Seite 2.
Witteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 17.
in allen Fragen, über seine Staatsverfassung sowohl, wie über seine Wirtschaft, wie über seine Nationalität. Haben wir aber erst einmal diesen Standpunkt gewonnen, so lernen wir auch die patriotischen Märchen in ihrer wahren Gestalt kennen: der der Lächerlichkeit und Un⸗ moral. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, erhellt es sonnenklar, daß zum Beispiel die jüngere und die jüngste Geschichte Deutschlands auf dem Gebiete der Völkerkonflikte ihrem innersten Wesen nach nicht etwa, wie die Pa⸗ trioten, ihrer Auffassung vom Wesen des Vater⸗ landes entsprechend, annehmen, eine über alle Begriffe glorreiche, sondern eine im höchsten Grade traurige war. Unter diesem Gesichts⸗ winkel betrachtet, wird zugegeben werden müssen, daß wir eine ethisch nicht zu rechtfertigende Handlung begangen haben, als wir(d. h. eine unserer damaligen Regierungen, für die wir heute allerdings nur noch insofern verantwortlich gemacht werden können, als wir sie noch nach⸗ träglich bejubeln und bekräftigen) uns einstens einen Teil Polens aneigneten. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, werden wir uns klar, daß wir unser eigenes gerechtes Nationalgefühl entweiht und entehrt haben, als wir nach vielen mißglückten Versuchen im Jahre des Heils 1864 von Neuem ausrückten, unsere unter dänischem Joche seufzenden deutschen Stammes⸗ brüder in Schleswig⸗Holstein zu befreien und
mit den dänischen Kreisen Hadersleben und.
Flensburg in der Tasche wieder zurückkehrten, also: vom Drucke befreiten, durch neue Unter⸗ drückung, das Unrecht nicht beseitigten, sondern nur aus einem dänischen in ein deutsches um⸗ wandelten, die schlimmste Verhöhnung, die der Nationalismus, der im Namen eines Prinzips ausgezogen ist, sich je zugefügt hat! Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, sehen wir, daß, als er im Jahre 1866 die Deutsch⸗Oesterreicher gewaltsam aus dem Reiche und der Gemein⸗ schaft ihrer Kulturbrüder ausstieß, der bis⸗ märckisch⸗hohenzollernsche Patriotismus nicht etwa national, sondern direkt antinational ge⸗ handelt und seine eigene Nattonalität verstüm⸗ melt hat. Unter diesem Gesichtswinkel endlich betrachtet, werden wir auch mit Ingrimm ge⸗ wahr, daß wir selbst in dem Augenblicke, als wir unseren nationalen Einheitsstaat begrün⸗ deten, durch die Wegnahme Elsaß⸗Lothringens jenes innerste Prinzip der Menschenwürde ver⸗ letzt haben, das da befiehlt, jedem Volksstamm unter allen Umständen das Recht der freien Willensäußerung und bedingungslosen Selbst⸗ bestimmung zu wahren.
Fremde Gebietsteile wider ihren Willen zwangsweise festzuhalten, verstößt immer gegen den wahren nationalen Stolz. Weit entfernt, wie Gedankenlosigkeit und Größenwahn so oft annehmen, ein Titel des Ruhmes zu sein, liegt in der Tatsache, ein Volk niederzuhalten, ein Grund tiefer Scham für das unterdrückende Volk. Das deutsche Volk, welches auf sich hält, muß bei dem Gedanken vor Scham ver⸗ gehen, daß sich innerhalb seiner Landespfähle Millionen von Mußdeutschen befinden, die nicht freies Moralgesetz, sondern äußerer— physischer und materieller Zwang dazu bewegt, Deutsche zu sein. Muß deutsche: welche Be⸗ schimpfung deutschen Namens. Daher wird der wahrhaft national empfindende Deutsche die Polen, Dänen usw. nicht zu germanisieren, d. h. ihrer Kultur und Sprache verlustig zu machen suchen, sondern er wird ihre Beslreh ungen nach völkischer Unabhängigkeit für ebenso berechtigt halten, wie die einstigen Freiheits⸗ kämpfer des eigenen Volkes.
Die Arbeiterschaft aber weiß es nur zu gut, daß die nationale Unterdrückung nichts weiter ift, als eine Frucht vom Baume des kapita⸗ listischen Herrschaftsgelüstes. Sie läßt sich durch patriotische Phrasen nicht mehr täuschen.
—— ˖ r
Politische Rundschau.
Gießen, den 20. April 1905. Folgen der Zollpolitik.
Aus Sachsen wird mitgeteilt, daß die Firma Gutberlet, Prägeanstalt für Papp⸗
verzierungen, Reklameartikel, Spielwaren ꝛc., in Gemeinschaft mit der Firma Oskar Breuer die Fabrikation ihrer Erzeugnisse für Oester⸗ reich⸗Ungarn nach Aussig in Böhmen ver⸗ legt. In einem Schreiben an den Verband sächstscher Industrieller bezeichnet die Firma den
ungünsttigen Handels vertrag mit Oester⸗
reich⸗Ungarn als Beweggrund dieser Geschäfts⸗ verlegung.
Verteuerung des Fleisches.
Um mehr als die Hälfte sind die Preise des Schweinefleisches seit dem Vorjahr in die Höhe gegangen. Die Befürchtung, daß auch während der Monate März und April
die Schweinepreise nicht zurückgehen, sondern
weiter anziehen würden, hat sich fast in allen Gegenden Deutschlands verwirklicht. In der
Regel bringt der Monat März einen Rückgang
der Schweinepreise, da der Auftrieb an den Märkten wieder im Steigen begriffen ist. Im laufenden Jahre bleibt aber der Auftrieb sowohl im März als auch im April hinter dem Vor⸗ jahre zurück. Die geringere Zufuhr dürfte darauf zurückzuführen sein, daß infolge der ungünstigen Kartoffelernte die Zucht von Schweinen einigermaßen beeinträchtigt worden ist. Auch ist zu berücksichtigen, daß die Ver⸗ sorgung des deutschen Marktes mit ausländischen Schweinen sowie die Einfuhr von Schweinefleisch ering sind. Die Einfuhr ist zwar eine Kleinig⸗ eit größer als im Jahre 1904, bleibt aber hinter den Einfuhrziffern des Jahres 1903 bedeutend zurück. Der Import von Schweinen in den beiden ersten Monaten des laufenden Jahres stellte sich auf 11933 Stück gegen 14820 Stück im entsprechenden Zeitraum des Jahres 1903! Die Einfuhr von Schweinefleisch, Schweineschinken und Schweinespeck betrug in den beiden ersten Monaten des laufenden Jahres 20 424 dz gegen 51993 im Jahre 19031 Das ungenügende Angebot begünstigte also eine 1 5 recht merkliche Steigerung der Schweine⸗ reise. g
Die niedrigsten Notierungen bewegten sich im Vorjahre zwischen 34 und 50 Mk., im April des laufenden Jahres dagegen zwischen 56 und 63 Mk. Die beiden niedrigsten Notierungen weichen um 22 Mk. pro 50 kg ab, so daß sich allein schon beim lebenden Tier ein Preisaufschlag von 22 Pfg. pro Pfund gegenüber dem Vorjahre ergibt. Aus dieser Steigerung der Schlachtviehpreise erklärt sich die Verteuerung des Schweinefleisches im Detailhandel. Und leider ist das Ende der Teuerung nicht abzusehen.
Dank an die Sozialdemokratie
für ihr Verhalten zu der Kolonialpolitik wird in der von Dr. Förster und Pastor Müller herausgegebenen Zeitschrift:„Die deutschen Kolonien“ ausgesprochen. Es heißt dort über die letzten Kolonial debatten im Reichstage: „Die Soztaldemokratie nimmt als einzige der Parteien, die noch grundsätz ⸗ lich gegen jede Kolonialpolitik ist, eine eigen⸗
artige Stellung ein. Sie hat sich auf alle Fälle durch ihr wohlwollendes Be⸗ streben, Mißstände beseitigen zu helfen, unseren aufrichtigen Dank verdient, den wir hiermit unumwunden aus⸗ sprechen. Das wird zwar den Jesuiten⸗ und Sozialistenfressern ein Greuel sein, ihnen diene zur Antwort, daß wir Kolonialpolitiker sind und jedem Gerechtigkeit wider⸗ fahren lassen, der uns hilft, den Teufel aus den Kolonien zu treiben, um uns kurz und verständlich auszudrücken.“
Die Sozialdemokratie darf diese Anerkennung um so getroster registrieren, als sie von einer Seite kommt, die zwar in prinzipieller politischer Hinsicht eine der unseren diametral entgegen⸗ gesetzte Haltung einnimmt, die sich aber so⸗ wohl von unserer Kolonialbureaukratie wie von dem bereicherungswütigen Kolonialabenteuertum 85 weit entfernt hält. Leider sind diese be⸗ onnen anständigen Elemente in jeder Kolontal⸗ politik stets als unbequeme Idealisten an die Wand gedrückt worden. Bei unserer deutschen hen wird es ihnen nicht anders ergehen.
Agrarierhäuptling gegen Großherzog.
Der dicke, bei der letzten Wahl aus dem Reichs⸗ tag hinausgewählte Bündlerführer Oertel denunziert in seiner Deutschen Tageszeitung den Großherzog von 115 als Zerstörer der Mo⸗ narchie. Oertel führt lebhaft Klage über das „gefährliche Spiel“, das in Hessen Großherzog und Regierung angeblich betreiben. Der hessische Finanzminister Gnauth hat bekanntlich die Ausführungen unseres Genossen Ulrich als „ein gesundes Gegengift“ gegen das La⸗ mento der wohlhabendsten Klassen über drückende Steuerlast bezeichnet und der Großherzog hat. diesem Minister erneut volles Pertrauen aus⸗ gesprochen. Der Vorgang, meint der agrarische
Held, sei geeignet,„in den Kreisen der ruhigen
staatserhaltenden Bürgerschaft Bedenken und vielleicht sogar Verwirrung anzurichten.“ Herr Oertel schildert alsdann die Gefährlichkeit der Sozialdemokratie, mit der es eine Aussöhnung nicht geben kann, und bietet sich und die Seinen als zuverlässigste Monarchisten an:„Wer, wie
wir, unbedingt auf dem Boden der Monarchie
steht, wer die monarchische Verfassung nicht nur für notwendig, sondern für die beste und ge⸗ deihlichste hält, der hat die unabweisbare Pflicht, auf diese Gefahr hinzuweisen.“— Der„Vor⸗ wärts“ bemerkt dazu: Leider ist der Eifer der „Deutschen Tageszeitung“ des Herrn Oertel. für jenes Wort unvergessen, daß die Bauern vor den Thronen nicht Halt machen würden, wenn nicht genug Zollerhöhung gewährt würde. Jetzt behauptet das bünd⸗ lerische Blatt in allzu aufgetragener Phari⸗ säerei seinen„unbedingten“ Monarchismus, um desto eifriger gegen einen Monarchen vor⸗ zugehen, welcher sich erdreistet, die wider⸗ wärtigen Klagen der Wohlhabenden über drück⸗ ende Steuerlast ein wenig zurückzuweisen. So versucht das Agrariertum jede freiere Regung der Throninsassen zu lästern und zu bedrohen. Man vermag daraus zu schließen, wohin der Monarchismus der„D. T.“ geraten würde, wenn ein Fürst gründlichen Schutz der Arbeiter⸗ dachten vor Junkergewalt durchzusetzen ge⸗ ächte.
Kapitalistische„Entbehrungslöhne“.
Die Anilin⸗ und Sodafabrik bringt für das Jahr 1904 aus 10,8 78,73 2 Mark Gewinn 24. Prozent Dividende zur Verteilung.— Die Zellstofffabrik Waldhof hat für das ab⸗ gelaufene Geschäftsjahr einen Reingewinn von 3,2 97/3 48.40 Mark zu verzeichnen, woraus nach hohen Abschreibungen 15 Prozent Dividende verteilt werden.— Ferner machte der Norddeutsche Lloyd in Bremen im letzten Jahre einen Ueberschuß von beinahe zwanzig Millionen Mark.— Und die Jute⸗Spinnerei und Weberei in Bremen brachte
Prozent Dividende zur Verteilung. Diese Gesellschaft überwies jedoch dem Arbeiter⸗ fonds 90000 Mk. Damit will man natürlich die Hungerlöhne, durch die man den Arbeitern. erst die 90000 Mk. abpreßte, übertünchen. Ueberall stecken die Aktionäre fette Dividende ein, die Arbeiter können aber schuften und hungern.
Wertzuwachs⸗Steuer.
Die Besteuerung des Grundbesfitzes nach dem gemeinen Wert ist am Donnerstag von der Berliner Stadtverordnetenversamm⸗ lung beschlossen worden. Mit dem Gedanken dieser Besteuerung hat ein Teil der in der Versammlung sitzenden Hausagrarier sich noch nicht befreunden können. Für sie hatte im Februar Herr Wallach den Antrag gestellt, wenigstens für die bebauten Grundstücke die bisherige Besteuerung nach dem Nutzertrag beizubehalten. er angenommen worden wäre, der Grundstücks⸗ spekulation ein kleines Hintertürchen geöffnet.
Aber Herr Wallach unterlag; gegen den An⸗ 4 8 trag stimmten 54 Stadtverordnete, für ihn
eine immer noch ganz stattliche Minderheit— 44 Stadtverordnete. Grundstücke nach dem gemeinen Wert wurde
dann mit der ansehnlichen Stimmenzahl von 4 71 gegen nur 26 beschlossen und ein Zusatz⸗
Dieser Vorschlag hätte, wenn
Die Besteuerung aller 4


