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Seite 4.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 3.
meisters„politisch“ gut gesinnt sei. Man solle vor dem Gesetz doch alle Korporationen gleichstellen. Erfreulich sei es, daß man all⸗ seitig die Mißstände bei den Amtsblättern beklage. Nur die Nattoualliberalen seien bisher noch nicht dafür eingetreten, aus wohlerwogenen Gründen! Es sei ein sehr gangbarer Weg zur Aenderung dieser Mißverhältutsse zu finden. Der Abg. Hirschel habe wohl die Toleranzrede des Abg. Schmitt gutgeheißen, sei aber schließ⸗ lich in denselben Fehler verfallen und habe auf die Juden gehetzt. Wenn man aus dem Namen Katz allein, der als Redakteur der Hülfe zeichne, Schlüsse ziehen wolle, könne man ähnliche Schlüsse aus den Namen Bähr, Wolf und Hirschel usw. ziehen. Der Ton in Hirschels Blatt, der vom Internationalen Vagabunden (Sozialisten)⸗Kongreß in Amster dam usw. spreche, gebe ihm nicht das Recht, allzuviel zu verlangen. Nach einigen Bemerkungen des Zentrumsmannes Brentano und des Ministerialrates Braun wird die Generaldebatte geschlossen und sofort in die Einzelberatung eingetreten. Dieselbe wird Frei⸗ tag bei Kapitel 13: Landstände, fortgesetzt. Hierbei wird von einer ganzen Anzahl Abge⸗ ordneter Freikarten für Eisenbahnfahrten im ganzen Lande verlangt. Von der Regierung
wird dazu bemerkt, daß man in der Frage in
Berlin auf Schwierigkeiten stoße, hoffentlich sei es aber möglich, einen praktischen Ausweg zu finden. Bei Kap. 20: Rheinschiffahrt fragt Abg. Adelung die Regierung, welche Stellung sie zu den Schiffahrtsabgaben ein⸗ nehme, der Staatssekretär habe Erklärungen abgegeben, die sehr bedenklich lauteten. Staats⸗ rat Krug erklärt darauf, daß man gegen jede Belastung der Rheinschiffahrt eintrete und nicht darauf eingehen werde, daß irgend welche Rechte geschmälert werden. Beim Kapitel der allge⸗ meinen Verwaltungskosten geht Ulrich auf die vielen Mißstände ein, welche durch die oft un⸗ erschwinglich hohen Kosten bei den Kreisämtern entstehen; bei Bagatellen gäbe es oft eine ganze Anzahl von Terminen und es sei nötig, den Behörden einmal einen energischen Ruck beizu⸗ bringen, damtt man besser spare. Sehr häufig werden Wagen benutzt nach Orten mit Etsen⸗ bahnstationen; als Entschuldigung werde dann die schlechte Zugverbindung usw. angeführt, so⸗ daß man abends nicht mehr zurück, oder keine 2 Termine abhalten könne usw. Eine Kontrolle dieser Angaben sei ja nicht möglich und wollte er auch deshalb nicht für Streichung des Postens stimmen, er werde von jetzt ab ein scharfes Auge auf alle derartige Chatsenfahrten haben, sich jeden Einzelfall merken und bei Mißständen die Sache unter Nennung der Namen im Land⸗ tage zur Sprache bringen.— Ju der weiteren Debatte bringt Genosse Berthold die vielen Milttärverbote zur Sprache, die eine Un⸗ gerechtigkeit bedeuten. In Darmstadt seien 8 kleine Wirte, 1 Zigarren⸗ und 1 Buchhändler ausgeschlossen, ähnlich sei es in Offenbach, Mainz usw., während man in Württemberg und Bayern kein derartiges Verbot habe und sich doch ganz gut vertrage.
Die Einzelberatung des Etats wird am Dienstag(14. Febr.) fortgesetzt. Genosse Ulrich verlangt beim Kapitel Kirche n⸗ und Religionsgemeinschaften Trennung von Kirche und Staat. Beim Etat der höheren Schulen nimmt Genosse Dr. David Veranlassung, die Zustände am Gießener Gymnasium einer scharfen Kritik zu unterziehen. Der Direktor Dr. Schädel sei nicht die geeignete Persön⸗
lichkeit zum Leiter einer derartigen Anstalt.
Er vertrage sich nicht mit dem Lehrerkollegium und in den oberen Klassen des Gymnasiums reiße durch die Schuld des Direktors immer größere Disziplinlosigkeit ein. Dr. David ver⸗ langt eine Untersuchung der Zustände. Dann interpelltert der Redner die Regierung, wie es mit der früher angeregten Streichung der Staatsmittel für die Vorschulen, mit der Aus⸗ dehnung der Studienberechtigung und der Ein⸗ führung des Reform⸗Gyu'nastums stehe. Geh. Overschulrat Nodnagel führt das Vorgehen gegen den Direktor Schädel auf einen persön⸗ lichen Streit zurück, den dieser vor einigen Jahren mit einem Gießener Arzte hatte. Die
Affäre sei damals untersucht worden und es
habe sich die völlige Rechtfertigung Schädels ergeben. Die Behauptungen Dr. Davids seien durchaus unbegründet. Aehnlich spricht sich Ministertalrat Eisenhuth aus. Heiden⸗ reich und Köhler tadeln ebenfalls das Ver⸗ halten Dr. Davids und Brentano bemerkt, daß ein Abgeordneter sich über Beschwerden, die er erheben wolle, vorher genau unterrichten müsse. David hält alle seine Behauptungen vollkommen aufrecht. Er habe nur eine Klar⸗ stellung der Angelegenheit herbeiführen wollen. Seine Informationen seien durchaus zuverlässig. Die Regierung möge das Lehrerkollegium in der Affaire vernehmen. Herr Köhler hat sich also auch bemüßigt gefühlt, dem Gen. David Vorhaltungen zu machen.— Ihn hätte in diesem Falle Schweigen entschieden besser gestanden. Er hat wohl die Eberstädter Kindesmord⸗Affaire schon vergessen?
Gießener Angelegenheiten.
— Mit der Gießener Gymnasium⸗ angelegenheit(siehe unter„Landtag“) beschäftigte sich der Landtag noch in seiner ganzen Mittwoche⸗Sitzung. Oberschulrat Nodnagel erklärte, daß lediglich die er⸗ wähnte Schmähschrift die Grundlage für die Beschuldigungen Davids gebildet habe. Daß kleine Reibereien zwischen Direktor Schädel und der Lehrerschaft stattfanden gebe er zu. Er erwarte, daß Dr. David entweder seine Anschuldigungen zurücknehme, oder den strikten Beweis der Wahr⸗ heit dafür erbringen werde. Ulrich begreift nicht, warum die Herren von der Regierung so sehr in Entrüstung gerieten. David habe nichts gegen die Persönlichkeit Direktor Schädels ge⸗ äußert, sondern nur gegen dessen Amtsführung. Der Direktor set wohl hochgradig nervös, und das wäre ja für ihn kein Vorwurf. Zum Schluß meinte Ulrich, die Zustände in Gießen könnten nicht so bleiben. Es habe sogar schon ein Ober⸗ lehrer eine Nervenheilanstalt aufsuchen müssen. Wenn die Regierung jetzt eine amtliche Unter⸗ suchung ablehne, müsse das Haus eine solche ver⸗ langen. Im Laufe seinex Rede geriet Ulrich heftig mit dem Zentrumsmann Brentano zusammen. Dieser„gebildete“ Mann rief Ulrich zu:„Sie lügen!“ und er schimpfte weiter, trotzdem er zur Ordnung gerufen wurde. Gutfleisch erklärte, ihm sei als Vertreter Gießens nichts von den er⸗ örterten Vorgängen bekannt geworden.
Wir gestehen, daß wir uns hier in genau der gleichen Lage befinden, als der Abgeordnete von Gießen, die Angelegenheit ist uns bisher unbe⸗ kannt, wie den Gießener Parteigenossen überhaupt. Wir sind aber der Ueberzeugung, wenn ein so ruhiger und besonnener Mann wie Dr. David eine Sache vorbringt, so ist sie doch nicht aus den Fingern gesogen, sondern er wird seine guten Gründe haben. Im schlimmsten Falle wäre er von seinen Gewährsleuten falsch unterrichtet worden. Deshalb brauchten aber die Regierungs⸗ leute, sowte die Brentano, Heidenreich und Kon⸗ sorten nicht in der Weise, wie sie es getan über David herzufallen.
Schofel wie immer, wenn den Sozialdemo⸗ kraten etwas angehängt werden kann, ist die Haltung des Gießener Amtsblattes in dieser Affaire. Dasselbe Blatt, das jederzeit bereit war und ist, die verlogensten Dinge— in vielen Fällen bewußtermaßen— gegen unsere Partei zu ver⸗ breiten, bezeichnet den Abg. David als„von Parteiwegen absichtlich unvorsichtigen Men⸗ schen.“ Natürlich, wer Mißstände aus„besseren“ Kreisen zur Sprache bringt, der wird von der „gutgesinnten“ Presse von vornherein verdächtigt und abgeschlachtet, ehe noch die Sache untersucht und klargelegt ist. Der Anzeiger druckt auch die Zuschrift eines ungenannten Ehrenmannes ab, der die Dummdreistigkeit besitzt, den Gen. Bebel in die Sache hineinzuziehen. Der Biedermann wirft Bebel vor, daß er auf„haltlosen Klatsch dressiert“ sei. Was gibt dem Menschen das Recht zu diesem Anwurf? Bebel hat was er je vor⸗ brachte, noch stets beweisen können. Allerdings, wenn einmal irgend etwas Nebensächliches nicht aufs Haar stimmte, vollführten die bürgerlichen Partefen und Blätter einen Lärm, als handele es sich um die Haupt sache. Diese Anrempelei
Bebels läßt schon die„Gewissenhaftigkeit“ des
Anzeiger⸗Briefschreibers im schönsten Lichte er⸗
scheinen.
Ergötzlich ist im Landtage die Zentrums- und liberalen Brüder sich entrüsten zu sehen über die
Angriffe gegen Herrn Schädel. Gerade die bei⸗ den Parteien, die jahraus, jahrein beinahe sports⸗
mäßig das Verleumden, Beschimpfen, Beleidigen
von Sozialdemokraten betreiben, heucheln Ent⸗ rüstung über den Genossen David; ste gleichen den Füchsen, die den Hühnern Tugend predigen!
— Kommunale Festsetzung deir Lebensmittelpreise. Als hier in Gießen vor einigen Jahren das Oktroi auf Mehl und Backwaren infolge eines Antrages unserer Genossen in der Stadtvertretung beseitigt wurde, haben sich die Bäckermeister nicht bewogen gefunden, mit dem Brotpreise herabzugehen. Einige der Herren bezeichneten mit ungenierter Offenheit die Abschaffung des Oktrois als ein Geschenk an sie(die Bäcker), sie nahmen die Schenkung auch mit freundlichem Schmunzeln entgegen und strichen den dadurch ersparten Betrag ganz ruhig ein. Diese Tatsache ist später mehrfach als Argument für das Oktroi verwendet worden. In Stuttgart, wo kürzlich die Beseitigung des Fleisch⸗Oktrois beschlossen wurde, wußte man sich besser zu helfen. Dort wurde zwischen der Stadt und der Metzger⸗ Innung ein Vertrag mit fünfjähriger Dauer abgeschlossen, wonach die Metzger⸗Innung an⸗ läßlich der Aufhebung des Fleisch⸗Oktrois sich verpflichtet, den Fleischpreis am 1. April um 3 Pfg. pro Pfund zu ermäßigen, während weiterhin die Festsetzung des Fleischpreises durch eine gemeinsame Kommission erfolgen soll. Dagegen verzichtet die Stadt für die Dauer des Vertrages auf die Errichtung einer Ge⸗ meinde⸗Metzgerei. Das Vorgehen der Gemeinde⸗ behörden ist gewiß zu billigen, wenn uns auch der Verzicht auf Errichtung einer Gemeinde⸗ Metzgerei als zu weit gegangen erscheint.
— Für die Bergarbeiter haben ver⸗ schiedene Stadtvertretungen Summen zur Unter⸗ stützung bewilligt. Mainz 5000 Mk., Darmstadt 2000 Mk., Frankfurt 15000 Mk., Mülhausen i. E., Hanau ꝛc. Wir halten es in diesem Falle allerdings für Pflicht der Städte, dem Gesamt⸗ Interesse gegenüber, dem kämpfenden Arbeiter⸗ heere beizusteuern. Unsere Genossen im Gießener Stadtparlament sollten ebenfalls den Antrag stellen einen Betrag für die Bergarbeiter zu be⸗ willigen.
— Im Wahl verein erstattete der Vor⸗
stand in der Generalversammlung am Sonntag
den Geschäfts⸗ und Kassenbericht für das II.
Halbjahr 1904. Demselben ist zu entnehmen,
daß die Mitgliederzahl eine wenn auch nur ge⸗ ringe Steigerung aufzuweisen hat. Die finan⸗ ziellen Verhältnisse haben sich günstig entwickelt. Die Einnahme betrug 365,37 Mk., die Ausgabe 321,04 Mk., es verbleibt somit ein Kassenbestand von 44,33. Der Vorstand wurde wiedergewählt,
bis auf den Kassterer Petersen, der ablehnte.
An seine Stelle tritt Genosse Fien. Beschlossen wurde noch in Bälde eine Frauenversammlung abzuhalten.
—„Das Schulkind“ betitelt sich das 6. Heft der von der Buchhandlung Vorwärts herausgegebenen Arbeiter⸗Gesundheits⸗
Bibliothek, das kürzlich erschienen ist und
Dr. R. Silberstein zum Verfasser hat. In diesem Hefte kommt die Gesundheitspflege in der Schule und im Hause, die Pflege
der Sinnesorgane; Sprachgebrechen, Wirbel.
säulenverkrümmungen und deren Verhütung zur
Erörterung, eingehend werden die ansteckenden 5 Kinderkrankheiten und im Anschluß daran die
Frage der Absonderung und Wiederzulassung
erkrankter Schulkinder und der Desinfektion, 8
sowie die Pockenimpfung behandelt und zum
Schluß der Hygiene des Geistes gedacht.
rung aus und wird überall da, wo es aufmerk⸗
sam gelesen und seine Lehren befolgt werden,
Aufklärung und Nutzen bringen. In den früheren
Heften dieser Bibliothek wurden behandelt: 1. Heft: Die erste Hilfe bei Unglücksfällen;
Auch dieses Heft zeichnet sich durch leichtflüssige und flotte Darstellung und Hinweise auf die besonn;: deren Verhältnisse in der arbeitenden Bevölke-
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