Ausgabe 
22.10.1905
 
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Nr. 43.

Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.

Seite 3.

mahl wurde ihm vom Kaiser zugerufen:Sie ind mein Mann! und daraufhin erfolgte seine Berufung. Die Industrie-Kapitalisten jubelten damals, als einer der ihren, der dasdurch Fleiß und Intelligenz emporgekommene Bürger⸗ tum darstellte, Minister wurde und sie setzten große Hoffnungen auf ihn, er sollte durch eine arbeiterfeindliche Gesetzgebung ihre Profite und ihre Macht erhöhen und sichern helfen. Doch Möller entsprach nicht ihren Erwartungen, so sehr er auch bemüht war, den Interessen seiner Berufsgenossen zu dienen. Man war auf allen Seiten mit ihm unzufrieden. Mit dem Ver⸗ staatlichungsprojekt der Hibernia hatte er be sonders Pech und das führte schnell zu seinem Ende. Sein Nachfolger ist der Oberprästdent Westpreußens, Klemens Delbrück geworden. Wie gewöhnlich kommt nichts besseres nach.

Einen Sieg des Polentums

bedeutet zweifellos das Resultat der Reichstags⸗ Ersatzwahl von Kattowitz⸗Zabrze, das allge⸗ mein überraschte. Die berests in der vorigen Nummer angegebenen Stimmenzahlen haben sich durch die endglltigen Feststellungen nicht wesent⸗ lich verändert. Während man allgemein Stich- wahl erwartete, und besonders das Zentrum bestimmt hoffte, entweder mit dem Polen oder dem Sozialdemokraten in Stichwahl zu kommen und dann natürlich zu siegen, stegte statt dessen der Pole Korfanty im ersten Wahl⸗ gange mit 23 208 Stimmen, erhielt also fast 12000 Stimmen mehr als bei der Wahl von 1903. Dagegen büßte das Zentrum fast 11000 Stimmen ein(1903 hatte es 19 992, diesmal 9012), trotzdem es in dem polnischen Pfarrer Kapitza einen auch den Polen genehmen Kandi⸗ daten aufgestellt zu haben glaubte. Für den nationalen Kandidaten Voltz, der 7610 Stim- men erhielt, haben nicht nur das Beamtentum und die Werksbesitzer alle Hebel in Bewegung gesetz', sondern sicher auch die den besitzenden Kreisen angehörenden Zentrumsleute. Unser Genosse NMorawski erhielt 4778 Stimmen, wir verloren also gegen 1903 über 5000. Dieser Rückgang ist nur aus den das polnische Volk Oberschlestens beschäftigenden nationalen Fragen und ihrer wirksamen Ausnützung durch den Radikalpolontsmus zu erklären. Natürlich tat auch die skrupellose Hetze Korfantys und seiner Helfer das ihre. Alles was an Ver leumdungen und Lügen gegen die Sozialdemo⸗ kratie jemals vorgebracht worden ist, wurde von Korfanty und seinen Helfershelfern dies- mal ins Gefecht geführt, Und leider war die Sozial demokratte nicht in der Lage, diesen er⸗ bärmlichen Verläumdungsfeldzug durch ihre Agitatton erfolgreich durchkreuzen zu können. In dem ganzen riesigen Wahlkreise mit seinen 300,000 Bewohnern stand ein einziges, kaum 300 Personen fassendes Versammlungslokal der Sozialdemokratie zur Verfügung.

Trotz des sozialdemokratischen Verlustes haben die Bürgerlichen zum Jubel keine Ver⸗ anlassung. Denn mindestens zwei Drittel der Stimmen Korfantys stammen von unzufriedenen, durch die Regierungspolitik aufs äußerste ge⸗ reizten Arbeitern, denen Morawski und Kor⸗ fanty gleich galt. Nachhaltige Agitationsar⸗ beit eri wird auch dort die Arbeiter- schaft zu besserer Erkenntnis und unsere Sache vorwärts bringen.

Die Landtagswahlen in Baden

finden diesen Donnerstag, den 19. Oktober statt. Unsere Parteigenossen haben in allen 73 Wahl- kreisen Kandidaten aufgestellt und wir dürfen erwarten, daß die sozialdemokratische Partet um einige Mann stärker als bisher in den neuen Landtag einziehen wird. Vielleicht können wir noch in dieser Nummer unterLetzte Nach⸗ richten einige Resultate veröffentlichen. Die Wahlen sind diesmal von besonderer Bedeutung, es kommt hier zum ersten Male das direkte Wahlrecht zur Anwendung, das sich das badische Volk endlich erkämpfte.

Bisher war unsere Partei sechs Mann stark imLandtage vertreten, ebensoviel hatten die Demo⸗ kraten, während die Nattonalliberalen über 25 und das Zentrum über 23 Mandate verfügte.

Lösung der Union zwischen Schweden und Norwegen.

Nunmehr ist die Trennung der beiden nordischen Staaten endglltig beschlossen und es handelt sich jetzt darum, daß jeder der beiden sich für sich einrichtek. In Schweden hat der Sonderausschuß des Reichstags ohne Be gründung vorgeschlagen, daß die Reichsakte aufgehoben und die Regierung ermächtigt werde, Norwegen als selbstständigen Staat anzuer⸗ kennen. In Norwegen wird nun darüber zu entscheiden sein, wie die zukünftige Staatsform beschaffen sein solle, ob repub⸗ likanisch oder monarchisch. Von der norwegischen Soztaldemokratie wird entschieden die Volksabstimmung über diese Frage ge⸗ fordert und eine in letzter Woche in Christiania stattgehabte Versammlung beschloß, ein Komitee zur Ausarbeitung einer republikanischen Verfassung niederzusetzen.

Es sind von anderer Seite aber auch Be mühungen im Gange, einen schwedischen oder dänischen Prinzen zum König von Norwegen zu machen. Wenn die Norweger klug sind, lassen ste das bleiben, denn ein König ist stets ein kostspieliges Möbel.

Revolution in Rußland.

In Petersburg, wie in Moskau ist es in den letzten Tagen wieder zu förmlichen Straßen⸗ schlachten gekommen. Die Setzer in Petersburg traten in den Streik, infolgedessen konnten keine Zeitungen erscheinen. Verschiedene Zu⸗ sammenstöße zwischen Streikenden und Truppen fanden statt, wobei es viele Verwundete gab. Der Führer der Liberalen in Moskau Fürst Trubetzkoi, starb plötzlich in Petersburg, wie es heißt, an Gift. Bei Ueberführung seiner Leiche nach dem Bahnhofe hieben Kosaken auf die die Leiche begleitende Menge ein. Viele wurden verwundet. Die revolutionäre Be⸗ wegung nimmt stets zu.

Zu den hessischen dandtagswahlen.

Angesichts der bevorstehenden Landtags wahlen sst es dringend erforderlich, daß sich unsere Parteigenossen in Stadt und Land mit dem Wahlgesetz vertraut machen, damit von vornherein Irrtümer vermieden werden, die nachher nicht wieder gut zu machen sind. Wir stellen im nachfolgenden die wichtigsten Be stimmungen über die Wahlen zum Landtag zu⸗ sammen und bitten unsere Leser, für die nötige Aufklärung in Bekanntenkreisen Sorge zu tragen.

Genau wie bei der Reichstagswahl werden die

Wählerlisten in die alle wahlberechtigten Männer eingetragen sind, zur allgemeinen Einsichtnahme auf den Bürgermeistereien ausgelegt. Die Auslegung findet nur an drei Tagen t

tatt. g Wahlberechtigt ist und muß demnach in die Wählerlisten eingetragen werden jeder 25 Jahre alte Hesse, der seit dem 1. April 1905 irgend welche(Staats- und Kommunal) Steuern zahlt.

Zwei Wahlgänge sind bei der Landtagswahl erforderlich. Im ersten Wahlgang wählen die Urwähler die Wahlmänner; im zweiten Wahlgang, der etwa 8 Tage nach der Wahl wännerwahl statt⸗ findet, wählen die Wahlmänner den Abge⸗ ordneten.

Zum Wahlmann kann jeder 25 Jahre alte Hesse gewählt werden, der mindestens 80 Mk. Normalsteuer⸗ kapital versteuert.(Dieser Steuerlelstung ge⸗ nügt, wer pro Ziel mindestens 2,10 Mk. direkte Staatssteuer bezahlt.) In der Wählerliste ist jeder Wähler, der als Wahlmann fungieren kann, besonders gekennzeichnet.

Die Wahl der Wahlmänner erfolgt durch relattve Mehrheit, d. h. gewählt sind diejenigen, welche die meisten Stimmen er⸗ halten haben. Eine Ablehnung der Wahl zum Wahlmann findet nicht statt.

Also man merke genau, es ist nicht wie bei

der Reichstagswahl, eine absolute, sondern nur eine einfache Mehrheit nötig. Die Abgeorduetenwahl.

Den gewahlten Wahlmännern muß min⸗ destens zwei Tage vor dem Tage der Wahl des Abgeordneten, eine schriftliche Einladung des Wahlkommissärs zugestellt werden.

Es müssen wenigstens zwei Dritteile der Wahlmänner bei der Wahl der Abgeordneten abstimmen.

Die drei ältesten Wahlmänner sind als Urkundspersonen bei der Wahlkommisston zu nehmen.

Jeder Wahlmann beteuert durch Handge⸗ lübde, daß er nach eigener Ueberzeugung für 1 des Landes seine Stimme abgeben werde.

Gewählt als Abgeordneter ist derjenige, welcher mehr Stimmen hat, als die Hälfte der Wahlmänner, welche abgestimmt haben. Ergibt sich bei der ersten Abstimmung eine absolute Majorität nicht, so ist eine zweite Abstimmung vorzunehmen und derjenige als gewählt anzusehen, welcher die meisten Stimmen hat.

Es findet also beim zweiten Wahlgang keine Stichwahl statt, wie bei den Wahlen zum Reichstag, es entscheidet vielmehr die ein⸗ fache Mehrheit.

Stimmzettel.

Sowohl die Wahl der Wahlmänner durch die Urwähler(erster Wahlgang) als auch die Wahl des Abgeordneten durch die Wahlmänner (zweiter Wahlgang) ist geheim, wie bei der Reichstagswahl.

Die Abstimmung erfolgt durch weiße Stimm⸗ zettel, die zusammengelegt sein müssen.

Bei den Wahlen der Wahlmänner müssen auf den Stimmzettel soviel Namen geschrieben oder gedruckt werden, als Wahlmänner zu wählen sind. Zettel die mehr Namen ent⸗ halten sind unguͤltig.

Pon Nah und Lern. Hessisches.

Der Reichsbettel-Verbandgegen die Sozialdemokratie hat sich eine ver⸗ nichtende Blamage zugezogen. Diese famose unter Führung des Generals v. Liebert und eines Dr. Bovenschen stehende Organisation hat sich bekanntlich zur Aufgabe gestellt, die Sozialdemokratie mit Stumpf und Stiel aus⸗ zurotten, richtiger gesagt, totzuschwindeln und totzuschimpfen. Mit welchen Mitteln diese Gesellschaft arbeitet, hat sich schon bei verschiedenen Wahlen gezeigt. Ihre Agita⸗ toren bezahlte und käufliche Subjekte leisteten im Schimpfen und Verleumden so Außergewöhnliches, daß sich sogar anständige Gegner der Sozialdemokratte darüber entrüsteten. Dabei verstchert der Sozialistentöter-Verband jeder bürgerlichen Partei, ob Zentrum oder Freisinn, ob antisemitisch oder judenfreundlich, daß er im Grunde dasselbe Ziel als sie ver folge und deshalb könne jeder ihrer Ange hörigen seine Groschen in nicht zu geringer Menge dem edlen Zwecke der Sozlalistentöterei zuführen. Da ist aber dem Sekretär ein böses Malheur passiert: er verwechselte die Bettel⸗Briefe, die er an einen Ultramon⸗ tanen in Aachen und an einen Pfaffen⸗ fresser geschrieben hatte! Und die Aus⸗ führungen, die den Zentrumsmann zum Ein- tritt in die heilige Gemeinschaft bewegen sollen, enthalten keineswegs den Nachweis, daß das Zentrum ein Interesse habe, die Bestrebungen des Reichsverbandes zu unterstützen, sondern genau das Umgekehrte steht darin. Das Formular, das man dem ultramontanuen Herrn zugeschickt hatte, war nicht für ihn, sondern umgekehrt für pfaffenfresserische Los⸗ von⸗Rom⸗Kämpfer bestimmt und enthielt das Versprechen, daß es demnächst, sobald man mit der Sozialdemokratie fertig sei, dem Zen trum an den Kragen gehen solle. Natürlich lacht alle Welt über diese ungeheuere Blamage des Sozialistenfresser-Verbandes und die Ar- beiterschaft wird das ihrige tun, damit bei den