Ausgabe 
20.8.1905
 
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Seite 2.

Mitteldeufsche Sonntaab-Stitung-

Nr. 34.

lichen Arbeit so sehr nörtge Nahrungsmittel, das Fleisch, sind eine Folge der Absperrungs⸗ politik unsrer Regierung. Eben macht ste nur erst den Schutz gegen Viehseuchen zum Vorwand dafür, die 5 5 billigen fremden Schlachtviehs auf's Aeußerste zu beschränken. Wie wird das nun erst werden, wenn der neue Zolltarif kommt, wenn diese Absperrung noch derschärft und auf alle Nahrungsmittel aus⸗ gedehnt werden wird? Diese Fleischnot infolge der veterinären Absperrung der Einfuhr gibt auch einen Vorgeschmack der allgemeinen Verteurung durch die Verallgemeinerung der Absperrungspolitik, wenn erst der Zolltarif in Kraft treten wird. Und vor allem ist diese hartnäckig aufrecht erhaltene Absperrung ange⸗ sichts der großen Fleischnot pardon! Fleisch⸗ teuerung, ein recht greifbarer Beweis dafür, wessen Interessen den Staat eben völlig be⸗ herrschen.

Nun, mögen die Herren von der Landwirt⸗ schaft ihre Interessen nur so fort verfechten und immer offener ihren Eigennutz aus der Maske dernationalen Interessen heraus- schauen lassen umso weniger werden wir uns durch ihre patriotischen Redensarten beirren lassen, umso kräftiger werden wir auch unsre, die Interessen der großen Mehrheit unsres deutschen Volkes vertreten dürfen.Egois⸗ mus weckt wieder Egoismus, das alte Wort mögen die Herrn Agrarier nicht außer Acht lassen. Oder, um es in etwaskeruigerer, Art auszudrücken:Wurscht wieder Wurscht! Und haben die Agrarier die nationale Phrase für sich, so haben wir die größere Hälfte der Nation selbst für uns. Und der Entrüstungs⸗ sturm, der 1846 in England einst die ganze agrarische Zoll⸗ und Junkerwirtschaft aus dem Lande fegte, der könnte doch auch vielleicht einmal zu uns nach Deutschland e

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In verschiedenen Städten verlangten die Metzgerinnungen Erleichterung der Einfuhr ausländischen Schlachtviehs, das Gleiche ver⸗ langten zahlreiche Volksversammlungen. Aus rößeren Städten wird berichtet, daß infolge ber Fleischnot viele Metzger ihre Läden schließen mußten; in Frankfurt am Montag allein 171 Das ist der Segen unserer herrlichen vater⸗ ländischen Schutzzollpolitik!

Politische Rundschau.

Gießen, den 17. August 1905.

Politisches von der Woche.

Mit Einführung des Befähig⸗ ungsnachweises für Handwerker gingen bisher die Mittelstands⸗ und Handwerks⸗ retter aller Farben auf den Bauernfang. Jetzt hat sich die Vertretung des deutschen Handwerks, der jüngst in Köln stattgefundene deutsche Hand⸗ werkskammertag mit 46 gegen 25 Stimmen gegen den allgemeinen Befähigungsnachweis ausgesprochen. Die Vernünftigen unter den Handwerkern, haben längst eingesehen, daß sich der Befähigungsnachweis von all den zur Hebung des Handwerks angepriesenen Mitteln als das alleruntauglichste darstellt, daß er nur eine Lockspeise zum Stimmenfang in den Händen der Antisemiten, Konservativen und anderer Rückständler ist.

Gegen den Hamburger Wahlrechts⸗ raub wollen, wie derFrkftr. Ztg. berichtet wurde, die Hamburger Bürgervereine eine große Willenskundgebung herbeiführen. Die Stellungnahme der Bürgervereine, die im. kommunalpolitischen Leben Hamburgs eine große Rolle spielen, soll durch eine Enquete festgestellt werden. Beim Wiederzusammen⸗ treten des zur Prüfung der Wahlrechtsvorlage niedergesetzten bürgerschaftlichen Ausschusses nach den Ferien soll dem Ausschusse diese Enquete als Material zugestellt werden.

Um das allgemeine Wahlrecht wird in Ungarn gekämpft. Die Sozialisten hielten viele Versammlungen im Lande ab, in denen beschlossen wurde, durch einen allgemeinen Streik und Demonstrations⸗Umzug das Parla⸗

ment zur Einführung des allgemeinen Wahl⸗ rechts zu zwingen.

Das norwegische Volk nahm am Sonntag eine allgemeine Abstimmung über die Frage der Trennung der Union mit Schweden vor. 362980 stimmten mitJa, also für die Trennung und die Entlassung des Königs Oskar und nur 182 dagegen. Ueber dieses Resultat herrschte allgemeiner Jubel im ganzen Lande. Nunmehr sollten die Norweger auch sofort die Republik einführen, denn wenn ste nur ein neues Fürstenthrönlein errichten wollen, dann sind sie nichts gebessert.

Die Friedens verhandlungen zwischen Japan und Rußland nehmen nach den Berichten aus Portsmouth günstigen Fortgang. Die Russen scheinen auf die Bedingungen der Japaner bon denen die hauptsächlichsten sind: Räu⸗ mung der Mandschurei durch die Russen; An⸗ erkennung des japanischen Protektorats über Korea; Abtretung von Sachalin an Japan und eine Kriegsentschädigung eingehen zu wollen.

Menschenopfer der Eisenbahn⸗Büreaukratie.

Die entsetzliche Eisenbahnkatastrophe, die sich am Montag vor acht Tagen in Spremberg ereignete und über die wir in voriger Nummer nur kurz berichteten, lenkt die öffentliche Auf⸗ merksamleit wiederum auf die Zustände, wie ste innerhalb des preußischen Eisenbahngebietes zu Hause sind, aber auch in andern deutschen Vaterländern angetroffen werden. Der lahme Gaul offiziöser Beschwichtigungen ist diesmal mit einer so auffälligen Eile in Bewegung gesetzt worden, daß man an das Sprichwort erinnert wird: Wer sich entschuldigt, klagt sich an! Gleich nach der Katastrophe wurde ver⸗ kündet, der angeblich schuldtragende Stations⸗ assistent sei keineswegs übermäßig lang im Dienst gemesen, sondern erst zwei Stunden. Das mag ja wahr sein; aber es ist nur ein günstiger Zufall für die Eisenbahndirektion, daß sie sich in diesem Punkte in lilienweiser Unschuld zeigen kann. Denn an der notorischen Tatsache, daß die übermäßige Ausnützung des Bahnpersonals, das Arbeitszeiten bis zu 14 und 16 Stunden kennt, den Boden schafft für die zahlreichen Betriebsunfälle im Eisen⸗ bahnverkehr, wird dadurch nichts geändert, daß in einem Einzelfalle diese Ursache nicht nach⸗ weisbar ist. Aber der Fiskalismus der preußi⸗ schen Staatsbahnen, die mit ihren auf Kosten der Betrtiebssicherheit erzielten Riesenüberschüssen prunken, schafft noch eine zweite Gefahrenursache, auf die eine Notiz der Nordd.Allg. Ztg. aufmerksam machte. Es hieß darin:

Der beklagenswerte Eisenbahnunfall bei Spremberg ist durch den den Zugmeldedienst in Spremberg leitenden Stationsassistenten veranlaßt worden. Er lies unbe⸗ greiflicherweise den Schnellzug 113 von Spremberg in der Richtung nach Görlitz abfahren, trotzdem auf ein⸗ geleisiger Strecke, also auf diesem Geleise der Nachzug zu dem Schnellzug 112 von Görlitz nach Spremberg in der Anfahrt war. Bei der Beachtung der in der Praxis aller Länder seit Jahren bewährten Vorschriften ist der Betrieb auf eingeleisigen Linien nicht minder sicherer als auf zweigeleisigen.

Dieses verlegene Entschuldigungsstammeln beweist uns, daßman sich wohlbewußt ist, daß Verkehrsverhältnisse, wie ste sich bei der Spremberger Katastrophe bemerkbar machten, als geradezu gemeingefährlich bezeichnet werden müssen. Es ist ja bekannt, daß manche Bahnhöfe wegen ihrer rückständigen Anlage im preußischen Landtag wiederholt alsMenschen⸗ fallen bezeichnet wurden, und der Mißstand, daß Eisenbahnstrecken mit großem Durchgangs⸗ verkehr immer noch eingeleisig sind, ist durch beschwichtigende Redensarten nicht aus der Welt zu schaffen. Wäre die Görlitzer Bahn, auf der das Spremberger Unglück passtert ist, zweigeleisig ausgebaut worden, so hätte die Katastrophe nicht passtieren können, die so viel bitteres Leid über zahlreiche Familien gebracht hat.

Es sind nach den genauen Feststellungen 20 Personen getötet oder kurz nach dem Zu⸗ sammenstoß gestorben und etwa 40 verletzt. Wieviel Todesopfer sollen noch fallen, wieviel Menschen noch zu elenden Krüppeln werden,

bis die Eisenbahnverwaltungen sich ihrer Ver⸗

antwortung bewußt werden, und die Vorbe⸗ dingungen für eine ausreichende Betriebsstcher⸗ heit schaffen durch Ausbau der Verkehrsvor⸗ richtungen und durch Verzicht auf die über⸗ mäßige Ausbeutung ihrer Bediensteten? So geht ein Artikel durch die Presse, in dem dar⸗ auf hingewtesen wird, daß die Strecke Dres den⸗ Berlin ebenfalls nur eingeleisig ist, trotzdem diese Strecke außerordentlich belastet ist.

Unter dem elendesten Wahlsystem.

Die amtliche Bearbeitung der Ergebnisse der preußischen Landtagswahlen von 1903 ist nun im preußischen Statistischen Bureau er⸗ schienen. Danach waren im Jahre 1903 im ganzen Staate 7101963 Urwähler vorhanden, das sind 206,02 auf 1000 Einwohner. In absoluten Zahlen entfielen auf die erste Klasse 238 845 Wähler, auf die zweite 856 914 und auf die dritte Klasse 6006 204 Wähler. In Hundertteilen der gesamten Wählerzahl kamen auf die erste Klasse 3,36, auf die zweite Klasse 12,07 und auf die dritte Klasse 84,57. Die Verteilung der Wählerstimmen auf die Parteien war folgende

1. Kl. 2. le S Zu Konserv. 33 629 69 409 221019 324157 Freikonserv. 5063 10761 32178 47975 Nationallib. 25982 60 792 169 446 256 220 Fr. Verein. 1665 3952 11118 16735 Fr. Volksp. 8593 21409 43243 73245 Zentrum 23327 54780 173851 251958 Pol., Dän. 6242 25004 150110 181356 Bd. d. Land. 2142 3555 6851 12548 Antisemiten 152 428 2200 2880 Sozialdem. 782 12383 300 984 314 149 18,79 Sonstige 9869 30 464 150057 190 390 11,39

Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich, daß nach der prozentualen Verteilung der Wählerstimmen die Zentrumsfraktion des Ab⸗ geordnetenhauses von der zweiten an die vierte Stelle rücken müßte. Den zweiten Platz (hinter den Konservativen) würden die Soztal⸗ demokraten einnehmen, die National⸗ liberalen würden die dritte Stelle behaupten. So müßte es sein, tatsächlich haben die 314 149 sozialdemokratischen Wähler aber nicht einen Abgeordneten erhalten. Das ist ja auch begreiflich, wenn 238845 erstklassige und 856 914 zweitklassige Wähler 6 006 204, die in der dritten Klasse wählen, majoristeren können. Treffender wie durch diese Zahlen kann die Ungerechtigkeit des preußischen Drei⸗ klassenwahlsystems nicht beleuchtet werden.

Opfer unserer Sandwüsten.

Neunzehn Monate sind seit dem Be⸗ ginne des Herero⸗Krieges verflossen. Während dieser Zeit hat die deutsche Schutztruppe einen Gesamtverlust von 1692 Mann zu ver⸗ zeichnen und zwar an Toten 1122 Mann, an Verwundeten und Verunglückten 570 Mann. Das sind ganz gewaltige Opfer, die für eine elende, wertlose Sandwüste gebracht wurden. Nichts erreicht, als Menschen und Tiere ver⸗ nichtet und vielleicht geringfügige Ansätze von Kultur zerstört. Und dafür hat bisher das deutsche Volk 400 Millionen Mark auf⸗ wenden müssen. Unsere siebengescheiten Staats⸗ weisen können sich mit den Erfolgen ihrer Kolontalpolitik sehen lassen. In der Zeit⸗ schrift:Die deutschen Kolonien wurden zwei Erlasse veröffentlicht, die beweisen, daß General v. Trotha eine barbarische Kampfesweise gegen die Neger beliebt.

Korrigierte militärische Schreckensurteile.

Das fürchterliche Urteil, das vor einigen Wochen gegen die beiden Landwehrleute Strauer und Krogmann vom Kieler Kriegsgericht gefällt wurde, ist vom Oberkriegs⸗ gericht abgeändert und die Strafe der beiden Sünder bedeutend reduziert worden. Die Ge⸗ nannten waren kekanntlich wegenAufruhr zu 7 und 6 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Sie hatten weiter nichts getan, als bei ihrer Abführung in den Arrest Widerstand geleistet. Die Berufungsinstanz setzte nun die Strafe für Strauer auf 1 Jahr 2 Monate Gefängnis und für Krogmann auf 1 Jahr

19,39 2,87 15,33 1,00 4,38 15,07 10,85 0,75 0,17

In Proz.

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