Ausgabe 
22.10.1905
 
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Seite 6.

Mitteldeu che Sountags⸗Zeitung⸗

Nr. 43.

Von Nah und Lern.

Schweinerei in der Bäckerei.

Wieder hatte sich ein Bäckermeister vor Ge⸗ richt zu verantworten, der in höchst gewissen⸗ loser Weise die Gesundheit seiner Kundschaft gefährdete. Dieser Musterbäcker war Füser in Rauxel, den die Strafkammer in Dort⸗ mund zu sechs Wochen Gefängnis ver⸗ urteilte. In Füsers Bäckerei herrschten schänd⸗ liche Zustände. In einem großen Fasse be⸗ wuhrte Füser alte, zum Teil verschimmelte Brot⸗ reste auf. Im Wasser aufgeweicht, ließ er die festen Bestandteile zerreiben und mengte dann die ganze Flüssigkeit, auf der sich in der Regel eine schimmelige Haut bildete, dem frisch anzu⸗ machenden Teig bei. In der Backstube herrschte unbeschreibliche Unsauberkeit. Die Mäuse spa⸗ zierten rudelweise in den Schubladen herum. Gewöhnlich hielt Füser es nicht einmal der Mühe wert, sich die Hände zu reinigen, wenn er die Pferde geputzt oder sich die Nase gereinigt hatte! Das Gericht ordnete an, daß das Urteil zweimal auf Kosten des Bäckers veröffentlicht wird. Noch tollere Schweinereien hatte sich der Bäckermeister Lohr in München zu schulden kommen lassen. Er wurde zu vier Mo⸗ naten Gefängnis und drei Jahren Ehr⸗ verlust verurteilt, außerdem wurde die Publi⸗ kation des Urteils angeordnet.

Sozialdemokratie überall.

Im goldenen Turmkuopf des Rat⸗ hauses zu Leipzig, das vor kurzem mit großem Pomp und unter Verschwendung von 50000 Mk. eingeweiht wurde, befindet sich neben andern Dokumenten eins, das die Väter dieser schönen Stadt wenig amüsieren dürfte. Es lautet:

Zum ersten Male seit der Wiederauf⸗ richtung des Deutschen Reiches ist bei der Reichstagswahl am 25. Juni 1903 der Wahlkreis Leipzig⸗Stadt den bürgerlichen Parteien entrissen worden.

DerVorwärts, dem die Mitteilung über diese Urkunde zugegangen ist, bemerkt dazu ganz richtig: Das ist das beste am neuen Leip⸗ ziger Rathaus, denn diese Urkunde wird ein dauernder Beweis für die wahre Stimmung der Bevölkerung sein, auch wenn der Glanz aller Feierlichkeiten längst verblaßt ist.

Ein Bild aus dem Mittelalter

wurde vor dem Reichsgericht aufgerollt. Wegen Störung einer Beerdigung sind am 21. Nov. v. J. vom Landgericht Freiberg i. S. der Schlosser Greif, der Arbeiter Grohmann und sechs andere Angeklagte zu Strafe verurteilt worden. In dem Dorfe S. wurde am 8. August v, J. auf dem evangelischen Friedhofe der Arbeiter Grohmann(ein Bruder des Ange⸗ klagten) beerdigt. Weil G. sich das Leben ge⸗ nommen hatte, durfte er nur nach 6 Uhr abends beerdigt werden, auch mußten statt der Tücher Stricke zum Hinablassen des Sarges benutzt werden. Der Geistliche war ohne Ornat erschienen und verlas nach dem Vaterunser ein Gebet, das sich gegen den sündhaften Selbst⸗ mord wendete. Diese eigenartige Befolgung des christlichen Wortes: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! kränkte den Bruder und seinen Freund, beide gingen murrend vom Grabe weg. Sie behalten auch ihre Strafe, 50 das Reichsgericht hat die Revision ver⸗ worfen.

Literarisches

Das Elend des Strafvollzuges. Unter diesem Titel ist im Verlage der Buchhandlung Vorwärts eine Broschüre aus der Feder unseres Genossen Gra d⸗ nauer erschienen. In Anknüpfung an das Ergebnis desPlötzensee⸗Prozesses behandelt der Verfasser einige der wichtigsten Fragen des Strafvollzuges. Es sind dargestellt: Das Strafrecht der besitzenden Klassen. Aus der Geschichte des Strafvollzuges. Der Straf⸗ vollzug der Rache. Die Ersolglosigkeit des Straf⸗ vollzugs. Die Disziplinarstrafen. Krankheit und Krankenfürsorge. Geisteskranke und Minderwertige] im Strafvollzuge. Neue Wege.

Die Probleme des Strasvollzugs sind in neuerer Zeit auf die politische Tagesordnung gestellt und dürfen nicht wieder von ihr verschwinden. Die Verbesferung der unseligen Zustände, die im Strafvollzug herrschen, zu finden ist die Aufgabe der hier vorliegenden Schrift.

Der Preis für die 6 Bogen starke Broschllre be⸗ trägt Mk. 1,20, eine auf billigerem Papier hergestellte Ausgabe kostet 50 Pfg. Die Schrift kann von jeder Parteibuchhandlung bezogen werden.

Alkoholfrage und Arbeiterklasse von Dr. R. Fröhlich. Dieses Heft derArbeiter Gesundheits⸗ Bibliothek ist soeben in dritter Auflage erschienen. Der Verfasser war zurzeit mitten auf einer Agitationstour in Deutschland, als er, nachdem er in mehreren Ver⸗ sammlungen über das obige Thema gesprochen hatte, als lästiger Ausländer ausgewiesen wurde. In der Broschüre sagt er nun den deutschen Arbeitern, was er ihnen mündlich nicht mehr sagen konnte.

Die Broschüre kostet 20 Pfg. und ist bei unserer Expedition zu haben.

L Nüchstenliebe.

Müden Schrittes ging Paul Schröder seiner Wohnung zu. Das Haupt auf die Brust ge⸗ neigt, stieg er die vier Treppen der großen Mietskaserne empor, bis er vor der Tür seiner Wohnung stehen blieb. Er klingelte. Seine Frau öffnete, und als sie einen Blick in das müde traurige Gesicht ihres Gatten geworfen hatte, drückte ste mit einem tiefen Seufzer die Tür ins Schloß und folgte ihrem Manne in das bescheidene Wohnzimmer.

Stumm legte Schröder Hut und Stock ab und ging zu dem Bettchen, in dem sein kleines Töchterchen mit fieberglühendem Gesichtchen lag und jetzt dem Vater die heißen Händchen ent⸗ gegenstreckte. In bitterem Schmerz verzogen sich die Züge des Mannes, als er sich über sein Kind neigte. Da lag es krank vor ihm, und er, er konnte nicht helfen, ja nicht einmal Linderung bringen, denn unerbittlich hatte die Not die Schwelle dieses früher so traulichen Heims überschritten. Zwei schwere Tränen rollten über seine bleichen Wangen. Er mußte sich abwenden, denn er konnte den herzzereißen⸗ den Anblick nicht ertragen. Schwer ließ er sich auf einen Stuhl fallen und vergrub stöhnend das Gesicht in den Händen.

Wie glücklich war er bis vor einem Jahr gewesen! Und dann war plötzlich das Unglück gekommen. Er mußte zu einer Waffenübung einrücken. Das war an sich zwar nicht so schlimm, aber bis vor kurzem im Ausland tätig, hatte er es versäumt, sich wie vorge⸗ schrieben zu melden, und so unfreiwillig eine Uebung versäumt. Dafür harrte seiner nun harte Strafe. Er hatte damals im Ausland weniger aus Leichtsinn, als vielmehr aus Furcht, seine gute Stelle zu verlieren, falls er einrücken mußte, die Meldung unterlassen, und dafür war er nun der rächenden Nemesis verfallen.

So blieb er denn nun fast drei Monate fern von den Seinen. Natürlich hatte er auch seinen Posten verloren, den man so lange nicht unbe⸗ setzt lassen konnte.

Gebrochen an Leib und Seele kam Schröder wieder zu seiner Familie. Rastlos begann er nun eine neue Tätigkeit zu suchen, aber so viele Bewerbungsschreiben er auch versenden mochte, das Resultat blieb doch immer ein negatives. So wartete er und schrieb von neuem. Er mußte doch für Frau und Kind sorgen, deren Ernährer er war. Schließlich versuchte er es mit persönlichen Vorstellungen, aber er erntete nur bedauerliches Achselzucken und oft auch herbe Demütigungen.

So ging es nun schon seit Wochen. Die Ersparnisse waren aufgezehrt, der Pfandleiher mußte aushelfen, sollte nicht der bleiche Hunger, dieser furchtbarer Gast, die Schröderschen Wohnung überschreiten. Ein Stück nach dem andern wanderte ins Leihhaus. Zuerst die Schmucksachen, dann die Garderobestücke und so

fort, bis nichts mehr da war. Das Leben ist in der Stadt ja so teuer! Und noch immer hat Schröder keine Beschäftigung gefunden.

Und langsam kam die Not. Schröder wandte sich an Vereine seines Faches und an Mitmenschen, die reich mit Glücksgütern ge⸗ segnet waren. Er wollte, er mußte ja für die Seinen Nahrung beschaffen und die Miete be⸗ zahlen, denn der Hausbesitzer wartet nicht und das Aeußerste wenigstens wollte Schröder verhüten.

Er erinnerte sich eines Wortes, von dem die ganze Welt widerhallt: des in allen Tonarten ort e WortesNächstenliebe. Ueberall

rte von allerlei Wohltätigkeitsakten. Hatte er keinen Anspruch auf so etwas? Ist er mit Familie nicht ebenso existenzberechtigt, wie tausend und aber tausend andere?

Die Vereine und reichen Stiftungen, die für seine Fachgenossen und daher auch für ihn ins: Leben gerufen waren, teilten Schröder mit, daß zu ihrem tiefsten Bedauern ein Punkt in den Satzungen in diesem Falle eine günstige Er⸗ ledigung nicht zulasse. Also man ließ eines toten geschriebenen Wortes wegen eine ganze, unschuldig ins Elend geratene Familie unbe⸗ rücksichtigt!! und die Reichen, an die sich Schröder gewendet hatte? Entweder kam auf die dringende Bitte um Hilfe, diesen Verzweif⸗ lungsschrei eines Unglücklichen gar keine Ant⸗ wort, oder es war zum größten Bedauern nicht möglich, zu helfen. 5

Eigentümlich! Fortwährend brachten die Blätter spaltenlange Lobesartikel über irgend eine Speude dieser hochherzigen, edlen Wohl⸗ täter, und für ihn war nichts übrig! Wo war dieNächstenliebe? Ja, Schröder kannte eben die Welt nicht, sonst hätte er gewußt, daß solche kleine Werke der Wohltätigkeit, um welche er bat, doch nicht in die Oeffentlichkeit ge⸗ drungen wären und daß infolgedessen die Presse auch keine Lobeshymne hätte anstimmen können, die die einzelnen Namen mit einem Glorien⸗ schein umgeben hätte. N i

Wo blieb nur da dieNächstenliebe, die von Kanzel und Katheder der Menschheit schon von Jugend an gepredigt wird? Eine ganze Familie war doch in ärgster Not und Be⸗ drängnis, es waren ja doch auch Menschen, allerdings arme.

Schröder verzweifelte. Der Gedanke an seine Familie allein hielt ihn aufrecht, sonst wäre er unter dem furchtbaren Druck der Ver⸗ hältnisse zusammengebrochen. Woher Geld nehmen, um seine Familie ernähren zu können? Sollte er zum Verbrecher werden? Hätte er doch bloß seine Kenntnisse, seine Arbeitskraft verwerten können, aber es gab ihm ja niemand Gelegenheit dazu.

Täglich ging er trotz aller traurigen Er⸗ fahrungen auf die Suche, täglich kam er trau⸗ riger und entmutigter nach Hause. Alles ver⸗ gebens! Schon stand die Familie Schröder bor dem Schrecklichen, das überhaupt noch kommen konnte, vor der Exmisstion. Was sollte, was konnte er noch tun? Die Reichen hatten ihm nicht geholfen, woher konnte ihm jetzt noch Hilfe kommen? Und zu all dem Schrecklichen kam noch die Krankheit seines innigstgeltebten Kindes, an dem er mit jeder Faser seines . hing.

uch heute war er wieder von solch einem traurigen Gang nach Hause zurückgekehrt und das Herz drohte ihm zu brechen, wenn er daran dachte, daß er noch an demselben Tag mit seiner Frau und seinem Kind auf die Straße gesetzt werden sollte, denn trotz intenstystem Nachdenkens wußte er keinen Ausweg, um dem Hauseigen⸗ tümer die rückständige Miete zahlen zu können Er hätte aufschreien mögen, in bitterem Weh. Von keiner Seite sah er Hilfe kommen!

Es duldete ihn nicht länger in seiner Woh⸗ nung, er konnte den Anblick seines kranken Kindes und seiner weinenden Gattin nicht länger ertragen und er machte sich von neuem auf den Weg.

Planlos irrte er in den Straßen umher. Er konnte niemand ansehen, denn der Anblick glücklicher, wohlhabender Menschen bereitete ihm physischen Schmerz. Woher sollte ihm Hilfe

er von Werken dieser Nächstenliebe,

seiner

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