Ausgabe 
18.6.1905
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 25.

Von Nah und Lern. Beim Kriegervereins⸗Ausflug.

Ueber rohe Ausschreitungen und Schlägereien bei Kriegerfesten mußte schon oft berichtet werden, es ist fast sprichwörtlich geworden, daß es zum Schluß solcher PatriotenfesteKnüppel gibt. Besonders roh benahmen st) aber kürzlich die Mitglieder des Militärvereins Petersthal bei Heidelberg, die am Sonntag vor den Feier- tagen einen Ausflug nach Hirschhorn im Odenwald unternommen hatten. Dieser Aus⸗ flug nahm ein Ende mit Schrecken. Wie das Erbacher Kreisblatt berichtet, waren die meisten Krieger betrunken, als sie in Hirschhorn in das Gasthauszum Engel einzogen. Hier ent⸗ wickelte sich denn auch eine regelrechte Schlägerei. Bei dieser erhielt der Besitzer, Herr Bürger⸗ meister Zipp, ein 76 jähriger, ehrwürdiger Mann, der Ruhe gebot, von einem rohen Patron mit einem Stock zwei wuchtige Schläge auf den Kopf, so daß die Hirnschale zertrümmert wurde und von den Aerzten die Splitter entfernt werden mußten. Als die rohe Tat bekannt wurde, geriet das ganze Städtchen in die größte Aufregung, was leicht erklärlich, wenn man bedenkt, daß Herr Bürgermeister Zipp bereits sein 27. Dienstjahr als Bürgermeister vollendete und sich der ungeteilten Sympathte der gesamten Einwohnerschaft erfreut. Da der Täter nicht unzweifelhaft festgestellt werden konnte, verhaftete die Polizet die vier Hauptverdächtigen und lieferte sie in das Amtsgerichtsgefängnis ein. Der Zustand des Herrn Bürgermeisters ist sehr bedenklich. Die Petersthaler haben sich übrigens auch sonst im höchsten Grade unge⸗ bührlich benommen. Auf der Straße äußerte der Präsident des Vereins, er wolle den blinden Hessen einmal zeigen, was er mit seinem Verein leisten könne!! Er würde acht seiner besten Leute antreten und das Nest zusammen⸗ schlagen lassen. Wenn das nicht aus⸗ reiche, gingen sie nach Eberbach und würden das Gleiche tun. Auch von Seiten der Damen, die mit bei dem Ausflug waren, wurde eine Haltung gezeigt, welche jeder Beschreibung spottet. Als Haupt⸗ übeltäter wurde der 32 jährige Wäscher Franz Wickert aus Petersthal verhaftet. Außer dem Bürgermeister, dessen Befinden sich nach neueren Nachrichten gebessert hat, sind noch viele andere Personen in der Kriegerschlacht ver⸗ wundet worden. Von der kriegervereinlichen Bildung werden die Hirschhorner einen netten Begriff bekommen haben!

Besonderer Markt fürbessere Damen.

Das höchste von Unverschämtheit leisteten diebesseren Damen in dem Städtchen Ehingen a. D.(Württemberg), indem sie an die Stadtverwaltung den Antrag stellten, daß der Markt eine Stunde bloß für höhere Frauen reserviert bleiben solle, und erst wenn diese ihre Einkäufe besorgt haben, solle auch das niedere Volk der Geschäfts⸗ und Arbeiter⸗ weiber samt den Händlern in die Räumlich⸗ keiten des Marktes zugel assen werden.

Lotterielose und Lotteriegewinne.

Die noch weitverbreitete Hoffnung auf große Gewinne in der Lotterie bringt dem Staate schöne Batzen Geld ein als Steuer auf die Hoffnungsfreudigkeit. Daß von hunderttausend Losen überhaupt nur einige Hundert mit größeren und gar nur einige Dutzend mit großen Gewinnen gezogen werden, ist zwar bekannt, mindert aber vie Spielwut nicht; denn trotz aller Fehlschläge ist jeder überzeugt, daß er das nächste Mal sicherlich zu den wenigen Auserwählten gehören wird. Und ist's das nächste Mal wieder nichts, dann sicher bei der übernächsten Ziehung.

In Deutschland gab es bis vor kurzem sieben Lotterten, die preußische, die sächstsche, die braunschweigische, die hessisch⸗thüringische, die Hamburger, die Lübecker und die Mecklen⸗ burger Lotterie. Die beiden letztgenannten werden in Zukunft mit der preußischen vereinigt werden, vielleicht geschieht dasselbe auch mit ber hessisch⸗thüringischen. In den ein⸗ zelnen Lotterien stellten sich nun die für die

Lose eingezahlten Summen zu deu au die Spieler gezahlten Gewinnen wie folgt:

Eingezahlt Ausgezahlt Mark Mark Proz. Sächsische Lotterie 23,250,000 16,073,500= 69,13

Preußische 40,880,000 28,176,253= 68,92

Braunschw. 12,960,000 8,721,000= 67,30 Hessisch⸗Thür. 15,456,000 10,100,057= 65,40 Hamburgische 14,029,600 9,081,380= 64,75 Lübeckische 4,292,000 2,100,460= 63,81

Mecklenburg. 7,608,000 4,564,800= 60,00 Summa 117,475,600 78,826,450 67,10

Die vorstehende Summe stellt den Betrag der Ausspielung für ein halbes Jahr dar. Für ein ganzes Jahr ergibt sich also die geradezu ungeheure Summe von 234,951,200 Mk., die in den Staatslotterien angelegt wird. Hiervon gelangen 157,652,900 Mk. in die Hände der Spieler zurück. Von dem Reste rund 76,3 Mill. Mk. entfallen 39,16 Mill. Mk. auf den Reichsstempel, während 37,14 Mill. Mark auf die unternehmenden Staaten und die Kollekteure kommen.

Man steht also, das Lotteriespiel ist ein recht einträgliches Geschäft für den Staat, und eine freiwillige Dummheitssteuer für die Spieler.

Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung.

Der Verband der deutschen Buch⸗ drucker versandte dieser Tage seinen Bericht über das Jahr 1904, welcher wieder ein er⸗ freuliches Bild von der Wirksamkeit dieser Organisation gibt. Die Zahl der Mitglieder ist in diesem Jahre um 3238 gestiegen und betrug am Jahresschlusse 40 580. Die Jahres⸗ einnahme betrug einschließlich der 120 579 Mk. Zinsen des beinahe 3/ Milltonen betragenden Vermögens 2262 808 Mark, die Ausgabe 1834 829 Mk., der Ueberschuß also 427979 Mk. Von den Ausgaben beanspruchten: die Reise⸗ unterstützung 193 627 Mk., Arbeitslosen⸗Unter⸗ stützung 514401 Mk., Maßregelungs⸗Unter⸗ stützung 36 573 Mk., Umzugskosten 18556 Mk., Kranken⸗Unterstützung 674736 Mk., Invaliden⸗ Unterstützung 191509 Mark, Begräbnisgeld 40 415 Mk., Rechtsschutz 586 Mk. Die Gesamt⸗ zahl der Arbeitslosentage betrug 792813, der Krankentage 507811. Durchschnittlich waren 2172 Mitglieder= 5,57 Prozent das ganze Jahr arbeitslos und 1391 Mitglieder= 3,31 Prozent krank. Auf jedes Mitglied kamen 21 Tage Arbeitslosigkeit und 13 Tage Krankheit. Der Ueberschuß des vergangenen Jahres zeigt, daß die Zeit des wirtschaftlichen Nieder⸗ ganges für das Buchdruckgewerbe den Höhe⸗ punkt überschritten hat, denn in den Jahren 1901 und 1902 konnte nur durch die Zinsen des enormen Vermögens ein Defizit vermieden werden, und der Vorstand sieht sich deshalb auch veranlaßt, darauf hinzuweisen, daß die im Juni in Dresden stattfindende General⸗ versammlung eine Erhöhung der Leistungen nur unter gleichzeitiger Beitragserhöhung vor⸗ nehmen könne. Der Bericht erwähnt auch den Rückgang der StreikbrecherorganisationGuten⸗ bergbund, die in zwölf Jahren noch nicht so⸗ viel Mitglieder hat, als der Verband in einem Jahre zugenommen. Er bezeichnet das Ver⸗ hältnis zu der übrigen organisterten Arbeiter- schaft als ein befriedigendes. Während mit Genugtuung die Fortschritte auf dem Gebiete der Tariforganisatton konstatiert werden konnten, mußte aber auch eine Gauvorsteher⸗Konferenz einberufen werden, da sichim Gau Berlin ein Herd totaler Disziplinlosigkeit entwickelte, für dessen Entstehung lediglich der Berliner Gau⸗ vorstand verantwortlich zu machen war. Die Dresdener Generalversammlung wird sich wohl auch mit dieser Angelegenheit befassen. Das Organ des Verbandes, derCorrespondent hat eine Auflage von 27000. leber die vielfach angegriffene Haltung des Blattes äußert sich der Bericht:Können wir auch konstatieren, daß unser Organ durch seinen gediegenen In⸗ halt, namentlich seine umfassende Gewerk⸗ schaftsübersicht, sich der Beachtung der Arbeiter- presse im Allgemeinen erfreut, so finden wird

audererseits in den Reihen der Mitglieder eine

Beurteilung der Tätigkeit und Aufgaben der

Redaktion, wie man sie in den Reihen der der Presse doch nicht so fernstehenden Buchdrucker als ausgeschlossen erwarten sollte. Fast zu gleicher Zett erschien der Bericht des Gauvorstandes Frankfurt⸗Hessen des Buchdruckerverbandes. Auch hier wird über erfreuliche Fortschritte berichtet. Im Bezirk Frankfurt stieg die Zahl der Mitglieder von 1019 auf 1105, im Bezirk Gießen von 107 auf 125, im Bezirk Marburg von 58 auf 66, im ganzen Gau von 1660 auf 1787, doch stehen noch mehr als 500 Gehilfen im Gau der Orga⸗ nisation fern. Das Vermögen der Gau⸗ und Bezirkskassen stieg von 28 000 auf 30 000 Mk. Mit dem Hinweis auf die nächstjährige Tarif⸗ revision ermahnt der Bericht zur Einigkeit und Disziplin, eine Mahnung, die gegenüber der regen Tätigkeit der Unternehmer dieses Gewerbes sehr am Platze ist.

Ein Stöckerscher Gewerkschaftsführer. Herr Ellerkamp, der Vorsitzende des christ⸗ lichen Gewerkvereins der Ziegler, hat Gel der unterschlagen, die für die streikenden Bergleute bestimmt waren und, um die Sache zu verdecken, eine Quittung gefälscht. Unser Bochumer Parteiblatt, das anscheinend vom Verbandsbureau unterrichtet worden ist, schreibt darüber:

Herrn Ellerkamp, einer Leuchte der Christ⸗ lichen, wurde in Lage der Betrag von 195,35 Mk., welcher zumeist von Partei⸗ genossen aufgebracht wurde, übergeben, um diesen an den Hauptkassterer Paul Horn abzuliefern. Herr Ellerkamp aber. die spärlichen Streikunterstützungsgelder der Christlichen erhöhen zu müssen, indem er nicht zum Hauptkassierer ging, wie man ihm auftrug, sondern zu dem Vorsitzenden des christlichen Gewerkschaftskartells, Schneider Sandmeyer, und diesem 160 Mk., nicht 195,35 Mk. ablieferte. Nun erklärt Eller⸗ kamp aber, an das christliche Ausschußmitglied Bogermann 195,35 Mk. am 27. Januar in einer Rate abgeltefert zu haben. Da nun Ellerkamp eine Quittung von 195,35 Mk. in einer Rate, geleistet am 27. Januar, auf⸗ weist, so behaupten wir, daß diese Quittung gefälscht ist und Ellerkamp einen Teil der Streikgelder für sich verwandt hat.

In Lage im Lippe'schen, der Heimat der Ziegler, hat eine öffentliche Versammlung getagt, die sich mit dem Fehltritt Ellerkamps befaßte. Die Sache wird natürlich weiter verfolgt. Ellerkamp trat verschiedentlich als Stöckerscher Agitator auf und hatte, wenn wir nicht irren, auf dem Parteitage der christlich⸗sozialen Partei

in Wetzlar ein Referat.

G 1 Anterhaltungs-Ceil. 5

Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte von Friedrich Schiller.

(Schluß.)

Das Laster hatte seinen Unterricht an dem Unglücklichen vollendet; sein natürlicher, guter Verstand stegte endsich über die traurige Täusch⸗ ung. Jetzt fühlte er, wie tief er gefallen war, ruhigere Schwermut trat an die Stelle knirschender Verzweiflung. Er wünschte mit Tränen die Vergangenheit zurück; jetzt wußte er gewiß, daß er sie ganz anders wiederholen würde. Er fing an zu hoffen, daß er noch rechtschaffen werden dürfe, weil er bei sich empfand, daß er es könne. Auf dem höchsten Gipfel seiner Verschlimmerung war er dem Guten näher, als er vielleicht vor seinem ersten Fehltritt gewesen war.

Um eben diese Zeit war der siebenjährige Krieg ausgebrochen und die Werbungen gingen stark. Der Unglückliche schöpfte Hoffnung von tesem Umstand uad schrieb einen Brief an

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