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Seite 2.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 29.
arteten Menschenrasse“, gegenüber hören selbst alle nationalen Rücksichten auf..
Der zweite Beifallsgrund, den die Darm⸗ städterin für Bülow hat, ist der, daß er eine Kontrollierung der Diplomatie durch die Sozial⸗ demokratie mit seinem Verbot ein für alle Male abzulehnen sich entschlossen zeigt. Natürlich! was braucht auch die weise Diplomatie der Kontrolle! Vor Allem diejenige Partei hat doch kein Recht, in der auswärtigen Politik mitzusprechen, deren Urteile sich durch eine un⸗ angenehme Selbständigkeit auszuzeichnen pflegen. Daß zu dieser Partei der größte Bruchteil gerade des schaffenden deutschen Volkes gehört, ist für diese Politiker ganz nebensächlich.
Als drittes wird dann in phllisterhafter Selbstgenügsamkeit betont, die Regierung brauche nicht zuzulassen, daß fremdländische Sozial⸗ demokraten bei uns für die deutsche Sozial- demokratie„Reklame machen“, denn das „sollte ja doch der eigentliche Zweck der Uebung fein“. Allerdings sollte die Versammlung so gut wie jede andere auch wieder neue Anhänger für unsere Ideale zu gewinnen suchen, sollte die Herzen einmal wieder erwärmen für Ziele, die über den engen Alltagsgesichtskreis konser⸗ vativen Spießbürgertums weit hinaus liegen, sollte Gedanken aussprechen, die über die ängstlich behüteten und immer wieder künstlich verschärften Grenzen der Nationen hinüber den Menschen mit dem Menschen verbinden. Die trivialen Ausdrücke, die die Darmstädterin dafür gebraucht, zeigen eben nur ihre eigene Boshaftigkeit und Verständnislosigkeit uns gegenüber.
Da sind fast die Gründe besser, die Fürst Bülow in seinem Erlaß an den deutschen Botschafter in Paris angibt. Wenn er darin auch unserm Genossen Jaurès die Tür vor der Nase zuriegelt und auf diese billige Weise das herbeiführt, was die Darmstädterin so schief als„Fiasko“ bezeichnet, so erkennt er doch andererseits die hohe geistige Bedeutung des französischen Sozialistenführers an, und daß er überhaupt ihn einer feierlichen offiziellen Note würdigt, zeigt ebenfalls, wie sehr er ihn als Macht zu respektieren genötigt ist. Diese Anerkennung des französischen Sozialismus geschieht freilich auf Kosten des deutschen, auf den einige plumpe Steinwürfe in der Note abzielen. Die deutsche Sozialdemokratie heißt es da, sei zu„rückständig“ und„staats⸗ feindlich“ gegenüber der praktischeren und patriotischeren Richtung, die Jaures in Frank⸗ reich vertrete. Sollte nun nicht eigentlich Fürst Bülow, wenn er auch nur einigermaßen er⸗ zieherisches Talent besäße— was freilich von einem liebenswürdigen Diplomaten, der sich mit Augenblickserfolgen zu begnügen pflegt, durchaus nicht erforderlich scheint— sollte er nun nicht eigentlich erst recht den Vertreter einer von ihm so anerkannten Richtung zu uns sprechen lassen, um durch das gute Beispiel auf unsere„Rückständigkeit“ zu wirken? Oder glaubt der Fürst, das seine Abweisung Jaures' und der Steinwurf gegen uns die von ihm l freundlichere Stimmung rascher er⸗ zie
Aber nun zum Hauptpunkt, zu unserer Rückständigkeit und Staatsfeindlich⸗ keit! Wenn zwei sich feind sind, muß immer die Schuld da nur auf der einen Seite liegen? Daß wir dem Staate, den Herr von Bülow vertritt, feindlich gegenüber stehen, das können wir nicht leugnen. Ob aber die französischen Sozialisten in unsern Verhältnissen auch „patriotischer“ wären? Man vergleiche doch einmal mit unserer klerikalen Schulkompromiß⸗ politik, zu der Herr von Bülow in Frankreichs schwärzesten Blättern gratuliert bekommt, die große Bewegung in Frankreich, die kühn ent⸗ schlossen den längst notwendigen Schnitt zwischen Staat und Kirche endlich auszuführen wagte, die ihn nur deshalb ausführen konnte, weil sie dem modernen Geist des Sozialismus einen viel kräftigeren und gerechteren Einfluß gönnt, als bei uns zu Lande denkbar wäre! Dazu der große Gegensatz zwischen Republik und Monarchie! Jeder Staat hat die Par⸗ teien, die er verdient. Und Rußland hut deshalb die blutige Revolution. Will Herr von Bülow etwa auch dort die Schuld
der von ihm sogenannten„Rückständigteit“ nur bei den russischen Sozial isten suchen? Wir erinnern an ein altes Geschichtchen von dem Mann, der einen Balken im Auge hatte! Die Reichskanzlernote wird vor Allem der Spieß⸗ bürger im„unabhängigen Amtsblatt“ mit wonnigem Behagen und mit erleichtertem Ge⸗ wissen lesen, und konstatieren, daß nicht er
und sein Freund Bülow, sondern die böse
Sozialdemokratie an„Rückständigkeit“ leiden. Befriedigt und ungestört bleibt er in satter Bequemlichkeit sitzen und überläßt es erst Ge⸗ schlechtern, die lange nach ihm kommen, die eigentliche kulturgeschichtliche Bedeutung seiner 15 und unsrer Bewegung aus Büchern zu ernen. ö
In ganz ähnlichen Gedankengängen bewegt sich die würdevolle Antwort Jaures' in seiner Zeitung„Humanité“(Menschlichkeit): Die Note des Reichskanzlers beweise die immer größer werdende nationale und internationale Bedeu⸗ tung des Sozialismus. Durch alle Höflichkeit der Form hindurch fühle man die innere Be⸗ unruhigung gegenüber dem Sozialismus grade bei derfenigen Regierung, die sich so stark glaubt. Alles Hin⸗ und Herschwanken in Berlin endigte schließlich im reaktionären Anarchismus(wir könnten etwa„rückständige Willkür“ über⸗ setzen). In Deutschland dehne sich ebenso wie jn Frankreich der Instinkt der reaktionären Parkeien gegen die internationale Sozialdemo⸗ kratie aus(der staatserhaltende Ordnungs⸗ parteienbreil). Unsrer Bewegung könne diese Erscheinung nur neue Anhänger gewinnen.
„Der deutsche Reichskanzler verschließt mir die deutschen Volksversammlungen, nicht weil ich ein Bürger Frankreichs, sondern weil ich ein Kampfgenosse der deutschen Sozialdemokratie bin, und deshalb kann dieser Zwischenfall das Werk des Friedens nicht stören, das sich zwischen beiden Ländern vollzieht und an dem die Soztalisten mitarbeiten trotz aller „tückstüändigen“ Plactexeie n. Der internationale Sozialismus kennt keinen kindi⸗ schen Aerger, er ist seines Werkes und seiner Zukunft sicher!“
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Badische Nachäffer Bülows.
Ein internationales Fest der Sozial⸗ demokratie fand am Sonntag in Konstanz am Bodensee statt. Diese Zusammenkunft ge⸗ staltete sich zu einer wahren Massenkundgebung. Zehntausende von Besuchern aus Baden, Bayern und Württemberg, aus der Schweiz und Vorarlberg, auch viele Russen bewegten sich in den festlich geschmückten Straßen. Die Behörden hatten durch ein großes Gen⸗ darmerieaufgebot und dadurch, daß sie das Militär in der Kaserne konsigniert hielten, sowie endlich dadurch, daß jeder Soldat zwanzig scharfe Patronen aus⸗ faßte, ihrer Angst beredten Ausdruck gegeben. Morgens um 5 Uhr erschien die Polizei beim Obmann Genossen Krohn mit einem Erlaß des Bezirksamtes, daß das badische Mini⸗ stertum allen ausländischen Sozial⸗ demokraten zu sprechen verbiete. Be⸗ gründet wurde diese Blamage mit der„Gefahr der Erörterung der ausländischen Politik der deutschen Regierung“. Der Bezirksamtsvorsteher forderte die schriftliche Verpflichtung der Ausländer, das Verbot achten zu wollen. Natürlich lehnten die ausländischen Genossen diese Zumutung ab, worauf ihnen der Beamte unbedingt das Sprechen verbot. Mittags fand ein Festzug statt, dann hielt Bebel die Festrede, in der er auch mit der badischen Regierung scharf abrechuete und das Verbot als eine Lächerlichkeit brandmarkte, die aber zugleich jeden empören müsse. Es scheine ihm, daß das badische Ministerium auf Bülow's Lorbeeren neidisch geworden sei wegen des Rede⸗ Verbots für Jaurss. Jaurées Handlungsweise war so edel, vernünftig und menschlich geartet, wie sie nur sein kann. Sie war doppelt edel von dem Vertreter einer Nation, die dem Ver⸗ halten Deutschlands gegenüber oft Klage zu führen Anlaß hatte. Man hätte diesem Manne
nicht nur die Tore, sondern auch die Arme
n K. Whr.
öffnen sollen, der als Vertreter Frankreichs kommt, um Frieden und Eintracht zu stiften. Der Erlaß Bülow's zeigt so recht, was seine humanitäre Gesinnung für eine Bedeutung hat. Bebels Rede war mit stürmischen Kundgebungen der Menschenmenge begleitet und schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie. Jetzt erschallten brausende Rufe: Auf nach der Schweiz! Das Wort wurde zur Tat, in endlosem Zuge, der Tausende von Teilnehmern zählte, ging's über die Schweizer Grenze, wo Greulich, Dr. Adler⸗Wien, sowie der Italiener Todeschini in scharfer Rede den Poltzeigeist der deutschen Regierung und die preußische Spitzel wirtschaft in der Schweiz kritisierten. Dann erfolgte der Rückmarsch nach Baden. Nach der Rückkehr nach Konstanz wollte Bebel abermals zu den Versammelten sprechen, doch wurde dies ver⸗ boten,„da eine neue Versammlung nicht an⸗ gemeldet war“. Die Versammelten zerstreuten sich hierauf ohne weiteren Zwischenfall.
Der badische Polizeiminister arbeitet nach den Heften des Blamage⸗Bülow, vielleicht hat auch er das Gefühl, daß die deutsche auswärtige Politik unter aller Kritik ist. Wie lächerlich sich diese siebengescheiten Herren mit ihren Poltzeikunststücken vor dem ganzen Auslande machen, begreifen sie offenbar nicht. Desto besser wird es das Volk begreifen!
Nationale Charakterlosigkeit.
General Trotha, der Führer der deutschen Truppen in Südwestafrika, soll Prä⸗ mien af die Köpfe finde; Anführer gesetzt haben. Der„Vorwärts“ kritisterte dies Verfahren als nicht ritterlich. Daraufhin wirft ihm die Darmstädter Zeitung den Vorwurf der„nationalen Charakterlosigkeit“ an den Kopf. Ihr sind die Hottentottenführer natürlich gar nichts anderes, als„Mörder und Mordbrenner“. Daß sie gegen den fremden Eindringling für ihr Land, ihr Leben, ihre Freiheit kämpfen, ein Gesichtspunkt, der selbst von den Misstonaren Deutsch⸗Südwestafrikas energisch betont worden ist, daß die Praktiken der deutschen Händler und der deutschen Ver⸗ waltung dem Ideal der Humanität und Ge⸗ rechtigkeit vielleicht auch nicht in allen Punkten entsprochen haben, daß man auch in einem Streitfall sich selbst und nicht bloß immer den Gegner zu kritisteren braucht, das sind Ideen⸗ gebiete, in denen die gute Darmstädterin recht wenig zu Hause ist.„Man sollte meinen,“ schreibt ste, die„Erhaltung so vieler Menschen namentlich unsrer Landsleute, sei mehr wert, als das weniger Mörder und Mordbrenner.“ Welch' rührend naives Bekenntnis zu der sonst so pathetisch bekämpften„Jesuitenmoral“, daß, der Zweck die Mittel heiligt. Wenn man übrigens so ängstlich mit Menschenleben ist, weshalb hat man sie denn da überhaupt erst auf's Spiel gesetzt? Das lag doch immerhin von Anfang an im Bereich der Möglichkeit, daß sich die Hereros und Hottentotten ihren besten Besitz nicht ganz gutwillig würden nehmen lassen. Und dann— wie viel Menschenleben und Menschenglück ließe sich auf dem Wege einer etwas energischeren vor der Macht des Mammons weniger ängstlichen sozialen Gesetz⸗ gebung, oder durch Kampf gegen die Lebens⸗ mittelberteuerung im heimischen deutschen Lande selbst bewahren? Wo steht denn da die Darm- städter Zeitung?
Der„Vorwärts“ schrieb:„Der ritterliche Soldat soll auch einen gewandten Feind mit den Waffen zu bestegen und nicht durch An⸗ werben von Verrätern und Mördern im eignen Lager unschädlich zu machen suchen“. Ist da⸗ mit etwa ein Urteil über alle einzelnen Mit⸗ glieder der kämpfenden Truppen ausgesprochen? Ist es nicht eine„Verdrehung der Tatsachen“, eine allgemeine„Verleumdung“ aus dieser Kritik zu machen, die sich nur gegen eine ganz bestimmte Maßnahme des einen Generals richtet? Und die Darstellung, als ob uns das Urteil über die geographischen Größenverhältnisse in Afrika oder das Herz für die fürchterlichen Strapazen der armen Opfer unsrer Kolonial⸗
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