Ausgabe 
19.3.1905
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 12.

undz Armen, als: Arbeiter und Handwerksleure betrugen sich anständig und waren von den besten Gesinnungen für das allgemeine Wohl beseelt. Kein Diebstahl fiel vor, keinen Be⸗ trunkenen sah man. Wie oft sind später die Revolutionäre von den byzantinischen Ge⸗ schichtsfälschern als Raubgesindel hingestellt worden, in den Volksschulbüchern geschieht das heute noch! 0

Unsere vor den Fürsten ersterbenden Patrioten werden entsetzt sein über den bürgerlichen und jedenfalls den besten Kreisen angehörenden Berichterstatter des Frankfurter Journals, wenn er weiter schreibt:Der Prinz von Preußen(der nachmaligeHeldenkaiser

Di. R.), welcher den Befehl zum Schießen

gegeben haben soll, hat- sich aus Berlin entfernt; das Volk nahm sein Hotel in Besitz, pflanzte die schwarz⸗rot⸗goldene Fahne auf dasselbe und erklärte es zum National, eigentum.(Nebenbei bemerkt hat derHeld auf seiner Flucht nach England außerordentlich wenig Mut gezeigt.) Mit Begeisterung wird in dem erwähnten Zeitungsblatte von der Revo⸗ lution und dem Sieg des Volkes gesprochen und der Bericht schließt:Die Berliner Bürger sind ein tüchtiges und braves Volk! Noch in späteren Jahrhunderten wird die Geschichte anerkennend ihrer

edenken. 5 f Heute feiert aber nur das Proletariat das Angedenken jener Freiheitskämpfer. Das Bürger⸗ tum kriecht im Staube vor den Fürstenthronen, schweifwedelnd, ordenslüstern und verlangt nur von den Machthabern, daß sie die kapitalistische Plusmacherei schützen und stützen. Es schämt sich seiner Vorfahren, die seiner Klasse Befreiung

kämpften. 5 505 wir unter der sozialen Revolution verstehen, für die wir eintreten, ist schon oft in diesem Blatte dargelegt worden: Beseitigung des Kapitalismus und der Klassenherrschaft als der Quelle alles Uebels, was die Menschheit bedrückt. Zur Erreichung dieses Zieles sind Flinten, Säbel und Barrikaden weniger tauglich. Dazu bedarf es vielmehr der Aufklärung des Volkes, Weckung des Klassenbewußtseins und der umfassenden Organisation der Arbeiter.

Politische Rundschau.

Gießen, den 16. März 1905.

Im Reichstage

wurde in der vergangenen Woche noch immer über den Etat des Reichsamts des Innern verhandelt. Das ist ein äußerst umfangreicher Etatstitel, unter dem beinahe alles Mögliche fällt: Handwerkerfragen, Arbeiterversicherung, Fabrikinspektion, Gesundheitswesen und so weiter! Aus den Debatten der letzten Tage war eine Rede Scheidemanus bemerkenswert, in der er dem freisinnigen Arzte Mugdan, der so viel von sozialdewokratischemTerrorismus in den Ortskrankenkassen faselte, gehörig die Meinung sagte. Am Mittwoch begann die dritte Lesung des Etats. Unser Genosse Voll⸗ mar bekämpfte bei dieser Gelegenheit entschieden die Russenpolitik der Reichsregierung.

Die Wahlkreiseinteilung.

Schon oft ist in unserer Parteipresse auf die ungleiche Größe der Reichstagswahlkreise hin⸗ gewiesen worden. Nach der Reichsverfassung soll auf 100 000 Einwohner ein Abgeordneter entfallen. Im Laufe der 35 Jahre jedoch, die seit Gründung des deutschen Reiches verflossen

sind, hat sich das Verhältnis infolge der Be⸗

völkerungszunahme bedeutend verschoben. Jetzt gibt es Kreise, die 15 20 mal so viel Ein⸗ wohner zählen als andere. Berlin VI z. B. hatte bei der letzten Wahl allein 165000 Wahl⸗ berechtigte zu verzeichnen! Es ist klar, daß diese Verschiedenheiten eine Ungerechtigkeit dar⸗ stellen, sie machen das gleiche Wahlrecht illu⸗ sorisch, die Wähler solcher Riesenwahlkreise haben tatsächlich minderes Recht als die⸗ jenigen solcher Kreise, in denen der Abgeordnete mit 4 5000 Stimmen gewählt wird.

Am Mittwoch beichaftigte sich der dreichstag, wie schon öfter, mit der Frage der Wahlkreis⸗ einteilung, deren Regelung von den Freisinnigen und Polen beantragt war. Abg. Kopsch, welcher den freisinnigen Antrag begründete, stellte die Gerechtigkeit in den Vordergrund seiner Ausführungen; nur sollte der Brave seinen Freunden ebenfalls Gerechtigkeit predigen, denn wo diese die Macht haben, fehlt es oft recht sehr daran! Rechtsfragen sind eben Macht⸗ fragen, wie Lassalle nicht müde wurde, den tauben Ohren der Kopschen Großväter zu predigen. Die Junker auf der Rechten und ihr ungeadelter Anhang pfeifen auf die Gerechtig⸗ keit und fühlen sich bet der jetztigen Ungerechtig⸗ keit sehr wohl, die ihnen gestattet, zu wahren Rudeln das Haus am Königsplatz zu bevölkern. Der alte Freiherr von Richthofen, der Land⸗ junker Gamp und der Landmetzger Hilpert sagten es jeder nach seiner Art mit ziemlicher Unverfrorenheit. Das Tollste leistete sich der ritualmordgläubige Antisemiterich Böckler. Dieser Unternehmer der Pückler⸗Schaustellungen, der sich bei anderer Gelegenheit für ein neues Sozialistengesetz und gegen das Reichstags⸗ wahlrecht aussprach, entblödete sich nicht, das Berliner Zuhältertum als Argument für die politische Entrechtung der Großstädte anzuführen. Genosse Ledebour ließ ihm dafür die gebüh⸗ rende Züchtigung zuteil werden, wie auch den übrigen Zutreibern der Junker und denen von der Partei Drehschelbe, die sich hier wieder einmal ganz besonders kläglich und volksfeind⸗ lich benahmen. Kläglich war auch das Ab⸗ stimmungsresultat: es wurde abgelehnt, die e zur Berücksichtigung zu über⸗ weisen!

Folgen der Zollpolitik.

Auswanderung der deutschen Industrie als Folge der Zollpolitik, welche zu Gunsten der Agrarter alle anderen Interessen opfert, ist von Keunern der Verhältnisse vor⸗ ausgesagt worden. Doch die Verteidiger des Zollwuchers erklärten alle diese Hinweise als Schwarzseherei. Kaum sind aber die Handels⸗ verträge vom Reichstag beschlossen worden, so tritt auch schon die Wahrscheinlichkeit hervor, daß eine Verlegung deutscher Fabriken ins Ausland in größerem Maßstabe stattfindet. Schon jetzt ladet das Zentralkomitee zur Be⸗ förderung der Erwerbstätigkeit der böhmischen Erzgebirgsbewohner in einem Rundschreiben zur Gründung von Filialfabriken im böhmischen Erzgebirge, also auf österreichischem Boden ein. Dieses Komitee behandelt die teilweise Aus⸗ wanderung der deutschen Industrie als etwas Feststehendes und empfiehlt das im deutschen Sprachgebiet gelegene Erzgebirge als besonders zur Gründung von Filialfabriken geeignet. Der Aae Anfang des Rundschreibens autet:

Nachdem mit 1. Jannar 1906 der neu abgeschlossene Zoll- und Handesvertrag zwischen Deutschland und Oesterreich in Wirksamkeit tritt und hierdurch einzelne industrielle Posttionen namhaften Erhöhungen unterworfen sind, so dürfte eine starke Einwanderung reichs⸗ deutscher Industrien nach Oesterreich 2 Errichtung von Zweigfabriken zu erwarten eins

Aber was kümmert die Flucht einer Industrie eine Regierung, die in den Händen der Junker ist? Mag dem Nationalvermögen Deutschlands auch der größte Verlust drohen, das macht nichts, wenn nur die Agrarier sich die Taschen füllen

können. Heidnische Vorbilber.

In der Ausprache, die er am Mittwoch in Wilhelmshaven an die Marinerekruten hielt, rühmte Wilhelm II.,die über alles gehende Vaterlandsliebe, Opferfreudigkeit und Tapfer⸗ keit der in Ostasien miteinander ringenden Gegner,namentlich der Japaner und sprach die Hoffnung aus, daß sich auch die jungen Rekruten an diesem Beispiel erbauen und ihm gegebenenfalls nacheifern würden.

Die Meinung, daß nur ein Christ ein guter Soldat sein könne, scheint der Kaiser demnach endgiltig aufgegeben zu haben. Frei⸗

lich unterscheioet sich seine Auffassung immer noch in einem Punkte von einer weitverbreiteten Meinung, die an den Vorgängen in Ostasien in keiner Beziehung irgend ein erbauliches Bei⸗

sptel finden kann. Die beste Hoffnung, die uns angesichts der furchtbaren Kriegsereignisse bleibt, ist doch die, daß die wahrhaft christliche brüderliche Liebe der arbeitenden Völker zu einander, wie sie von der Sozialdemokratie gepflegt wird, jeden kriegerischen Zusammenstoß bald unmöglich machen wird. Wie die Dinge in Europa stehen, ist auch wenig Aussicht vor⸗ handen, daß die Wilhelmshavener Rekruten Gelegenheit finden könnten, dem Beispiel der Japaner nachzueifern. Und schließlich bleibt zu hoffen, daß keine mißtrauische Arbeiterpresse den Vergleich mit Japan, dem man allgemein kriegerische und eroberungslustige Tendenzen nachsagt, dahin mißdeuten werde, als wollte Deutschland jene Politik treiben, die man Japan zuschreibt.

Patriotismus der Besitzenden.

In der Budgetkommission des Reichstags war am Donnerstag das Privilegium des Einjährigen⸗Dienstes Gegenstand der Verhandlung. Die bürgerlichen Herren hatten da einen recht unangenehmen Tag. Die Sozial- demokraten hatten nämlich den patriotischen Beschluß gefaßt, auch einmal etwas für die Verstärkung der Friedenspräsenzstärke des Heeres zu tun. Sie waren bereit, einige zehn⸗ tausend junger Leute um ein Jahr länger als bisher in den glorreichen Dienst der Fahne zu stellen. Sie verlangten nämlich die Abschaffung des Bourgeois privilegs der einjährig⸗ freiwilligen Dienstzeit. Das paßte den Herren natürlich nicht. Mit dem Kriegsminister er⸗ klärten fast alle bürgerlichen Kommissions⸗ mitglieder, das ginge nicht ohne Weiteres, die Frage set noch nicht spruchreif, kurz, jeder hatte eine andere Ausrede. Und schließlich wurde der patriotische Antrag der Sozial⸗ demokraten abgelehnt, ganz glatt abgelehnt; nur ein süddeutscher Volksparteiler und ein Antisemit sagten sich:Macht nichts! und stimmten dafür.

So geht es der Sozialdemokratie, wenn sie einmal den Spieß umdreht, wenn sieder Wehrkraft des Vaterlandes Opfer bringt. Es ist ein Glück und eine Ehre, dem Vaterlande dienen zu dürfen, aber dieses Glück und diese Ehre sind desto besser, je kürzer sie genossen werden. Wenn der Bauernkerl und der Arbeiterlümmel zwei Jahre lang ihrem bürgerlichen Beruf entzogen sind was schadet es! Aber daß die beliebten Söhne hochwohl⸗ geborener Herren und ditto Damen für zwei Jahre der Aktivität in ihrem Korps entzogen werden, das ist ein ganz unmöglicher Gedanke!

Die Genossen Bebel und Sudekum, die mit soviel Eifer und Geschick die Interessen der Armee gegen den Kriegsminister und fast sämt⸗ liche bürgerlichen Parteien vertraten, werden freilich über ihren Mißerfolg schwerlich ver⸗ wundert sein. Schließlich haben sie das getan, was ihnen die bürgerlichen Herren vorgemacht haben: sie waren patriotisch auf fremder Leute Kosten. Diese fremden Leute waren so gescheit, sich für den patriotischen Eifer höflichst zu be⸗ danken. So hat man im kleinen das Schau⸗ spiel erlebt, das im großen zu erwarten ist, wenn einmal die Frage der Erbschaftssteuer auf der Tagesordnung des Reichstages stehen wird. Der wahre Patriotismus besteht immer darin, die anderen für das Vaterland dienen und zahlen zu lassen, man fühlt sich wunder⸗ bar gehoben, wenn man dabei zusieht. Kommt aber an einen selber die Reihe, dann gibt es soviele Erwägungen, die anzustellen, soviel Vor⸗ fragen, die zu prüfen, und soviele Bedenken, die zu beseitigen sind, daß man gar nicht dazu kommt. Wann wird endlich das Volk so klug und so wahrhaft patriotisch werden, wie es jene glücklichen Väter sind, deren Söhne das Einjährige haben!

Aus der Ferienkolonie.

Ueber welche Engelsgeduld der Deutsche als Soldat verfügt, verfügen muß, dafür geben folgende Vorkommnisse Beispiele. Der Ge⸗