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Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 43.
nächsten Reichstagswahlen diese Blamage eine vollständige werde.— Uebrigens will diese Ge⸗ sellschaft demnächst auch in Darmstadt eine Filiale errichten, wir werden also Gelegenheit haben, sie noch näher kennen zu lernen, was allerdings gar nicht nötig ist, denn man kennt ste gut genug.— Gegen unser Mainzer Parteiblatt hat, wie berichtet wird, der Sekretär des Verbandes, Dr. Bovenschen eine Belei⸗ digungsklage wegen eines Artikels angestrengt. Also scheinen die Herren in dem Punkte empfind⸗ licher zu sein, als in Bezug auf ihre Gesinnung.
Gießener Angelegenheiten.
— In der Stadtverordneten⸗ sitzung kam es am Donnerstag bei Punkt 10: Zahlungsunfähigkeit der Firma Jäger und Rumpf zu lebhaften Debatten. Stadtverord⸗ nete Gabriel gab in einigen Umrissen ein Bild von der, gelinde gesagt, liederlichen Buch⸗ und Geschäftsführung der Firma; eine Anzahl Leute verlieren ihr Geld, weil sie Vertrauen zu der Firma hatten, deren Ruf gut gewesen und durch die übertragenen großen Arbeiten noch befestigt worden sei. Auch seien in den Büchern Posten gefunden worden, die gegen einzelne Leute Ver⸗ dacht erregen könnten. Herr Schmal! sprach in ähnlichem Sinne, nur noch etwas deutlicher. Nun verlangten der Oberbürgermeister und die Stadtverordneten Kirch, Haubach und Krumm Vorlage des ganzen Materials. Für heute können wir nur soviel sagen, daß tatsächlich Verfehlungen vorzuliegen scheinen. Dabei möchten wir aber ausdrücklich betonen, daß es sich nur um Kleinigkeiten handelt. Wenn die Angelegenheit genügend geklärt ist, kommen wir darauf zurück.— Vergrößerung des Exer⸗ zierplatzes auf dem Trieb stand wieder auf der Tagesordnung. Darüber wurde noch nicht be⸗ schlossen, hoffentlich fallen die Stadtväter nicht um und geben noch Gelände dazu her, auf dem Platze kann ja ein ganzes Armeekorps exerzieren.
— Ueber denstädtischen Fischmarkt, der zur Linderung der Fleischnot einzurichten beschlossen wurde, redete man in der Stadtver⸗ ordneten⸗Sitzung auch wieder herüber und hin⸗ über. Schließlich wurde eine Kommission ge⸗ wählt, von der man hofft, daß sie den Fisch⸗ markt baldmöglichst wieder umbringt. Erklär⸗
licherweise sind die Fischhändler von der Ein⸗
richtung des Marktes nicht besonders erbaut. Doch kann der Schaden, der ihnen dadurch zu⸗ gefügt wird, so bedeutend nicht sein. Man darf übrigens den Einfluß derartiger Notbehelfe nicht überschätzen. Jedenfalls wäre es bedeutend mehr wert, das Oktrol auf Fleisch zu beseitigen. Daß sich die Stadt Mühe gibt, durch solche Maßnahmen einzugreifen ist ja anzuerkennen. Freitag früh wurde zum ersten Male verkauft. Es herrschte sehr starker Andrang, viele Frauen kehrten wieder um, ohne etwas bekommen zu haben. Der Preis war diese Woche aus ver⸗ schiedenen Gründen(Stürme auf der See, starke Nachfrage ꝛc.) ziemlich hoch.
— Walkotte⸗ Rezitation. Der bei uns bestens bekannte Rezitator E. Walkotte wird nächsten Donnerstag, 26. Oktober im Saale des Lenz'schen Felsenkellers Maxim Gorkb's„Nachtasyl“ zum Vortrag bringen. Der junge, rasch berühmt gewordene russische Dichter zeigt uns in diesem Stück das Leben in den unkersten Schichten des russischen Proletariats. Herr Walkotte wird, wie immer das Stück in künstlerischer Weise zum Vortrag bringen.
— Gute Fortschritte hat die Gießener Verwaltungsstelle des Metallarbeiter⸗Verbandes im letzten Vierteljahr gemacht. In diesem Zeit⸗ raum sind nicht weniger als 113 Mitglieder eingetreten, so daß die Mitgliederzahl abzüglich der Abgereisten ꝛc. 359 betrug. Ausgetreten ist nur 1 Mitglied, ausgeschlossen mußten 6 werden und 5 kamen zum Militär. weist einschließlich der Streikrechnung 2417,20 Mark in Einnahme auf, während sich die Ausgabe auf 2334,99 Mk. beläuft. Nur 300 Mark wurden von der Hauptkasse als Zuschuß zu den Streikkosten benötigt, die im Ganzen 1293 Mk. betrugen. Für Reise⸗ und Umzugs⸗ Unterstützung wurden 350 Mk. ausgegeben. Auch bei andern Gewerkschaften in Gießen ist ein recht erfreuliches Anwachsen der Mitgliederzahl zu
Die Abrechnung
verzeichnen. Es wäre sehr zu wünschen, daß alle Gewerkschafts⸗Mitglieder auch Abonnenten der Mittel deutschen Sonntags⸗Zeitung und Mit⸗ glied des Wahlvereins würden!
— Fest der Schneider. Der Schneider⸗ verband Gießen hält Samstag, den 28. ds. Mts. sein 17. Stiftungsfest im Saale des Café Leib ab. Hoffentlich finden sich dazu nicht nur die Berufsgenossen selber zahlreich ein, sondern auch die Mitglieder der andern Gewerk⸗ schaften. Allerdings fällt das Fest insofern etwas ungünstig, als acht Tage vorher das der „Eintracht“ abgehalten wird. Doch bekanntlich sind bei den geselligen Veranstaltungen unserer Gewerkschaften die Aufwendungen für die Teil⸗ nehmer so mäßig, daß selbst dann das Haus⸗ haltungsbüdget eines Arbeiters kaum in's Schwanken gerät, wenn er beide Feste besucht.
— Im Gießener Stadttheater wird diesen Freitag unseres verstorbenen Genossen Rosenow's Komödie „Kater Lampe“ aufgeführt und jedenfalls nächste Woche wiederholt. Wer von unseren Lesern sich das lustige Stück ansieht, wird es nicht bereuen.
Aus dem Rreise gießen.
Zu den Landtagswahlen!
Parteigenossen! Es ist nunmehr an der Zeit, die nötigen Vorbereit⸗ ungen für die Landtagswahlen zu treffen. Vor allem müssen über die aufzustellenden Wahlmänner Beschlüsse gefaßt werden. Als Wahlmänner können nur solche Wähler aufgestellt werden, die mindestens 2,10 Mk.
direkte Staatssteuer pro Ziel bezahlen. Aus Watzenborn⸗Steinberg. Das Loos⸗ holz des Pfarrers war vor kurzem Gegenstand einer Verhandlung vor dem Kreisausschuß. Unsere Gemeinde befitzt eine Loosholzberechtigung aus dem Schiffenberger Dominialwald. Im Jahre 1815 kam auch ein Vertrag zu Stande zwischen der damaligen Oberforstbehörde und der Gemeinde Watzenborn⸗Steinberg, wonach jeder Orts⸗ bürger ein halbes Klafter Holz erhielt. Im Jahre 1850 fand eine neue Regelung statt, die Zahl der Loosholz berechtigten Bürger wurde damals auf 300 festgesetzt. Diese beiden Verträge sind noch vorhanden. Aber seit langer Zeit erhalten nur 299 Bürger dieses Holz und der Pfarrer erhielt 2 Loose, trotzdem in beiden ge⸗ nannten Verträgen keine derartige Bestimmung enthalten ist. Schon mehrmals hat der Gemeinderat auf Antrag unserer Genossen den Versuch gemacht, den Pfarrer den anderen Bürgern gleichzustellen, so erst vor 3 Jahren. Damals hätte eine arme Witwe das andere Loos erhalten, aber der Pfarrer offenbarte sein christliches Herz dadurch. daß er auf seinem Vorrechte bestand und besagte Frau ging noch ein Jahr leer aus. Im Mai dieses Jahres faßte nun der Gemeinderat den Beschluß, dem Pfarrer nicht mehr Holz zu verabfolgen als jedem Bürger. Da⸗ gegen erhob er Einspruch und berichtete unter anderem an das Kreisamt: es sei bedauerlich, daß der Gemeinderat dem Antrag zugestimmt habe, welcher von sozial⸗ demokratischer Seite gestellt set. Letzteres geschah wohl aus dem Grunde, um die Behörde gegen unsere Genossen scharf zu machen, was diese natürlich sehr kalt läßt, sie lassen sich dadurch nicht im Geringsten Furcht einjagen. Am 16. Sept. kam nun die Angelegenheit vor dem Kreis ausschuß zur Verhandlung. Als Vertreter der Gemeinde waren anwesend der Bürgermeister Hirz und die Gemeinderatsmitglieder Pfaff und Haas. Sämtliche alte Akten wurden verlesen und aus einigen, die sich am Kreigamt befanden, von denen aber keine Abschrift im Gemeindebesitz ist, ging hervor, daß 300 Bürger bezugsberechtigt seien und nicht 299 und der Pfarrer doppelt. Der Bürgermeister bestätigte, daß aus den Akten der Gemeinde nirgends ein Vorrecht des Pfarrers hervorgehe; der Gemeinderat habe, gestützt darauf, diesen Beschluß gefaßt. Haas und Pfaff erklärten, ihrer Auf⸗ fassung nach sei es ein Unrecht, wenn die Bürger nicht gleichmäßig behandelt würden und der Pfarrer mehr bekäme als die anderen, während gegenwärtig noch 150 Bürger leer ausgingen. Außerdem brauche der Pfarrer das Holz nicht, sondern verkaufe es zum Teil als Werk⸗ holz, um einen höheren Preis zu erzielen. Während der Verhandlung lief ein Schreiben des Pfarrers ein, worin er sein Fernbleiben von der Verhandlung ent⸗ schuldigt, obendrein aber noch eine Entschädigung ver⸗ langt, weil die Gemeinde sein entzogenenes Holz habe heimfahren und im Freien sitzen lassen. Bürgermeister Hirz erklärte demgegenüber, daß das Holz nicht minder⸗ wertig sein könne, denn es sei rechtzeitig gespalten worden. Nach kurzer Beratung verkündete der Kre⸗sausschuß sein Urteil zu Gunsten des Pfarrers. Er hat also„Recht“. Die große Mehrheit uuserer Gemeindeangehörigen ist allerdings anderer Anficht. Sie meint, es würde einem Diener Christi besser anstehen, wenn er weniger auf sein formales„Recht“ pochte, namentlich, da andere
ärmere Leute darunter leiden. Die Ansprüche, die er in seinem Privatinteresse an die Gemeinde stellt, be⸗ laufen sich auf einige Hundert Mark. Die Ortsein⸗ wohner wünschten daher, daß er etwas mehr von Be⸗ scheidenheit merken ließe, welche christliche Haupttugend ihm in hohem Maße eigen ist.
r. In Steinber 9 findet Samstag, den 21. Oktober, abends ½9 Uhr eine öffent⸗ liche Versammlung im Saale grünen Baum“ statt, in der Gen. Vetters⸗ Gießen über der. Parteitag in Jena sprechen wird. Diese Tagesordnung bietet eine Fülle des Interessanten, weshalb die Partei⸗ freunde für recht guten Besuch der Versamm⸗ lung bemüht sein und auch die Frauen mit⸗ bringen wollen.
Aus dem Lr eise Wetzlar.
h. Einem schrecklichen Unglücks⸗ falle fielen in der Nacht vom Samstag zum Sonntag unser Genosse Schuhmacher Heinrich Heberling und seine Frau zum Opfer. Beide wurden durch ausströmendes Gas ge⸗ tötet. Im Hause des Schreinermeisters Stroh, Rosengasse 8 machte sich am Sonntag früh Gas⸗ geruch bemerkbar, obwohl im Hause selbst gar keine Gasleitung liegt. Der Hausbesttzer schickte trotzdem nach der Gasanstalt, damit die Sache untersucht werde. Unterdes fiel es auf, daß in der im ersten Stock gelegenen Heberling'schen Wohnung sich noch nichts regte und es stieg deshalb jemand auf eine Leiter und sah zum Fenster hinein. Er sah Heberling etwas zur Seite geneigt, anscheinend leblos auf dem Bette sitzen. Sofort brach man die Tür auf und fand beide Ehegatten, die Frau im Bette liegend, tot vor. Trotz der sofort durch den herbei⸗ geholten Arzt Dr. Belgard angestellten Wieder⸗ belebungsversuche war es nicht möglich, die Verunglückten in's Leben zurückzurufen.— In Heberling verliert unsere Partei ein eifriges und opferwilliges Mitglied. Er fehlte selten bei Versammlungen und sonstigen Parteiver⸗ anstaltungen. Die Wetzlarer Parteigenossen, die sich zahlreich an der am Dienstag Nach⸗ mittag erfolgten Beerdigung beteiligten, werden ihm ein gutes Andenken bewahren.
Zu dem beklagenswerten Unglück set noch bemerkt, daß sich bei der Nachgrabung ein Bruch der Röhrenleitung, die dicht am Hause hinläuft ergab. Das Rohr sperrte ziemlich weit auseinander und Gas muß in großer Menge entströmt sein, das jedenfalls durch die durchlässigen Grundmauern in das Haus drang und an den Wänden emporstieg. Merk⸗ würdigerweise war es in die Wohuung des Erdgeschosses nicht eingedrungen, während die Kiuder der im zweiten Stock wohnenden Familie schon Gas eingeatmet hatten und sich erbrechen mußten. Das Unglück hätte leicht noch mehr Opfer hinwegraffen können. In der Rosengasse soll, wie uns mitgeteilt wird, die Gasleitung sich in einem nicht besonders gutem Zustande befinden. Mißfällig wurde bemerkt, daß bei der Beerdigung kein Vertreter der Stadtver⸗ waltung,— die doch bis zu einem gewissen Grade verantwortlich gemacht werden muß— anwesend war. Es handelt sich ja allerdings nur um arme Schuhmachersleute, dazu auch noch um einen Sozlaldemokraten!
h. Viehseuchen werden nach Darstellung agrarischer Agitatoren bekanntlich vom Aus⸗ lan dee eingeschleppt und darum müssen auch „im Interesse der Seuchenverhütung und der Volksgesundheit“ die Grenzen gesperrt und darf kein ausländisches Vieh hereingelassen werden. Aber in einer einzigen Nummer des Wetz⸗ larer Amtsblattes(Nr. 273) werden nicht weniger als sechs Fälle von Viehseuchen und die deshalb angeordnete Gehöftsperre amtlich bekannt gegeben. Da ist Rotlaufseuche in Oberquembach, Bollnbach, Langgöns und Gladenbach, die Schafräude in Hochelheim und der Rauschbrand in Utphe ausge⸗ brochen. Und fast täglich liest man derartige Bekann'machungen. Diese Seuchen sind doch sicher nicht vom Auslande eingeschleppt; trotz⸗ dem darf keine Vieheinfuhr stattfinden, weil
sonst die Viehpreise nicht nach Herzens⸗ lust in die Höhe getrieben werden können. Dieser Tage wurde übrigens im bayrischen Land⸗
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