Ausgabe 
19.2.1905
 
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Seite 6.

Mitteldent sche Sonutags⸗ Zeitung.

Von Nah und Fern.

Empfindlicher Polizeikommissar. Genosse Thiel⸗Kassel sollte in einer Volks versammlung in Lippstadt den überwachenden Beamten durch die Worte:Wenn Sie, Herr Kommissar, nach 11 Uhr keine Zeit mehr haben, so können Sie unsertwegen gezen, wir können auch ohne Sie die Versammlung weiterführen beleidigt haben und er wurde deswegen von dem Schöffengericht Lippstadt zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt. Auf die von Thiel ein⸗ gelegte Berufung erkannte die Strafkammer in Paderborn auf 100 Mk. Geldstrafe. Wie leicht kann doch so ein Beamterbeleidigt werden!

EineGotteslästerung.

Wegen eines solchen Verbrechens hatte sich der Genosse Unverzagt aus Braunschweig vor der Strafkammer in Hildesheim zu verantworten. Er hatte bei dem Begräbnis des durch Unfall zu Tode gekommenen Maschi⸗ nenschlossers Hühnerjäger am offenen Grabe einen Kranz mit roter Schleife niedergelegt und einige Worte gesprochen. Er hob dabei hervor, daß sich der Verstorbene trotz seiner Gottgläubig⸗ keit der modernen Arbeiterbewegung angeschlossen hätte.In diesen Farben, so hatte er, auf die Schleife zeigend, bemerkt,protestieren wir gegen den mangelnden Schutz für Leben und Gesundheit der Arbeiter. Das Gericht ver⸗ urteilte den Angeklagten auf Grund des§S 360 des Strafgesetzbuches wegen groben Unfugs zu Mk. 50 Geldstrafe. Wo in der Handlung des Angeklagten dergrobe Unfug liegen soll, muß für jeden, der nicht Rechtsgelehrter ist, schleier⸗ haft bleiben.

Pfarrer⸗Irrgang.

Aus Göttingen wird derFrankftr. Ztg. berichtet, daß der Pastor Irrgang aus Sierers⸗ hausen kürzlich verschwunden, nachdem man ihn vom Amte suspendiert hatte. Wie sich jetzt herausstellt, ist die Veranlassung hierzu in sittlichen Verfehlungen zu suchen. Pastor Irrgang, der verheiratet und Vater mehrerer Kinder ist, hatte sich für eine Dorfschöne mehr interessiert, wie nötig war. Die Sache kam heraus, als das Mädchen im Herbst v. J. heiratete und schon nach drei Monaten Mutter wurde, was eingestandenermaßen nicht auf das Konto des Ehemanns, sondern auf dasjenige des Herrn Pastors zu schreiben war. Um nicht von den Sierersghäusern mißhandelt zu werden, mußte der Herr Pastor schleunigst verduften. Der verheiratete Pastor Köhler in Er⸗ furt istwegen sittlicher Verfehlungen vom Amte suspendiert worden.

Ehetragöõdie erstklassiger Meuschen. In München schoß am Montag Abend in der Friedrichstraße 29 Freiherr von Romann auf seine Gattin 5 Revolverschüsse ab, ohne sie jedoch ernstlich zu verletzen. Hierauf tötete er sich selbst durch mehrere Schüsse in den Kopf. Eheliche Zerwürfnisse sollen das Motiv der Tat sein.

Friedrich Wilhelm Kritzsche.

In einem Alter von fast achzig Jahren ist am 5. Februar in Philadelphia ein Mann ge⸗ storben, der von seinen Jünglingsjahren bis zur Schwelle des Greisenalters in der deutschen Arbeiterbewegung tätig gewesen ist und sich mannigfache Verdienste um sie erworben hat. Er stand in der Blüte seiner männlichen Kraft, als er im Jahre 1881 nach Amerika aus⸗ wanderte, nicht lange vor den Reichstagswahlen dieses Jahres, in denen die entscheidende Probe auf das Sozialistengeses gemacht werden sollte, und es sind ihm damals nicht Vorwürfe er⸗ spart geblieben, daß er von den Rechten des Veteranen zu frühen Gebrauch gemacht habe. Ob mit Recht oder Unrecht, das wissen wir nicht; auf jeden Fall geziemt es sich, im Augen⸗ blick seines Todes nur dessen zu gedenken, was er für die deutsche Arbeiterklasse geleistet hat.

Fritzsche war ein selbstgemachter Mann in ganz anderem Sinne freilich, als die Bour⸗

geoiste dies Wort zu gebrauchen pflegt. Er war 1825 in Leipzig geboren, in den tiefsten Tiefen des Proletariats; ein halbes Jahr Armenschule, das war alles, was ihm die beste der Welten für den Kampf ums Dasein mitgab. Als Zigarrenarbeiter begab er sich früh auf die Wanderschaft; der Drang nach Erkenntnis, den alles Elend seiner Kindheit in ihm nicht hatte ersticken können, trieb ihn bald über die Grenzen der Schweiz, die in den vierziger Jahren für Handwerksburschen und Studenten verbotenes Land war. Fast wäre Fritzsche kurz vorm Hafen noch gescheitert; am Weihnachtsabend, als er auf einem Schleichweg nach Basel zu gelangen hoffte, wurde er von einem Schnee⸗ sturm überrascht, dem er, hungernd und spärlich bekleidet, erlegen wäre, wenn ihn einige Schicksalsgenossen nicht noch rechtzeitig ge⸗ funden hätten.

Einer der Handwerksburschen, die den jungen Fritzsche damals gerade noch vor dem Tode des Erfrierens retteten, war ein Anhänger Weitlings. Von ihm erhielt Fritzsche die erste Kunde des Kommunismus und ging denn auch selbst nach Zürich, um unmittelbar aus der Quelle zu schöpfen. Ueber seinen Verkehr mit Werting hat er nichts Näheres veröffent⸗ licht, und vielleicht hatte er auch nichts Wissens⸗ wertes darüber zu sagen; zur Zeit seines Züricher Aufenthaltes war Weitling schon sehr in die Prophetenrolle hineingeraten und wird sich um seinen jungen Bewunderer kaum viel gekümmert haben. Auch war Fritzsche weit mehr auf die Praxis angelegt als auf die Theorie, und für Weitlings Utopie wird er schwerlich ein tieferes Interesse gehabt haben. Indessen für die revolutionäre Praxis kam Fritzsche in der Schweiz ebenfalls in die richtige Schmiede; nach seinem Aufepthalt in Zürich fand er Arbeit in einer kleinen Zigarrenfabrik, die Jean Philipp Becker in Biel eingerichtet hatte.

So hat sich Fritzsche auch an die revolu⸗ tionäre Praxis gehalten, als ihn das Jahr 1848 wieder in Deutschland fand; er kämpfte erst als Freischärler in Schleswig⸗Holstein und dann auf den Dresdener Barrikaden in den Maitagen des folgenden Jahres. Dafür wurde er ein Jahr in Untersuchungshaft gehalten und danach ohne Sang und Klang entlassen. Das Jahrzehnt der Reaktion verlebte er in Leipzig, wo er sich mit Vahlteich zusammenfand, der ebenfalls von Weitling kam, aber stets in viel höherem Grade Weitlingianer gewesen und ge⸗ blieben ist als Fritzsche. Beide widersetzten sich gemeinsam den Bestrebungen der Leipziger Bourgeoisie,ihre Arbeiter so ohne alles Federlesens in ihr Schlepptau zu nehmen; sie verhandelten aber auch im November 1862 im Hause Unruhs über das Zusammengehen von Bourgeoiste und Proletariat im preußischen Verfassungskonflikt, jedoch dank der hinter⸗ haltigen Politik der Fortschrittler ohne Erfolg. Für den Augenblick wären sie diesen Kniffen und Pfiffen vielleicht erlegen, wenn das Leip⸗ ziger Zentralkomitee, dessen treibende Kraft sie waren, nicht den rettenden Entschluß gefaßt hätte, sich an Lassalle zu wenden. Doch war Fritzsche persönlich nicht zugegen, als Dammer und Vahlteich, die Vorsitzenden des Zentral⸗ komitees, die endgültige Abmachung mit Lassalle trafen.

Dammer wurde danach Bevollmächtigter des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins für Leipzig, während Vahlteich als Vereinssekretär nach Berlin übersiedelte. Doch lag die Leipziger Agitation hauptsächlich in den praktischen Händen Fritzsches. Zu Lassalles Lebzeiten trat er wenig hervor, und es ist auffallend, daß er auch nicht in den Vorstand des Vereins ge⸗ wählt wurde, worauf er nach seiner bisherigen Tätigkeit in der Arbeiterbewegung allen An⸗ spruch gehabt hätte. Möglich, daß er, ebenso wie Vahlteich, an Lassalles Person und Politik manches auszusetzen gehabt hat, und mindestens in einem sehr wichtigen Punkt stimmte er nicht mit ihm überein. Aber dann ist es nur um so mehr zu loben, daß Fritzsche nicht daran dachte, seine größere oder geringere Unzu⸗ friedenheit mit Lassalle an die große Glocke zu hängen, sondern sich in aller Stille bemühte, praktisch auszuführen, was nach seiner An⸗

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sicht von Lassalle mit Unrecht unterlassen worden war.

Wir meinen die gewerkschaftliche Organi⸗ sation der deutschen Arbeiterbewegung. Für sie ist Fritzsche innerhalb der deutschen Sozial⸗ demokratie der erste praktische Bahnbrecher ge⸗ wesen; er begann schon Ende 1865 mit der Gründung des Tabakarbeitervereins, der als sein Organ denBotschafter heraus⸗ gab. Fritzsches Verdienste find in dieser Be⸗ ziehung niemals genügend anerkannt worden, namentlich nicht, solange die Legende bestand die von Bringmann in seiner trefflichen Geschichte der Zimmererbewegung mit großem Nachdruck und Erfolg bekämpft wird, daß nämlich die Lassalleaner sich überhaupt gegen die Gründung von Gewerkschaften grundsätzlich ablehnend verhalten hätten. Der Lassallea⸗ nismus ist auch in dieser Beziehung besser ge⸗ wesen als der Ruf, den er allzu lange genossen hat; so nahe Lassalles Agitation die Unter⸗ schätzung der Gewerkschaften legte, so ist doch diese Gefahr von den Lassalleanern bald genug erkannt und vermieden worden; es ist sicherlich eine so bemerkenswerte wie erhebende Tatsache, daß ein Fehlschuß, den ein Mann von Lassalles genialer Begabung und kolossalem Wissen ge⸗ macht hatte, alsbald von einem Arbeiter be⸗ richtigt wurde, dessen geistiges Rüstzeug in

einem halbjährigen Besuch der Armenschule er⸗

worben worden war.

Als dann Schweizer in sein Diktatorspielen geriet und dadurch auch die gewerkschaftlichen Interessen empfindlich gefährdete, trennte sich Fritzsche von ihm, blieb jedoch den Lassalleanern treu, ohne sich je in hervorragender Weise an den gegenseitigen Auseinandersetzungen zu be⸗ teiligen. Der Gothaer Einigungskongreß er⸗ klärte dann auf seinen Antrag die gewerk⸗ schaftliche Organisation der Arbeiterklasse für notwendig. Doch war die günstige Zeit für einen Aufschwung der Gewerkschaften im Jahre 1875 vorbei, während der politische Kampf, den Fritzsche niemals vernachlässigt hatte, um so schärfer herandrängte. Im Jahre 1877 eroberte er den vierten Berliner Wahlkreis, den er in den Attentatswahlen des nächsten Jahres behauptete. Er gehörte nach dem Erlaß des Sozialistengesetzes zu dem ersten Schub der Berliner Ausgewiesenen, wurde, als er gleich⸗ wohl zur nächsten Session des Reichstags nach Berlin kam, in einen Bannbruchprozeß zu ver⸗ wickeln gesucht, nahm am Kongreß in Wyden teil und sammelte auf einer Agtitationsreise, die er gemeinsam mit Viereck in die Vereinigten Staaten unternahm 13 000 Mk. für die Reichs⸗ tagswahlen von 1881.

Doch an diesen Wahlen selbst beteiligte er sich nicht mehr, und er hat dann nur von ferne her die große Bewegung wachsen und wachsen sehen, die frühe in ihrer historischen Bedeutung erkannt und mit rüstiger Kraft ge⸗ fördert zu haben sein Ruhm und sein Ver dienst bleibt.(Neue Zeit.)

e eee Anterhaltungs-Ceil.

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Tief in der Erde Schoß.

Tief in der Erde Schoß

Schlagen wir Kohle los,

Fern von der Sonne erquickendem Licht,

Ach, wie unendlich lang dauert die Schicht! Tief in der Erde Schoß

Elend ist unser Cos.

Tief in der Erde Schoß

Kauern wir nackt und bloß,

Schwingen die Baue, gebadet im Schweiß Wie ist die Luft doch so dumpfig und heiß d Tief in der Erde Schoß

Trifft uns des Todes Stoß. 1 Tief in der Erde Schoß

Gehet das Unrecht bloß,

Frißt an des Volkes gesündestem Stamm

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