Ausgabe 
22.1.1905
 
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Nr. 4.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

haben solle, er wolle alles tun, daß der Ange⸗ klagte auch ferner die Tressen tragen dürfe und seiner militärischen Karriere nicht verlustig gehe.

Mit einer noch gelinderen Strafe kam der Unteroffizier Matern vom Feld⸗ artillerie⸗Regiment Nr. 48, der ebenfalls vom Dresdener Kriegsgericht abgeurteilt wurde, da⸗ von. Er hatte den Rekruten Müller geschlagen, daß er blutete und ihn angeschrieen:Wenn ich Sie nur vergiften könnte, es wäre mir eine große Freude, da brauchte man wentg⸗ stens wieder mal einen Tag nichts zu machen! Dieser menschenfreundliche Marsjünger bekam ganze sieben Tage gelinden Arrest!

Anders dagegen fiel der Kanonier Weber, auch Feldartillerist, vor demselben Gericht hinein. Er hatte das ungeheuerliche Verbrechen begangen, auf das Kommando Augen links nur ein klein wenig nach links gesehen zu haben, weil er, wie er angab, wegen eines Pflasters am Halse den Kopf nicht ordent⸗ lich drehen konnte. Trotzdem hielt das Gericht bewußten Ungehorsam für vorliegend und verurteilte den Mann zu sechs Wochen 1 Tag Gefängnis! So sieht die militä⸗ rische Gerechtigkeit aus!

Ersatzwahl in Calbe ⸗Aschersleben.

Nach amtlicher Feststellung wurden bei der Wahl am vorigen Donnerstag insgesamt 39409 gültige Stimmen abgegeben. Davon erhielten: Albrecht, Sozialdemokrat 19013, Placke, natl. 11784, Rahar d, Mittelstandspartei 8147, Fleischer(Zentr.) 454. Es muß somit Stich⸗ wahl zwischen unserm Genossen Albrecht und dem Nationalliberalen Placke stattfinden, die auf den 24. Januar anberaumt ist. Gegen die Wahl vou 1903 sind unsere Stimmen um 1248 zurückgegangen, während die bürgerlichen Stimmen zusammengenommen eine Steigerung um etwa 1000 aufweisen, was man als eine Folge des Auftretens des Mittelständlers an⸗ sehen kann. Der Wahlkreis befand sich von 1893 bis 1898 in nationalliberalem Besitz; 1898 eroberte ihn unsere Partei in der Stich wahl, bei der letzten Wahl siegte sie im ersten Wahlgange. Von unserer Seite werden bei der Stichwahl alle Anstrengungen gemacht werden müssen, um den Kreis zu behaupten. Die MarburgerHess. Landesztg. meint zu dem Wahlausfall, wenn uns der Kreis ver loren gehen sollte, so wäre dasein Symptom der Wirkungen von Dresden und dem, was auf Dresden folgte. Nun, wir haben nach dem Dresdener Parteitage auch recht ansehnliche Erfolge errungen, wahlen, zuletzt erst wieder in Württemberg. Als was fürSymptome sind denn diese anzusehen?

Professor Ernst Abbé,

der Begründer der Karl Zeiß⸗Stiftung, ist in Jena in der Nacht vom Freitag auf Samstag im Alter von 62 Jahren gestorben. Was den Namen Ernst Abbés am meisten in die Oeffentlichkeit trug, ist die Ueberführung seines Privatbesitzes von Milltonenwert in eine un⸗ persönliche Stiftung. Er hat, wo immer man es hören wollte, den Wert der Organisation der Arbeiter weit über alles gestellt, was die Unternehmer bei dem heutigen Stande der Dinge freiwillig den Arbeitern einräumen können, und auch für die Erhaltung seiner eigenen sozialen Schöpfung sah er die sicherste Stütze und Gewähr in einer geschlossenen, sich ihrer Aufgaben und Rechte bewußten Organisation der Arbeiter. Er war der Ansicht, daß große Leistungen der Arbeit nur dort entsprießen können, wo die Liebe und das Interesse an der Arbeit mit der Pflicht zusammenfallen. Diese Erkenntnis war auch der Hauptgrund für seine soziale Schöpfung, die Karl Zeiß⸗Stiftung, mit all ihren Angliederungen, wie Lesehalle, Universitätsunterstützung, Volkshaus, Volks- unterhaltungabende usw. Wird diese Schöpfung vielfach und sehr gegen Willen und Absicht ihres Schöpfers überschätzt, so bewertet die breite Oeffentlichkeit viel zu gering seine Ver⸗ dienste um die Wissenschaft. Hier, und besonders auf seinem Spezialgebiete, der Optik, war er

besonders bei Gemeinde-

bahnbrechend; ihm verdanken wir u. a. die

Theorie des Mikroskops, die Grundlage der modernen mikroskopischen Technik, ohne die die revolutlontierenden Entdeckungen der meisten Krankheitserreger einfach undenkbar sind. Hier ist er direkt zu einem Wohltäter der Menschheit geworden. Bei seiner Beerdigung, die unter riesiger Beteiligung stattfand, legte auch der Metallarbester⸗Verband eine prachtvolle Blumenspende nieder.

Das internationale sozialdemokratische Bureau

hielt am Sonntag in Brüssel eine Sitzung ab, in welcher Vaillant(Frankreich) mitteilte, daß die Einigung der französtschen Sozial⸗ demokratie als Tatsache betrachtet werden könne. Er gab die von den größeren Fraktionen getroffe⸗ nen Vereinbarungen bekannt. Diese Mitteilungen wurden von den Delegierten mit Genugtuung aufgenommen. Nachdem man das Andenken Luise Michels geehrt, wird nach lebhafter Debatte eine Kommisston eingesetzt, mit der Aufgabe, die Stimmenzahl festzulegen, die auf den inter⸗ nationalen Kongressen den soztaldemokratischen Gruppen eingeräumt werden soll. Eine weitere Resolution protestiert gegen die Verfolgung der japanischen Sozialisten durch die japanische Regierung. Bebel hielt abends im Volks- haus eine Rede, wobet er auf den Streik im Ruhrgebiet hinwies und die belgtschen Berg⸗ arbeiter aufforderte, den deutschen Brüdern Solidarität zu beweisen.

Die Wahlen in Ungarn

finden vom 26. Januar bis 4. Februar statt. Die sozialdemokratische Partei hat dazu in 112 Kreisen Kandidaten aufgestellt und geht mit Zuversicht in den Wahlkampf. Das Zentralorgan der Partei erläßt einen Aufruf, in dem es u. a. heißt:

Das Volk Ungarns hat keine Verfassung, nur die Privilegierten des Landes, die besitzende Klasse herrscht, und deshalb ist das Losungswort der Opposition, mit der sie den Schutz der Ver⸗ fassung des Landes verkündet, eine lügnerische, denn fie tut nichts für die Verfassung, sie ver⸗ teldigt nur Vorrechte. In dem Aufruf wird ferner der Nachweis geführt, daß die einzige Rettung aus dem gegenwärtigen Chaos nur das allgemeine gleiche Wahlrecht sein könne. Bei dem dort herrschenden er bärmlichen Wahlrecht sind die Arbeiter fast ganz von der Wahl ausgeschlossen, die Aus⸗ sichten der sozialdemokratischen Partei sind daher äußerst geringe und ihr Eintritt in die Wahlbewegung hat vorwiegend nur einen agi tatorischen Wert.

Nücktritt des französischen Ministeriums.

Am Mittwoch hat das Ministerium Combes dem Präsidenten der Republik seinen Rücktritt agree Er erhielt zwar bei der Abstimmung über die Vertrauensfrage die Mehrheit, doch war diese Mehrheit dem Ministerpräsidenten zu gering. Als Nachfolger Combes kommen Brisson, Rouvier und Sarrien in Frage.

Zur Sszialdemokratie übergetreten

ist eine der vornehmsten und reichsten Frauen Englands Lady War wick, die dem ältesten Hochadel des Landes entstammt. Sie trat der sozialdemokratischen Federation bei und agitiert nun überall, was ihre Anverwandten in nicht geringe Aufregung versetzt.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Für die Kapitulation Port Arthurs soll, wie jetzt berichtet wird, für die Verteidiger noch keine zwingende Notwendig keit vorgelegen haben. Vom allgemein mensch⸗ lichen Standpunkte betrachtet, war es unseres Erachtens ganz recht, daß General Stössel die Festung übergab und damit den fürchter lichen Menschenschlächtereien ein Ziel setzte, wenigstens an diesem Punkte des Krlegsschau⸗ platzes. Anders erscheint die Sache vom mili⸗ tärtschen Standpunkte aus beurteilt. Es mehren

sich die Stimmen, die sich sehr scharf über das Verhalten General Stössels auslassen. Man schreibt das Verdienst des erfolgreichen Wider⸗ stands Port Arthurs offen fast ausschließlich dem gefallenen General Kondratenka zu und verurteilt es sehr, daß Stössel in die Heimat zurückkehrt. Fest steht, daß Stössel über die Zahl der noch in Por: Arthur befind⸗ lichen russischen Truppen unrichtige Angaben machte. Durch Nogis detaillierte Liste des in seine Hände gelangten Kriegsmaterkals ist auch die Annahme widerlegt, daß Stössel aus Munitionsmangel kapitulieren mußte. Er hatte noch 82 670 Granaten, 30000 Kilogramm Pulver und 2266000 Patronen. Von den Japanern wurden 878 Offiziere und 23 500 Soldaten und Matrosen gefangen genommen, während 441 Offiziere und 1100 Marinearbeiter ihr Ehrenwort abgaben, nicht mehr gegen Japan zu kämpfen. 14000 Kranke und Verwundete bleiben in den Hospitälern. Mangel litt Port Arthur nicht, denn Nahrung war noch für zwei Monate ausreichend vorhanden. Die Uebergabe ist unerklärlich.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung

Christliche Unternehmer und christ⸗ liche Gewerkschaften. In der Kruzifix⸗ und Geberbücher⸗Fabrik Fritz Iding in Kevelaer waren Differenzen ausgebrochen, die zu einem Streik führten. Durch Vermittlung der Geist⸗ lichkeit und des Bürgermeisters wurde derselbe schnell beendigt. Man bedenke auch den Skandal: in dem frommen Wallfahrtsort und sogar in einer Kruzifix⸗Fabrik ein Streik! Der Firmen⸗ inhaber versprach schriftlich, seinen Arbeitern das Organssationsrecht nicht mehr streitig machen zu wollen; auch sollteversuchsweise die 10½ stündige Arbeitszeit eingefährt werden. Diesen Vertrag hat er nicht gehalten. Rücksichtslos wirft er die Organisterten aufs Pflaster, reduziert die Löhne und läßt wieder 11 Stunden täglich arbeiten. Iding willHerr im Hause sein. Eine öffentliche Volksversamm⸗ lung beschäftigte sich mit der Sache und es waren eine Anzahl answärtiger christlicher Gewerkschaftsführer erschienen, die das Ver halten des Iding auf das schärfste verurteilten. In einer Resolution, die angenommen wurde, heißt es, daß die Bestrebungen des Iding und der übrigen ihm gleichgesinnten Fabrikanten nur auf die Vernichtung der christlichen Gewerkschaften hinzielten. Diese Vorkommnisse sind der Zentrumspresse sehr unangenehm, denn von einem frommen Zentrumsmann und Gebet⸗ bücher-Fabrikanten sollte man doch etwas mehr Arbeiterfreundlichkeit verlangen.

Gewerbegerichtswahlen. In Würz⸗ burg, wo am Sonntag vor acht Tagen die Gewerbegerichtswahlen stattfanden und zwar zum erstenmale nach dem Proportionalsystem, hatten die Freien Gewerkschaften einen guten Erfolg zu verzeichnen. Auf ihre Liste ftelen 1318, auf diejenige der Christlich-nationalen nur 515 Stimmen. In Konstanz am Bodensee siegte ebenfalls die Liste der Freien Gewerkschaften mit 715 Stimmen gegen 443 christliche.

Lohnkämpfe. Die Differenzen in der Berliner Holz industrie sind nunmehr beigelegt. Eine am Freitag stattgefundene Generalversammlung der Holzarbeiter nahm den von den Delegierten des Holzarbeiter Verbandes mit den Unternehmervertretern ver einbarten Vertrag nach lebhafter Diskusston mit 2478 gegen 971 Stimmen an. Die Bäckergehilfen im Gau Frankfurt a. M. wollen in eine Lohnbewegung eintreten.

Don Nah und Lern.

Hessisches. Ein wandlungsfähiger Abgeordneter.

Wer sich einigermaßen mit politischen Dingen befaßt und mit den politischen Verhältnissen in Oberhessen vertraut ist, wird sich nicht wenig