Ausgabe 
19.2.1905
 
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Nr. 8.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeunug.

Seite 7.

Wie an den Stützen des Hauses der Schwamm. Tief in der Erde Schoß

Seigt sich die Nabsucht bloß.

Tief in der Erde Schoß

Dröhnet ein wild Getos:

Lange waren wir hungernde Knechte,

Laßt uns erneuern die alten Rechte!

Tief in der Erde Schoß

Dröhnet ein wild Getos.

Tief aus der Erde Schoß Steiget ein Riese groß. Ueber das Unrecht mit wuchtigem Tritt Schreitet zermalmend sein mächtiger Schritt. Tief aus des Volkes Schoß Steiget der Zukunft Cos.

Robert Seidel.

Der Gottlose.

Eine Dingskircher Geschichte von K. H. Diefenbach.

(Schluß.)

Begegnete dieses Weib eines Tages dem Kaspar. Schon von weitem fing sie an zu pusten und zu schnauben, und als sie in un⸗ mittelbare Nähe des Burschen angekommen war, winkte sie sich ein paar auf der Straße spielende Kinder herbei und rief denselben zu, indem sie mit ihren dürren Fingern nach Kaspar deutete: Seht, Kinderchen, da kommt der Antichrist. Geht ihm aus dem Weg!

Der junge Man wollte, angeekelt von dem häßlichen Weibsbild, einen kleinen Bogen be⸗ schreibend an ihr vorübergehen.

Dieser jedoch war das nicht nach dem Sinne. Sie sprang ihm in den Weg und spie aus:Schäm dich, du goltvergessener Mensch. Was für Reden führst du gegen Gott und die Kirche! Und gar nicht hinein gehst du in die Kirche; hast dich leicht gar dem Teufel ver⸗ schrieben siehst mir grad' darnach aus. . du mein wärst, Bübchen, ich wollte

Sie fuchtelte mit den Armen in der Luft herum.

Geh' deiner Wege, alte Bosheit, rief ihr Kaspar zu und wollte sie beiseite schieben.

Was, ich eine alte Bosheit! geiferte die Plaudertasche und hing sich an den Zipfel seines Rockes fest.Ich bin eine Christin, und du bist ein Heide. Ich lasse dich nicht eher als bis du deine gottlosen Lehren widerrufst.

Dem jungen Manne, der zuerst die Sache von der humoristischer Seite aufgefaßt hatte, fing dieselbe nun an unangenehm zu werden.

Zum Donner, laß mich los, alte Hexe! schrie er.

Ein paar Burschen, die von ferne der Szene zusahen, lachten und riefen:Hurra, hoch die alte Babett! Feste druff, Babett!

Und wirklich wie eine wütende Katze, also versuchte die Alte jetzt ihre schmutzigen Fingernägel in das Gesicht des Burschen zu dringen. Da stieß dieser, bis zum äußersten gereizt, sie gegen die Brust. Die Plaudertasche torkelte zurück und schlug mit dem Kopf gegen die scharf vorspringende Ecke eines Hauses.

Der Antichrist hat mich umgebracht, schrie sie gellend, dann krümmte sie ihren hagern Leib nach rechis und einmal nach links, rollte ihn wie eine Kugel zusammen und streckte sich endlich der Länge nach auf die Gasse. Darauf lag ste still.

Kaspar sprang hinzu.Um Gottes willen, sie stirbt. Das hab' ich nicht gewollt rief er und hob den Kopf der Verunglückten hoch.

Beruhig' dich, Lieber, meinte der Flick⸗ schuster, der ebenfalls den Vorfall mit angesehen und mit den andern herbeigesprungen kam. So was stirbt nicht so leicht.

Trotzdem die Plaudertasche war tot. Sie hatte sich die mürbe Schädeldecke zer⸗ trümmert.

Ein Aufruhr ohnegleichen entstand ob dieser Begebenheit in Dingskirchen. Ihrkreuzige, kreuzige ließen die Pharisäer ertönen, und man rief nach der Obrigkeit. Kaspar wurde ver⸗ haftet, und nach halbjähriger Untersuchungshaft gab's eine großartige Schwurgerichtssitzung. Die Staatsanwaltschaft wollte zuerst einen Mord aus der Sache drechseln; sie besann sich jedoch noch zeitig eines Bessern und begnügte

sich mit einer Anklage wegen Totschlag. Halb Dingskirchen wurde als Zeugen vernommen. Niemand wußte zwar dem 1 1 etwas Schlechtes nachzusagen; viele aber traten scharf gegen ihn auf, indem sie vorbrachten, der An⸗ geklagte set einer, der aller Religion, Ordnung, fc und Anstand in's Gesicht zu schlagen uchte.

Ein heftiger Krieg entspann sich in dem Gerichtssaal, und zuletzt war es weniger die Unfallangelegenheit mit der Plaudertasche, um die es sich drehte, als vielmehr das Wesen und Treiben Kaspars und die von ihm vertretenen Ansichten. Denn was die erstere anlangte, so war bald bewiesen, daß Kaspar nicht böswillig den Tod des alten Weibes herbeigeführt, sondern sich der Keifenden nur erwehrt hatte, wie man sich etwa eines lästigen Insekts oder Reptils erwehrt. Die Geschworenen bejahten die Frage nach Körperverletzung mit tödlichem Ausgang unter Zubilligung mildernder Umstände.

So endete die Verhandlung mit der Ver⸗ urteilung Kaspars in eine Gefängnisstrafe von fünf Monaten.

In Dingskirchen trat sofort eine heftige Agitation gegen jede Reformation in's Leben. Man hatte nun ein Beispiel, wohin es mit dem kommt, der in keine Kirche geht. Die Agitation führte zum Siege: die Kopfhängerei gedieh zusehends, und das Wort Christi:Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, wurde gänzlich zu Schanden gemacht.

Allerlei.

Ludwig XVI. an Nikolaus II.

In den Städten Rußlands zirkuliert fol⸗ gendes Hohnblättchen: An Seine Majestät den Selbstherrscher aller Reußen! Lieber Bruder!

Ich sehe die Situation, in der Du Dich befindest, und da ich feststellen kann, daß sie eine große Aehnlichkeit mit jener hat, in der ich mich in Frankreich jetzt genau vor 112 Jahren befand, habe ich mich entschlossen, Dir einige Weisungen und Ratschläge zu geben.

Versuche es gar nicht, nach Peterhof oder Gatschina zu fliehen, denn wenn es nötig sein sollte, wird man Dich von dort holen, wie man mich aus Versailles holte. Die Festung Petropawlowsk erinnert gewissermaßen an meine Bastille, und es ist mir, als sähe ich die Mauern bersten.

Gott, an den ich glaubte, mehr vielleicht als Du, lieber Bruder, ist eine Persönlichkeit, die in ähnlichen Fällen einen im Stiche läßt. Auf ihn ist kein Verlaß.

Nirgends könntest Du wohl so sicher sein wie in Tokio. Alle Russen zusammen⸗ genommen könnten Dich von dort nicht herholen!

Bei der verzwickten Lage, in welcher Du Dich befindest, würde es mich nicht wundern, wenn Du Deinen Kopf verlörest, wie auch ich meinen am Konkordiaplatz in der Nähe des heutigen Obelisken verlor. So schreib ich Dir denn, um Dir einige Ratschläge eines Mannes zu geben, der in der Sache Erfahrungen hat.

Auf Wiedersehen Ludwig XVI.

* Ludwig XVI. König von Frankreich wurde be⸗ kanntlich am 21. Januar 1793 in Paris hingerich tet.

Splitter.

Anerkennung braucht jedermann. Alle Eigen⸗ schaften können durch tote Gleichgiltigkeit der Umgebung zugrunde gerichtet werden.

Immermann. * 4*

Die Hoffnungsfreudigkeit im Anstreben eines Ziels, das Ringen nach diesem Ziel: darin liegt das Glück des Lebens.

v. Schubert⸗Solderu.

Humoristisches.

Neutralität. Dem Häuptling der Zechenbesitzer und dem Anführer der Bergleute wird nach Beendigung

des Streils der Orden pour le mérite verliehen. 1

die Wohn ungsfrage,

Die Streikenden beim Arbeitgeber.Was will denn das Gesindel?Wir möchten nur bei Ihnen lernen, Here Geheimrat, wie man das macht, wenn man den ganzen Tag nicht arbeitet.

Litterarisches.

Die Buchhandlung Vorwärts hat in der letzten Zeit eine Anzahl neuer Schriften herausgegeben, auf die wir unsere Leser empfehlend aufmerksam machen. Wir heben die folgenden besonders hervor:

Der Klassenkampf im Ruhrgebiet. Diese Broschüre behandelt in einer Einleitung die Bedeutung dieses Kampfes als Klassenkampf, die besonderen Anlässe des Streiks und seinen Verlauf, das Leben des Berg⸗ mannes und schließlich die parlamentarischen Aktionen, die er hervorgerufen, sowie die Stellung der Regierung und der Parteien zu dem Streik und den Forderungen der Streikenden. Wenn auch vorläufig der Kampf beendet ist, so ist doch die Broschüre ein geschichtliches Dokument und für alle Arbeiter von hoher Wichtigkeit. Der Preis beträgt 20 Pfennig. Eine Agitationsausgabe, die nur an Vertrauensleute, Vereine ꝛc. abgegeben wird, kostet: 100 Exemplare 9 Mk., 500 Exemplare 40 Mk. Der Reinertrag ist für die Unterstützung der Bergleute bestimmt.

Der Geheimbund des Zaren. Ueber Rußland und seine völkermordende Politik bieten die Verhandlungen des Königsberger Prozesses ein reiches Material, durch das urkundlich der Beweis erbracht wird von dem schauerlichen Einfluß, den diese Politik auch auf Deutsch⸗ land ausübt. Die Verhandlungen dieses Prozesses liegen nunmehr vollständig vor. Der Herausgeber des Buches hat das umfangreiche Aktenmaterial benutzt, um den Beweis für die fortschreitende Russifizierung Deutschlands auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu erbringen. Auf diese Gefahr kann die öffentliche Meinung nicht oft und nicht eindringlich genug aufmerksam gemacht werden. Das Buch kostet gebunden 3 Mk. Das Werk kann auch in Heften à 20 Pfennig bezogen werden.

Attentate und Sozialdemokratie von Aug. Bebel, nach einer am 2. November 1898 gehaltenen Rede. Bebel hielt diese Rede, als die Scharfmacher nach dem Attentat des Italieners Lucchenis auf die Kalserin von Oesterreich versuchten, gegen die Sozial⸗ demokratie Aus nahmegesetze zu veranlassen. Bebel wendet sich scharf gegen die Propaganda der Tat, indem er nachweist, daß diese die Arbeiterbewegung nur schädigen könne. Preis 15 Pfennig.

Anarchismus und Sozialdemokratie von G. Plechanow, eine allgemeinverständliche Widerlegung der anarchistischen Theorte und Praxis. Plechanow, von dem der Staatsanwalt im Königsberger Prozeß behauptet hat, er sei Terrorist, bringt den Nachweis von der Undurchführbarkeit anarchistischer Theorien, wie sie von Stirner bis Bakunin und bis auf ihre Epigonen: Makay und Krapotkin gelehrt sind. Der Preis für die Broschüre ist 40 Pfennig.

Stadthagens Arbeiterrecht ist jetzt bis zum Heft 17 erschienen. Dieses Buch ist ein unentbehylicher Führer durch alle Gebiete des Arbeiterrechts und ein billiger und zuverlässiger Arbeiteranwalt im Hause. Es ist komplett in 28 Heften A 20 Pfennig.

Auf das Protokoll des preußischen Partei⸗ tags sei ebenfalls nochmals aufmerksam gemacht. Die Verhandlungen über die dort erörterten Gegenstände: die Schulfrage, das Kontraktbruchgesetz, das Wahlrecht sind aus⸗ führlich im Protokoll wiedergegeben. Zur Massenagitation werden die einzelnen Verhandlungsgegenstände in besonderen Broschüren abgegeben, die an Vertrauens⸗ leute, Agitationskomitees zu billigen Preisen abgegeben werden.

Ein neues Sozialistisches Theaterstück ist unter dem Titel:Achtung, Bombe, Schwank von Ludwig Lessen erschienen. Folgende; ist der un⸗ gefähre Inhalt:

Irgend eine Gemeinde im lieben deutschen Vater⸗ land hat ein neues Milglied in den Gemeinderat zu wählen. Auf beiden Seiten im Ordnungslager und bei den Sozialdemokraten ist tüchtiggewühlt worden. Nun soll sich's entscheiden, wer den Sieg davon! trägt. Schon sind die Honoratioren des Ortes sieges sicher im Wahllokal versammelt, da bringt der Gemeindediener ein Paket, eine angeblicheBombe angeschleppt. Er erzählt eine Mordsgeschichte, wie er zu dem Paket, das niemand öffnen will, gekommen sei. Durch den ganzen Ort ist wie ein Lauffeuer das Gerücht von der Bombe im Wahllokal geflogen; kein Bürgerlicher wagt daher das Lokal zu betreten, so daß der Sozialdemokrat ein⸗ stimmig gewählt wird. Zum Schluß enthüllt sich der harmlose Inhalt der Bombe. Der Schwank ist reich an komischen Figuren, die Handlung spannend und wird vielen eine frohe Stunde bereiten. Einzelne Exemplare kosten 1 Mark. Das Aufführungsrecht ist an die Ab⸗ nahme von 11 Rollenexemplare geknüpft, die 5,50 Mark kosten. Das Verzeichnis der in der Sammlung er⸗ schienenen Theaterstücke wird auf Wunsch gratis versandt.

Sämtliche Schriften sind in der Expedition der Mitteldenischen Sonntags⸗Zeitung zu haben.

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