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Nr. 34.
Witteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
„Man kann mit Neulingen nicht vorstchtig genug sein,“ meinte der Bürgermelster.„Ich wenigstens traue keinem Menschen, mit dem ich abe wenigstens einen Scheffel Salz verzehrt abe.“
Alle Anwesenden gaben durch ein Nicken des Kopfes ihre Zustimmung zu erkennen. Mit wichtiger Miene zog Herr Wansterl darauf den Brief des Landrats aus der Tasche, und nachdem er sich ausdrücklich feierliches Still⸗ schweigen über die An hatte zustchern lassen, begann er mit der Vorlesung des Schrift- stückes. 15
Atemlos lauschten die Anwesenden der sono⸗ ren Baßstimme des Stadtoberhauptes, und als die Vorlesung beendet war, da war Keiner von ihnen eines Wortes fähig. Jeder Einzelne war von der Ueberzeugung durchdrungen, daß es sich um eine Angelegenheit handele, die für die ferneren Schicksale von Dingsdahausen die höchste Bedeutung erlangen konnte.
Der aufsichtfuhrende Amtsrichter war der Erste, der wieder Worte fand.
„Das kann ja nett werden,“ meinte er ein wenig unsicher,„wenn uns diese Laus in den Pelz gesetzt wird.“
„Unerhört! Geradezu unerhört!“ platzte ein Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft heraus, der im Aufsichtsrate der Zuckerfabrik saß und in seinem Geiste bereits den roten Hahn auf dem Dache des Dividenden schaffenden Etablissements sah.„Der Himmel selbst sollte sein Strafgericht über dieses zuchtlose Gesindel herabsenden.“
„Vergiften sollte man sie, wie die Ratten und Feldmäuse,“ sagte der Apotheker mit einem Blick, von dem man befürchten mußte, daß er allein schon einen Menschen vergiften könnte. „Was ist es denn, das sie dem Volke mit ihren Lehren einträufeln? Das reine Gift! Und was kann dagegen helfen? Nur ein Gegengift! Vergiften— das ist und bleibt meine Meinung.“
„Warum nicht gleich den Kopf amputteren 3 meinte schmunzelnd der Doktor, der gern Alles ein wenig in's Lächerliche zog.„Das ist doch noch sicherer als vergiften!“
„Scherzen Sie nicht, Doktor, die Sache ist viel zu ernst dazu,“ verwies der Gutsbesitzer den jovialen Heilkünstler.
Der Rechtsanwalt, der einen leichten Stich in's Deutschfreisinnige hatte, und der Zweite Amtsrichter, der einmal den Professor Schmoller
ehört und aus jener Zeit ein paar katheder⸗
sozialisische Brocken behalten hatte, waren eben im Begriff, einen kleinen Disput über die in Frage stehende Angelegenheit zu eröffnen, als der Herr Bürgermeister sich erhob und mit wichtiger Miene also begann:
„Nun, meine Herren, ich habe ein Mittel, um die drohende Gefahr von unserer teuren Vaterstadt abzuwenden und unsern Mitbürgern den Frieden und die Sicherheit zu erhalten. Ich bedarf jedoch Ihrer freundlichen Mitwirkung, oder wenigstens Ihrer stillschweigenden Billigung bei Anwendung dieses Mittels. Ich bin der Ansicht, daß man Leuten, welche offen Gewalt und Auflehnung gegen die bestehende Ordnung predigen, nur wieder mit Gewalt antworten dürfe. Und darum meine ich, daß wir diesen Friedensstörern ein für allemal so gründlich heimleuchten müssen, daß sie das Wiederkommen
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vergessen. Das, meine Herren, ist mein Mittel — und wenn Sie, wie gesagt, mich bei An⸗ wendung desselben unterstützen wollen, so werden wir hoffentlich dem Geiste des Aufruhrs für alle Zeiten den Zugang zu unserem gut patrio⸗ tischen und gottesfürchtigen Städtchen verlegen.“
Der Vorschlag des Bürgermeisters fand nicht die ungeteilte Zustimmung, welche Herr Wansterl erwartet hatte. Der Gutsbesitzer, der Apotheker und die meisten der anwesenden Stadtverordneten und Magistratsmitglieder waren zwar ganz der Meinung des Herrn Wansterl, die Uebrigen wollten jedoch mit ihrer Ansicht nicht so recht heraus, und der Rechtsanwalt war sogar ganz entschieden gegen das Mittel des Bürgermeisters.
Schon glaubte Herr Wanstel seine Sache verloren, als sich plötzlich am Ende der Tafel ein schmächtiger Jüngling mit blauer Brille und langen Haaren erhob und dem in Verlegen⸗ heit geratenen Vater der Stadt zu Hülfe kam. Es war kein Anderer, als der Kandidat der Theologie Weißkohl, der dem alternden Super⸗ intendenten von Dingsdahausen zur Aushülfe beigegeben war und sich bei dieser Gelegenheit als„streitbarer“ Glaubensheld die Sporen ver⸗ dienen wollte.
„Und wenn auch Niemand sonst zu Ihnen hält, Herr Bürgermeister,“ begann er mit seiner hohen Fistelstimme,„über mich können Sie voll⸗ kommen verfügen. Wo Thron und Altar in Gefahr kommen, kann es für mich keine Be⸗ denken geben.“
„Bravo, Herr Kandidat, bravo!“ rief der Apotheker, welcher zugleich Vorsitzender des Kirchenvorstandes war, und zwar so laut und überzeugt, daß die Anhänger der Angriffspartei wieder Mut faßten.„Wir werden schon Leute finden, die sich auf's„Holzgesckäft“ verstehen und diesen Burschen die verdiente Abfertigung zu Teil werden lassen.“
Der Gutsbesttzer lachte verständnisvoll über diese Worte und erbot sich, im Notfall die er⸗ forderlichen„Mannschaften“ zur Stelle zu schaffen. Ein kräftiger Ton kam in die Gesell⸗ schaft, die Partei der„Energischen“ scharte sich um Herrn Wansterl und den Kandidaten, und dieser warf triumphierende Blicke um sich: es war das erste Mal, daß er im Städtchen eine Rolle spielen konnte. Der Aktionsplan für den Empfang der gefürchteten Feinde wurde in aller Eile entworfen, und die ursprünglichen Gegner der„Gewalt“-Maßregeln begannen allmählich wenigstens ein„theoretisches“ Interesse an der Angelegenheit zu nehmen.
„Na, mitgehen will ich schon,“ meinte der Doktor,„wenn auch nur, um die blutigen Köpfe zu flicken.“
Der Triumph des Bürgermeisters war ein vollständiger. Eine gewaltige Bowle, Burgunder und Sekt zu gleichen Teilen, bestegelte den schönen Bund der Seelen, und als nach Be⸗ endigung des lange über die Zeit hinaus aus⸗ gedehnten Frühschoppens die Dienstboten im Herrenzimmer aufräumten, fanden sie den Kandidaten und den Apotheker, die miteinander Brüderschaft getrunken hatten, in zärtlichster Umarmung als Bierleichen unterm Tische.
(Fortsetzung folgt.)
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Alles Recht in der Welt ist erstritten worden, jeder Rechtssatz, der da gilt, hat erst denen, die sich ihm widersetzten, abgerungen werden müssen.
N H. v. Ihring. *
Die Wahrheit ist stärker als ihre Gegner: ste überwindet sie; stärker als ihre Verteidiger: ste braucht ste nicht.
Vinet.
Humoristisches.
Der Setzkastenkobold gegen die Klerikalen. In seinem in Würzburg erscheinenden„Fränk. Volksbl.“ wollte ein Reichs⸗ und Landtagsabgeordneter, Haupt⸗ schriftleiter und Benefiziat eine Polemik mit dem demo⸗ kratischen„Würzburger Journal“ ebenso effektvoll als würdevoll beenden und schrieb deshalb:„Wir haben dem nichts hinzuzu lügen“ So stand's durch Tücke des Setzkastenkobolds in dem Blättlein des braven Zentrumshelden zu lesen.
Literarisches.
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