Ausgabe 
21.5.1905
 
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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Ar. 21.

5 50 Unterhaltungs-Cril. 6

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Boffnung. Es reden und träumen die Menschen viel Von bessern künftigen Tagen, Nach einem glücklichen, goldenen Siel Sieht man sie rennen und jagen. Die Welt wird alt und wird wieder jung, Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein, Sie umflattert den fröhlichen Knaben,

Den Züngling locket ihr Sauberschein,

Sie wird mit dem Greis nicht begraben; Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf, Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf. Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn, Erzeugt im Gehirne des Toren, Im Berzen kündet es laut sich an: Su was besserm sind wir geboren; Und was die innere Stimme spricht, Das täuscht die hoffende Seele nicht. Fr. Schiller.

Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte von Friedrich Schiller.

1.(Fortsetzung.) Unter den Liebhabern Hannchens war

Robert, ein Jägerbursche des Försters. Früh⸗

zeitig merkte dieser den Vorteil, den die Frei⸗ gebigkeit seines Nebenbuhlers über ihn gewonnen hatte, und mit Scheelsucht forschte er nach den Quellen dieser Veränderung. Er zeigte sich fleißiger in der Sonne dies war das Schild zu dem Wirtshause sein lauerndes Auge, von Eifersucht und Neid geschärft, entdeckte ihm bald, woher dieses Geld floß. Nicht lange vorher war ein strenges Edikt gegen die Wild⸗ schützen erneuert worden, welches den Uebertreter zum Zuchthaus verdammte. Robert war unermüdet, die geheimen Gänge seines Feindes zu beschleichen; endlich gelang es ihm auch, den Unbesonnenen über der Tat zu ergreifen. Wolf wurde eingezogen, und nur mit Aufopferung seines ganzen kleinen Vermögens brachte er es dahin, die zuerkannte Strafe durch eine Geld⸗ buße abzuwenden.

Robert trimphierte. Sein Nebenbuhler war aus dem Felde geschlagen und Hannchens Gunst für den Bettler verloren. Wolf kannte seinen Feind, und dieser Feind war der glückliche Besitzer seiner Johanne. Drückendes Gefühl des Mangels gesellte sich zu beleidigtem Stolze. Not und Eifersucht stürmen vereinigt auf seine Empfindlichkeit ein, der Hunger treibt ihn hinaus in die weite Welt, Rache und Leidenschaft halten ihn fest. Er wird zum zweiten Mal Wilddieb; aber Roberts verdoppelte Wachsamkeit über⸗ listet ihn zum zweiten Mal wieder. Jetzt er⸗ fährt er die ganze Schärfe des Gesetzes: denn er hat nichts mehr zu geben, und in wenigen Wochen wird er in das Zuchthaus der Residenz abgeliefert.

Das Strafjahr war überstanden, seine Leiden⸗ schaft durch die Entfernung gewachsen und sein Trotz unter dem Gewicht des Unglücks gestiegen. Kaum erlangte er die Freiheit, 0 eilt er nach seinem Geburtsort, sich seiner Johanne zu zeigen. Er erscheint; man flieht ihn. Die dringende Not hat endlich seinen Hochmut ge⸗ beugt und seine Weichlichkeit überwunden er bietet sich den Reichen des Orts an und will für den Taglohn dienen. Der Bauer zuckt über den schwachen Zärtling die Achsel, der derbe Knochenbau selnes handfesten Mitbe⸗ werbers sticht ihn bei diesem fühllosen Gönner aus. Er wagt einen letzten Versuch. Ein Amt ist noch ledig, der äußerste, verlorene Posten des ehrlichen Namens er meldet sich zum Hirten des Städtchens, aber der Bauer will seine Schweine keinem Taugenichts anver⸗ trauen. In allen Entwürfen getäuscht, an allen Orten zurückgewiesen, wird er zum dritten Mal

Wilddieb, und zum dritten Mal trifft ihn das Unglück, seinem wachsamen Feind in die Hände zu fallen. f

Der doppelte Rückfall hatte seine Verschul⸗ dung erschwert. Die Richter sahen in das Buch der Gesetze, aber nicht einer in die Gemüts⸗ fassung des Beklagten. Das Mandat gegen die Wilddiebe bedurfte einer solennen und exem⸗ plarischen Genugtuung, und Wolf ward ver⸗ urteilt, das Zeichen des Galgens auf den Rücken gebrannt, drei Jahre auf der Festung zu ar⸗ beiten.

Auch diese Periode verlief, und er ging von der Festung aber ganz anders, als er dahin gekommen war. Hier fängt eine neue Epoche in seinem Leben an; man höre ihn selbst, wie er nachher gegen seinen geistlichen Beistand und vor Gericht bekannt hat.Ich betrat die Festung, sagte er,als ein Verirrter und ver⸗ ließ sie als ein Lotterbube. Ich hatte noch etwas in der Welt gehabt, was mir teuer war, und mein Stolz krümmte sich unter der Schande. Wie ich auf die Festung gebracht war, sperrte man mich zu dreiundzwanzig Gefangenen ein, unter denen zwei Mörder und die übrigen alle berüchtigte Diebe und Vagabunden waren. Man verhöhnte mich, wenn ich von Gott sprach, und setzte mir zu, schändliche Lästerungen gegen den Erlöser zu sagen. Man sang mir Hurenlieder vor, die ich, ein liederlicher Bube nicht ohne Ekel und Entsetzen hörte; aber was ich ausüben sah, empörte meine Schamhaftigkeit noch mehr. Kein Tag verging, wo nicht irgend ein schänd⸗ licher Lebenslauf wiederholt, irgend ein schlimmer Anschlag geschmiedet ward. Anfangs floh ich dieses Volk und verkroch mich vor ihren Ge⸗ sprächen, so gut mir's möglich war; aber ich brauchte ein Geschöpf, und die Barbarei meiner Wächter hatte mir auch meinen Hund abge⸗ schlagen. Die Arbeit war hart und tyrannisch, mein Körper kränklich; ich brauchte Beistand, und wenn ichs aufrichtig sagen soll, ich brauchte Bedauerung, und diese mußte ich mit dem letzten Ueberreste meines Gewissens erkaufen. So gewöhnte ich mich endlich an das Abscheu⸗ lichste, und im letzten Vierteljahr hatte ich meine Lehrmeister übertroffen.

Von jetzt an lechzte ich nach dem Tag meiner Freiheit, wie ich nach Rache lechzte. Alle Menschen hatten mich beleidigt, denn alle waren besser und glücklicher als ich. Ich betrachtete mich als den Märtyrer des natürlichen Rechts und als ein Schlachtopfer der Gesetze. Zähne⸗ knirschend rieb ich meine Ketten, wenn die Sonne hinter meinem Festungsberg heraufkam; eine weite Aussicht ist zwiefache Hölle für einen Gefangenen. Der freie Zugwind, der durch die Luftlöcher meines Turmes pfiff, und die Schwalbe, die sich auf dem eisernen Stab meines Gitters niederließ, schienen mich mit ihrer Frei⸗ heit zu necken und machten mir meine Gefangen⸗ schaft desto gräßlicher. Damals gelobte ich unversöhnlichen, glühenden Haß allem, was dem Menschen gleicht, und was ich gelobte, hab ich redlich gehalten.

Mein erster Gedanke, sobald ich mich frei sah, war meine Vaterstadt. So wenig auch für meinen künftigen Unterhalt da zu hoffen war, so viel versprach sich mein Hunger nach Rache. Mein Herz klopfte wilder, als der Kirchturm von weitem aus dem Gehölze stieg. Es war nicht mehr das herzliche Wohlbehagen, wie ichs bei meiner ersten Wallfahrt empfunden hatte das Andenken alles Ungemachs, aller Verfolg⸗ ungen, die ich dort einst erlitten hatte, erwachte mit einemmal aus einem schrecklichen Todes⸗ schlaf; alle Wunden bluteten wieder, alle Narben gingen auf. Ich verdoppelte meine Schritte, denn es erquickte mich im voraus, meine Feinde durch meinen plötzlichen Aublick in Schrecken zu setzen, und ich dürstete jetzt ebenso sehr nach neuer Erniedrigung, als ich ehemals davor ge⸗ zittert hatte.

Die Glocken läuteten zum Vesper, als ich mitten auf dem Markte stand. Die Gemeinde wimmelte zur Kirche. Man erkannte mich schnell; Jedermann, der mir aufstieß, trat scheu zurück. Ich hatte von jeher die kleinen Kinder sehr lieb gehabt, und auch jetzt übermannte michs un⸗ willkürlich, daß ich einem Knaben, der neben mir vorbei hüpfte, einen Groschen bot. Der

Knabe sah mich einen Augenblick starr an und warf mir den Groschen ins Gesicht. Wäre

mein Blut nur etwas ruhiger gewesen, so hätte ich mich erinnert, daß der Bart, den ich noch

von der Festung mitbrachte, meine Gesichtszüge

bis zum Gräßlichen entstellte aber mein böses Herz hatte meine Vernunft angesteckt. Tränen, wie ich sie nie geweint hatte, liefen über meine Backen.

Der Knabe weiß nicht, wer ich bin, noch woher ich komme, sagte ich halblaut zu mir selbst, und doch meidet er mich, wie ein schänd⸗ liches Tier. Bin ich denn irgendwo auf der Stirne gezeichnet, oder habe ich aufgehört, einem Menschen ähnlich zu sehen, weil ich fühle, daß ich keinen mehr lieben kann? Die Verachtung dieses Knaben schmerzte mich bitterer, als drei⸗ jähriger Galtotendienst, denn ich hatte ihm Gutes getan und konnte ihn keines persönlichen Hasses beschuldigen.

(Fortsetzung folgt.)

In der großen Pause. Ein Maibild aus der Volksschule.

Prachtwetter heute, was?

Lehrer Müller, von den Knaben kurz und bezeichnendder Dicke genannt, stieß es in seiner lakonischen Weise hervor. Dann öffnete er das Fenster und ließ die frische, duftge⸗ schwängerte Mailuft in das Lehrerzimmer. Schwerfällig entwichen vor diesem munteren Zustrom die dicken bläulichen Schwaden des Zigarrenqualmes.

Richtiges Sozialdemokratenwetter! meinte der schöne Leo, Speziallehrer für Turnen und Gesang, mit einem Seitenlächeln auf Johann Schmidt.

Die erwartete Wirkung blieb nicht aus.

Laßt doch die Leute, antwortete Schmidt, dessen intime Beziehungen zur Sozialdemokratie stillschweigend respektiert wurden,ich wollte, ich könnte auch heute mit durch den Stadtpark wandern, anstatt die Jungens im Zaum zu halten.

Na, erlauben Sie mal, lieber Kollege, ganz abgesehen von den sonstigen Bestrebungen der Partei, die Maifeier ist doch eigentlich höherer Blödsinn.

Wenn Sie dadurch eher zu Ihrem Reserve⸗

offizierspatent kämen, so machten Sie sie wahr⸗ scheinlich auch mit. a

Alle lachten. Leo's brennender Ehrgeiz, der erste Volksschullehrer-Reserveoffizier der Stadt zu werden, war bekannt und man gönnte ihm gern den kleinen Hieb.

Leo fuhr auf:.

Lassen Sie doch Ihre schalen Späße, Schmidt, damit beweisen Sie noch nicht die Zweckmäßigkeit der Maifeier.

Das will ich auch gar nicht, lieber Vize⸗ feldwebel der Reserve. Wenn Ihr's nicht fühlt, Ihr werdet's nicht erjagen. Na und Sie fühlen doch nichts, was?

Nein, Gott sei Dank, nicht. Was man

überhaupt bei solcher Maifeier fühlen soll, ist mir verflucht schleierhaft.

Sehen Sie, Leo, und genau so schleierhaft ist mir, was für Gefühle Ihr Soldatenherz höher schlagen lassen. Aber was wollen wir uns über Gefühle streiten! A propos, sind Sie nicht Mitglied der Kommission für die Vor⸗ bereitung der neuen Gehaltsforderungen?

Ja. Aber was soll das?

Ach, ich meine nur so. Wie weit sind Sie übrigens damit? Sind Sie schon vorstellig geworden bei den diversen Stadträten?

Ja, wir waren bei dem Dezernenten und bei der Deputation und bei einigen maßgebenden Rednern im Plenum.

Na, und?

Die Kollegen rückten näher. Gehaltsfragen fanden immer doppelte Aufmerksamkeit.

Viel ist nicht dabei herausgekommen. Achsel⸗

zucken, Vertröstungen, Ausflüchte.

Waren Sie auch bei dem Vorsttzenden der sozialdemokratischen Fraktion?

Leo nahm entrüstet die Zigarre aus dem

Mund. Wo denken Sie hin!

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