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Seite 4.
Mittel deutsche Sountags⸗Zoitung.
Nr. 17
teil an Ue berschuß der Gemeinschafts verwaltung, abzüglich der öffentlichen Abgaben) betrug im Rechnungsjahr 1903—04 12,276,337 Mark, was für das Gesamtanlagekapital eine Ver⸗ zinsung von 4,18 Proz. ergibt, während das Schuldkapital eine Verzinsung von 4,39 Proz. zu verzeichnen hatte.
Gießener Angelegenheiten.
Arbeiter, Genossen! Küstet zum 1. Mai!
Am 1. Mai demonstrieren wir: Für den Achtstundentag! Für gesetzlichen Arbeiterschutz! Für den Völkerfrieden! Gegen den Militarismus! Gegen die kapitalistische Ausbeutung! Gegen die Tyrannei in jeder Form!
— Fröhliche Ostern wünschen wir allen unsern Lesern und Parteifreunden von Herzen. Das Osterfest hat für viele Arbeiter, die Familie haben, größere Bedeutung als die beiden anderen großen Feste. Es ist die Zeit des Schuljahr⸗Beginns und viele Arbeiterkinder verlassen die Schule und treten ins„feindliche Leben“ hinaus oder treten erst in die Schule ein, im einen wie im andern Falle erwachsen den Eltern vermehrte Sorgen. Glücklich die Eltern, denen es gelang, ihre Kinder zu tüch⸗ tigen und brauchbaren Mitgliedern der mensch⸗ lichen Gesellschaft heranzubilden, das gerade für Arbeitereltern infolge unserer ganzen Ver⸗ hältnisse nicht leicht ist. Darum müssen wir stets bemüht sein, an der Besserung derselben mitzuarbeiten. Das dürfen wir auch an den Feiertagen nicht vergessen, vor allen Dingen uns die Agitation für die Parteipresse angelegen sein lassen! Werbe darum jeder einen Abonnenten für die„Mitteldeutsche Sonn⸗ tagszeitung!“
— Einen schönen Osterhasen be⸗ scherten die Agrarier den Gießnern, indem ste den Milchpreis plötzlich um zwei Pfg. pr. Liter erhöhten. Dazu lag unseres Erachtens gar eine Veranlassung vor; die Kosten der Viehhaltung find in der letzten Zeit nicht gestiegen. Durch eine derartige Preis- steigerung werden besonders kinderreiche Familien belastet, für viele dürfte sie eine Mehrausgabe von 20—30 Mk. jährlich ausmachen. Den Vorteil haben aber die Großagrarier; dem Besitzer der Winneröder Höfe und Herrn Bichler als Besitzer der Hardt bringt ver höhere Milch⸗ preis eine jährliche Mehreinnahme von mehreren tausend Mark. Will der Arbeiter aber einige Pfennige mehr Lohn haben, so schimpfen gerade cuch die agrarischen Blätter über„Streikfieber“, Begehrlichkeit und so weiter.
. Konzentration des Kapitals. Die Aktienbrauerei ist von Herrn Bichler aufgekauft worden und wie wir hörten, soll auch der Betrieb von Friedel& Asprion in seinen Besitz übergehen. So fließt das Kapital in immer wenigere Hände zusammen, es bilden sich Rtesenbetriebe, und es wird be⸗ stätigt, was im sozialdemokrattschen Programm als notwendige Entwickelung der kapitalistischen Produktionsweise bezeichnet wird.
— Im Schneiderstreik ist eine Aenderung der Sttuation nicht eingetreten. Wie wir schon in letzter Nr. bemerkten, sind die Unternehmer bemüht, ihre Arbeit außerhalb unterzubringen, was ihnen aber nur selten ge⸗ lingt. Streikbrecher sind so gut wie gar keine vorhanden, weder von hier noch weniger von auswärts. Was an Arbeitskräften vorhanden ist, fällt nicht ins Gewicht. Ein solches„nütz⸗ liches Element“ hat sich in Wetlar gefunden. Jahn heißt der Brave und ist selbstverständlich Krie gervereinler. Die meiste Zeit war er in Wetzlar mit Flicken und Kleiderreinigen be⸗ schäftigt, jetzt ist er aber für Gießen gut genug.
Mögen die Arbetter nur tapfer festhalten, so
muß ihnen der Sieg zufallen.
1 5 Weißbinderbersammlung. In der am Samstag im Orbig'schen Lokale stattgefundenen Weiß⸗ binder⸗, Maler⸗ und Lackierer⸗Versammlung sprach Koll. Zimmermann⸗Frankfurt über die Beschlüsse der
Hamburger General⸗Versammlung und ihre Bedeutung für die Organisation. Vor Eintritt der Tagesordnung ehrten die Anwesenden den vor Kurzem in Wiesbaden verstorbenen Kollegen Gerhold durch Erheben von ihren Plätzen. Redner gab in kurzen Zügen ein Bild der Verbandstagsverhandlungen und ging auf die wich⸗ tigsten Beratungsgegenstände näher ein. So soll zu⸗ künftig mehr für Agitation, Unterstützung von Streiks, sowie bei Krankheits⸗ und Sterbefällen aufgewendet werden. Das trage auch dazu bei, den starken Wechsel in der Mitgliedschaft einigermaßen zu begegnen; allein im verflossenen Jahre seien 10000 Kollegen aufgenommen worden, die der Organisatton erhalten bleiben müßten. Zur Entfaltung wirksamerer Agitation önd in 12 Be⸗ zürken Bezirksbeamte angestellt worden. Selbstverständlich werde die Hauptkasse dadurch stärker belastet und sei nicht ausgeschlossen, daß eine geringe Erhöhung des Beitrags eintritt. Man war nun der Meinung, daß, wo ein Wille, auch ein Weg sei und diese paar Pfennige geopfert werden müßten. Besprochen wurde noch, ge⸗ legentlich eine Vertrauensmänner⸗Versammlung abzuhalten und mit einer nochmaligen Hausagitation zu beginnen, um wieder alle der Vereinigung noch fernstehenden Kollegen zu gewinnen. Einige erklärten ihren Beitritt.
— Beim Gewerbegericht sind viel⸗ fach Arbeiter, welche Klage erheben wollten, vom Gerichtsschreiber abgewiesen worden. weil nach dessen Anstcht die Klage aussichtslos sei. Wie uns mitgeteilt wurde, kam es sogar vor, daß erst von dem Arbeitgeber, gegen den die Klage gerichtet war, Auskunft eingeholt wurde und daraufhin die Abweisung erfolgte, ohne daß der Vorsitzende überhaupt in die Lage gekommen wäre, die Rechtslage zu prüfen. Darüber zu befinden ist nicht Sache des Ge⸗ richtsschreibers. Dieser hat einfach nur die Klage aufzunehmen und die weitere Entscheidung dem Gericht zu überlassen. Arbeitern, die ge⸗ nötigt sind, das Gewerbegericht in Anspruch nehmen zu müssen, raten wir, sich nicht ab⸗ schicken zu lassen, wenn sie überzeugt sind, daß ihre Klage begründet ist. Vor längerer Zeit wurde uns auch vom Wetzlarer Gewerbegericht ein ähnlicher Fall mitgeteilt. Wenn die Herren Gerichtsschreiber die Streitsachen entscheiden, sind ja Vorsitzende und Beisitzer überflüssig!
— Arbeitsruhe am 1. Mai. Während sonst im Allgemeinen die Beteiligung an der Maifeier durch Ruhenlassen der Arbeit am 1. Mai von Jahr zu Jahr zunimmt, haben die Arbeiter in Gießen bisher davon abgesehen zu feiern, aus leicht er⸗lärlichen Gründen. In diesem Jahre fällt der erste Mai wieder auf einen Wochentag und eine Anzahl Arbeiter sind übereingekommen, den Tag durch Arbeits ruhe zu begehen. Ueber eine Versammlung am Vor⸗ mittag ist jedoch noch kein Beschluß gefaßt.
— Die Mainummer des„Wahren Jakob“ weist einen außerordentlich reichen Inhalt auf und wir können ihre Anschaffung jedem empfehlen. Die 14 Seiten starke Nummer kostet 10 Pfg.
Aus dem Rreise gießen.
n. Die Maifeier in Wieseck findet, wie früher bereits bemerkt, Sonntag über acht Tage(30. April) im„Gambrinus“ bei Wacker statt. In der Versammlung nachmittags wird Gen. Vetters sprechen.
— Bei den Gemeindevertreter⸗Wahlen müssen unsere Genossen in Bezug auf Auswahl der Kandidaten stets mit der nötigen Vorsicht zu Werke gehen. Es kam schon öfters vor, daß sich Leute, nach⸗ dem sie von unsern Genossen in die Gemeindevertretung gewählt waren, sich dieses Vertrauens nicht würdig zeigten, deren Verhalten als Gemeinderat alles andere, nur nicht sozialdemokratisch war. Von verschiedenen Orten unseres Verbreitungsbezirkes sind uns darüber schon Klagen zugegangen. In Steinberg z. B. kam es vor, daß ein von unsern Genossen gewählter Gemeinde⸗ vertreter unsere Partei geradezu verriet und zu den Gegnern überschwenkte. Ein solcher Mensch ist natürlich niemals Sozialdemokrat gewesen und man hat sich bei seiner Wahl schwer getäuscht. Auf dem nassauischen Parteitage in Frankfurt wurden ähnliche Klagen geführt und von verschiedenen Rednern darauf hingewiesen, daß man nur bewährte, tüchtige Parteileute zu Gemeinde⸗ vertretern aufstellen und wenn keine geeigneten vorhanden, lieber von der Wahlbeteiligung Abstand nehmen solle. — Vor Kurzem beschloß auch der sozlaldemokratische Verein in Einsiedel in Sachsen, drei Gemeindevertreter nicht mehr als sozialdemokratische Vertreter zu be⸗ trachten, weil sie für die Bewilligung von Gemeinde⸗ mitteln zum Empfange des Königs gestimmt hatten. Ihren Rücktritt vom Mandate genehmigte der Gemeinderatw
nicht. Selbstverständlich wird durch solche Vorfommnsss die Partei empfindlich geschädigt, weshalb man sich die Kandidaten genau ansehen soll. 5
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. Ihre Maifeier begehen die Wetzlarer Gewerk⸗ schaften durch eine Versam lung am Montag, den 1. Mai abends im Lokale Kyrmse. Gen. Kru m m⸗ Gießen wird über die Bedeutung des 1. Mai sprechen.
* Das entrüstete Reptil. Das Wetzlarer Amtsblatt druckt unsere Notiz„Bismarck⸗Anbetung“ aus voriger Nummer ab und bemerkt dazu:
„Es genügt wohl, das vorstehende elende Mach⸗ werk niedriger zu hängen, um in den Augen aller anständigen Leute die bodenlose Gemeinheit einer Gesinnung genügend zu kennzeichnen, die vor einer solchen Besudelung eines großen Toten nicht zurück⸗ schreckt.“ 8
Das ist Amtsblatt⸗Anstand. Unsern Darlegungen kann es nichts entgegensetzen, weil sie auf Wahrheit beruhen, darum muß es in rudeger Weise schimpfen. Den eisenstirnigen Kanzler als Halbgo.t hinzustellen, gehört allerbings zu den Aufgaben der Amtsbratrpresse, denn Bismarck war ja der Vater der Reptilien, die er aus dea berühmten Welfenfonds gut fütterte. Ueber die Qualität dieser würdigen„Patrioten“ war er sich jedoch klar, erklärte er doch selbst:„Anständige Leute schreiben nicht für mich.“ Was übrigens in unserer Notiz gegen Bismarck gesagt war, muß als harmlos bezeichnet werden, es ist noch nicht das Tausendstel dessen, was man ihm mit vollem Recht vorwerfen kann. Für das Scszialistengesetz allein, das er über die deut⸗ schen Arbeiter verhängte und durch das Tausende ehr⸗ liche, brave Leute auf das Schändlichste drangsallert, verfolgt und in's Elend gestürzt wurden, hätte er zehn⸗ fach die Todesstrafe verdient, ganz abgesehen von dem Emser Depeschen⸗Schwindel, dessen Folgen Hundert⸗ tausenden im französischen Kriege das Leben kostete. Diese Taten schafft keine Lobhudelei und Beweihräuche⸗ rung der Götzendiener aus der Welt. Selbst das nationalliberale Leipziger Tageblatt schrieb kürzlich, daß der Byzantinismus so um sich gefressen habe, daß eine Gegenströmung nicht ausbleiben könne. Im Uebrigen hat der Anzeiger durch Abdruck unserer Notiz seinen Lesern wenigstens einmal etwas Vernünftiges geboten, 900 all' den Kriegervereinsfestreden und sonstigem blöden
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h. Zum Bau einer Nebenbahn von Wetzlar nach Butzbach, die schon längst gefordert wurde, hat das hessische Staatsministerium dem Bürgermeister von Wetzlar die Erlaubnis erteilt, Vermessungen und Vor⸗ arbeiten auf hessischem Gebiete vornehmen zu lassen.
Das bedeutet hoffentlich einen Schritt nach vorwärts
in dieser Angelegenheit.
J. Kriegervereins⸗ Agitation wurde bei der Kontrollversammlung in Rodheim von Seiten des Majors sehr lebhaft betrieben. Jeder Krieger vereinler muß bei der Kontrollversammlung mit Abzeichen er⸗ scheinen, außerdem ließ er aber die Nicht⸗Kriegervereinler extra den Hut hochheben, zählte sie und erklärte, daß er zum Herbst wieder feststellen werde, wieviel dem Krieg ervereine beigetreten seien. Eine derartige Agitation gehört entschieden nicht zu den Befugnissen des Kontroll⸗ offiziers; wir finden es ungehörig, wenn von dieser Seite die Leute beeinflußt werden, irgend einem Vereine beizutreten. Verständige Arbeiter wissen, was sie zu tun haben, sie wollen von jenen arbeiterfeindlichen Ge⸗ bilden nichts wissen.— Am Abend der Kontrollver⸗ sammlung schlugen sich die Krieger aus Krumbach die Köpfe blutig, wie das zur Feier dieses Tages auch an andern Orten geschah.
Westerwald und Anterlahn.
t. Landrätlicher Uebereifer. Zwischen der Stadt Hachenburg und dem Landrat des Kreises Marienberg, Büchting, besteht ein gespanntes Ver⸗ hältnis, von dem man nicht weiß, wie es entstanden ist. Darunter hat die Stadt aber zu leiden. Kürzlich be⸗ schloß die Stadtverwaltung, an Stelle des verstorbenen Kreis⸗Tierarztes Emmel, einen Stadt⸗Tierarzt anzustellen.
Die Stadt garantierte dem Tierarzt unter Anrechnung
der Einkünfte aus der Fleisch⸗ und Trichinen⸗Beschau ein Einkommen von 3600 Mk. Der engagierte Tierarzt
trat am 1. März seine Stellung an und da seine Papiere
einwandfrei waren, dachte man, der Landrat würde sein Gesuch um Uebertragung der Fleischbeschau sofort ge⸗ nehmigen. Umsomehr, da von Hachenburger Metzgern eine Menge Fleischwaren nach den großen Städten ver⸗ sandt werden und diese ohne den tierärztlichen Stempel nicht die Freizügigkeit besitzen. Die Stadt hatte also ein großes Interesse daran, daß die Fleischbeschau aus den Händen des Laien⸗Beschauers auf den Tierarzt über⸗ tragen würde. Der Trichinenbeschauer wohnt sogar 8 Kilometer entfernt. Trotz wiederholter Vorstellungen und Gesuche seltens des Magistrats wurde die Sache nicht erledigt, bis der Magistrat beschloß, durch eine Deputation beim Regierungspräfidenten vorstellig zu erden. Just am Tage, als die Deputation
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