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Nr. 12. Gießen, den 19. März 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: N 2 9 Nedaktionsschluß: Kirchenplatz 11. Schloßgast⸗ Mitteld eutsche Donnerstag Nacht 4 Uhr.
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Eispalast.
Ihr alle, mein ich, habt gehört Bon jenem seltnen Eispalast! Auf der gefrornen Newaflut Aufstarrte der gefrorne Glast! Dem Willen einer Kaiserin,
Der Laune dienend einer Frau, Scholl' über Scholle stand er da, Gediegen Eis der ganze Bau!
Um seine blanken Sensterreih'n,
Um seine Giebel pfiff es kalt!
Doch innen hat ihn Frühlingsweh'n Und hat ihn Blumenhauch durchwallt! Allüberall, wohin man schritt,
Musik und Girandolenglanz
Und durch der Säle bunte Flucht Bewegte wirbelnd sich der Tanz!
Also, bis in den März hinein,
War seine Herrlichkeit zu schau'n;
Voch auch in Rußland kommt der Lenz Und auch der Newa Blöcke tau'n! Jui, wie beim ersten Sturm aus Süd Der ganze schimmernde Noloß
Hohl in sich selbst zusammensank
Und häuptlings in die Fluten schoß! Die Fluten jauchzten auf!
Ja, die der Frost in Banden schlug, Die gestern eine Hofburg noch
Und eines Hofes Unsinn trug,
Die es noch gestern schweigend litt, Daß man ihr auflud Pomp und Staat, Daß eine üpp'ge Kaiserin
Hoffärtig sie mit Füßen trat:— Dieselbe Newa jauchzt' empor! Abwärts mit brausendem Erguß, Abwärts durch Schnee und Schollenwerk Schob sich und drängte sich der Fluß! Vie letzten Spuren seiner Schmach Malmt' er und knirscht' er kurz und klein— Und strömte groß und ruhig dann
Ins ewig freie Meer hinein!
Die ihr der Völker heil'ge Flut Abdämmtet von der Freiheit Meer:— Ausmündend bald, der Newa gleich, Braust sie und jubelt sie einher!
Den Winterfrost der Tyrannei
Stolz vom Genicke schüttelt sie
Und schlingt hinab, den lang' sie trug, Den Sispalast der Despotie!
Noch schwelgt ihr in dem Blitzenden Und tut in eurem Dünkel trau'n!
Als käme nun und nie der Lenz,
Als würd' es nun und nimmer tau'n l Doch mählich steigt die Sonne schon, Und weich erhebt sich schon ein Weh'n; Die Decke tropft, der Boden schwimmt— O, schlüpfrig und gefährlich Geh'n! Ihr aber wollt verschlungen sein!
Da steht ihr und kapituliert
Lang erst mit jeder Scholle noch,
Ob sie— von neuem nicht gefriert! Umsonst ihr Herrn! Kein Nalten mehr! Ihr sprecht den Cenz zum Winter nicht! Und hat das Eis einmal gekracht,
So glaubt mir, daß es bald auch bricht!
Dann aber heißt es wiederum:— Abwärts mit brausendem Erguß,
Abwärts durch Schnee und Schollenwerk Drängt sich und macht sich Bahn der Fluß! Die letzten Spuren seiner Schmach
Malmt er und knirscht er kurz und klein— Und flutet groß und ruhig dann
In's ewig freie Meer hinein!
Märzentage!
Wo immer in diesem Jahre Sozialdemokraten die Märzfeier begehen, wird der Hinweis auf die russische Freiheits⸗Bewegung nicht fehlen, die sich vor unsern Augen abspielt. Das Riesen⸗ reich der Willkürherrschaft erzittert in seinen Grundfesten, hilflos sehen seine despotischen und beutegierigen Gewalthaber den Bau wanken, den ste für die Ewigkeit errichtet wähnten, der sich aber jetzt als durchaus morsch und bau⸗ fallig erweist. Unter den vernichtenden Schlägen des tapferen Feindes— einer früher verachteten und verspöttelten Nation— bricht das zarische Knutenreich elend zusammen. Und jeder Schlag, der es dem Untergange näher bringt, wird von dem größten Teile des russischen Volkes mit Freuden begrüßt. Die wahren russischen Patrioten wünschen und bejubeln den Sieg des auswärtigen Feindes, weil sie mit Recht in seinem Siege ihren eigenen Sieg über blutige Tyrannei, ihre Befreiung erblicken!
März, Frühling wird selbst in dem Lande des ewigen Winters! Es erfüllt sich, was in dem nebenstehenden Gedichte der Freiheitsdichter Ferdinand Freil e grath mit prophetischem Geiste vor vielen Jahren voraussagte. In einer politischen Fabel des englischen Dichters Thomas Moore, die Freiligrath jedenfalls zu diesem Gedichte als Grundlage benutzte, wird geschildert, wie eine russische Kaiserin sich auf der gefrorenen Newa ein prachtvolles Schloß aus Eis errichten ließ und wie die Herrlichkeit infolge der plötzlich eingetretenen milden Witte⸗ rung jäh zusammenbrach.
Unsere deutschen Spießbürgerseelen und Ordnungsleute verurteilen und beschimpfen so⸗ gar die russischen Freiheitskämpfer, die ihr Gut und Blut für die höchsten Menschenrechte ein⸗ setzen und hingeben. Doch, wir wollen nicht ungerecht sein, es mag wohl viele unter dem Bürgertume geben, die die Beseitigung der Selbstherrschaft Väterchens wünschen und für die revolutionäre Bewegung etwas wie Sym⸗ pathie empfinden. Das tun ste aber nur als Zuschauer aus der Ferne. Dieselben Leute, welche vielleicht über die Hinrichtung des Sergius ihrer Genugtuung Ausdruck gaben, haben kein Wort der Entrüstung für die Russenschmach in Deutschland gehabt, nicht mit einem Worte die Schergendienste mißbilligt, welche die deutsche Regierung dem Zarismus leistete! Kein Protest kommt auch von jener Seite, wenn die sozial⸗ demokratische Arbeiterschaft bei ihrem Bemühen um Herbeiführung besserer, menschenwürdiger Zustände gequält und drangsaliert wird. Aber die Sozialdemokratie kämpft allein noch für die bürgerliche Freiheit. Das Bürgertum hat kein Interesse mehr für die Freiheitsideale, für die seine Vorfahren erglühten und kämpften, es hat sich auf dem Geldsacke zur Ruhe gesetzt und jeder ist ein Hetzer, Aufwiegler und vater⸗ landsloser Geselle, der es in dieser Ruhe stört und die Geldsacks⸗Vorrechte nicht anerkennt.
Das Bürgertum von 1848 war noch aus etwas anderem Holze geschnitzt als das heutige. Vor uns liegt eia Band des„Frankfurter Journals“ von 1848. Das war ein gutgesinntes, ein Ordnungsblatt. Später wurde es national⸗ liberales Parteiorgan und daran ging es selbst⸗ verständlich zu Grunde. Seit einigen Jahren ist es von der Bildfläche verschwunden. In
der Nummer vom 24. März 1848 ist eine Korrespondenz„aus verlässiger Hand“ abge⸗ druckt. Der Bürger schreibt da vom 20. März aus Berlin:
„Der Samstag(18.) war ein schrecklicher Tag, den ich nie vergessen werde, und auch noch gestern war man in Angst und Todes⸗ gefahr... Niemand war seines Lebens sicher. Die Soldaten schossen in die Häuser; ganze Straßen haben keine einzige Fensterscheibe mehr. Die Bürger retteten sich auf die Böden und Dächer, um die Soldaten mit Steinen zu
traktieren, worauf diese in die Häuser und
Stuben eindrangen und niederschossen, wen sie dort vorfanden. Niemand soll mehr auf
die Berliner schimpfen; ich war Zeuge,
mit welchem Mute und welcher Lebensgefahr sie sich verteidigten, und, oft nur mit Stöcken bewaffnet, der Soldateska gegenüberstanden. Gestern Nachmittag hing es an einem Haar, und der König hätte sich, wie Louis Philipp, flüchten müssen. Die Bürger trugen die Leichen der Gefallenen, meist Jünglinge, unbe⸗ deckt, mit den klaffenden Todeswunden, und geschmückt mit Myrten und Fahnen, unter Choralgesang vor das Schloß des Königs. Dort angekommen, riefen sie so lange, bis er endlich mit der Königin erschien, und zwar mit der Mütze auf dem Haupte. Da erscholl es von allen Seiten:„Mütze herunter!“ Diesem Verlangen wurde sofort entsprochen. Die Erbitterung des Volkes war furchtbar, und wäre der König auf der Straße gewesen, so hätte man Alles befürchten müssen. Der König entschuldigte sich jetzt: aus einem„Miß⸗ verständuisse“ wäre geschossen worden;— ein schönes Mißverständnis, das vier⸗ undzwanzig Stunden währte! Die Soldaten wären noch nicht gestern Früh abge⸗ zogen, hätte das Volk nicht den kommandierenden General Möllendorf gefangen, und indem sie ihm eine geladene Pistose auf die Brust setzten, gezwungen, an den König zu schreiben, er möge das Militär zurückziehen lassen. Zugleich wurde dem Köntg bei Uebersendung des Blattes gesagt, daß, wenn noch ein Schuß falle, würde der General augenblicklich erschossen werden, einstweilen würde er als Geißel behalten. Das wirkte; sonst wäre wohl noch Alles, wie es gewesen. Das Militär zog gestern früh 11 Uhr ab, verfolgt von dem Hohngeschrei der Menge. Das Vertrauen des Volkes zum preußischen Königshause ist be⸗ deutend geschwächt. Hunderte von Menschen sind gefallen; Hunderte sollen noch an den Wunden darniederliegen. Und warum? Weil vom Könige nicht gleich gewährt wurde, was das Volk verlangt; weil er, als die Bürger in aller Ehrerbietung dringender wurden, die Soldaten, nicht nur die Regimenter von Berlin, sondern auch die von Potsdam, Frankfurt und Stettin, einrücken ließ, und auf das Volk— das un bewaffnete, das eigne Volk— schießen ließ. Das Militär verfuhr, als bombardierte es die Russen und eine fremde Stadt. Vor dem Schlosse standen, ebenso in den Straßen, Kanonen, die Häuser und Menschen zertrümmerten. Es ist gar nicht zu berechnen, wieviel Soldaten in Berlin waren; es waren Legionen!“ Dann wird wetter berichtet, daß viele feingekleidete und gebildete Männer beim Barrikadenbau mithalfen.„Auch die Aermeren
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