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Seite 4.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 4.
gewundert haben, als in den Berichten über die Versammlung des Bundes der Land⸗ wirte, die am Sonntag vor 8 Tagen in Alsfeld stattfand, der Reichstagsabgeordnete für Alsfeld⸗Lauterbach, Kreisrat Wallau, als„jüngstes Mitglied“ des Bundes der Land⸗ wirte angeredet und auch als Teilnehmer an der Debatte aufgeführt wurde. Herr Wallau als Mitglied des Junkerbundes? Man traut seinen Augen kaum! f
Vor uns liegen die Flugblätter des Wallau⸗ schen Wahlkomitees von der letzten Reichstags⸗ wahl. Wir wollen daraus nur einige Stellen anführen, die den neuen Bündler in bengalischer Beleuchtung erscheinen lassen. Zur Haupt⸗ wahl bekämpfte und verspottete er die Bündler und ihre Bestrebungen folgendermaßen:
„Doch Ihr Oberhessischen Landwirte, gebt diesen„Berlinern“(gemeint sind die Wangen⸗ heim, Rösike, Hahn ꝛc.) am 16. Juni die gebührende Antwort. Zeigt, daß Ihr nur nach eigenem Ermessen und eigner reiflicher Ueber- legung handeln und nicht in ein Abhängigkeits⸗ verhältnis zu Herren treten wollt, die in erster
Linie die Interessen des Großgrundbesttzers,
speziell Ostelbiens, wahrnehmen.“
Und ferner:—„So sieht der Bindewald aus, der sich verpflichtet hat, 5 Jahre lang nach der Pfeife der ostelbischen Großgrundbesitzer zu tanzen.“
Weiter:„Nur der Bund der Landwirte steht auf dem Standpunkte, daß die Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie nicht weiter berücksichtigt werden, als dies die Rücksicht auf die Landwirtschaft zuläßt.— Also: Erst komme ich, was liegt mir an Dir.“—
Und zur Stichwahl redeten die Wallau⸗ leute also vom Bunde der Landwirte:
„Der 16. Juni ist vorüber, das deutsche Volk hat gesprochen und mit gewaltigen Schlägen die extremen Agrarier vom Schlage der Herren Bindewald und Genossen zu Paaren getrieben. Wo sind sie hin, die so siegesgewis auszogen, die Herren Rösike, Lucke, Hahn, Köhler, Lotze, Gäbel und andere? Hinweggefegt von der parlamentarischen Bühne“ usw.
Man steht, das Wahlkomitee des Herrn Wallau hat es an dem„Gruseligmachen“ vor dem„extremen“ Landwirtebund, dem Ver⸗ treter des ostelbischen Großgrundbesitzes, dem „Berliner“ Vorstand, nicht fehlen lassen. Anderthalb Jahre später ist Herr Wallau „jüngstes Mitglied“ des Großgrund⸗ besitzerbundes, der für die extremsten „Nur⸗Agrarier, auf Kosten der mitt⸗ leren und kleineren Landwirte“(wört⸗ lich im Flugblatte des Herrn Wallau zu lesen) eintritt! 15
Vielleicht erkennen nun auch diejenigen unserer Alsfelder Genossen, welche Herrn Wallau in der Stichwahl unterstützten, daß dies ein Fehler war. So wenig wir einem Bindewald die Stimme geben können, ebenso wenig wollen wir liberalen Mandatsstrebern und ⸗Klebern, die die Farbe mit den Jahres⸗ zeiten wechseln, in den Reichstag helfen. Anti⸗ semiten und Nationalliberale sind an politischer Charakterlosigkeit und Mandatsjägerei einander vollständig ebenbürtig. Freisinn zu seinem Abgeordneten? Oder können wir die Herren Gutfleisch, Metz, Reh ꝛc. als allerjüngste Mitglieder des Bundes der Landwirte begrüßen?
— Bei der Er satzwahl zum Land⸗ tage wurde im Kreise Laubach⸗Schotten an Stelle des verstorbenen Abg. Weidner der Oberförster Conrad gewählt. Welcher poli⸗ tischen Richtung der Mann angehört, weiß man noch nicht so recht.
Gießener Angelegenheiten.
— Bürgerverein. Unter diesem Namen hat sich in Gießen ein Verein zusammen⸗
Was sagt aber der
getan, der schon in die Hunderte Mitglieder zählen soll. Zweck soll nach dem Statuten⸗ Entwurf sein: Aufklärung über stäytische Fragen in den Kreisen der Bürger zu schaffen. Dieses Bestreben ist zu billigen, vorausgesetzt, die Aufklärung wird in einwandfreier, objektiver Weise gegeben und dafür gesorgt, daß unter dieser Flagge nicht Hausbesitzer⸗ und Grund⸗ stücksspekulanten⸗Politik segelt. Die Hauptver⸗
sammlung findet Dienstag Abend in Steins.
Garten statt.
— Stöcke rei in Hessen. Das in Siegen erscheinende christlich⸗soziale„Volk“ bringt in seiner Nr. 13 folgende Notiz aus Gießen:
„Auf der Reise nach Berlin nahm Herr Abg. Dr. Burckhardt an einer vertrau- lichen Besprechung hiestiger und auswärtiger Christlich⸗Sozialen teil. Die politische Lage Hessens wurde dabei besprochen und der Wunsch laut, daß auch in Hessen christlich⸗ soziale Versammlungen stattfinden möchten, damit auch hier unsere Ideen verbreitet und das Volk vor den verderblichen Einflüssen der Sozialdemokratie bewahrt werde.“
Da hätten die Stöckerleute schon etwas früher aufstehen dürfen. Und jetzt müssen ste sich eilen, sonst wirds von dem Volke nicht mehr viel vor der Sozialdemokratie zu„be⸗ wahren“ geben. Die Stöcker'schen„Ideen“ kennt die hessische Arbeiterschaft schon einiger⸗ ma ßen, ist aber nicht so zurückgeblieben, um sich dafür zu begeistern.
— Als ein Arbeiterfest, wie es sein muß, verlief das Gewerkschaftsfest am Samstag Abend in schönster Weise. So ist man das ja auch gewohnt und versteht sich eigentlich ganz von selbst. Der zahlreiche Besuch bewies die Beliebtheit gerade dieses Festes in Arbeiter⸗ kreisen. Das zur Unterhaltung Gebotene war durchweg recht gut, geradezu brillant waren die Leistungen der„Freien Turnerschaft“ und des Gesangvereins„Eintracht“. Auch die Hu⸗ moristen Wehr und Heinde⸗ Frankfurter ent⸗ fesselten Heiterkeitsstürme, ihnen set besonders Dank gezollt.— Leider war Frau Dr. Michels durch Krankheit in der Familie verhindert, die Festrede zu halten, dafür sprang Genosse Krumm ein, der in seinen mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen auf den Nutzen der gewerkschaftlichen Organisation hin⸗ wies und die Notwendigkeit betonte, daß jeder Angehörige des werktätigen Volkes tun müsse, was in seinen Kräften steht, um den Zusammen⸗ schluß der Arbeiterklasse fördern und damit deren Macht stärken zu helfen.— Die Geschenk⸗ verlosung brachte manchem Glückspilze die Be⸗ reicherung seines Haushalts um wertvolle und nützliche Gegenstände, deren eine große Anzahl verlost wurden. Verschiedene Pechvögel ge⸗ wannen allerdings nichts, obwohl sie eine große Anzahl Lose riskierten. Natürlich ließen sie sich dadurch ihre Festesfreude nicht stören, es weiß ja jeder, daß die geopferten Pfennige der allgemeinen Arbeitersache zu Gute kommen.
— Ueber den Streik im Ruhr⸗ kohlenrevier wird in der am Sonntag nachm. ½4 Uhr im Orbig'schen Lokale statt⸗ findenden Gewerkschafts⸗Versammlung Gen. Vetters ein kurzes Referat erstatten. Dieser wichtige Punlt ist nachträglich noch auf die Tagesordnung gesetzt worden. Angesichts des reichen Materials, das die Versammlung zu erledigen hat, ist nicht nur zahlreiches, sondern auch pünktliches Erscheinen notwendig.
— Die Metallarbeiter⸗Ver⸗ sammlung, die am Sonntag im Lokale Orbig stattfand, war sehr gut besucht. Leider war der angekündigte Referent Ehrler⸗Frank⸗ furt am Erscheinen verhindert, trotzdem nahm die Versammlung den besten Verlauf.
Aus dem Rreise gießen.
— Vorträge in Lollar. Nächsten Dienstag, den 24. Januar, setzt Genosse Dr. Michels ⸗Marburg seinen Vortragszyklus fort und spricht über:„Von der französischen Revo⸗ lution bis zum Erwachen des Proletariats 1848“. Zeit und Lokal wie beim letzten Vor⸗ trag: Gasthaus„zur Linde“, abends ½9 Uhr.
Die Parteigenossen wollen sich recht zahlreich i dazu einfinden.
Aus dem Areise qriedberg⸗Püdingen.
d. Ein Gewerbegericht soll nach einem Be⸗ schlusse der Stadtverordneten in Friedberg errichtet werden. Das hätte schon längst geschehen sollen und es ist nur bedauerlich, daß das Gericht nur für die Stadt und nicht für den ganzen Amtasgerichtbezirk Friedberg errichtet werden soll. Denn in diesem Bezirke befinden sich nicht wenige gewerbliche Betriebe und die Zahl der dort beschäftigten Arbeiter ist nicht gering, welche in die Lage kommen, das Gewerbegericht in Anspruch nehmen zu müssen.
* Christliches aus Niederflorstadt. In unserem Dorfe, das größtenteils aus sozialdemokratischen Arbeitern besteht, ist die Frankf. Volks stimme und die Mitteldeutsche Sonnddagszeitung sehr ver⸗ breitet, worüber sich unsere Gegner ungeheuer aufregen. Die beiden Zeitungen werden schon seit Jahren von einem hiestigen 23jährigen Burschen ausgetragen, der körperlich und geistig leidend ist und keiner anderen Be⸗ schäftigung nachgehen kann. Sozialdemokrat ist er nicht. Da nun auch das Evangelische Sonntagsblatt hier zur Verbreitung kommt und die seitherige Trägerin das⸗ selbe abgab, mußte man sich nach Jemand anders um⸗ sehen. Es meldeten sich verschiedene Personen, darunter ein Wagnermeister, der Verbreiter unserer Zeitung und Andere. Durch das Los erhielt der Wagnermeister die Austragung des Blättchens übertragen. Auf Befragen des hiesigen Geistlichen, warum der arme Jörg nicht dazu genommen wurde, erklärte dieser: Jörg sei ganz ausgeschlossen. Jedenfalls, weil er unsere Zeitungen austrägt. So äußert sich die christliche Nächstenliebe in der Praxis! 5
— Kriegervereinliches. Allmählich regt sich doch in Arbeiterkreisen das Bewußsein, daß Sozial⸗ demokraten nicht in Kriegervereine, diese Schutztruppe für Junker und Kapitalisten, gehören. Eine kleine Agitation unserer Genossen hat z. B. in Hainchen, Kreis Büdingen, genügt um die Schutztruppe von 48 auf 22 Mitglieder herunter zu bringen. Ein„Bravo“ diesen Freunden.— Oft hört man, daß nur die An⸗ sprüche auf Unterstützungen die Genossen in Krieger⸗ vereinen festhalten. Das ist falsch; keine Unterstützung ist so hoch, daß ehrenhafte Männer dafür fortwährendes Verleumden und Beschimpfen der Arbeiterbewegung in Kauf nehmen dürfen. Lassen die Arbeiter erst die Hand voll Streber aus den besseren Kreisen unter sich, dürfte es mit der vollmäuligen Kriegervereinsherrlichkeit bald zu Ende sein.— Bei dem Bergarbeiterstreik lassen sich die Krieger gar als Poltzisten gegen ihre Kameraden gebrauchen!
Also Arbeiter heraus aus Vereinen, die euren schlimmsten Feinden Vorspanndienste leisten.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Stadtverordnetensitzung. Die Beratung des städischen Haushaltsetat, die am 11. Januar abgebrochen werden mußte, nahm am Montag noch die ganze Sitzung in Anspruch. Einnahme und Ausgabe sind nach dem Voranschlag mit etwa 528000 Mk. in Ansatz gebracht. Neben sonstigen Einnahmen sind die Steuersätze in dem Prozentverhältnis des Vorjahres ver⸗ blieben und beträgt die Umlage aus der Grund steuer 5 395 Mk., Gebäudesteuer 46238 Mk. Gewerbe⸗ steuer 29901 Mk., Einkommensteuer 137 064 Mk. Bezüglich der Grundsteuer ist eine Einschätzung nach dem gemeinen Wert geplant. Neu beschlossen wurde ein Zuschlag zur Betriebssteuer für das Schankgewerbe, während die Biersteuer als Projekt fallen gelassen wird. Unter den Ausgaben sind der Etat der sämtlichen Stadt⸗ schulen um etwa 15000 Mk. höher als im Vorjahre. Es find dafür etwa 100 000 Mk. gesetzt. Für polizei⸗ liche Zwecke sind 42 000 Mk. in Ansatz gebracht, worin die Ausgabe für Straßenbeleuchtung enthalten ist.
Nach dem Ergebnis der Beratung sind die folgenden Anregungen gegeben worden. Trennung der höheren Töchterschule von dem Rektorat der Volksschule. Mehr⸗ kosten etwa 7000 Mk. Beseitigung der sanitären Mängel an den Volksschulen I, Rate 5000 Mk., zu⸗ sammen 20 000 Mk. Ausdehnung des Unterrichtsstoffes an den gewerblichen Fortbildungsschulen auf Physik, Projektionszeichnen und Maschinentechnik. Um dies zu ermöglichen, soll ein kombinierter Lehrkörper aus Schul⸗ und Privatmännern gebildet werden. Eine Neureglung des Wassergeldes soll gleichfalls vorgenommen und dürfte höchst wahrscheinlich der Mietwert der Wohnungen die künftige Grundlage der Mindesttaxe bilden.
* Muckerische Gimpelfängeret mit Lehm-Wunderkuren. Vor einigen Tagen trieb in der guten Stadt Wetzlar ein Wunder⸗ doktor sein Wesen, der in verschiedenen„Vor⸗ trägen“ der Menschheit allerlei Mittel zur Hei⸗ lung körperlicher Leiden anempfahl. Mittel allerdings solcher Art, wie sie schon oft, beson⸗ ders aber zu der Zeit, als noch die wenigsten
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