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der Fall sei.
Seite 4.
Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 12.
pellation unserer Genossen Adelung und David über die Ungiltigkeitserklärung der Wahl Zucco⸗Cuccagna's als Stadt⸗ verordneter in Mainz zur Verhandlung. Staats- minister Rothe erklärte, daß die Regierung eine Beantwortung der Interpellation ablehne, da sie der Ansicht sei, daß der Provinzial⸗ ausschuß zu Recht entschieden habe. Abg. Adelung begründete seine Interpellation in eingehender Weise und erklärte, daß man hier nach zweierlet Maß gemessen habe. Der ultra- montane Abg. Dr. Schmitt erklärte die Inter⸗ pellation für die größte politische Verirrung, die in der Kammer vorgekommen sei, und der nationalliberale Abg. Windecker faselte sogar von Kabinetsjustiz. Abg. Ulrich betonte, daß man den Zweck der Anfrage im Volke wohl verstehen werde und durch juristische Spitz⸗ findigkeiten sei hieran nichts zu ändern. Es stehe fest, daß eine gesetzwidrige Auslegung stattgefunden habe, insbesondere, da der Pro⸗ vinzialausschuß in Gießen in entgegengesetztem Sinne entschieden habe. Die Kammer ging darauf zur Tagesordnung über.
Gießener Angelegenheiten.
— Die Theater⸗Saalbaufrage war in der Stadtverordnetensitzung am Freitag (10. März) Hauptgegenstand der Beratung. Das Komitee hat der Stadt die von ihm zu⸗ sammengebrachte Summe überwiesen. Dieselbe hat schon die stattliche Höhe von zirka 340000 Mk. erreicht, die Sammlungen sollen jedoch noch weiter fortgesetzt werden. Das sei ein außer⸗ ordentlich glänzendes Ergebnis, meint Herr Oberbürgermeister Mecum und wohl noch nie⸗
mals sei in Deutschland bei einer ähnlichen
Gelegenheit ein solches erzielt worden. Allein der Betrag reiche noch nicht, der Theaterbau allein werde etwa 450000 Mk. kosten. Es sei wahrscheinlich, daß diese Summe ganz aufge⸗ bracht würde und dann hätte die Stadt kaum höhere Zuschüsse zu leisten als dies jetzt schon Nach einer längeren Debatte wird dem Antrage der Finanzdeputation, das Geschenk des Komitees anzunehmen, zugestimmt und den Zeichnern der Dank ausgesprochen. Es wird dann ein Theaterbau in Aussicht genommen. Man erörtert im Weiteren das aufzustellende Programm und stimmt in dieser Beziehung der vor einiger Zeit von einer Ver⸗ sammlung. des Bürgervereins auf Antrag des Herrn Prof. Sommer beschlossenen Resolution zu. Noch im Laufe dieses Jahres soll mit dem Bau begonnen werden, den man bis zum Sommer 1907 zu vollenden hofft. Für Er⸗ ledigung der Vorarbeiten wird eine Kommission gewählt, der außer den Stadtverordneten Hau⸗ bach, Heyligenstädt und Heichelheim noch die Herren Landgerichtsdirektor Bücking, Professor Rien und Bauunternehmer Winn angehören ollen. N
Man muß allerdings anerkennen: die frei⸗ willigen Spenden sind reichlich geflossen. Hier handelt es sich aber auch um eine Sache, an der die vermögenderen Leute besonders interessiert sind. Sonst wäre wohl nicht eine so große Opferwilligkeit zu verzeichnen gewesen. Daß 3. B. für den Bergarbeiterstreik aus den Kreisen des hiesigen Bürgertums etwas geleistet worden sei, haben wir nicht gehört. Aufwendungen von Seiten der Stadt für einen Saalbau hielten wir übrigens für besser angebracht, als z. B. für das alte Schloß. ee,
— Die Märzfeier der Gießener Ge⸗ nossen findet nicht, wie in voriger Nummer angekündigt war, in Lonys Bierkeller statt, sondern Sonntag Nachmittag ½4 Uhr im Saale des Genossen Wacker in Wieseck. Dr. Quarck⸗Frankfurt wird über die März⸗ Ereignisse von 1848 sprechen. Unsere Gießener Parteifreunde werden ersucht, zahlreich zu er⸗ scheinen, ebenso natürlich die Wiesecker. Wenn sich das Wetter einigermaßen frühlingsmäßig anläßt, so ist ja für die Gießener beste Gelegen⸗ heit für den ersten diesjährigen Familien⸗Aus⸗ flug gegeben.— Der Saal„Lonhs Bierkeller“, in dem die Märzfeier erst abgehalten werden sollte, war, wie sich später herausgestellt hat, bereits vorher anderweit vermietet. Daß der Wirt den Saal verweigert hätte, wie in der
Wahlvereimsversammlung angenommen wurde,
hat sich als unzutreffend erwiesen.
— Die Gießener Maurer halten nächsten Samstag, den 25. März, im„Wiener Hof“ eine allgemeine Versammlung ab. Diese wird sich mit dem Verhalten mehrerer hiesiger Bauunternehmer befassen, welche versuchen, die im Vorjahre zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern getroffenen Vereinbarungen zu durchbrechen. In dem im November abge⸗ schlossenen Vertrage wurden bekanntlich die Mindestlöhne derart festgesetzt, daß vom 1. Jan.
1905 38 Pfg. und vom 1. Jan. 1906 40 Pfg.
pro Stunde gezahlt werden sollen. Diese Be⸗ stimmungen, welche regelnd und ordnend auf das Arbeitsverhältnis einwirken, fanden die Zustimmung beider Teile und sollten bis zum 30. April 1908 Gültigkeit haben. Es war ja nicht sehr viel, was die Arbeiter erreichten, aber es bedeutete immerhin eine Besserung der Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen im Maurergewerbe. Trotzdem halten nun verschiedene Unternehmer den Vertrag nicht ein, sondern speisen die Ar⸗ beiter mit geringeren Löhnen ab. Ein Flug⸗ blatt, das unter den Maurern zur Verteilung gelangte, setzt den Sachverhalt eingehend aus⸗ einander und fordert sie mit Recht auf, fest zusammen zu halten, energisch für den Verband zu agitieren und die geringen Opfer nicht zu scheuen, die gebracht werden müssen, wenn man eine Besserung der Lage erreichen wolle.
— In der Lohnbewegung der Schneider dürfte es vorausstchtlich zu ernsteren Kämpfen kommen und unsere in voriger Nr. ausgesprochene Hoffnung auf gütliche Beilegung sich nicht erfüllen. Am Dienstag Abend fand eine außerordentlich stark besuchte Schneider⸗ versammlung statt, in der mitgeteilt wurde, daß der von den Gehülfen eingereichte Tarif, der im Vergleich zu den bisher gezahlten Löhnen nur sehr geringe Aufbesserungen aufwies, von den Arbeitgebern abgelehnt wurde, verschiedent⸗ lich waren sogar die Preise von den Arbeit⸗ gebern noch niedriger als bisher angesetzt worden. Daß darauf nicht eingegaugen werden konute, ist ohne Weiteres klar und die Versammlung beschloß daher einstimmig, daß Mittwoch früh gekündigt werden sollte. In Ausführung dieses Beschlusses haben denn auch 80—90 Schneider ihre Kündigung eingereicht. Alle hier beschäftigten Schneider gehören mit nur vereinzelten Ausnahmen dem Verbande an. Im„Gieß. Anz.“ wird in einer Notiz gesagt, daß in den hiesigen„Konfektionsgeschäften“ ge⸗ kündigt worden sei. Das ist unrichtig. Kon⸗ fektionsgeschäfte gibts hier gar nicht, es kommen nur Maßgeschäfte in Betracht.— Bewilligt hat bisher nur das Geschäft von Fischer in der Schulstraße.
ck. Weißbinder⸗Versammlung. In der am 11. März im Lokale„Wiener Hof“ stattgefundenen Weißbinder⸗, Maler⸗ und Anstreicher⸗Versammlung, die von mehr als 40 Berufsangehörigen besucht war, sprach an Stelle des verhinderten Kollegen Zimmermann Kollege Knauf⸗Frankfurt über die Lohn⸗ und Arbeits⸗ verhältnisse im Gewerbe in Gießen und unsere Stellung dazu. Er wußte den Anwesenden den Nutzen und die Vorteile einer guten Organisation vor Augen zu führen, und betonte, daß nur vereint eine Besserung hier am Orte zu erringen sei, und der letzte Mann in die Or⸗ ganisation gehöre. Nach eröffneter Diskussion, an der sich verschiedene Kollegen beteiligten, wurde den Aus⸗ führungen des Referenten zugestimmt und zur Ergänzung noch vielfache Mißstände angeführt. Die Löhne wurden durchweg als sehr geringe bezeichnet. Beklagt wurde ferner, daß noch viele Berufsangehörige der Organisation gleichgültig gegenüber stehen. Eine Anzahl traten bei.
— Vortrag des Herrn Prof. Stau⸗ dinger. Der Konsumverein Gießen und Umgegend veranstaltet die allgemeine Versamm⸗ lung, die schon neulich in unserem Blatte an⸗ gekündigt war, am Mittwoch, den 22. März im Saale„Zum Einhorn“. In derselben wird Herr Prof. Staudinger⸗Darmstadt einen Vortrag über das Konsumgenossenschafts⸗ wesen halten. Herr Staudinger hat in Gießen schon öfters Vorträge gehalten und steht mit seiner formvollendeten, eindrucksvollen Vortrags⸗ weise in bester Erinnerung. Zu der Versamm⸗ lung hat jedermann Zutritt. Es wird ferner ein kurzer Bericht der Verwaltung des Konsum⸗ vereins über das letzte halbe Geschäftsjahr ge⸗
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Falscheids. berger Rechtsanwalt Seyd gegen den früheren Direktor der Molkereigenossenschaft in Niederwöllstadt, Drauth,
geben werden.
Zahlreicher Besuch wird daher besonders von den Konsumvereins mitgliedern
erwartet. f — Den Aufsatz„Ueber das falsche Scham⸗
gefühl“, in dieser und der vorigen Nummer,
empfehlen wir unsern Lesern und Leserinnen zur besondern Beachtung. Dabei sei bemerkt, daß der Verfasser desselben nicht zu unserer Partei gehört. Doch sind in dem Artikel die auch von uns in dieser Beziehung vertretenen Anschauungen in vorzüglicher Weise entwickelt.
Aus dem Rreise gießen.
d. Der Wiesecker Gemeinderat scheint die Gemeindeangehörigen nach verschiedenen Grundsätzen zu behandeln. Für die Benutzung des Leichenwagens bei
der Beerdigung des kurz nach Weihnachten in der
Gießener Klinik verstorbenen Schreiners Wolf sollen jetzt noch 4 Mk. 80 Pfg. gefordert werden, wie der Gemeinderat beschlossen hat. diese Forderung erhoben werden kann, da doch die Beerdigungen in Wieseck von der Gemeinde unentgeltlich ausgeführt werden und für den Leichenwagen niemals etwas bezahlt wurde. Die übrigen bei der Beerdigung Wolfs erwachsenen Kosten hat der Wiesecker Wahlverein und der Holzarbeiterverband bereitwillig und freiwillig übernommen, um ihrem Mitgliede ein anständiges Be⸗ gräbnis zu bereiten. Wem will man aber nun nach⸗ träglich die Rechnung für den Leichenwagen präsentieren? Es ist doch schließlich niemand da, der zur Zahlung verpflichtet wäre. Jedenfalls wäre Aufklärung darüber am Platze, warum in diesem Falle anders wie sonst verfahren wird,
— In Rödgen sprach am Sonntag Genosse Vetters⸗Gießen über:„Politische Tagesfragen“ in gut besuchter Versammlung. Er wies hen auf die Kriegs⸗ greuel und die Massenschlächtereien in Ostasien, die so recht den Wahnsinn der Völkerkriege vor Augen führten. Auch die Zwecklosigkeit der Flottenpolitik könne an mehreren Beispielen aus diesem Kriege nachgewiesen werden. Weiter kam der Redner auf die inneren Zu⸗ stände Rußlands zu sprechen, das stets Stützpunkt der Reaktion gewesen set. Die deutsche Regierung unter⸗ stütze aber die russische Politik und hindere damit die
Befreiungsbestrebungen der unter der Knutenherrschaft
seufzenden Völker. Redner kam dann auf den Berg⸗ arbeiterkampf zu sprechen, dessen Ursache er darlegte. Zu den hesstschen Angelegenheiten übergehend, kritisterte er das Verhalten der Landtagsmehrheit, die die Ent⸗
scheidung über das Landtagswahlgesetz nun schon jahre⸗
lang hinausgezogen habe. Viele Abgeordnete seien ver⸗ kappte Feinde des direkten Wahlrechts, das fast jeder Staatsbürger eingeführt wissen wolle. müsse sich aber diese Herren merken, die zum Volks⸗
vertreter ungeeignet seien. Zum Schluß besprach Redner noch die wesentlichsten Bestimmungen des neuen Land?
gemeindeordnungs⸗ Entwurfes.
— Tabakarbeiter⸗Versammlungen l finden, worauf nochmals aufmerksam gemacht ser, diesen Sonntag, 19. März in Heuchelheim im Lokale
Aug. Rinn, nachmittags ½ 4 Uhr, und in Wieseck
im Lokale Ziegler abends 8 Uhr statt.— Ferner
ist eine solche auf Donnerstag, den 23. März, abends in Steinberg im Saale„zum prünen Baum“ anberaumt. In letzterer wird Genosse Deichmann⸗Bremen sprechen.
Aus dem Rreise Friedberg⸗Püdingen.
Das Volk
— Ein Prozeß, der ein Nachspiel zu dem 1899
erfolgten Zusammenbruche der Niederwöllstädter Molkerei⸗
genossenschaft darstellt, spielte sich am Dienstag vor der
Gießener Strafkammer ab. Angeklogt war der Spengler⸗
meister Kürschner aus Niederwöllstadt wegen fahrlässigen
Er sollte in einem Prozesse, den der Fried⸗
Seyd's früherem Mandanten, hatte, unwahre Aussagen
gemacht und sie beschworen haben.
Der Angeklagte wurde freigesprochen.
jedoch wieder eingestellt worden.
anhängigen Sache zu veranlassen, also zu bestechen. Als
später Seyd von Drauth erfuhr, daß dieser den Betrag
in sein Kassenbuch eingetragen habe, hätte er ausgerufen?
„Mensch, wir fliegen ja alle beide ins Loch, verbrennen Seyd Trotz eindringlicher Ermahnungen des Vorsitzenden, der den beiden Zeugen
Sie das Buch!“ Das habe er auch getan. bestritt diese Angaben durchaus.
Das Interesse der bis Abends 8 Uhr andauernden Verhandlung drehte sich weniger un den Angeklagten, als vielmehr um den als Zeuge auf: tretenden Rechtsanwalt Seyd. Von diesem sagte nämlich der Zeuge Drauth aus: Kurz nach dem Zusammenbruch der Molkereigenossenschaft(1899) war gegen ihn(Drauth) ein Verfahren wegen Unterschlagung eingeleitet, später Seyd, dem er die Verteidigung übertragen hatte, verlangte von ihm drei⸗ tausend Mark und erhielt sie auch, um damit, wie Seyd gesagt habe, den Staatsanwalt und noch einige Justizpersonen zur Niederschlagung der gegen Drauth
Man begreift nicht, wie 1
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