Ausgabe 
19.2.1905
 
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Nr. 8.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite g.

Wir meinen, der Herr Pfarrer Nebel und sein christlich⸗sozialer Verein hätten ihre christ⸗ lichen Ansichten über Kinderschutz viel kürzer in dem Satze zusammenfassen können:Die Beschäftigung von Kindern jeden Alters darf in der vandwirtschaftuneingeschränkt stattfinden. Angesichts dessen, daß vor nicht langer Zeit gerade von einem oberhessischen Geistlichen auf die schweren Schäden der Kinderarbeit auf dem Lande und besonders des Hütekinderwesens ein⸗ dringlich hingewiesen wurde, erscheint das soziale Verständnis der Laubacher Christlich⸗Sozialen, ihre Kinder⸗ und Arbeiterfreundlichkeit in ganz besonderem Lichte.

In Rußland

bemühen sich die zarischen Henkersknechte ver⸗ geblich durch die bekannten kosakischen Mittel, mit Knute, Säbel und Flinte die Ordnung wieder herzustellen. Sie können aber die revo⸗ lutionäre Bewegung nicht mehr unterdrücken. Im russisch⸗polnischen Industriebezirk streikten vorige Woche etwa 120000 Mann. Verschtedentlich hat wiederum die Soldateska auf Wehrlose ge⸗ schossen und viele getötet. In Warschau wurden 57 Streikende erschossen und auf den Friedhöfen in Lodz wurden 144 Personen beerdigt, die bei den letzten Unruhen umge⸗ kommen sind.

Kleine politische Nachrichten.

Der gothaische Landtag erklärte die Wahl unseres Genossen W. Bock wegen for⸗ meller Fehler für ungültig. Bei einer Nach⸗ wahl zur französischen Deputiertenkammer wurde in Roanne(Dep. Loire) der Sozialist Auge gewählt.

Aus dem Reichstage.

Die Handelsverträge,

jene staatskünstlerischen Werke, die bestimmt sind, den Agrariern auf Kosten der arbeitenden und besitzlosen Bevölkerung die Taschen zu füllen, kamen am Donnerstag im Reichstage zur Ver⸗ handlung. Es war das ein sogenanntergroßer Tag, das Haus gut besetzt, die Tribünen über⸗ füllt, Bundesrat stark vertreten. Die Zollwucherer sehen sich am Ziele ihrer Wünsche, es naht ihr Erntetag. Man erinnert sich der Zolltarif. kämpfe vor zwei Jahren, wo die Zollmehrheit durch Rechtsbruch und Vergewaltigung den Zoll⸗Raubzug ausführte. Das Zentrum, die ausschlaggebende Partei des Reichstags und des Zollwuchers, eröffnete mit dem Abg. Herold die Debatte. Und es war schließlich auch nur recht und billig, daß es als seinen ersten Redner einen der Hauptmatadore der Geschäftsordnungs⸗ vergewaltigung, den Miturheber der Anträge Aichbichler, Kardorff und Gröber vorschickte. Herrn Herolds Rede zerfiel in drei Teile. Im ersten Teile pries er den Generaltarif, dessen Hauptherold er gewesen. Im zweiten Teil nahm er dem Zirkus Busch die agrarischen Klagen über den ungenügenden Zollschutz der landwirtschaftlichen Produkte vorveg. Im dritten Teile versteckte er unter der Forderung der Kommissionsberatung die Zustimmung des Zentrums zu den neuen Verträgen.

Nach Herrn Herold ergriff Genosse Bern⸗ stein das Wort. Seine Feststellung, daß der neue Tarif unter Bruch der Geschäftsordnung zustande gekommen ist, erregte den Zorn des Prästdenten der Vergewaltigungsmehrheit. Mit ebenso scharfer Sachlichkeit wie Schärfe betonte unser Fraktionsredner die beiden gleich unheil⸗ vollen Folgen der neuen Verträge mit ihren Zollerhöhungen: sie werden durch Erschwerung der landwirtschaftlichen Einfuhr die Lebensmittel verteuern und durch Erschwerung der industriellen Ausfuhr die Arbeitsgelegenheit mindern und die Löhne senken.

Posadowsky, der sofort nach Bernstein das Wort ergriff, gab die Schädigung der Industrie durch den Zolltarif selbsiverständlich nicht zu er mußte ja sein eigenes Werk verteidigen. Dabei machte er das festzuhaltende Geständnis, daß die Fabrikarbeit die Arbeiter noch mehr verelendet als die Landarbeit, trotz

deren schlechten Löhnen. Bei der Rekrutterung hat es sich herausgestellt, erklärte Posadowsky, daß die Beschäftigung in den Fabriken ungünstig auf die Wehrkraft einwirkt. Das müssen sich die Arbeiter merken! In seinen weiteren Aus⸗ führungen suchte er durch wortreiche Tiraden über die Bedeutung und dieNot der Land⸗ wirtschaft die Schwächen seines Standpunktes zu verdecken. Schließlich hielt der Geheimrat Wermut eine lange Rede zur Verteidigung der Zöllneret, an der er mitschuldig ist.

Am Freitag sprach der konservative Ga m p zuerst, der behaͤbige Großgrundbesitzer aus Hinterpommern, der sein so oft ausgebotenes Rittergut noch immer nicht an Abgeordnete der Linken verschenkt hat. Er hegt die gegründete Hoffnung, daß Ausführungsbestimmungen und Viehsperren dafür sorgen werden, den Profit der Agrarier noch mehr zu steigern. Darauf kam der Freisiunnige Gothein an die Reihe, der mit außerordentlicher Entschiedenheit und Schärfe gegen den Zollwucher zu Felde zog. Daß seine Ausführungen saßen, quittierte das wiehernde Wutgebrüll und gezwungene Hohn⸗ elächter, mit dem die Rechte zu Dutzenden von

alen den freistnnigen Redner unterbrach. Legte er doch gar zu nachdrücklich seine Finger auf die wundeste Stelle des Agrariertums, auf den klaffenden Gegensatz von Groß⸗ und Klein⸗ grundbesitz. Graf Posadowsky und sein Direktor Wermut antworteten ihm, doch konnten sie die Argumente Gotheins nicht entkräften.

Die Debatte über die Handelsverträge nahm noch den Samstag, Montag und Dienstag in Anspruch. Als erster Redner am Samstag trat der frühere Rechtsanwalt und Sozial⸗ demokrat, jetzige Gutsbesitzer und antisemitische Agrarier Graf Reventlow auf, der seine an sich langweilige Rede mit einem DutzendWitzen aus dem Liebermannschen Arsenale ausstattete. Das wiehernde Gelächter der Junker bewies, daß der holsteinische Graf den Geschmack seiner Standesgenossen kennt. Im Gegensatz zu dem mit den Verträgen unzufriedenen Ueber⸗ agrarier Reventlow ist sein Freund Zimmer⸗ mann von der benachbarten Bruhn⸗Fraktion voll und ganz mit ihnen einverstanden: nur daß künftighin die jüdischen Handlungsreisenden in Rußland besser behandelt werden sollen, will ihm gar nicht in den antisemitischen Sinn.

Dem bayrischen Zentrumsmanne Speck gegenüber, der sich in einer langen Rede dar⸗ über beschwerte, daß Bayern und Süddeutsch⸗ land bei dem agrarischen Fischzug zu kurz ge⸗ kommen sei, gestand der bayrische Minister Feilitzsch zu, daß die agrarischen Zölle durchweg um 50 Proz., die Pferdezölle sogar um 188 Proz. gestiegen sind.

Darauf ergriff unser Genosse Singer das Wort, der in sehr ausführlicher, oft von dem Beifall unserer Genossen unterbrochener Rede, die Handels. besser: Mißhandelsverträge zer- pflückte. Singer bemerkte, daß die Regierung, die sich auf diese Verträge etwas einbilde, speziell den russischen Vertrag nicht zu Stande gebracht haben würde, wenn nicht Japan als unfrei⸗ williger Bundesgenosse des Reichskanzlers auf dem Plane erschienen wäre. Daher auch wohl die Ordensverleihung an den General Nogi! Mit der Erklärung, daß unsre Fraktion einmütig gegen die neuen Verträge stimmen werde, schloß Genosse Singer seine Ausführungen.

Herr v. Rheinbaben, der preußische Finanzminister, sagte am Montag vor schwach besuchtem Hause seine Meinung über die Han⸗ delsverträge. Natürlich stimmt seine Meinung mit derjenigen der Junker vollkommen überein. Der Finanzminister hatte sich aber noch eine extra geistreiche Beweisführung zurechtgelegt: Die Kleinbauern verkaufen zwar selbst kein Getreide, aber sie haben doch ein In⸗ teresse daran, daß die Großgrundbesitzer ihr Getreide teuer verkaufen, weil diese ihnen sonst durch Kartoffelbau Konkurrenz machen. Kaum hatte der Finanzminister dieses Geisteskind zur Welt gebracht, als er es, ein grausamer Vater, mit eigener Hand abschlachtete: er behauptete nämlich weiter, daß die Getreidezölle ketne Steigerung der Getreidepreise bewirkten.

[Die ganze Beweisführung erinnerte au jene

Frau, die einen geliehenen Krug zerbrochen zu⸗ rückgab und, darob verklagt, erklärte: sie habe erstens den Krug nicht geliehen, sie habe ihn zweitens unzerbrochen zurückgegeben und drittens sei er schon zerbrochen gewesen. Anders be⸗ trachtete jedoch der Nationalliberale Beumer die Sache, er klagte als Vertreter der Kohlen⸗ und Eisenkapitalisten beweglich über die Schädi⸗ gungen, welche der Industrie durch die Verträge zugefügt würden. Die betrübten Lohgeber der schutzzöllnerischen Industrie müssen zu ihrem Bedauern erkennen, daß ihnen die Felle weg⸗ geschwommen sind, nachdem sie den Agrariern geholfen haben, ihre Felle ins Trockene zu bringen. Die Sache wäre zum Lachen, wenn nicht wieder das Proletariat der Hauptleid⸗ tragende wäre. Die übrigen Reden boten nichts Bemerkenswertes.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Für den 5. deutschen Gewerkschafts⸗ kongreß, der in Köln a. Rh. im Mal statt⸗ findet, hat die dortige Stadtvertretung, ent⸗ sprechend dem Antrag ihrer zuständigen Depu⸗ tation, die Ueberlassung des Gürzenich, eines städtischen Saalbaues, beschlossen.

Der Verband der Bäcker und Berufs- genossen Deutschlands kann auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr zurückblicken, wohl auf das erfolg⸗ reichste seit seinem Bestehen, wie der Vorstands⸗ bericht bemerkt. Die Mitgliederzahl beträgt jetzt 9706, sie hat sich im Berichtsjahre um 3644 vermehrt! Sie könute noch bedeutend größer sein, wenn nicht Tausende von Fahnen⸗ flüchtigen und Restanten vorhanden gewesen wären. In 40 der größten Genossenschafts⸗ Betrieben ist der Bäckertarif anerkannt worden und Aufgabe der nächsten Zeit wird es sein, auch noch in den übrigen 130 Betrieben den Tarif zur Anerkennung und Durchführung zu bringen, eine Aufgabe, die dadurch erschwert wird, daß in vielen Konsumbäckereien Südwest⸗ deutschlands und Thüringens die Bäckergehilfen sich noch vom Verbande fernhalten. Auch sonst sind noch manche Verbesserungen, Lohn- erhöhungen und Verkürzung der Arbeitszeit erkämpft worden.

Lohnkämpfe. Die Weißbinder, Maler und Lackierer in Darmstadt stehen zwecks Aufstellung eines neuen Lohntarifs mit ihren Arbeitgebern in Unterhandlung. Der Streik in der Segeltuchweberei Winkler u. Co. in Kassel, der schon 8 Wochen währt, dauert noch fort.

Bon Nah und Lern.

Hessisches. Aus dem Landtage.

Bei der Fortsetzung der Etatsberatung am Donnerstag verlangt Hirschel eine gründ⸗ liche Revision des Stempeltarifs, die Klavier- steuer solle man beseitigen, dagegen die Auto⸗ mobile, welche bald zur Landplage werden, mit 100 Mk. besteuern. Baldiger Regelung bedürfe ferner die Wohnungsfrage der Beamten und die Kreisblattfrage. Man könne die Kreis⸗ blätter in zwei Kategorien einteilen, in die⸗ jenigen, in welchen derStumpfsinn vor⸗ herrscht und in diejenigen, welche inBosheit über sind. Redner beschwert sich natürlich noch über dieübertriebene Sozial- politik, die den Kindern leichte abendliche Tätigkeit verbiete, während man sie in Varietés spät abends die schwierigsten und gefährlichsten Kunststücke ausführen lasse. Der nationalliberale Rechtsanwalt Windecker aus Friedberg be⸗ grüßt den Zolltarif mit Freuden. Daß dieser Herr auch bei teueren Lebensmitteln nicht zu hungern braucht, glauben wir gerne.

Unser Genosse Adelung brachte die Ge⸗ sinnungsriecherei der Kreisämter wieder zur Sprache. In einem Nachbarorte von Mainz habe man einer Gewerkschaft die Abhaltung eines Tanz⸗ vergnügens verboten, es aber dem Turuperein gestattet, da er nach dem Berichte des Bürger⸗