Ausgabe 
19.3.1905
 
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Nr. 12.

Mitteldeutsche Sonntaas⸗geitung.

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freite und Rekrutenerzieher Fischer von der zweiten Kompagnie des in Plauen in Sachsen stehenden Infanterieregiments befahl eines Tages als Stubenältester ganz widerrechtlich den Rekruten das Lederzeug zu putzen. Einer dieser jungen Leute war gerade damit beschäftigt, seine Wäsche einzupacken und einige Zeilen dazu zu schreiben. Wetl er damit nicht sofort aufhörte, bekam er vom Gefreiten den Befehl, die Stiefel der sämtlichen sechs Anwesenden zu schmieren und die Schäfte zu wichsen. Er wurde von dem Gefreiten gezwungen das in Rumpfbengestellung am stark geheizten Ofen zu tun. Der Rekrut mußte einein⸗ halb Stunden in dieser Stellung verharren; auch ließ der Gefreite zweimal während dieser Zeit Feuerung nachlegen; Wasser durfte auf Befehl des Gefreiten dem Rekruten nicht ver⸗ abreicht werden. Als dieser am Ofen genug gequält war, mußte er sich auf Befehl des Gefreiten in drei Minuten feldmarschmäßtg an⸗ ziehen. Das ging diesem Rekrutenerzieher aber nicht schnell genug, und nun befahl er auch den anderen Rekruten sich in gleicher Weise anzu⸗ ziehen. Beim Hinausgehen sagte er ihnen, sie sollten sich bei ihrem Kameradenabfinden. Der Rekrut mußte sich nach dieserAbfindung krank melden, drei Tage das Bett hüten und war acht Tage vom Dienst befreit. Sein Erzieher erhielt jedoch sechs Wochen und drei Tage Gefängnis.

Diealten Leute beim Militär nehmen sich bekanntlich immer heraus manchmal unter Billigung der Vorgesetzten die Rekruten zuerziehen resp. zu mißhandeln. Diese Un⸗ sitte nahm kürzlich in Kiel für die Rekruten⸗ peiniger eine böse Wendung. Einige ältere Leute, darunter ein Oberheizer, beabsichtigten, abends nach Zapfenstreich einige Matrosen⸗ rekruten, insbesondere einen, durch Schläge zur Folgsamkeit gegen die alten Leute zu erziehen. Kurz vor Ausführung des Aktes erfuhren die Rekruten davon. Mit Feuerhaken, Kohlen⸗ schaufel und sonstigem Geschirr erwarteten sie kampfbereit die Angreifer. Sowie die alten Leute auf dem Plane erschienen und den einen Matrosen angriffen, begann der allgemeine Kampf. Auf den Lärm eilten Unterofftziere herbei und brachten die im Dunkeln Kämpfenden auseinander. Es zeigte sich nun, daß der Ober⸗ heizer schwer verletzt worden war. Ein Auge war ihm ausgestochen, das Nasenbein gespalten und vom linken Oberarm die Mus⸗ kulatur durch einen Stich förmlich abgetrennt worden. Gegen die Betelligten ist nun Unter⸗ suchung eingeleitet worden. Man sollte es nicht für möglich halten, daß die alten Soldaten sich zu solchen Roheiten gegen ihre eigenen Kameraden hergeben.

Ein antisemitischer Soldatenschin⸗ der stand am Montag in der Person des Unter⸗ offiziers Schmidt vom Fußartillerie⸗Regt. in Mainz vor dem Frankfurter Oberkriegsgericht. Unter dessen raffinierten Quälereien hatte be⸗ sonders der Rekrut Kaplowiß viel zu leiden, weil er ein Jude war. Ihn nannte Schmidt nicht anders wie Itzig oder Dreckjud und mißhandelte ihn außerdem bei jeder Gelegenheit fürchterlich. Zahllos sind die Schindereien, die ihm zur Last gelegt werden. Das Mainzer Kriegsgericht hatte ihn zu 1 Jahr Gefängnis und Degradation verurteilt. Auf Berufung erkannte das Oberkriege gericht auf nur 8 Monate und Degradation.

Mit dem Militärboykott

hat man in dem gelobten Lande Sachseu keine guten Erfahrungen gemacht, nicht das erreicht, was man damit erreichen wollte. Die Saal- besitzer haben sich wiederholt beschwerdeführend an die Militärbehörde gewandt und schließlich kam diese selbst zu der Einsicht, daß diese Zu⸗ stände unhaltbar sind. Nach vielem Hin und Her hat das Armeekommando verfügt, daß an dem Tage, an dem eine sozialdemokratische Versammlung in einem Lokale stattfindet, mindestens eine Stunde vor dem Beginn ein Plakat an den Saaleingängen und an den Eingäugen zu den Nebenräumen durch den Lokalinhaber angebracht werden und so lange

hängen bleiben muß, bis an diesem Tage das Lokal geschlossen wird. Das Plakat hat in deutlich lesbarer Schrift die Worte:Versammlung! Heute für Militär verboten! zu ent⸗ halten. Ein Lokalinhaber, der sich diesen Ver⸗ pflichtungen nicht unterwirst, soll danu aller⸗ dings die Verhängung des dauernden Militär⸗ verbotes zu gewärtigen, haben.

Der Sünder gegen den Kriegerverein.

Der Vorstand des Militärvereins Vogel⸗ gesang⸗Ufer(Berlin) hat eins seiner Mitglieder mit folgendem Schreiben beglückt:

Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß Sie nach§ 13 der Satzungen des Vereins aus dem Verein ausgestoßen sind. Gründe Sie find bei der Kaisergeburtstagsfeier nicht in Unniform erschienen. Sie sind beim Kaiser Toast nicht aufgestanden wird also angenommen daß Sie Sozialdemokratisch gesonnen find. Sie haben in angetrunkenen Zustand die Feier nicht ver⸗ schönern helfen sondern im Gegenteil. Auch haben die Aufforderung des Vorstand nicht folge geleistet. Da solche Mitglieder nur Zwiespalt und uneinigkeit im Ver⸗ ein ansporren so haben wir zu obigen 8 geschritten.

Der Vorstand i. V.: Gustav Bracht Schriftführer.

Der Mann hat auch viel gesündigt. Er ist in angetrunkenem Zustande gewesen und hat trotzdem das Fest nicht verschönern helfen. Der Mann wird nun wissen, was sich gehört. Hoffentlich macht sich der schneidige Militär⸗ vereins bevollmächtigte auch noch mit den Regeln der deutschen Sprache und der Orthographie etwas vertraut, dann ist allen geholfen und die Kriegervereinsästhetik gerettet.

Ein Antisemiterich.

Der ehemals bekannte Antisemitenhäuptling Rechtsanwalt Hertwig⸗Charlottenburg wurde vorige Woche auf Requisition der Berliner Staatsanwaltschaft verhaftet und in das Moa⸗ biter Untersuchungsgefängnis gebracht. Er stand erst kürzlich wegen Unterschlagung vor Gericht und wurde zu vier Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt. Inzwischen waren weitere Anzeigen wegen Unterschlagung ihm an⸗ vertrauter Gelder eingelaufen.

Kleine politische Nachrichten.

Der Zentrumsabgeordnete Lindner, Vertreter des bayrischen Reichstags⸗Wahlkreises Kaufbeueru, ist gestorben. Sein Wahlkreis ist eine sichere Zentrums⸗

domäne.

Die russische Niederlage

von Mukden ist eine so vollständige, daß fast von einer Vernichtung der Armee Kuropatkins gesprochen werden kann. Mit jeder Nachricht, die vom Kriegsschauplatze kommt, stellt sich das Unheil, die Verwirrung, die über das Zarenheer hereingebrochen ist, größer dar. Völliger Zusammenbruch, hoffnungsloser Unter⸗ gang! Die Russen fliehen in wilder Auflösung. Mit knapper Not scheint Kuropatkin der Ge⸗ fangennahme entgangen zu sein; denn er meldete vom Montag: Seit Nachmittag vollzieht sich der sehr gefährliche Rückzug, der besonders schwierig ist für die von der Mandarinenstraße entfernten Korps. Die Japaner bedrohten unsere Truppen, aber dank der äußersten An⸗ strengungen stud unsere Armeen außer Gefahr. Der Feind beschoß die Rückzugslinie von Ost und West. Die Mandarinenstraße wurde vom Osten von zwei Orten bei Tavan und Poukse beschossen. Eine englische Meldung vom gleichen Tage besagte, daß die Armee des Generals Bilderling, die bis zuletzt die Deckung des Rückzuges der Hauptarmee durchführte, nördlich von Mukden die Waffen gestreckt habe. General Mischischenko soll von japanischer Kavallerie in der Nähe von Tjelin gefangen genommen worden sein. Und ähnlich wurde aus japanischer Quelle berichtet:Der größte Teil von Kaul bars' und Bilderlings Armeen ist nördlich von Mukden eingeschlossen. Die Versuche zum Durchbruch werden immer aussichtsloser. Teilkorps des russischen linken Flügels sind hinter Fuschun abgeschnitten. Große abgespren gte Abteilungen sind munitionslos und nahrungslos. Bisher wurden 50 000 Gefangene gemacht, meist halbverhungert, barfuß

und zerlumpt. Ueber hundert Feld⸗ geschütze und einige achtzig schwere Geschütze wurden erbeutet.

Selbst von russischer Seite wird zugegeben, daß der Verlust der Russen sich auf 150000 Mann beziffert. So hoch wird der russische Verlust noch nicht einmal von den Japanern angegeben; aus dem Lager Kurokis wird von 100000 Mann gesprochen, darunter 50 60000 Gefangenen. Enorme Mengen Munition und Vorräte fielen in die Hände der Japaner. Die japanischen Verluste übersteigen nicht diejenigen der früheren großen Schlachten, Kurokis Armee hat nicht mehr als 5000 Tote und Verwundete.

Der russische Kriegsrat hat beschlossen, noch zwei weitere Armeekorps mobil zu machen. Doch das hat jetzt keine Bedeutung mehr, für Rußland ist nichts mehr zu holen, die Niederlage ist endgültig. Das Beste wäre, möglichst sofort Frieden zu schließen. Das 72 5 sollte der Massenschlächterei ein Ziel etzen.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

ur Frage der gewerkschaftlichen Reentralitat schreibt dieMetallarbeiter⸗ Zeitung, anknüpfend an die Erörterungen über die Begleiterscheinungen des Bergarbeiter. streiks in einem Teil der Partei- und Gewerk⸗ schaftspresse:Wir konstatieren, daß es eine rein parteipolitische Neutralität der wirtschaft⸗ lichen Vereinigungen auf der ganzen Linie nicht gibt und daß alles gegenteilige Gerede entweder Irrtum oder Selbsttäuschung oder Schwindel ist. Von den wirtschaftlichen Ar⸗ beitervereinigungen haben einzig die freien Ge⸗ werkschaften insofern reine Neutralität, als sie unterschiedslos und bedingungslos alle Arbeiter als Mitglieder aufnehmen. Politisch und partei⸗ politisch neutral können die wirtschaftlichen Vereinigungen, auch die der Arbetter, gar nicht sein, weil Politik kein Gegensatz zur Wirtschaft ist, vielmehr ihr Spiegel ist, und weil die politischen Parteien nichts anderes sind als die Vertretungen bestimmter wirtschaftlicher Inter⸗ essen gegenüber der Gesetzgebung und öffentlichen Verwaltung. Für die Arbeiter ist diese Inter⸗ essenvertretung die sozialdemokratische Partei, weil sie die Arbeiterpartei ist und weil sie daher nur Arbeiterpolitik treibt. Es hat daher nicht die Arbeiterschaft mit der Sozialdemokratie zu brechen, denn dadurch würde sie sich ja selbst aufgeben, sondern jene Arbeiter, die heute noch nicht auf dieser Seite stehen, haben ihr Verhältnis zu den bürgerlichen Parteien zu lösen, die in der Hauptsache andere Interessen als Arbeiterinteressen vertreten, und sich der sozialdemokratischen Arbeiterpartei an⸗ zuschließen. Bei klarer Erkenntnis der Dinge und ehrlicher konsequenter Betätigung ergibt sich dieser Weg von selbst. Diese Dar⸗ legungen müssen wir als zutreffend anerkennen. Einen Bergarbeitertag für Preußen hat die Siebener⸗Kommission auf den 28. März nach Berlin(Gewerkschaftshaus) einberufen, um Stellung zu der Berggesetzreform zu nehmen. Als vorläufige Tagesordnung ist festgesetzt: Berggesetzgebung im Allgemeinen, Zechenstilllegung, Schichtzeit, Arbeiterausschüsse, Grubenkoutrolle, Wagennullen, Strafwesen, Frauen⸗ und Kinderarbeit, Knappschaftswesen, Normal- Arbeitsordnung. Zu jedem Punkte sind Referenten bestimmt.

Lohnkämpfe. Die Former in Solingen sind in Differenzen mit den Gießereibesitern geraten und ein großer Teil hat bereits die Arbeit niedergelegt. Zuzug aller Spezialitäten von Formern muß unbedingt ferngehalten werden. In Frankfurt haben die Tapezierer gezündigt. In Magdeburg streiken die Tischler.

Von Nah und Fern.

Hessisches.

Im Landtage kam am Freitag die in der letzten Nummer von uns erwähnte Inter⸗