Ausgabe 
18.6.1905
 
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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 25.

Seite 4. Hionären Vorgänge in Rußland zu scharfen Auseinandersetzungen. David legt dar, daß

die Gefahr der ausländischen Konkurrenz nicht so sehr durch den Besuch ausländischer Stu⸗ denten an deutschen Hochschulen, als vielmehr durch die unglückselige deutsche Schulpolitik gefördert werde. Herr Hirschel erwähnt den Fall der russischen Studentin Berson und will damit die angebliche Unmoral der russischen Studenten beweisen. Ulrich warnt Herrn Hirschel, derartige Dinge zu verallgemeinern, sonst würde er ähnliche Gepflogenheiten anderer Leute, sogar gewisser hessischer Volks vertreter zur Sprache bringen. Damit endete die Debatte, in welcher wieder einmal der ganze bürgerliche Mischmasch gegen die Sozialdemo⸗ kratie zu Felde zog. Die Vorlage wurde an⸗ genommen.

Am Donnerstag wird nach Erledigung kleinerer Vorlagen in die Beratung der Ge⸗ meindesteuerreform eingetreten. Staats⸗ minister Rothe empfiehlt die Vorlage, welche das Gemeindesteuerwesen in ein einfaches und gerechtes System bringe. Ulrich betont in längeren Ausführungen, daß der Entwurf die Minderbemittelten gegenüber den Kapitalkräf⸗ tigen un verhältnismäßig stark belastet. Immerhin bedeute der Entwurf einen Fortschritt gegen den bisherigen Zustand.

Was der Staat für die Volks- schule tut. Wie neuerdings festgestellt wurde, verausgabt der hessische Staat pro Jahr für

inen Volksschüler.. 13,25 Mk. Gymnasiasten. 86,00 Hochschultechniker.. 145,00 Gietzener Studenten 854,00 Aehnlich liegt das Verhältnis auch in den andern deutschen Staaten. Für die Ausbildung der Söhnchen der Reichen wird aus Staats⸗ mitteln das 10 bis 50 fache dessen aufgewendet, was ihm das Proletarierkind kostet.

Gießener Angelegenheiten.

Bessere Wohnungen! Die Gesell⸗ schaft für Bodenreform, Ortsgruppe Gießen, nimmt in nächster Zeit eine Wohnungsauf⸗ nahme vor. Es soll statistisches Material über die Preisverhältnisse der Mietswohnungen in Gießen beschafft werden und bitten wir unsere Parteifreunde, die zur Aufnahme er⸗ scheinenden Herren durch bereitwillig e Auskunft unterstützen zu wollen. Niemand braucht zu befürchten, daß irgend welcher Mißbrauch mit den Aufnahmen getrieben wird, es handelt sich lediglich um Beschaffung von Material um auch in Gießen energisch an die Schaffung besserer Wohnräume gehen zu können.

Wirtschaftspolitische Weis⸗ heiten merkwürdiger Art verzapft Hirschels Antisemitenblättchen. Es gibt als Antwort auf unsere Notiz in der vorletzten Nummer, wo wir seinen Kohl über den Schneiderstreik fest⸗ nagelten folgendes von sich:

Der größte Teil der Gießener Schneider⸗ meister hat sich durch Fleiß und Sparsamkeit emporgearbeitet aus geringen Verhältnissen und es mag sich jetzt mancher Gehilfe an die Brust klopfen und sich sagen, du hättest es bei einigem gutem Willen gerade so weit bringen können, das heißt, wenn sie sich auf sich selbst verlassen hätten, aber auf sich selbst kann sich kein Sozial⸗ demokrat verlassen, da soll immer einer dem andern helfen, da verläßt man sich auf die Ge⸗ meinde und die Kassen. Die ganze Sozial⸗ demokratie lebt bloß auf Kosten der andern Stände. Wenn die andern Stände nicht sorgen für Arbeit und Absatz im Ausland, dann hätlen die Sozzen nichts zu reißen und zu beißen. In dem Augenblick, wo einmal die Sozzen aus sich selbst heraus ohne bürgerliche Beihülfe etwas zu Wege bringen sollen, kracht ihr ganzes Schwindelgebäude zusammen. Bis jetzt schneiden sie nur aus anderer Leute Leder die Riemen. Wenn morgen nur einmal auf 8 Tage die Gießener Fabriken die Bude zumachen, wird's den betörten Arbeitern der Umgegend klar werden, wenn ste überhaupt sich wollten belehren lassen, wie sie von den sozialdemokratischen Propheten genas⸗ führt werden.

gesellen: hättet ihr nicht sovielBlaue gemacht, dann wäret ihr auch soweit, wle die Herren Leib, Stamm und andere! Jeder von euch könnte jetzt ein gutes Geschäft haben und sich vor die Ladentür stellen, wer dann die Arbeit machte, brauchte euch ja nicht zu kümmern. Wir raten ernstlich, von der Gemeinde die Mittel zur Gründung einer Produktivgenossen⸗ schaft zu fordern und eine solche baldigst zu eröffnen, dann werden die Schneider hoffentlich vor den antisemitischen Agrartern, die so gut durch Wucherzölle für Arbeit und Absatz im Ausland sorgen, Gnade finden. Weniger werden allerdings die Gießener Fabrikanten den anti⸗ semitischen Ratschlägen folgen. Ste dürften sich schwerlich dazu verstehen, ihre Buden zu schließen und ste wissen auch warum. Im übrigen sollte Herr Hirschel dafür sorgen, daß sein Blättchen nicht gar so polizeiwidrig dummes Zeug zum Besten gibt, sonst entzieht ihm schließ⸗ lich selbst der Junkerbund die Unterstützung und dannkracht sein ganzes Schwindelgebäude zu⸗ sammen! i

ZumFall Schäde! wird berichtet, daß die so laut angekündigte Disziplinarunter⸗ suchung gegen Professor Noack für diesen recht glimpflich abgelaufen ist. Er wurde lediglich mit einem Verweise bestraft und zwar wegen seiner Beschwerde über die Art der Darlegungen des Regierungsvertreters in der Zweiten Kammer. Also war Davids Vorgehen, über das sich die Amtstanten und die bürgerlichen Landboten so entrüsteten, wohl begründet und berechtigt.

Milchpantscheret. Verschiedenen biederen Landleuten wurde neulich die Milch konfisziert, weil ste ste zu sehr verlängert hatten. Wir wünschen diesen Braven, die den Leuten Wasser statt Milch für gutes Geld verkauften, ganz exemplarische Strafen.

Eine Tabakarbeiter⸗Versamm⸗ lung findet diesen Sonntag, den 18. Junt, nachmittags 2 Uhr, im LokaleZum Wiener Hof statt. Hermann⸗ Wiesbaden wird über die Frage sprechen:Wie wehren sich die Ar⸗ beiter in der Tabakindustrie gegen die wiederum drohenden Zollerhöhungen auf Tabak und die dadurch bedingte weitere Herabsetzung ihrer Löhne? Alle Tabakarbeiter und Arbeiterinnen Gießens und Umgebung sind zu dieser Ver⸗ sammlung eingeladen.

Zigarettenraucher sollten keine Dresdener Zigaretten kaufen, weil die dortigen Fabriken die Ar⸗ beiterinnen, die dem Tabakarbeiter⸗Verbande angehören, ausgesperrt haben.

Der Arbeiter-Turnerbund, die Organi⸗ sation der freien Turner Deutschlands und Oesterreichs, veröffentlicht eben seinen Jahresbericht für 1904, das 12. Geschäftsjahr des Bundes. Die Vereine haben danach mit vielen Widerwärtigkeiten zu kämpfen, z. B. Abtreiben der Turnlokale und Turnhallen, Verbot des Mitturnens der Lehrlinge und Schüler, Maßregelungen der Mitglieder usw. Trotzdem hat sich der Bund, be⸗ sonders seit dem 1903 in Kassel stattgefundenen Turn⸗ tag, gut entwickelt; der Bund hat damals einen Ge⸗ schästsführer mit dem Sitz in Leipzig angestellt. Dort wird auch die im 13. Jahrgange erscheinende Arbeiter⸗ Turnerzeitung gedruckt, deren Auflage jetzt 41,000 beträgt. Der Bund umfaßt in 14 Kreisen und dem Bezirk Pommern insgesamt 828 Vereine mit 65,673 Mitgliedern und Zöglingen und 5760 Schülern. Gegen das Vorjahr ein Mehr von 91 Vereinen, 8620 Mit⸗ gliedern und Zöglingen und 1130 Schülern. Im Interesse einer wirklich freien Turnbewegung ist nur zu wünschen, daß die Arbeiter sich möglichst zahlreich den Arbeiter⸗Turnvereinen anschließen. In Gießen ist das dieFreie Turnerschaft.

Aus dem Nreise gießen.

Das Kreisfest soll unsern Partei⸗ freunden in der weiteren Umgebung die Ge⸗ legenheit bieten zusammenzukommen und ein paar fröhliche Stunden mit einander zu ver⸗ leben. Es findet, wie bekannt, nächsten Sonn⸗ tag in dem schön gelegenen Staufenberg statt und die Parteigenossen allerorts wollen für recht zahlreiche Beteiligung sorgen. Die ae wird voraussichtlich Gen. Dr. David alten.

Gefangene zu Streikbrecher⸗ arbeit kommmandiert! Die beim Umbau des Elektrizitätswerks in Butzbach beschäftigten Maurer, etwa 15 Mann, legten am Samstag

wegen Lohndifferenzen die Arbeit nieder. Am

Na, seht ihr nun, ihr lüderlichen Schneider⸗

Mittwoch machte man die überraschende Wahr⸗ nehmung, daß an Stelle der Streikenden ebensoviele Gefangene der Butzbacher Strafanstalt arbeiteten. Wie uns zuverlässig mitgeteilt wird, will das Zellengefängnis sso lange Gefangene zur Verfügung stellen, als die Maurer sich im Ausstand befinden. Das sind ja wieder mal neue Praktiken zum Schutze der Kapitalisten! Die Maurer sollten sich sofort beim Ministerium beschweren.

2 Der Volksverein in Alten⸗Buseck weihte am Himmelfahrtstage unter zahlreicher Beteiligung seine neue Fahne ein. Der geräumige Garten der Wirtschaft Becker war überfüllt. Durch mehrere schöne Liedervor⸗ träge sorgte der GesangvereinGermania fur die nötige Stimmung; ihm sei an dieser Stelle nochmals herzlich Dank gesagt. Auch von Auswärts waren zahlreiche Freunde erschienen, die an unserm Feste herzlichen An⸗ teil nahmen und es wohl alle befriedigt verließen. Die neue Fahne entspricht durchaus den Ansprüchen, die man in der Preislage stellen kann und wir können der Firma Schulze in Gießen unsere vollste Zufrieden⸗ heit aussprechen.

Aus dem Nereise Iriedberg⸗Büdingen.

* Aus einer ländlichen Gemeinde verwal⸗ tung. Am Donnerstag und Samstag voriger Woche wurde vor dem Schöffengerichte in Bad Nauheim ein Prozeß verhandelt. der viel des Interessanten bot und vor allem zeigte, wie es in manchen Landorten mit der Gemeindeverwaltung bestellt ist. Wegen Beleidigung des Polizeidieners und Flurschützen Fink in Rödgen

bei Nauheim hatten sich der Redakteur Vetter s⸗Gießen,

Weißbinder Stock, Schuhmacher Kluge und Frau Hensel aus Rödgen zu verantworten. Gegen die Angeklagten wurde bereits im Juli vorigen Jahres ver⸗ handelt, die Sache wurde damals aber ausgesetzt, weil auf Antrag der Verteidigung gegen den Polizeidiener Fink Untersuchung wegen Meineids eingeleitet wurde, weil er als Zeuge in der vorjährigen Verhandlung unter Eid Aussagen gemacht hatte, die als wissentlich unwahr erschienen. Vom Landgericht Gießen wurde je⸗ doch die Erhebung der Anklage abgelehnt. Ausgangs⸗ punkt der gegen die Genannten erhobenen Anklage bildete eine am 13. März v. Is. in Rödgen stattgefundene Versammlung, in welcher von verschiedenen Rednern behauptet wurde, daß sich Fink wiederholt an fremden Eigentum vergriffen habe, und in einer Resolution wurde das Kreisamt aufgefordert, daß es gegen Fink einschreiten solle. Ein kurzer Bericht über diese Versammlung er⸗ schien in derMitteld. Sonntags⸗Ztg., worauf gegen deu Redakteur und später gegen die drei Rödgener Ein⸗ wohner, die als Zeugen Wesentliches hätten bekunden können, Anklage erhoben wurde. Mehr als zwei Dutzend Zeugen kamen zur Vernehmung. Mehrere bekunden, daß die Gemeindeverwaltung in Rödgen sehr im Argen liege. Der Bürgermeister, ein 70 jähriger Greis, kann seinem Posten nicht gerecht werden, die Protokollierung der Gemeinderatsbeschlüsse ist mangelhaft, kurz, es fehlt in der Verwaltung an allen Ecken. Unter solchen Um⸗ ständen fühlt sich der Polizeidiener als wirklicher Dorf⸗ regent, niemand weist ihn in die Grenzen seiner Befug⸗ nisse, er vertraut auf den Schutz von oben. Andere

Zeugen bezeichneten Fink als tüchtigen Beamten.

Herr Staatsanwalt Dr. Hetz el⸗Gießen, als Vertreter der Anklage, stellte Fink als ein wahres Muster eines Beamten und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als Ausfluß der Gehässigkeit und Rachsucht hin. Er wandte sogar ein Zitat aus Wallenstein auf ihn an:Von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte! Schließlich beantragte er gegen Kluge und Stock je 3 Monate, gegen Frau Hensel 6 Wochen Gefängnis. In Bezug auf Vetters sei nach dem Preßgesetz Verjährung eingetreten, hier beantrage er Freisprechung. Nach einer ausgezeich⸗ neten Verteidigungsrede des Herrn Rechtsanwalts Kauf⸗ mann⸗Gießen, der Freisprechung für alle Angeklagten beantragt, setzt das Gericht die Urteilsverkündigung auf den 17. Juni fest.

Aus dem Rreise Alsfesd-Cauterbach.

dt. Ju Alsfeld beginnen die Gewerkschaften in der letzten Zeit endlich etwas mehr Fuß zu fassen. Das ist auch sehr notwendig, denn die Arbeitsverhältnisse lassen hier außerordentlich viel zu wünschen übrig. Niedrige Löhne in allen Berufszweigen bei sehr langer Arbeitszeit. Natürlich sind diese Zustände durch die Alsfelder Arbeiter mitverschuldet, weil sie selten oder nie Versuche zur Besserung gemacht haben. Erft jetzt wendet man der gewerkschaftlichen Organisation mehr Aufmerksamkeit zu und diese zeigt auch eine ganz leidliche Entwickelung. Die Zahlstelle der Holzarbeiter z. B. zählt jetzt über 40 Mitglieder. In der Versammlung am 28. Mai, in welcher Fromann⸗-⸗Höchst sprach, traten wieder eine Anzahl Kollegen dem Verbande bei. Diese Versammlung war übrigens erfreulich stark besucht und die Ausführungen des genannten Redners, der

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