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Nr. 25.
Mitteldentsche Sountags⸗Zenung.
Seite 7.
seinen Landesherrn, den ich auszugsweise hier einrücke:
„Wenn Ihre fürstliche Huld sich nicht ekelt, bis zu mir herunterzusteigen, wenn Verbrecher meiner Art nicht außerhalb Ihrer Erbarmung liegen, so gönnen Sie mir Gehör durchlauchtigster Oberherr! Ich bin Mörder und Dieb, das Gesetz verdammt mich zum Tode, die Gerichte suchen mich auf— und ich biete mich an, mich freiwillig zu stellen. Aber ich bringe zugleich eine seltsame Bitte vor Ihren Thron. Ich ver⸗ abscheue mein Leben und fürchte den Tod nicht, aber schrecklich ist mirs zu sterben, ohne gelebt zu haben. Ich möchte leben, um einen Teil des Vergangenen gut zu machen; ich möchte leben, um den Staat zu versöhnen, den ich beleidigt habe. Meine Hinrichtung wird ein Beispiel sein für die Welt, aber kein Ersatz meiner Taten. Ich hasse das Laster und sehne mich feurig nach Rechtschaffenheit und Tugend. Ich habe Fähigkeiten gezeigt, meinem Vater⸗ lande furchtbar zu werben; ich hoffe, daß mir noch einige übrig geblieben sind, ihm zu nützen.
„Ich weiß, daß ich etwas Unerhörtes begehre. Mein Leben ist verwirkt, mir steht es nicht an, mit der Gerechtigkeit Unterhandlung zu pflegen. Aber ich erscheine nicht in Ketten und Banden vor Ihnen— noch bin ich frei— und meine Furcht hat den kleinsten Anteil an meiner Bitte.
„Es ist Gnade, um was ich flehe. Einen Anspruch auf Gerechtigkeit, wenn ich auch einen hätte, wage ich nicht mehr geltend zu machen. — Doch an etwas darf ich meinen Richter er⸗ innern. Die Zeitrechnung meiner Verbrechen fängt mit dem Urteilsspruch an, der mich auf immer um meine Ehre brachte. Wäre mir damals die Billigkeit minder versagt worden, so würde ich jetzt vielleicht keiner Gnade be⸗ dürfen. N
„Lassen Sie Gnade für Recht ergehen, mein Fürst! Wenn es in Ihrer fürstlichen Macht steht, das Gesetz für mich zu erbitten, so schenken Sie mir das Leben. Es soll Ihrem Dienste von nun an gewidmet sein. Wenn Sie es können, so lassen Sie mich Ihren gnädigsten Willen aus öffentlichen Blättern vernehmen, und ich werde mich auf Ihr fürstliches Wort in der Hauptstadt stellen. Haben Sie es anders mit mir beschlossen, so tue denn die Gerechtigkeit dann das ihrige, ich muß das Meinige tun.“
Diese Bittschrift blieb ohne Antwort, wie auch eine zweite und dritte, worin der Suppli⸗ kant um eine Reiterstelle im Dienste des Fürsten bat. Seine Hoffnung zu einem Pardon erlosch gänzlich, er faßte also den Entschluß, aus dem Lande zu fliehen und im Dienste des Königs von Preußen als ein braver Soldat zu sterben.
Er entwischte glücklich seiner Bande und trat diese Reise an. Der Weg führte ihn durch eine kleine Landstadt, wo er übernachten wollte. Kurze Zeit vorher waren durch das ganze Land geschärftere Mandate zu strenger Unter⸗ suchung der Reisenden ergangen, weil der Landesherr, ein Reichsfürst, im Kriege Partei genommen hatte. Einen solchen Befehl hatte auch der Torschreiber dieses Städtchens, der auf einer Bank vor dem Schlage saß, als der Sonnenwirt geritten kam. Der Aufzug dieses Mannes hatte etwas Possierliches, und zugleich etwas Schreckliches und Wildes. Der hagere Klepper, den er ritt, und die burleske Wahl. seiner Kleidungsstücke, wobei wahrscheinlich weniger sein Geschmack, als die Chronologie seiner Entwendungen zu Rat gezogen war, kon⸗ trastierte seltsam genug mit einem Gesicht, worauf so viele wütende Affekte, gleich den verstümmelten Leichen auf einem Wahlplatz verbreitet lagen. Der Torschreiber stutzte beim Anblick dieses seltsamen Wanderers. Er war am Schlagbaum grau geworden, und eine vierzigjährige Amts⸗ führung hatte in ihm einen unfehlbaren Phy⸗ stognon'en aller Landstreicher erzogen. Der Falkenblick dieses Spürers verfehlte auch hier seinen Mann nicht. Er sperrte sogleich das Stadttor und forderte dem Reiter den Paß ab, indem er sich seines Zügels versicherte. Wolf war auf alle Fälle dieser Art vorbereitet und führte auch wirklich einen Paß bei sich, den er unlängst von einem geplünderten Kaufmann erbeutet hatte. Aber dieses einzelne Zeugnis
war nicht genug, eine vierzigjahrige Observanz umzustoßen und das Orakel am Schlagbaum zu einem Widerruf zu bewegen. Der Tor⸗ schreiber glaubte seinen Augen mehr, als diesem Papiere, und Wolf war genötigt, ihm nach dem Amtshause zu folgen.
Der Oberamtmann des Ortes untersuchte den Paß und erklärte ihn für richtig. Er war ein starker Anbeter der Neuigkeit und liebte besonders, bei einer Bouteille über die Zeitung zu plaudern. Der Paß sagte ihm, daß der Besitzer geradeswegs aus den feindlichen Ländern käme, wo der Schauplatz des Krieges war. Er hoffte Privatnachrichten aus dem Fremden herauszulocken und schickte einen Sekretär mit dem Paß zurück, ihn auf eine Flasche Wein einzuladen.
Unterdessen hält der Sonnenwirt vor dem Amthaus; das lächerliche Schauspiel hat den Janhagel des Städtchens schaarenweise um ihn her versammelt. Man murmelte sich in die Ohren, deutete wechselweise auf das Roß und den Reiter; der Mutwille des Pöbels steigt endlich bis zu einem lauten Tumult. Un⸗ glücklicherweise war das Pferd, worauf jetzt alles mit Fingern wies, ein geraubtes; er bil⸗ dete sich ein, das Pferd sei in Steckbriefen be⸗ schrieben und erkannt. Die unerwartete Gast⸗ freundlichkeit des Oberamtmanns vollendet seinen Verdacht. Jetzt hält ers für ausgemacht, daß
die Betrügerei seines Passes verraten, und diese
Einladung nur die Schlinge sei, ihn lebendig und ohne Widersetzung zu fangen. Böses Ge⸗ wissen macht ihn zum Dummkopf, er gibt seinem Pferde die Sporen und rennt davon, ohne Ant⸗ wort zu geben.
Diese plötzliche Flucht ist die Losung zum Aufstand.
„Ein Spitzbube!“ ruft Alles, und Alles stürzt hinter ihm her. Dem Reiter gilt es um Leben und Tod, er hat schon den Vorsprung, seine Verfolger keuchen atemlos nach, er ist seiner Rettung nahe— aber eine schwere Hand drückt unsichtbar gegen ihn, die Uhr seines Schicksals ist abgelaufen die unerbittliche Nemests hält ihren Schuldner an. Die Gasse, der er sich anvertraute, endigt in einem Sack, er muß rückwärts gegen seine Verfolger umwenden.
Der Lärm dieser Begebenheit hat unterdessen das ganze Städchen in Aufruhr gebracht, Haufen sammeln sich zu Haufen, alle Gassen sind ge⸗ sperrt, ein Heer von Feinden kömmt im An⸗ marsch gegen ihn her. Er zeigt eine Pistole, das Volk weicht, er will sich mit Macht einen Weg durchs Gedränge bahnen.„Dieser Schuß“, ruft er,„soll dem Tollkühnen, der mich halten will“— Die Furcht gebietet eine allgemeine Pause— ein beherzter Schlossergeselle endlich fällt ihm von hinten her in den Arm und faßt den Finger, womit der Rasende eben losdrücken will, und drückt ihn aus dem Gelenke. Die Pistole fällt, der wehrlose Mann wird vom Pferde herabgerissen und im Triumphe nach dem Amtshause zurück geschleppt.
„Wer seid ihr?“ frägt der Richter mit ziemlich brutalem Ton.
„Ein Mann, der entschlossen ist, auf keine Frage zu antworten, bis man sie höflicher ein⸗ richtet“.
„Wer sind Sie?“
„Für was ich mich ausgab. Ich habe ganz Deutschland durchreist und die Unverschämtheit nirgends, als hier, zu Hause gefunden.“
„Ihre schnelle Flucht macht sie sehr ver⸗ dächtig. Warum flohen Sie?“
„Weil ichs müde war, der Spott Ihres Pöbels zu sein.“
„Sie drohten, Feuer zu geben.“
„Meine Pistole war nicht geladen.“ Man untersuchte das Gewehr, es war keine Kugel darin.
„Warum führen Sie heimliche Waffen bei sich?“
„Weil ich Sachen von Wert bei mir trage, und weil man mich vor einem gewissen Sonnen⸗ wirt gewarnt hat, der in diesen Gegenden streifen soll.“
„Ihre Antworten beweisen sehr viel für Ihre Dreistigkeit, aber nichts für Ihre gute Sache. Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen, ob Sie mir die Wahrheit eutoecken wollen.“
„Ich werde bet meiner Aussage bleiben.“
„Man führe ihn nach dem Turm!“
„Nach dem Turm?— Herr Oberamtmann, ich hoffe, es gibt noch Gerechtigkeit in diesem Lande. Ich werde Genugtuung fordern.“
„Ich werde sie Ihnen geben, sobald Sie gerechtfertigt sind.“
Den Morgen darauf überlegte der Oberamt⸗ mann, der Fremde möchte doch wohl unschuldig sein; die befehlshaberische Sprache würde nichts über seinen Starrsinn vermögen, es wäre viel⸗ leicht besser getan, ihm unt Anstand und Mäßigung zu begegnen. Er versammelte die Geschworenen des Orts und ließ den Gefangenen vorführen.
„Verzeihen Sie es der ersten Aufwallung, mein Herr, wenn ich Sie gestern etwas hart anließ.“
„Sehr gern, wenn Sie mich so fassen.“
„Unsere Gesetze sind strenge, und ihre Be⸗ gebenheit machte Lärm. Ich kann Sie nicht frei geben, ohne meine Pflicht zu verletzen. Der Schein ist gegen Sie. Ich wünschte, Sie sagten mir etwas, wodurch er widerlegt werden könnte.“
„Wenn ich nun nichts wüßte?“
„So muß ich den Vorfall an die Regierung berichten, und Sie bleiben so lang in fester Verwahrung.“
„Und dann?“
„Dann laufen Sie Gefahr, als ein Land⸗ streicher über die Grenze gepeitscht zu werden, oder, wenns gnädig geht, unter die Werber zu fallen.“
Er schwieg einige Minuten und schien einen heftigen Kampf zu kämpfen; dann drehte er sich rasch zu dem Richter.
„Kann ich auf eine Viertelstunde mit Ihnen allein sein?“
Die Geschworenen sahen sich zweideutig an,
entfernten sich aber auf einen gebietenden Wink
ihres Herrn.
„Nun was verlangen Sie?“
„Ihr gestriges Betragen, Herr Oberamts⸗ mann, hätte mich nimmermehr zu einem Ge⸗ ständnis gebracht, denn ich trotze der Gewalt. Die Bescheidenheit, womit sie mich heute be⸗ handeln, hat mir Vertrauen und Achtung gegen Ste gegeben. Ich glaube, daß Sie ein edler Mann sind.“
„Was haben Sie mir zu sagen?“
„Ich sehe, daß Sie ein edler Mann sind. Ich habe mir längst einen Mann gewünscht, wie Sie. Erlauben Sie mir Ihre rechte Hand.“
„Wo will das hinaus?“
„Dieser Kopf ist grau und ehrwürdig. Sie sind lang in der Welt gewesen— haben der Leiden wohl viele gehabt— nicht wahr? und sind menschlicher worden?“
„Mein Herr— Wozu soll das?“
„Sie stehen noch einen Schritt von der Ewigkeit, bald— bald brauchen sie Barm⸗ herzigkeit bei Gott. Sie werden ste Menschen nicht versagen—— Ahnen ste nichts? Mit wem glauben Sie, daß Sie reden?“
„Was ist das?— Sie erschrecken mich.“
„Ahnen Sie noch nicht— Schreiben Sie es Ihrem Fürsten, wie Sie mich fanden, und daß ich selbst aus freier Wahl mein Verräter war— daß ihm Gott einmal gnädig sein werde, wie er jetzt mir es sein wird— Bitten Sie für mich, alter Mann, und lassen Sie dann auf Ihren Bericht eine Träne fallen: ich bin der Sonnenwirt.“
Humorislisches
Gebet der russischen Untertanen.„Gott erhalte den General Trepow, den Großfürsten Sergius hat er bereits erhalten.“
Die Erbtante. Eben ist die Trauung vollzogen. Das neuvermählte Paar fällt sich in die Arme. Die junge Gattin flüstert dem Ehemann glückstrahlend zu: „Mein lieber Otto, nun bin ich ganz Dein! Dein Glück ist mein Glück, Dein Schmerz mein Schmerz und—“ „Deine Tante meine Tante!“ fügt der zärtliche Ehe⸗ mann hinzu.
Kalajew). „Mörder!“ sagen die Zarenknechte; „Held!“ die Freien des Westens; „Heiliger!“ die Kämpfer der russischen Revolutiou. („Südd. Postill.“) ) Der den Großfürsten Serglus tötete.
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