Ausgabe 
20.8.1905
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 34.

nicht bloß in allen Kriegsgefallenen, sondern überhaupt in allen von Unglück betroffenen armen MenschenkindernSchuldige zu sehen, die von der gerechten Rache desVaters im Himmel für ihre sckweren Vergehungen(z. B. Versäumnis einer Kirchenfeier!) ereilt worden sind. Und so etwas heißtReligion und schimpft tieferen Gemütern gegenüber auf die gottlose Zeit!

Gießener Angelegenheiten.

Sozialdemokratische Ausschrei⸗ tungen. Vor Kurzem ging eine Notiz durch die bürgerliche Presse, die natürlich auch sofort vom Gießener Amtsblatt begierig aufgeschnappt wurde, in welcher von einer angeblichen sozial⸗ demokratischen Schandtat aus Erfurt berichtet wurde. Es wurde da erzählt, daß Soztal⸗ demokraten einen katholischen Festzug gestört und mehrere im Zuge befindliche Geist⸗ liche beschimpft hätten. Der Haupträdelsführer sei gefesselt abgeführt worden. Schließlich hieß es noch:Wie sich heraus stellte, handelte es sich um eine wohl vorbereitete Demonstration von Mitgliedern der sozialdemokratischen Partei, weil alle von dieser Seite geplanten Umzüge in letzter Zeit von der Behörde verboten worden waren. Das ist ein dreister Schwindel. Mit dem ziemlich harmlosen Vorfall verhält sichs nach den Darstellungen unseres Erfurter Partei⸗ blattes folgendermaßen: Der Arbeiter Noack geriet mit dem vor dem Zuge marschierenden Polizeibeamten in Konflikt, wurde von diesem gestoßen, daß er auf einen Steinhaufen fiel und soll darauf zu dem Beamten gesagt haben, er wolle ihn einen Stein an den Kopf werfen. Ueber die Person des angeblichen Missetäters sagt das Blatt wörtlich:

Er gehört weder den Gewerkschaften noch dem Sozialdemokratischen Verein an. Bezeichnend ist auch, daß Herr Noack aus dem RestaurantZur Blume herauskam, in welchem keine Partei⸗ genossen verkehren. Die Parteiorga⸗ nisation hat ausdrücklich einen Beschluß ge⸗ faßt, daß derjenige nicht als Partei⸗ genosse betrachtet werden kann, der in derBlume verkehrt, weil der Wirt sich fortgesetzt weigert, uns seinen Saal zu Ver⸗ sammlungen zur Verfügung zu stellen.

Die Schauergeschichte erschien uns von vorn. herein unglaublich, denn wir wüßten nicht, weshalb unsere Genossen einen Festzug stören sollten, man hat auch tatsächlich derartiges noch nicht gehört. Hier steht man wieder so recht, wie Lügen über sozialdemokratische Schandtaten zurechtgebaut werden!

Zu der Fabrikordnung des Schreinermeisters Müller im Volks⸗ munde heißt erKanonen⸗Müller muß noch einiges gesagt werden. Wir haben neulich schon hervorgehoben, was für ein selbstherrlicher Ton in diesem Ding angeschlagen wird. Es ließt sich eher wie eine Gefängnis⸗ oder Zucht⸗ hausordnung, als eine Fabrikordnung. Nur einige Bestimmungen seien daraus angeführt. Eine derselben verfügt:

Urlaub muß von deu Arbeitern persön⸗ lich eingeholt werden und wird nur in ganz dringenden wohlbegründeten Fällen erteilt. Urlaub zu Beerdigungen wird nur bei aller⸗ nächsten Angehörigen erteilt und es hat sich hiernach jeder Arbeiter ohne Ausnahme zu richten. Unentschuldigtes und unbegründetes Fernbleiben von der Arbeit zieht eine Strafe von 1 Mk. nach sich. Im Wiederholungsfalle sofortige Entlassung.

Zuspätkommen soll mit 20 Pfg. bis zum halben Tagesverdienst bestraft werden! Aber auch noch Denunziant soll der Arbeiter spielen. Es wird verlangt, daß er seinemVorgesetzten von jedem außergewöhnlichen Vorfall in Kennt⸗ nis setzen soll. Dann verlangt Herr Müller noch Pflichteifer und sonst alles Mögliche von dem Arbeiter und weiter, daß er jederzeit den Vorteil des Arbeitgebers fördern soll! Nach dem Vorteil des Arbeiters fragt Herr Müller mit keiner Silbe. Kurz, es tritt in diesem Dokument eine anmaßende Willkür zu tage, wie man sie selbst in Fabrikordnungen

selten findet. Die Arbeiter sollten Herrn Müller sein Machwerk mit Hohn vor die Füße werfen.

Die Metallarbeiter der Firma Schaffstaedt, Metallwarenfabrik und In⸗ stallationsgeschäft in Gießen, haben wegen Lohndifferenzen die Kündigung eingereicht und es ist sehr möglich, daß es zum Ausstande kommt. Dazu sollte es Herr Stadtverordneter Schaffstaedt doch nicht kommen lassen, sondern lieber die paar Pfennige bewilligen, die von den Arbeitern mehr gefordert werden, denn die Löhne in Gießen sind überhaupt jämmerlich niedrig. Vorläufig sind alle Metallarbeiter in Gießen und außerhalb ersucht, Arbeit in diesem Betriebe nicht anzunehmen.

Wahlverein. Die Generalversamm⸗ lung am Samstag war nur mäßig besucht. Der Kassenbericht für das erste Halbjahr ver⸗ zeichnet in Einnahme 154.83 Mk., in Ausgabe 102.30 Mk. Bei der Vorstandswahl wurde Genosse Lenz als Vorsitzender, Finn als Kasstierer, Fourier als Schriftführer gewählt. Nach Besprechung der Tagesordnung der Kreis⸗ konferenz wird beschlossen, zu derselben, wie es das Statut zuläßt, 6 Delegierte zu entsenden. Als Delegierter zur Landeskonferenz wird Fourier gewählt. Es gab dann noch eine längere Debatte über die Presse.

Richtigstellung. Von Herrn L. Frech erhalten wir folgende Zuschrift: Unter Bezugnahme auf die in Ihrem Blatte gebrachte Mitteilung über die Sachbeschä digung am Spalier des Gymnastums, teile ich Ihnen ergebenst mit, daß Herr Direktor Sch. keines⸗ wegs bereitwillig die Stellung des Strafantrags unterlassen hat. Nur mit der allergrößten Mühe, nach langem Bitten und nachdem meine Frau und ich dem Herrn das Haus eingelaufen waren, haben wir es dahin gebracht, daß dies⸗ mal noch die Sache auf sich beruhen blieb. Im Interesse der Wahrheit halte ich es für meine Pflicht, Ihnen diese Mitteilung zu machen.

Kein ,christliches Begräbnis. In früheren Zeiten galt es als einunehrliches Begräbnis, wenn am Grabe eines Verstorbenen der Pfarrer keine Leichenrede hielt. Es wurde als schwerer Schimpf empfunden und darum wurden nur Verbrecher und Selbstmörder ohne Predigt begraben. Heute verzichten jedoch weite Kreise der Bevölkerung freiwillig darauf, bei Todesfällen die Diener der Kirche zu bemühen und sie um die Grabrede zu bitten. In unserer Gegend kommt dies allerdings noch nicht so zahlreich vor; doch in Berlin z. B. wird nur noch selten pastoraler Trost am Grabe verlangt. Kürzlich gab der Vorwärts darüber einige Zahlen aus demEvang. kirchl. Anzeiger wieder. Daraus ging hervor, daß etwa nur die Hälfte der Verstorbenen unter Mitwirkung eines Geist⸗ lichen beerdigt wurden. In den evangelischen Kirchengemeinden Berlins nebst den angrenzenden Gemeinden Charlottenburgs und Schönebergs sind im Jahre 1904 32,201 Personen gestorben, aber nur 17,791 wurden unter Mitwirkung eines Geistlichen beerdigt. In der Samariter⸗ gemeinde starben im letzten Jahre 817 Personen, einschließlich 174 Ungetaufter, aber nur 290 wurden mit geistlicher Begleitung beerdigt. Hier wurden also nur 35 vom Hundert mit der geist⸗ lichen Grabrede beerdigt.

Für die Frommen sind das schmerzliche Zahlen. Dabei sind selbst unter denen, die bei Beerdigungen ihrer Angehörigen den Geistlichen nicht fehlen lassen, sicher viele Unfromme, die längst nicht mehr zur Kirche halten und den Geistlichen nur als Dekorakion benutzen, weil es besser aussieht und weils die andern auch so machen. Unsern Muckern sind natürlich diese Heuchler immer noch lieber, als diejenigen, die ehrlich abseits stehen, für die das WortKein Geistlicher hat ihn begleitet! seinen Stachel verloren hat, die offen auf die Tröstungen der Kirche verzichten. Bei uns hier ist's, wie gesagt, noch etwas anders. Was machen sich da oft die Angehörigen eines Verstorbenen für Mühe, nur ja einen Geistlichen zur Teilnahme

an der Beerdigung zu gewinnen, der sich dessen aus irgend einem Grunde weigert. Man lasse es dann doch einfach dabei bewenden und troste ö sich mit den vielen übrigen!

Verstorben ist am 12. Juli nachts der Turmwächter Friedrich Keßler im 53. Lebensjahre. Er stand jederzeit treu zu unserer Sache, war Mitglied des Wahlvereins und des Gesangvereins Eintracht. Von der Beliebtheit, die sich Keßler erfreute, legte die zahlreiche Beteiligung bei der am Dienstag erfolgten Beerdigung ab. DieEintracht legte am Grabe einen Kranz nieder und widmete ihrem verstorbenen Mitgliede einige Trauerlieder.

Im Auftrage der Stadt sprach Stadtverord.

Krumm am Grabe Worte der Anerkennung über die Pflichttreue des Toten. Von unsern Parteifreunden wird er im guten Andenken gehalten werden.

Ihren Wunden erlegen ist die Frau Post, welche neulich bei der Petroleum⸗ Explosion so schwer verbrannte. Ihr verhält⸗ nismäßig gutes Befinden, das noch Ende voriger Woche andauerte, ließ die Hoffnung aufkommen, ste am Leben zu erhalten.

Aus dem Areise gießen.

[ Die Lohnverhältnisse des Gießener

Braunsteinbergwerks sind höchst verbesserungs⸗ bedürftig. Die Leute arbeiten unter einem Akkordsystem, bei welchem die Löhne nach Wagenladungen bemessen werden. Die zuständigen Beamten bestimmen die Höhe der Akkordsätze. Kommt es nun vor, daß diesen Beamten der magere Lohn der Arbeiter noch etwas zu hoch erscheint, so wird an den Akkordsätzen gekürzt, um die ohnehin schon angestrengten Arbeiter noch intensiver anzutreiben. Dabei muß man bedenken, daß die Leute bei einer 14= bis 15stündigen täglichen Abwesenheit von zu Hause, je nach der Entfernung ihres Wohnorts, aus einen Tagesverdienst von 2,80 Mk. im Durchschnitt im Tagebaubetrieb kommen(im unterirdischen Betrieb stellt sich der Lohn etwas höher). Von diesem niedrigen Lohne wird niemand behaupten können, daß sich eine Familie davon anständig ernähren kann. Allseitig dringt die Erkenntnis unter den Arbeitern des Werks durch, daß der einzelne dem Unternehmertum machtlos gegenübersreht, und nur gemeinsames Handeln Erfolg verspricht.Den vereinten Kräften oft gelingt, was einer nicht zu Stande bringt! Es ergeht deshalb hiermit der Ruf an die gesamlte Belegschaft des genannten Werks, sich der modernen Arbeiterbewegung anzuschließen, zur Erringung besserer Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen. Vielseitigen Wünschen entsprechend wird deshalb bald⸗ möglichst in Gießen eine allgemeine Bergarbeiter⸗ Versammlung stattfinden, zwecks Beitritt zur Organisation. Hoffentlich erscheinen sämtliche Arbeiter in geplanter Versammlung und helfen mitwirken zum Wohle der Gesamtheit.

r. Steinberg. Daß allzu scharf schartig macht, ist eine alte Geschichte. So wirds auch gehen mit der strengen Handhabung des Forst⸗ strafgesetzes durch unsern Flurschützen Wenzel. Es herrschen hier geradezu empörende Zustände, zu denen es nicht gekommen wäre, wenn etwas mehr Einsicht von verschiedenen Leuten und von der Ortsbehörde gezeigt würde. Wer bei uns hier in der glücklichen Lage ist, ein Häuschen zu besitzen, schafft sich in der Regel einige Hühner an, damit er ein paar Eier bekommt. Das wird nun aber den am Ende des Ortes wohnenden Leuten fast unmöglich gemacht. Denn untersteht sich mal so ein armes Hinkel in's Freie zu laufen, sofort ist der Feldschütz da und macht Anzeige. Da regnet es denn Strafe auf Strafe. Auf diese Weise werden hunderte von Mark der Gemeinde entzogen. Steht der Schaden, den die Hühner beim Suchen von Würmern anrichten, im Verhältuis zu dieser Summe? Das wird jeder in Zweifel ziehen müssen. Da ist's kein Wunder, wenn die Stimmung gegen den Hüter des Gesetzes nicht die freundlichste ist. Infolge häufiger Be⸗ schwerden an das Kreisamt setzte dieses einen Termin zur Vernehmung an, in dem eine Reihe Vorwürfe gegen den Flurschütz erhoben wurden. Unter anderem dieser, daß er öfters Arbeiten für Private ausführe, was ihm im Dienst⸗ vertrag untersagt ist. Der Herr Bürgermeister, der ebenfalls in der Sache bernommen wurde, stellte dem Flurschütz ein gutes Zeugnis aus und bestritt namentlich, daß er Arbeiten für. Private ausführte. Die Sache dürfte mit dieser ien nicht zum Abschluß gelangt sein. Wird die Sache richtig klar gestellt, dann erscheinen möglicherweise gewisse Personen in anderem Lichte. Sollten die

Hau pischreier, die den Leuten wegen eines Huhnes