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16.7.1905
 
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Nr. 29. Gießen, den 16. Juli 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: 2 Redaktionsschluß: Aurchenplaß 17 Schloßgasse Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

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Landes-Konferenz der Sozialdemokraten Hessens

Samstag, 19, Sonntag, 20. Aug. 1905 in Alzey im Saalbau. Vorläufige Tages⸗Ordnung:

1. Geschäftsbericht des Landes⸗Komitees. 2. Rechnungsablage. 3. Der Parteitag in Jena und die Organisation der

Partei.

4. Tätigkeit des Landtags und die bevorstehenden Land⸗ tags wahlen.

5. Einlaufende Anträge.

6. Wahl des Landes⸗Komitees.

7. Wahl des Ortes der nächsten Landes⸗Konferenz.

Parteigenossen! Wählt die Delegierten, damit die Landes⸗Konferenz zahlreich beschickt und die Wichtig⸗ keit der Tagesordnung erfordert die eingehendste Dis⸗ kussion derselben. Tretet unverzüglich in dieselbe ein! Etwaige Anträge find an den Genossen Ulrich einzu⸗ senden.

Die Deleglerten müssen mit einem Mandat versehen sein; die Formulare erhalten die Genossen ebenfalls durch den Gevossen Ulrich.

Die Delegierten, welche auf Nachtquartier und Miteagessen rechnen, sind dringend gebeten, dies dem Genossen Jakob Korell spätestens bis zum 12. August mitzuteilen.

Das Landes⸗Komitee: C. Ulrich, rb, Große Marktstraße 23. Friedrichstraße 24. DD..t...8.,ʃä r

Die internationale Sozialdemokratie für den Frieden.

Eine imposante Kundgebung für den Weltfrieden haben unsere Berliner Partei⸗ genossen am Sonntag veranstaltet. Aller⸗ dings war es ihnen nicht vergönnt, den für diese Versammlung in Aussicht genommenen Redner, den französischen Abgeordneten und hochgebildeten Sozialisten Jean Jaurès zu hören, denn wie in voriger Nummer bereits kurz mitgeteilt, hatte der Reichskanzler Fürst Bülow dem Genossen Jaures das Auftreten in Berlin untersagt. Durch eine feierliche Note an den deutschen Botschafter in Paris ließ er ihn ersuchen, von seiner Reise nach Berlin Abstand zu nehmen. In dem Erlasse Bülows werden Jaures allerhand Schmeicheleien gesagt und versucht, ihn in Gegensatz zu den deutschen Sozialdemokraten zu bringen. Unter anderem sagt Bülow:Ich schätze Herrn Jaurèes als Redner; ich achte seine Anschau⸗ ungen in der auswärtigen Politik und stim me nicht selten mit ihnen überein. Wenn das der Fall ist, fragt man sich, warum er dann Jaureès in Berlin nicht reden ließ, er hätte doch demnach Jaures Auftreten in Berlin wünschen, ihn als eifrigen und wirkungs⸗ vollen Wortführer der Idee des Weltfriedens, den zu erhalten angeblich die vornehmste Sorge unserer Regierungsleute und besonders des Reichskanzlers selbst ist, willkommen heißen, mit offenen Armen empfangen müssen! Es war aber die Angst vor der Sozialdemokratie, welche dem Reichs⸗ kanzler diesen Schwabenstreich begehen ließ, durch den er sich vor aller Welt blamierte. Denn, daß dies wirklich der Fall ist, daß mit dem Verbot das Gegenteil dessen, was es be⸗ zwecken sollte, erreicht, daß Fürst Bülow der

Sozialdemokratie einen gewaltigen Triumph durch den Versuch, ihn zu spalten, bekämpfen können,

verschaffte, geben selbst regierungsfreundliche Blätter, wie dieKöln. Ztg. zu.

Was war die Wirkung dieserdiplomatlschen Aktion? Die Kundgebung der Berliner Sozial- demokratie erhielt dadurch eine solche Bedeutung, wie sie ohne das Verbot niemals erlangt hätte. Tausende und abertausende strömten bereits von frühem Vormittag an nach dem Versamm⸗ lungslokal. Etwa 100 Pressevertreter aller Länder und Parteien hatten sich dazu einge⸗ funden, um der imposanten Protestversammlung beizuwohnen und die schneidigen Kritiken, welche Genosse Richard Fischer den deutschen Diplo⸗ matenkünsten und der Polizeiweisheit angedeihen ließ, in alle Welt zu berichten. Außerdem hatte aber auch derVorwärts die ungehaltene Rede Jaurèes im Wortlaute veröffentlicht und die ganze Parteipresse folgt seinem Beisplele. So lesen Millionen, was sonst nur einige Tausende gehört hätten. Und sie lesen es mit besonderer Aufmerksamkeit, denn vor diesen Worten hatte der deutsche Reichskanzler Fürst Bülow so viel Furcht, daß er ihretwegen eine große diplomatische Haupt⸗ und Staatsdumm⸗ heit inszenierte.

Jaures lehnte selbstverständlich die wider⸗ wärtigen Lobhudeleien, mit denen er im Bülow⸗ Briefe angesungen wird, deutlich und entschieden ab. Er tat es schon gleich, nachdem ihm das Redeverbot bekannt geworden war, in seinem Pariser Blatte, derHumanité, mit folgenden Worten:

Das Verbot der Berliner Versammlung ist ein An⸗ zeichen der wachsenden Macht des Sozia⸗ lis mus. Es beliebte Bülow, meinen Takt und meine Mäßigung anzuerkennen. Desto deutlicher gibt er die Beunruhigung der Faktoren kund, welche sich diestarken nennen; und doch handelt es sich in meinem Falle nicht um einen beabsichtigten direkten Angriff gegen Ein⸗ richtungen des deutschen Reiches, sondern um Bekräf⸗ tigung der Friedensidee, welche auch dle deutsche Regierung auf ihr Programm geschrieben hat. Aber man will keine Diplomatie der Völker. Darin erblickt man eine Berufsstörung der bee j e h⸗ enden kapitalistischen und feudalen Diplomatie.

Viel derber aber noch wies unser französischer Genosse die komischen Anbiederungsversuche der preußisch⸗deutschen Regierung in dem Be⸗ grüßungstelegramm zurück, das er an die Versammlung gerichtet hatte und das unter stürmischem Beifall zur Verlesung gelangte. Es lautet in der Uebersetzung:

Genossen! Ich bin mit ganzem Herzen mitten unter euch in dieser Versammlung, um mit euch die Einig⸗ keit zwischen dem deutschen und französi⸗ schen Proletariat zu bekräftigen. Die gemeinsame Arbeit wird den Weltfrieden durch die Eroberung der sozialen Gerechtigkeit und der politischen Freiheit sichern.

Nichts kann uns trennen: nicht chauvinistische Vor⸗ urteile, nicht Redeverbote der Regierungen, noch auch die plumpen Künste diplomatischer Lobhu⸗ deleien. Wir sind alle eins, sind alle ein und dieselben. Wir haben den gleichen Willen, das gleiche Empfinden. Wird einer von uns geschlagen, so wird der andere mitgetroffen, und wird einer von uns gelobt, so wird der andere mitgelobt.

Es ist eine abgebrauchte Taktik der herrschenden Klassen aller Länder, den Sozialisten daheim die So⸗ zialisten draußen gegenüberzustellen. Tatsächlich aber ist dies eine Huldigung mehr vor der Kraft des inter⸗ nationalen Sozialismus, den die Rezierungen nur noch

und ein Grund mehr für uns alle, uns zu dem Gedanken der einen und unteilbaren internationalen Sozialdemokratie zu be⸗ kennen. Jean Jaurss.

Also Jaurés reicht denjenigen die Hand zum unzertrennlichen Bunde, die sein Lobpreiser Bülow beschimpfte und mit denen er den fran⸗ zöstschen Genossen in Gegensatz bringen wollte! Schlimmer kann einDiplomat kaum auf den Sand gesetzt werden! Die Versammlung er⸗ widerte Jaures Grüße durch ein von Ber nstein vorgeschlagenes Danktelegramm, in welchem dem französischen Proletariat Sympathie und Solidarität ausgedrückt wird.

Richard Fischers Rede war eine vernichtende Kritik des preußischen Polizeigeistes. Er begann, indem er die Jämmerlichkeit der Reichspolitik folgendermaßen kennzeichnete:

Genossen! Ein großer Redner sollte hier sprechen, der durch seine eminente agitatorische Begabung und durch die Macht seiner unvergleichlichen Beredsamkelt einen großen Einfluß auf die Politik seines Vaterlandes und auf die internationale Politik des klassenbewußten Proletariats ausübt. Ueber große Dinge sollte er sprechen, über Völkerfrieden und Gerechtig⸗ keit. Und nun steht ein kleiner Redner vor Ihnen und über eine kleinliche Sache muß er sprechen, über die geistige Armseligkeit und politische Rückständigkeit preußisch⸗deutscher Polizeipolitik. Eine Kundgebung des festen, des unbeugsamen Willens des Proletariats, den internationalen Frieden auch gegen die Bestrebungen der herrschenden Klassen aufrechtzuer⸗ halten, sollte diese Versammlung sein. Und nun müssen wir uns dagegen verwahren, daß im 20. Jahrhundert mit brutaler Polizelfa u st einem Mann wie Jaures der Maulkorb aufgedrückt worden ist. Nun müssen wir das deutsche Proletariat aufrufen zu einem Protest, daß die deutsche Arbeiterklasse nicht Teil hat an der Blamage, mit der sich Bülow vor Europa bloßgestellt hat. O, wie armselig müssen die Grundlagen der Regierung sein, daß sie von einer Friedensdemon⸗ stration die Stärkung derstaatsfeindlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie fürchtet!

Die Rede war von stürmischem Beifall be⸗ gleitet und das zum Schluß ausgebrachte Hoch auf die internationale Sozialdemokratie war die Bestätigung der moralischen Niederlage der deutschen Regierungskunst!

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Unser K. W.⸗Mitarbeiter sendet uns zu dieser Affaire folgenden Artikel:

Das Fiasko der sozialdemokratischen Friedensaktion.

So überschreibt die Darmstädter Zeitung mit unverkennbarer Schadenfreude ihren Leit⸗ artikel vom 7. Juli über den Fall Jaurés. Natürlich hat nach ihrer Meinung Bülow daran recht getan, als er unserm französtschen Genossen die beabsichtigte Rede für den Frieden in Berlin verbot. Elnmal sprechen dafür diepatriotischen Blätter Frankreichs, welche das Bülow'sche Verbot als einen Beweis echter Vaterlandsliebe loben. Das sind die klerikalen Chauvinisten⸗ blätter, die im Hetzen gegen Deutschland, im Warmhalten des Reva chegedankens einen Hauptzweck ihres Daseins erblicken. Ist es nicht einStück nationaler Charakter⸗ losigkeit, sich auf die Seite dieser Laudes⸗ feinde zu stellen, bloß, weil man diesmal ihre Worte gegen dieböse Sozialdemokratie ver⸗ werten kann? Aber natürlich uns, derent⸗