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Seite 2.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 30.
haben innerlich mit jenen romantischen Mittel⸗ alters⸗Verklärern und Jenseits⸗Vertröstern ab⸗ solut nichts gemein. Während die letzteren den Staat auch heute noch völlig in den Dienst der metaphysischen Spekulationen eines Augustinus oder Thomas von Aquino“) stellen möchten, kann unser Ziel niemals ein anderes sein, als das, welches unsere französischen Genossen unter Jaures Führung haben erkämpfen helfen: die reinliche Scheidung zwischen kirch⸗ lichen und staatlichen Interessen. Wir würden uns jedenfalls schönstens dafür bedanken, daß die Bülow'sche Politik dem Papste jetzt in Deutschland etwa die Stütze darzubieten versuchte, die er in Frankreich ver⸗ loren hat. Dieser prinzipielle Gegensatz aber ist so einschneidend, daß wir auch einzelnen praktischen Fragen gegenüber nicht allzuoft und nicht allzuweit mit dem Zentrum zusammen marschieren können.(Gewiß nicht! D. Red.) Nehmen wir selbst einmal die für Bayern ent⸗ scheidende Wahlrechtsfrage. Gewiß, in Bayern selbst ist das Zentrum eben für direkte, allge⸗ meine Wahl. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Nirgendwo sonst hat die katholische Geistlichkeit solch' beherrschenden Einfluß auf eine so große Zahl harmloser Gemüter. Wie aber steht es z. B. in Württemberg, wo einer zeitgemäßen Verfassungsänderung in demokra⸗ tischem Sinne gerade vom Zentrum aus alle möglichen Hemmnisse in den Weg gelegt werden? Das Zentrum ist nur da ehrlich demokratisch, wo es die Mehrheit für sich hat, wo also die Demokratie zur Grundlage seiner Macht dienen kann. Seine demokratische Gesinnung gerät aber sofort ins Wanken, wo es mit andern Mehrheiten zu rechnen hat. Da sind ihm auch ganz andere Mittel genehm, wenn es seine Macht damit behaupten kann. Für den Zent⸗ rumsanhänger sind eben die politischen Fragen neben der Kirche durchaus keine letzten und höchsten Ziele, keine prinzipiellen Fragen, son⸗ dern vielmehr nur Mittel, die man so oder so anwendet, je nachdem man ste für einen viel höheren Zweck, das ist die Herrschaft seiner Kirche, gebrauchen kann, demokratisch hier, aristokratisch dort, monarchisch heute, republi⸗ kanisch morgen. Wie sich die Klerikalen mit ihrer großen Majorität iu bayrischen Landtage benehmen werden, ist wirklich äußerst interessant. Werden sie jetzt, ihren schönen Worten ent⸗ sprechend, sofort die Wahlreform durchführen, und auf Grundlage des neuen Wahlrechts um⸗ gehend die Neuwahlen ausschreiben? Wie wird ihnen dieser Versuch bekommen? Oder werden sie nach berühmten Mustern die Neuordnung möglichst hinauszuzögern und zu verklausulieren suchen? Wie wenig ihnen die Wahlrechtsfrage au sich wirklich eine Haupt⸗ und Herzensfrage ist, dafür möchten wir eine Stelle aus ihrem Organ, dem„bayrischen Kurier“ hier anführen: „Der Wahlausfall in Bayern hat hoch⸗ politische Bedeutung für ganz Deutschland. Er war eine Kraftprobe des absterbenden Kulturkämpfertums. Hätte dieses auch nur kleine Erfolge errungen, so wäre damit eine höchst gefährliche Zeit für die deutschen Katho⸗ liken angebrochen. Die Lust zu einem neuen Kulturkampf würde sehr gewachsen sein. Aber die bayrischen Katholiken wußten auch, was auf dem Spiele stand. Sie sind die treuen Wächter der Katholtken Deutschlands gewesen.“ Also, der Triumph des Katholizismus über seine Gegner, das war der ganze Zweck ihres Vorgehens! Aus der Maske des Wahlrechts⸗ vertetdigers schaut der nach der politischen Macht strebende Klerikale heraus! Ob man ihm zu ähnlichen Vorstößen wohl noch oft die Hand bieten wird? 5 K. Wbr.
Wir halten die Befürchtungen des Genossen Wbr. für unbegründet. Daß die Sozialdemo⸗ kratie sich niemals mit dem reaktionären Zent⸗
) Metaphysische Spekulationen= Grübeleien über das Jenseits. Der Kirchenvater Augustinus starb 480 n. Chr., der Kirchengelehrte Thomas von Aquino 1274. Ihr Ideal war der sogenannte„Gottesstaat“, ein Staat, der ganz nach den Wünschen und Interessen der Kirche und der Geistlichkeit eingerichtet, die Menschen vor allem für die„ewige Seligkeit“ zu retten hatte. Daher auch die Ketzergerichte und Ketzerverbrennungen.
rum verbünden kann, darin stimmen wir ihm
vollkommen bei und darüber ist sich die ganze
Partei einig. Es war in dem bahrischen Falle allein der Prinzipienverrat des Liberalismus, welcher unsere Genossen zu dem taktischen Zusammengehen mit dem Zentrum zwang. Und wenn die liberalen Blätter jetzt über die „Unnatur“ des sogenannten Bündnssses jammern, so stellen sie damit nur die Erbärmlichkeit des Liberalismus an den Pranger, der die Wahl⸗ reform vereitelte und so zum Wahlrechts räuber wurde. Unsere Parole aber mußte sein: Nieder mit den Wahlrechtsräubern! Und dieser mußten wir folgen, so unsympathisch uns das Zentrum ist.
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Agrarpolitik und Massenhunger.
Noch macht sich die auspowernde Wucht des agrarischen Lebens mittelwuchers nicht gel⸗ tend, die mit der Inkrafttretung des Zolltarifs resp. der Handelsverträge die Taschen der Ar⸗ beiter umwenden wird, gleichwohl bekommen sie jetzt schon einen Vorgeschmack von dieser ausraubenden Hungerkur durch die unerhörte Steigerung der Fleischpreise. Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, daß bei diesen hohen Preisen Fleisch zu einem Luxusartikel für die Arbeiter wird. Und daran ist nur die agrarische Politik der Reichsregierung schuld, die den Wünschen der agrarischen habsüchtigen Schreier entsprechend die Grenzsperre für Schlachtvieh bestehen läßt, obgleich die Fleisch⸗ not immer größer wird.
Seit Jahren heulen diese Schreihälse über die angeblichen Gefahren, die bei unbehinderter Einfuhr über den inländischen Viehbestand kommen müßte, durch die Einschleppung von Viehseuchen. Die Uebertreibung dieser Gefahr ist oftmals von Sachverständigen, ja selbst vom Regierungstisch gelegentlich nachgewiesen, da⸗ gegen auf die schmutzige Wirtschaft in ostelbischen Bezirken hingewiesen worden, die den Ausbruch von Viehseuchen fördere. Aber die Grenzsperre vermindert die Einfuhr, überhaupt den Auftrieb von Schlachtvieh, und hat darum eine Steige⸗ rung der Vieh⸗ resp. Fleischpreise zur Folge; das ist für die Agrarier die Hauptsache, denn die hohen Viehpreise steigern das Einkommen der junkerlichen, hungerleiderischen Großgrund⸗ besitzer.
Von allen Seiten müßte darum auf die Regierung eingewirkt werden, daß ste die Auf⸗ hebung der Grenzsperre verfügt. Daß sie jetzt die Hauptursache der schier unerschwinglichen Fleischpreise ist, wird unter anderem beweis⸗ kräftig erklärt durch ein Gutachten des Offen⸗ bacher Schlachthofdirektors, der auf Ansuchen des Offenbacher Abendblattes sich folgender⸗
maßen über die Ursachen der Fleischnot äußerte:
„Die Viehpreise sind gegenwärtig in Deutsch⸗ land sehr hoch, jedenfalls höher als im Jahre der Fleischnot 1902. Die Metzger greifen ja in solchen Fällen stets zur Selbsthilfe, indem sie auch die Fleischpreise erhöhen. Diese Er⸗ höhung der Fleischpreise wird aber auf die Dauer nicht verfangen, denn der jetzige hohe Detailpreis für Fleisch steht im schreienden Gegensatz zu den Erwerbsverhältnissen der arbeitenden Klassen.
Der hohe Detailpreis erklärt sich aber aus den hohen Preisen für Schlachtvieh; von einem Verdienst kann bei den Metzgern unter diesen Umständen kaum die Rede sein, jedenfalls ist er gegenwärtig sehr gering. Wenn die Metzger aber behaupten, sie müßten noch Geld darauf legen, so scheint mir das doch etwas zu viel gesagt.
Die Ursachen für die ständige Steigerung der Fleischpreise müssen in den wechselnden Erträgnissen der Ernteergebnisse des Deutschen Reiches gesucht werden. Bald wächst nicht genug Futter und man muß Vieh verkaufen; bald hat man für das gewachsene Futter nicht Vieh genug und muß aufzüchten, in ersterem Falle haben wir dann niedrigere, im letzteren Falle höhere Viehpreise.
Wenn in den früheren Jahren der Einfluß einer ungünstigen Ernte auf die Vieh- und Fleischpreise nicht so in Erscheinung getreten
ist, so muß der Grund darin gesucht werden, daß das Ausland alsdann mit seinem Produk⸗
tionzüberschuß eintreten konnte. Es konnte Vieh und Fleisch nach Deutschland einführen, sobald eben die Konjunktur günstig war, und zog sich wieder zurück, sobald die Viehzucht⸗ verhältnisse in Deutschland sich wieder günstiger gestalteten.
Als indessen von der Regierung den agra⸗ rischen Bestrebungen Rechnung getragen wurde
und durch Sperrung der Grenzen gegen die
Vieheinfuhr sowie durch die Einfuhrvorschriften gegen das ausländische Fleisch die Einfuhr⸗ menge von Vieh und Fleisch heruntergedrückt wurde, konnte das Ausland nicht mehr aus⸗ helfen; und nunmehr müssen die Verbraucher die Konsequenzen dieser Politik tragen.“
Nach einigen Betrachtungen über die Zweck⸗ mäßigkeit einer verbesserten Viehzüchtung in Deutschland und Erörterungen über lokale Verhältnisse in Offenbach heißt es dann in dem Gutachten weiter:„Deutschland wird weder jetzt noch in Zukunft in der Lage sein, den für seine große industrielle Bevölkerung erforderlichen Fleischbedarf aus eignen Mitteln zu decken. Wenn die Vieh⸗ und Fleischpreise so weiter steigen, dann wird sich die Regierung doch ver⸗ anlaßt sehen, die Grenzen für die Einfuhr von Schlachtvieh zu öffnen, selbstverständlich unter Anwendung der nötigen Schutzmaßregeln, damit nach Deutschland keine Viehseuchen eingeschleppt werden können. Der beste Schutz in dieser Hinsicht ist die möglichst baldige Abschlachtung des Auslandsvieh in besonderen Schlachthäusern. .. Die Regierung kann unter den bestehenden Verhältnissen unmöglich die Grenzsperre aufrecht erhalten. Nur dadurch, daß ste sich solche Viehproduktionsgebiete dienstbar macht, welche verhältnismäßig billiges Schlachtvieh liefern können, kann die immer weiter auf⸗ tretende Fleischteu rung bekämpft und die dar⸗ aus resultierende Unterernährung der deutschen Bebölkerung vermieden werden.“
Dieses gewiß unpartetlische Gutachten be⸗ stätigt die absichtliche, der Liebesgabenpolitik für die Agrarier entsprechende Aufrechterhalung der Grenzsperre, deren Aufhebung schon seit längerer Zeit auch von den Korporationen der Fleischer in vielen Städten verlangt wird.
Neuerdings hat nun die Regierung einige Geheimräte zu einer Untersuchung an die öst⸗ lichen Grenzen des Reiches entsandt, die dort über die Möglichkeit einer Beseitigung oder Ein⸗ schränkung der Grenzsperre befinden sollen. Be⸗ kanntlich schleppen sich solche Untersuchungen und Beratungen der Herren vom grünen Tisch un⸗ endlich hin, und in der Regel kommt dabei nur heraus, was die Regierung wünscht. Inzwischen aber wirkt die Fleischnot fort, die für die Ar⸗ beiter eine immer mehr um stch greifende Unter⸗ ernährung, also eine Kraftminderung bedeutet, die der gesamten Warenproduktion nachteilig ist.
Spürt die arbeitende Klasse in diesem Falle schon die Schädlichkeit der Wirtschaftspolitik der Regierung, so wird sie nach der Inkrafttretung des neuen Zolltarifs, der alle Lebensmittel im Preise steigern muß, die ganze Arbeiterfreundlich⸗ keit dieser Politik noch deutlicher verspüren. Möglicherweise wird dann der Massenhunger dem agrarischen Regime ein Ende bereiten.
(Tab.⸗Arb.)
Politische Nundschau.
Gießen, den 20. Juli 1905.
Fleischer, Fleischnot und Agrarier.
Die„Deutsche Tageszeitung“, das Organ des Bundes der Landwirte, steht sich veranlaßt, einen„Mahnruf an das deutsche Fleischer⸗ gewerbe“ zu erlassen, dessen offenstchtlicher Zweck es ist, den Riß zu verkleistern, der zwischen dem Agrariertum und der sogenannten „Mittelstandsbewegung“ infolge der gegenwärtig herrschenden Fleischnot entstanden ist. Die Berliner Fleischerinnung hat sich genötigt ge⸗ sehen, den Zorn ihrer Kundschaft dadurch von sich abzulenken, daß sie zu ihnen ein offenes Wort über die agrarische Mißwirtschaft und die willkürliche Grenzsperre sagte. Auf der andern Seite hat die agrarische Presse dem


