Ausgabe 
20.8.1905
 
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Seite 6.

Mittel dentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 34.

gewerbs⸗ und gewohnheitsmäßiger Wild dieberei verhaftet. Eine am Nachmittag in seiner Wohnung vorgenommene Haussuchung förderte zahlreiche Briefe zutage, durch die aus⸗ wärtige Wildprethändler Wild bei ihm bestellten. Er hat offenbar das Wildern schon lange be⸗ trieben, wobei ihm das an sein Forstgebiet grenzende landgräfliche Jagdgebiet reiche Beute geliefert haben muß.

Unglaubliches aber Wahres aus deutscher Rechtspflege.

Zu welchen skandalösen Konsequenzen die Fleischwuchergesetzgebung führen kann, ließ eine Verhandlung gegen den holländischen Torfgräber Bakker vor der Osnabrücker Strafkammer erkennen. Darüber berichtet dasHamb. Echo: Der Genannte arbeitete diesseits der holländischen Grenze in Schöningsdorf und hatte sich eines Tages zur Zehrung ein Stück Wurst im Gewicht von etwa einem Pfund mit nach seiner Arbeitsstätte gebracht. Dabei wurde er von einem Grenzbeamten abgefaßt und auf Grund des Reichs viehseuchengesetzes, daß die Einfüh⸗ rung verarbeiteten Fleisches von Holland in das deutsche Zollgebiet untersagt, unter Anklage gestellt. Seine Inhaftierung dauerte vom 8. bis 28. Mai. Bakker erklärte, daß er das Gesetz nicht gekannt habe. Das Schöffengericht Meppen sprach ihn frei, die Strafkammer aber verurteilte ihn wegen Umgehung der Zollstation zu einer Mar? Geldstrafe, die durch die er⸗ littene dreiwöchige Untersuchungshaft als erledigt angesehen wurde. Wegen einer Wurst drei Wochen Haft und eine Mark Geld⸗ strafe! Es geschehen wilde Sachen im vieh⸗ agrarischen Rechtsstaat!

Früchte der Orthodoxie. 1

Stille Vereinigung.

(Ein Nachtrag zu den Artikeln überPfäffische Bestrebungen.)

Ein Bund der allerrechtgläubigsten Christen hat sich unter dem Titel einerstillen Vereinigung gebildet.

Wie freundlich und harmlos der Titel klingt! Und doch, was dahinter steckt, ist nichts geringeres, als eine regelrechte Verschwörung, die in Dunkel und Heimlichkeit ihre Attentate vorbereitet, ihrer einige bereits ausgeführt hat(ste besteht seit 1903) und mit manch anderem wohl die Welt noch aus dem Geleise ihres Fortschritts heraus⸗ werfen möchte, wenn ihr das Handwerk nicht vorher gelegt werden kann.

Allerdings ist's keine Verschwörung gegen heutige politische Machthaber oder gegen heutige politische Regierungsgrundsätze. Im Gegenteil könnte sie von da her manch günstig Lüftlein in ihre Segel fangen. Nein, es istnur eine Verschwörung gegen die großen geistigen Führer aller Zeiten und gegen die geistige Freiheit, die allein zu allen Zeiten das wissenschaftliche wie praktische Vorwärtskommen der Menschheit ver⸗ bürgt. Eine solche Verschwörung wird freilich all unsern eifrigenStaatserhaltern in maß⸗ gebenden und in nicht maßgebenden Stellungen unschädlich oder gar dienlich erscheinen. Jedem weiter schauenden Kopf aber, jedem, der von den gewaltigen Aenderur gen der Vergangenheit tine Ahnung hat, der noch einige Hoffnungen für die Zukunft im Herzen trägt, kann in dieserstillen Vereinigung und ihrem geschäf⸗ tigen dunkeln Wirken nur ein recht bedauerliches Zeichen der Gegenwart sehen. Es handelt sich nämlich um einen Geheimbund, der alle ortho⸗ doxen Geister der Zeit zu gemeinsamem Vor⸗ gehen(mit heiliger Rücksichtslosigkeit, wie es heißt) gegen jedes von keinem Dogmen im Voraus lahmgelegte Denken verbiaden will. Die Unterschriften der bekanntesten orthodoxen Professoren und Pfarrer schmücken denAuf⸗ ruf dieser Verschwörung. Im Fall Fischer, wie im Fall Jatho und bei den anderen traurigen Attentaten der letzten Zeit auf alles, was Geist und Leben bedeutet, sind diese schwarzen Maul⸗ würfe mit ihrer Wühlerei geschäftig gewesen.

Kürzlich erst ist es der liberalenChronik der christlichen Welt gelungen, das Werk der Finsternis aufzudecken. Freilich, als ste den ersten Verdacht aussprach, da wurde in der orthodoxen Presse mit großer Entrüstung das Bestehen eines solchen Geheimbundes abgeleugnet. Umso ärgerlicher für sie, daß die genannte Chronik nun antworten konnte mit Veröffent⸗ lichung des Programms und des Mitglieder- verzeichnisses der Verschwörung! 5

Nun müssen die armen Maulwürfe sich wieder neue Gänge graben. Aber noch ist trotz aller Maulwürfe die Erde nicht eingestürzt. Nach Lenau wird sich so wenig wie vor ihm der Sonnenaufgang mit dunkeln Kutten ver⸗ hängen lassen.

II. Predigten.

Wie man im Gegensatz zu den Pfarrern Fischer, Jatho u. a. predigen darf, ohne Anstoß zu erregen, zeigt der folgende Gedanken⸗ gang, dessen Zeuge ich war: Der Mensch sucht im Leben nach Blumen und Beeren, nach Freuden und Genüssen aller Art, in Essen und Kleidung, in Wissenschaft und Kunst.(Ein Unterschied zwischen jenen materiellen und diesen geistigen Freuden wurde gar nicht gemacht. Kein Wort fiel über den stttlich veredelnden Wert der letzteren). Alle diese Genüsse seien im Hinblick auf ihre Vergänglichkeit nicht von ewigem Wert. Man habe früher() viel von Humanität gesprochen. Man bezeichne damit das Bestreben, nicht nur sich selbst, sondern auch andern das Leben möglichst angenehm zu machen. Aber wenn die genannten Genüsse für mich selbst ohne ewigen Wert seien, so seien sie es natürlich auch für andre. Viel wichtiger sei es, auf das ewige Leben zu hoffen und andre damit zu vertrösten.

Ist es nicht eigentlich der klarste Egoismus, der diesem Wunsch der ewigen Fortexistenz des eignen kleinenIch zu Grunde liegt? Und wie bequem ist diese metaphysische Auslegung des Gebotes der Nächstenliebe! Und dafür kein Verständnis zu haben, sollteSünde sein? Muß diese Auffassung nicht zu einem Quietismus (Gleichmütigkeit) führen, der dem soztalen Fort⸗ schritt auf's Aeußerste hinderlich sein kann? Diese Prediger tragen vor Gott und Menschheit ein schweres Teil der Verantwortung auch für all das sittliche Elend und Verderben, das materielle Notstände naturgemäß mit sich bringen. Und vereinzelt steht eine solche Predigt leider keineswegs! Im Gegenteil! Ich selbst habe mich ja in diesem Blatt früher schon einmal energisch gegen den Militärpfarrer Falke ge⸗ wandt, der in seiner Jenseitsgewißheit(denn jeder Fromme ist sich natürlich nicht nur des ewigen Lebens, sondern sogleich der ewigen Seligkeit gewiß!) diefreie Position gegenüber allen großen Schwierigkeiten und Fragen der Welt findet. Es ist das der nämliche Standpunkt einer lauherzigen Unter⸗ schätzung menschlichen Elends, wie er einem so kühl aus der oben zitierten Predigt anweht.

Freilich ist's auch wieder dem Pfarrer nicht leicht gemacht, modern oder sozial zu sein. Nicht nur nach oben hin bei seinen Kirchenfürsten, die der Gottheit so viel näher wohnen als er, wird er leicht Anstoß erregen. Auch der Stumpf⸗ sinn des Publikums kann zum Stein des Aergernisses werden. In einer kleinen Stadt, nebenbei bemerkt einer Hochburg des konser⸗ vativen Nationalliberalismus, mieden die braven Spießbürger die Predigten des Pfarrers, weil dieser, wie es der eine so schön ausdrückte,zu viel zu dem Zeugs da unne hielt, nämlich zu den Arbeitern. Ein wackrer Christ!

Was Wunder, daß die Kirche, wenn ste sich so empfindlich vor dem wissenschaft⸗ lichen wie vor dem sozialen Zug der Zeit zuschließt, der zugleich der fortschrittliche Zug aller Zeiten gewesen ist, an Anziehungs⸗ kraft mehr und mehr einbüßt. Nicht nur die Kreise der wirklich kirchlichen Gemeindeglieder werden immer enger, vor allem schrumpft auch die Zahl der Theologie studierenden all⸗ jährlich mehr zusammen. Wie viel tüchtige Köpfe wird der Fall Fischer und der Fall Jatho wieder abschrecken!

Wenn doch die so entstehenden Lücken nun bloß nicht durch so manchen Wee

wieder ausgefüllt würden!

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Kenig Bumbug. Ich bin ein Fürst, das ist mir klar, Warum d das ist mir dunkel: Die pflanzten ins gesalbte Haar Mir halt der Krone Funkel. Nun werd' ich, wo ich geh' und steh', Mit Majestät beladen, Und bin vom Wirbel bis zur Seh' Von lauter Gottesgnaden.

Den Tag fang ich mit Gähnen an, Doch schwitz' ich im Theater; Drum heißt der treue Untertan Mich auch den Candesvater. Die Braven säen und schanzen baß, Wir ernten, wo sie ackern; Ein König ist ein teurer Spaß, Den zahlen sich die Wackern. Sie gönnen mir das warme Nest, Gefügig meinen Winken, Laß ich sie nur bei Cied und Fest Für Recht und Freiheit trinken. SumDenken geb' ich ihnen Seit Im Schank bis nachts um zwölfe: Was tut's? ein Schaf wird nie gescheit, Das ist der Trost der Wölfe. L. Pfau(1847).

Auf dem Holzweg. Humoreske von Viktor Lenz. 2) Fortsetzung.

Die Stammgesellschaft der Honoratioren des Städtchens war bereits versammelt und mit der Vertilgung des Frühschoppens beschäftigt. Apo⸗ theker und Doktor spielten wie gewöhnlich ihre Parte Sechsundsechszig um die Flasche Rotwein, die vor ihnen stand, der erste Amtsrichter trank seine halbe Flasche Burgunder, der zweite Amts⸗ richter seinen Punsch, der Rechtsanwalt Apolli⸗ naris Selterswasser mit Kognak, die übrigen Gäste taten sich bei einem Glas Kulmbacher oder Grätzer Bieres gütlich und nahmen zwischen⸗ durch auch wohl einen kompakten Bissen zu sich, der dem flüssigen Element als Grundlage dienen konnte.

Man begrüßte den Herrn Bürgermeister mit den üblichen Scherzen und rückte zusammen, um ihm Platz zu machen.

Na, was gibt's Neues, werter Tyrann von Mottenburg? fragte der aufsichtsführende Amtsrichter, der sich dem Allgewaltigen gegen⸗ durf bisweilen einen kleinen Scherz erlauben

urfte.

Der Bürgermeister schwieg, doch sah man sogleich seiner Miene an, daß er irgend etwas ganz Besonderes auf dem Herzen hatte. Er hatte unter den Anwesenden den Direktor der Zuckerfabrik bemerkt und wollte mit seinen Mitteilungen jedenfalls warten, bis dieser stch entfernt hätte. Unheimliches Schweigen lag eine Weile über der Gesellschaft, jeder Einzelne guckte tiefer in sein Glas oder flüsterte dem Nachbar ein paar gleichgültige Worte zu, welche beweisen sollten, daß maneigentlich auf die Mitteilungen des Bürgermeisters garnicht so neugierig sei. Dabei brannten ste Alle auf die Dinge, die da kommen sollten, denn jede Klatsch⸗ geschichte, jede Neuigkeit, jeder noch so ärmliche Feez war für diese geistesarme Gesellschaft, deren Mitglieder sich gegenseitig förmlich aus⸗ bissn kannten, ein wahrergeistiger Lecker⸗

issen.

Endlich verschwand der breite Rücken des Direktors hinter der Tür des Herrenstübchens. Herr Wansterl sandte ihm einen langen, nicht allzufreundlichen Blick nach und erhob sich darauf in seiner vollen, wohlgenährten Würde. Aller Augen hingen erwartungsvoll an seinem Munde.