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Nr. 34.
Mitteldentsche Sonuntags⸗Zeitung.
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1 Monat Gefängnis herab. Diese Strafe ist für das harmlose Vergehen noch immer unge⸗ heuerlich genug, aber gegen die zuerst erkannte doch ein gewaltiger Unterschied. Dabei gingen beide Instanzen bei Beurteilung des Falles von demselben Standpunkte aus. Beide zogen die Angetrunkenheit der Angeklagten in Betracht, bejahten jedoch das Vorhandensein der Zurech⸗ nungsfähigkeit und betonten die Schwere der begangenen Exzesse. Um so auffälliger ist der kolossale Abstand in der Abmessung der Strafen, die von den beiden Instanzen ver⸗ hängt wurden.
Aehnlich ging es mit dem Urteil gegen den Matrosen Jancowski vom Kreuzer„Ankona“. Dieser hatte in der Trunkenheit einen Signal⸗ maaten von der„Medusa“ beschimpft und mittels eines Bandeisens tätlich angegriffen und war deshalb am 8. Juli zu 3½ Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das Ober⸗ kriegsgericht in Kiel hob nunmehr das Urteil der Ae Instanz auf, indem es als festgestellt erachtete, daß der Angeklagte bei Begehung seiner Tat den Vorgesetzten als solchen nicht erkannt habe, erachtete aber das Bandeisen als gefährliches Werkzeug. Wegen Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeugs lautete das Ur⸗ tell unter Berücksichtigung der Vorstrafen auf drei Monate Gefängnis, auf die auch die ure erlittene Untersuchungshaft angerechnet wurde.
Revolution in Rußland.
Ueber die Polizeiwirtschaft und die Gefäng⸗ nisse in Odessa wurde der„Pall Mall Gazette“ berichtet:„Infolge der vielen Verhaftungen von allen Klassen liberaler Bürger— Juristen, Aerzte, Professoren, Journalisten usw.— sind die Gefängnisse in Odessa übervoll. Das hauptsächlichste Gefängnis hat jetzt 1400 Ge⸗ fangene, die in Räumen leben müssen, die ursprünglich für 600 bestimmt waren. Die Distriktspolizeistationen sind mit Gefangenen angefüllt, von denen viele in unbeschreiblich schmutzigen Zellen eingesperrt sind. Obwohl täglich viele Männer und Fraues aus der Stadt verbannt werden, so bleiben die Gefäng⸗ nisse dennoch voll, da immer neue Verhaftungen in großer Zahl stattfinden.“— Der jüngst erwählte Bürgermeister und Professor an der Universität, Yaroschenko, ist von dem Statt⸗ halter, General Karaugozoff, verbannt worden, sowie eine große Anzahl angesehener Personen.
Gegen die„Meuterer“ von dem Lehrschiffe „Pruth“ wurde in Sebastopol verhandelt. Von den 43 Matrosen wurden 15 Angeklagte freigesprochen, vier zum Tode durch Er⸗ schießen, drei zu fristloser Zwangsarbeit, die ubrigen zu leichteren Strafen verurteilt. Das Kriegsmarinegericht beschloß, Fürsprache einzulegen, daß die Todesstrafe durch fristlose Zwangsarbeit und letztere für zwei Angeklagte durch zehnjährige Zwangsarbeit ersetzt werde.
In Bialystok hausten die zarischen Blut⸗ hunde am 12. August in der fürchterlichsten Weise. Polizei und Soldaten stürzten sich auf eine angesammelte Arbeitermenge und sprengte sie auseinander. Als ein Soldat einen sehr angesehenen Arbeitervertreter niedergestreckt hatte, sammelte sich der Volkshaufe von neuem und begann die Patrouillen mit Steinen zu bewerfen. Kosaken sprengten herbei, und es begann eine regelrechte Schlächteret, die bis spät in die Nacht hinein fortdauerte. Die Einwohner be⸗ haupten, daß das Militär von oben den Befehl erhalten hätte, nach Gutdünken zu verfahren. Die Soldaten trieben eine förmliche Jagd und schossen mit Absicht auf unbewaffnete Passanten, auf Frauen und Kinder. 80 Tote und etwa 200 Verwundete wurden gezählt. Wie lange will sich das Volk noch die zarischen Verbrechen gefallen lassen?
Kleine politische Nachrichten.
Im Bebelschen Erbschaftsprozeß, der zu⸗ gunsten Bebels vom Ulmer Landgerichte entschieden worden ist, sollen zurzeit Vergleichs verhandlungen schweben, sodaß dieser Aufsehen erregende Prozeß weder das Oberlandesgericht noch das Reichsgericht beschäftigen dürfte.— Die Revision gegen das Trierer Ur⸗ teil im Prozesse Krämer⸗Hilger wurde von beiden
Seiten zurückgezogen. Herr Hilger ließ durch seinen Rechtsbeistand dem Rechtsanwalt Heine mitteilen, daß er die Revision zurückziehen werde, wenn die Gegen⸗ partei dasselbe tue. Das ist denn auch vom Genossen Krämer geschehen. Somit wäre denn dieser Prozeß, der soviel Staub aufwirbelte, und der noch einen Mein⸗ eidsprozeß gegen den Schlafhausaufseher Bremer als Nachspiel zu haben scheint, endgültig erledigt.
In Spanien sind Hungerrevolten ausge⸗ brochen. In Sevilla und Ossuna griffen mehr als 3000 Arbeiter, durch Hungersnot getrieben, Güter und Höfe an und durchziehen Freiheit verlangend, die Dörfer. Die Lage wird als sehr ernst aufgefaßt. Hungersnot in einem von Natur so reich gesegnetem Lande! Pfaffen und Fürsten haben es ausgesogen!
Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.
101569 Mann auf dem Schlachtfelde der Arbeit gefallen! Das ist nach der Statistik der Unfallberufsgenossenschaften die Zahl der Getöteten. In diesem Jahre waren 6047 Getötete zu verzeichnen und diese Zahl stieg mit jedem Jahre, bis auf 8370 im Jahre 1903. Im Ganzen in den vierzehn Jahren 101569 Getötete, die zusammen 204597 Witwen und Waisen hinterließen. Ueber 100000 Gefallene! Das ist schon eine ganz gewaltige Armee, die auf dem Schlachtfelde der Arbeit fiel und die Gesamtzahl der von den Getöteten Witwen und Waisen beträgt 204597. In diesen Zahlen(im Jahre 1904 stieg die Zahl der Unfälle mit tötlichem Aus⸗ gange um weit über tausend gegen das Vorjahr) tritt das Risiko der Arbeit in seiner ganzen erschreckenden Größe vor Augen. Was will demgegenüber das Ristiko des Unter⸗ nehmers bedeuten! Dieser riskiert einiges Kapital um mehr zu gewinnen, der Arbeiter aber muß für das tägliche Brot sein Leben einsetzen!
Von den Unfallziffern sind noch folgende bemerkenswert: Im Jahre 1903 ist die Zahl der gemeldeten Unfälle um 42 000 gesttegen. Zu den 642040 am Anfang des Jahres vor⸗ handenen Unfallrentnern kamen 129 375 eut⸗ schädigungspflichtige Unfälle hinzu, sodaß zu⸗ sammen 771415 Unfälle entschädigt werden mußten. Verausgabt wurden bei Todes⸗ fällen und Erwerbsunfähigkeit an Renten, Be⸗ handlung in Heilanstalten und Fürsorge für Verletzte innerhalb der Wartezeit 117 912 900 Mark, oder 152,35 Mark für jeden entschädi⸗ gungspflichtigen Unfall. Für Untersuchung, Rechtsgang, Unfall⸗Verhütung und Verwaltung wurden 18 877500 Mark, oder auf jeden hin⸗ zugekommenen entschädigungspflichtigen Unfall 146 Mark, auf jede laufende Rente 24,50 Mark gleich 16 Prozent der Rente verausgabt. Die reinen Verwaltungskosten betrugen bei 146 000000 Mark Einnahmen nicht weniger als 12 374 300 Mark, gleich 9 Prozent, während bei den Krankenkassen, die fünfmal soviel mit Er werbsunfähigkeit verbundene Fälle zu er⸗ ledigen hatten, bei einer Einnahme von 206 Millionen Mark nur 11,8 Millionen gleich 6 Prozent zu verzeichnen sind.
Der Zentralverband der Ortskranken⸗ kassen hielt vom 6. bis 8. August seine 12. Jahresversammlung in Dresden ab. Laut Jahresbericht gehören dem Verband 175 Orts⸗ kassen mit 1608 206 Mitglieder an. An der Versammlung nahmen 294 Delegierte von 143 Kassen mit einer Mitgliederzahl von 1557600 teil. Nach einem Referat von Fischer⸗Weimar wird ein Antrag angenommen, der verlangt, daß gegen 6 Prozent Mindestentschädigung ganz allgemein gewährt und gesetzlich die Einziehung der Invalidenbeiträge den Ortskassen übertragen wird. Ferner wurde beschlossen, eine Eingabe an den Reichstag zu richten, damit die Versiche⸗ rungspflicht auf Hausgewerbetreibende und Hausarbeiter ausgedehnt werde.— Hierauf spricht Sydow⸗Berlin über die Vereinheit⸗ lichung der Arbeiterversicherung. Er geht auf die Vorgeschichte der in Aussicht genommenen Vernichtung der Selbstverwaltung der Kranken⸗ kassen ein und wendet sich auch gegen die Aerzte, die diese scharfmacherischen Bestrebungen unter⸗ stützen. Er fordert schließlich eine wirkliche
Reform der Versicherungsgesetzgebung. Die deutschen Arbeiter haben durch die 20 Jahre Selbstverwaltung nicht nur ein materielles, sondern auch ein ideelles Recht erworben. Vor einem Bureaukraten, wie Bülow es ist, beugen sich die Arbeiter nicht, schließt Redner seinen beifällig aufgenommenen Vortrag.
Die Ausgaben der Krankenkassen im Deutschen Reiche verteilen sich in fol⸗ gender Weise: Krankenkassenmitglteder im Sinne des Gesetzes waren im Jahre 1903 im Deutschen Reiche 10 224297 Menschen. Von den Kranken⸗ kassen bekamen:
die Aerzte 40 765699 Mk.
die Apotheker 28 905 813„ die Kranken selber 9377 die Wöchnerinnen 2851355„ Krankenanstalten 23 658831„ Rekonvaleszenten 157 405„ Sterbegeld wurde gezahl 5388897„
Zusammen wurden also gezahlt 180 841677 Mk.
Aerzte gab es 1904 im Deutschen Reiche 30457, so daß also auf den Arzt im Durch⸗ salen aus den Krankenkassen 1333 Mark ent⸗ allen.
Gute Lehre für Unorganisierte. Ein Parteigenosse in Köln erhielt vor einigen Wochen von seinem Schwager in München, einem ausgesperrten Metallarbeiter, einen Brief, der für die Psychologie der Unorganisterten geradezu typisch ist. Es hieß darin:
„Du weißt, wie ich voriges Jahr zu dir sagte, daß er(der Fabrikant) nur Organi⸗ sterte hinauswirft. Darum hielt ich mich immer zurück. Jetzt hat sich der Schuft eines anderen besonnen und wirft uns sämtlich hinaus, natürlich mit dem Unterschiede, daß die anderen eine Unter⸗ stützung bekommen und ich keine, weil ich seinen Worten zuviel Glauben schenkte. Das habe ich nach 8½ Jahren von diesen Schuften. Wie lange diese Aus⸗ sperrung dauern wird, wissen wir nicht, denn die Prinzipale sind sehr eigensinnig; aber von was leben und Zins zahlen?“
Der Brief schließt mit der Bitte, dem Schreiber während der am kommenden Sonn⸗ abend beginnenden Aussperrung eine kleine Unterstützung zu gewähren. Das Geschick, das diesen Unorganisterten traf, ist das, was er verdient und selbst gewollt hat. Trotz seiner Kürze kann der Brief beinahe ein wirksames Flugblatt ersetzen. Wir veröffentlichen ihn zu Nutz und Frommen aller derer, die sich bisher vor der Beitrittspflicht zu ihrer Gewerkschaft vorbeigedrückt haben.
Pon Rah und Lern. Hessisches.
k. w. Vom Finger Gottes. In Viern⸗ heim bei Worms wurde diesen Monat unter Anwesenheit des Großherzogs ein Kriegerdenk⸗ mal enthüllt, welches sogar die Mutter Gottes mit dem blutigen Handwerk in Ver⸗ bindung bringt. Und ein gar gemütvoller frommer Kaplan mit Namen A. Veil kleidet solche intimen Beziehungen zwischen Krieg und Kirche in der Festzeitung in folgende tiefsinnige Worte:
„Ste zogen aus zum blutigen Strauß, und stehe da! alle kehrten unversehrt und ruhm⸗ gekrönt in's Elternhaus zurück mit Ausnahme eines einzigen, der die kirchliche Abschiedsfeier versäumt hatte. Der Krieg bettete ihn neben vielen andern in französischer Erde zur Ruhe.“
Ob nun aber unter diesen„vielen andern“ nicht doch auch vielleicht mancher gewesen ist, 5 9 5 kirchliche Abschiedsfeier versäumt atte
Der Gedankengang erinnert lebhaft an die geistliche Trostpredigt bei dem Borussiaunglück! Da haben wir einen weiteren Beleg für die Art und Weise, wie diese beschränkten kirchlichen Zeremonienritter sich den„lieben“ Gott nach dem Ebenbilde ihrer eigenen erbärmlichen Eng⸗ herzigkeit zurechtschneiden. Diese großartige Logik könnte schließlich doch nur dahin führen,


