸗ drücken, wenn die Fleischer künftig über den Viehwucher der Viehzüchter kein Wort mehr verlieren wollen.

Eine ganz ähnliche Differenz besteht bekannt⸗ lich zwischen den Bäckern und den Getreide⸗ produzenten. Hier hat nun schon das Wahl⸗ Abe des Bundes der Landwirte längst die glückliche Lösung gefunden, auf deren Boden sich beide Stände wieder zusammenfinden können. Es erklärt nämlich treu und bieder, daß an hohen Brotpreisen niemand anders schuld trüge als die hohen Löhne der Bäckergesellen.

Und nach dem gleichen Schema macht der dicke Oertel in seinem Bündlerblatte jetzt die hohen Löhne der Metzgergesellen für die jetzigen hohen Fleischpreise verantwortlich.

Das elendeste Wahlsystem.

Bei den letzten preußischen Landtags⸗ wahlen hatte unsere Partei im Ganzen 10600 Wahlmänner durchgebracht. Die Gesamtzahl der preußischen Wahlmänner betrug 124 900. Da unsere Partei sich zum ersten Mal in mehreren Wahlkreisen bei weitem nicht in allen beteiligte, so scheint uns das Resultat der Wahl ein recht erfreuliches zu sein. Die amtliche Statistik über die Landtagswahlen ist zwar immer noch nicht erschienen, die Angaben über die Wahlmännerzahl findet sich aber in dem soeben erschienenen Sessionsbericht 1904/05 des preußischen Abgeordnetenhauses. Es ist bekannt, daß diese 10600 Wahlmänner nicht einmal einen Abgeordneten wählen konnten. Und doch nennt man das preußische Abgeord⸗ netenhaus eineVolksvertretung!

Der Pokerminister.

In Bückeburg wurde vorige Woche vor dem Schwurgericht gegen den Kellner Meyer wegen Meineid verhandelt. Dieser Prozeß war aus Vorgängen entstanden, die sich in der besten Gesellschaft des Residenzstädtchens Oldenburg abgespielt hatten und in denen der Justizminister des Landes, der Mann, der über Recht und Gerechtigkeit im Oldenburger Lande zu wachen hat, in höchst zweifelhaftem Lichte erschien. Die OldenburgerGesellschaft wenigstens ein Teil derselben sucht mangels besseren Zeitvertreibs im Zivilkasino in ver⸗ botenen GlücksspielenAnregung und Unter⸗ haltung. Dabei gings nicht immer ganz glimpflich ab. Man weiß, daß ein Hauptmann sich wegen der Spielverluste das Leben genommen hat. Man weiß, daß dievornehmsten Kreise der Stadt sich in den verschwiegenen Räumen zu⸗ sammenfanden, und die Geldumsätze keine ge⸗ ringen waren. Auch der Justizminister Franz Ruhstrat war von der Partie. Diese Dinge brachte der OldenburgerResidenzbote in die Oeffentlichkeit und wies dabei auf die merk⸗ würdige Tatsache hin, daß hohe und höchste Justizbeamte dem Glücksspiel fröhnen, während das Strafgesetz, das sie zu handhaben berufen sind, dieses Glücksspiel mit Strafe bedroht!

Ruhstrat, der Justizminister, hat gegen den Residenzboten mehrfach Strafantrag gestellt und Oldenburger Richter und Staatsan wälte, von denen mehrere an dem Spiele sel bst be⸗ tetligt gewesen, haben die unbequemen Kritiker zu langen Freiheitsstrafen verurteilt. Herr Ruhstrat aber hat als Zeuge ausgesagt, er habe lediglich vor langen Jahren Ende der achtziger oder Anfang der neunziger Jahre sich gelegentlich am Glücksspiel beteiligt. Seit er Sberstaatsunwalt geworden, habe er nicht mehrhazardiert, nurgepokert und das Gericht sah Pokern im Gegensatz zur allge⸗ meinen Ansicht, nicht für Gl ksspiel an. Die Kellner, die Ruhstrat im Zivilkasino be⸗ dienten, wußten aber, daß dies die Unwahr⸗ heit war. Der Kellner Meyer meldete sich

bei dem Verteidiger des angeklagten Redakteurs Biermann und sagte als Zeuge aus, was er wußte. Des Ministers Etd gilt aber mehr, als des Kellners, letzterem wurde der Prozeß gemacht. Jetzt hat ihn jedoch das S hwurgericht freigesprochen, nachdem er lange steben Monate in Untersuchungshaft gesessen! Der Freispruch Meyers bedeutet aber soviel, daß die Beschworenen der Ansicht sind, daß nicht der Kellner, sondern der Minister einen Meineid geschworen hat. Trotzdem steht letzterer noch an der Spitze der oldenburgischen . und denkt nicht daran, einfach zu gehen!

Reichstags ⸗Ersatzwahlen.

Im Wahlkreise Oberbarnim hat am 13. Juli Ersatzwahl wegen Ungiltigkeitserklärung der Wahl des freikonservatlven Professors Pauli stattgefunden. Wie die Wahl im Juni 1903, so stand auch die jetzige unter dem Zeichen der unerhörtesten Wahlbeeinflussungen. Die Krieger⸗ vereine und der Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie bildeten den Vorspann bei der konservativen Wahlmache. Für den konservativen Professor Pauli wurden gezählt 6268, für Bruns(Soz.) 6319, und für Koll⸗ mann(Frs. Vp.) 3532 Stimmen. Pauli hatte 1903 im ersten Wahlgang 6829 Stimmen, der sozialdemokratische Kandidat Bruns 7202, der Kandidat der Freisinnigen Volkspartei Hermuth 2904 Stimmen erhalten. In der Stichwahl stegte dann Pauli mit 9450 Stimmen gegen Bruns, auf den 8357 Stimmen entfielen. In Fürth⸗Erlangen findet die Ersatzwahl am 20. Jult statt. Dort stehen sich der Liberale Barbeck, dessen Mandat für ungültig erklärt wurde, und unser Genosse Segitz gegenüber. In Essen ist die Wahl auf den 19. September festgesetzt.

Von der russischen Revolution.

Mit dem Kaiser Nikolaus ist seine Sippe höchst unzufrieden, wie eine russische Korrespondenz aus guter Quelle erfährt. Speziell seine Mutter soll auf seine zeitweilige Zurück⸗ ziehung von den Regierungsgeschäften hinarbeiten. Es würde nicht viel Ueberredungskunst dazu gehören, Nikolaus zu dem zeitweiligen Verzicht zu bestimmen. Er hat, abgesehen von Stunden, in denen er plötzlich Anwandlungen eines ent⸗ schlossenen Autokraten bekommt, selbst das Bewußtsein, daß er seiner Augabe nicht gewachsen ist, und seiner Gemahlin gegen⸗ über hätte er häufig allen Ernstes den Wunsch ausgesprochen, die Rolle des Zaren mit der eines Klostervorstehers zu vertauschen. Seine eigene Familie hätte ihn vielleicht schon längst bei Seite geschafft, wenn ste sich auf einen Nachfolger einigen könnte.

Damit läßt sich wohl auch die Meldung über ein geplantes Dynamit⸗Attentat in Ver⸗ bindung bringen, das auf den Zaren in dem Schloß Illinskoje bei Moskau, wohin er sich begeben wollte, ausgeführt werden sollte. Unter den kaiserlichen Gemächern entdeckte man einen geheimen unterirdischen Gang, in dem sich eine große Menge Dynamit befand, um das Schloß in die Luft zu sprengen.

Offiziere wollen Henkersdienste nicht mehr leisten. In Warschau kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen dem litauischen Garde⸗ regiment und Kosaken. Danach habe das litauische Regiment durch elne Deputation von acht Offizieren erklärt, daß es auf Auf⸗ ständige nicht mehr feuern werde, wo⸗ rauf diese Offiziere zum Tode verurteilt wurden. Das Regiment weigerte sich die Strafe zu vollziehen. Kosaken hätten die Offiziere getötet, seien aber gleich vom Regiment niedergemacht worden.

Sogar Kosaken meutern! Aus Lodz wurde berichtet, daß auf dem Wege von dort nach Zgierz unter einer Kosakenabteilung von 200 Mann eine Meuterei ausgebrochen sei. 60 Mann weigerten sich, das ihnen gebotene Mittag- essen anzunehmen, da es zu schlecht sei.

In Warschau wurden eine Anzahl Offiziere, die sich geweigert hatten, auf das Volk schießen zu lassen, erschossen.

Welche Bestialitäten von den russischen Henkersknechten ausgeübt werden, geht aus einem vom 8. Juli aus Odessa datierten Briefe hervor, der in der Presse veröffentlicht wurde. Es heißt darin:

Die Tage, da die gesamte Ein wohnerschaft Odessas die zaristischen Schrecken hat über sich ergehen lassen, sind nun vorüber, aber unsere Stadt befindet sich noch immer im Kriegs⸗ zustande. Aeußerlich ist nichts zu merken, aber in den Poltzeirevieren spielen sich Tragödien ab, denen zahlreiche Menschen zum Opfer fallen. Selbst die kühnste Phantasie dürfte sich das Bacchanal der brutalsten Mißhandlungen wehr⸗ loser Jünglinge und Mädchen kaum ausmalen. Auf den Polizeiwachen schlägt man nicht, son⸗ dern prügelt zu Tode, begießt die Geprügelten mit kaltem Wasser und prügelt weiter: selbst dann noch, wenn die Opfer unter den Schlägen der Säbel und Nagaikas zusammenbrechen. Alle Nachrichten über die Greuel, die ich Ihnen mitteile, sind aus erster Quelle. Viele Gefangene werden von den Bestien verwundet, zu Krüppeln ver⸗ unstaltet, vergewaltigt. Gestern brachte man nach dem jüdischen Krankenhause zwei Mädchen, die in barbarischer Weise vergewaltigt waren. Besonders grausam ist die Exekution gegen Arbeiter und Halbwüchsige, die auf den Barrikaden gekämpft haben. Entweder werden ste auf den Wachen zu Krüppeln gemacht oder einfach totgeschlagen und heimlich auf den Friedhof gebracht. Selbst die der Polizei ergebenen Dworniks der in der Nähe von den Polizeirevieren gelegenen Häuser erzählen, daß sie weder essen noch schlafen können, so sehr werden sie vom Geschrei und Gejammer der Gemarterten gequält.

Vom russisch⸗japanischen Kriege.

Die Japaner haben die Insel Sachalin zum Teil besetzt. Die russischen Streitkräfte auf dieser rauhen unwirtlichen Insel sollen nur 7500 Mann betragen, die den 14000 Japanern keinen ernsthaften Widerstand entgegenstellen können. Die Japaner landeten in Korsakowsk vollständiges Material für eine 125 Meilen lange Feldbahn und 3000 Kulis. Von Ruß⸗ land wurde Sachalin bisher als Strafkolonie für schwere Verbrecher benutzt. Die Insel umfaßt zirka 63600 Quadratkilometer, hat also etwa ein Neuntel der Größe des deutschen Reiches. Die Einwohnerzahl beträgt noch keine 20000.

Wladiwostok ist jetzt vollkommen einge⸗ schlossen, nachdem die Japaner eine Armee im Norden der Festung gelandet haben. Die im Hafen von Port Arthur gesunkenen russischen Schiffe haben die Japaner größtenteils wieder flott gemacht.

Von Nah und Lern. Hessisches.

Wenn Sozialdemokraten die Mehrheit in der Gemeinde⸗Vertre⸗ tung haben, sorgen sie selbstverständlich auch dafür, daß die Arbeits verhältnisse der in städti⸗ schen Betrieben beschäftigten Arbeiter verbessert werden und sind vor allem bestrebt den acht⸗ stündigen Arbeitstag einzuführen. In dieser Richtung arbeiten auch unsere Genossen in Offenbach. Die dortige Stadtvertretung beschloß einstimmig, vom 15. Juli ab ver⸗ suchsweise auf ein Jahr dieneunstündige Arbeitszeit einzuführen. Voraussetzung soll dabet sein, daß der bisher für zehnstündige Arbeitszeit gezahlte Lohn weitergezahlt werde. Eln Schritt nach vorwärts ist hiermit getan, möge er durch eine sachgemäße und verständige Handhabung der Betriebsleitungen wie durch eine richtige Würdigung der interessierten Arbeiter so aus⸗ fallen, daß ihm bald weitere folgen können.

Gießener Angelegenheiten.

Zum Fall Schädel. Auf den offenen Brief, den vor einiger Zeit Genosse Dr. David an den Geh. Oberschulrat Nod nagel richtete, hat dieser mit einer längeren Darlegung in der