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Ir. 16.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seile 5.

kel, mit welcher der Fleischbeschauer Tierarzt Müller in Vilbel, sein Amt wahrnahm. Der Staatsanwalt wies auf die Gemeingefährlichkeit dieser Vergehen sowie auf die Vorstrafen der Angeklagten wegen ähnlicher Dinge hin und verlangte eiue exemplarische Strafe. Er bean⸗ tragte 1 Jahr Gefängnis und Ehrverlust. Das Gericht ging über diesen Antrag noch hinaus und verurteilte beide zu einem Jahre drei Monaten Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust. Außerdem wird das Urteil auf Kosten der Angeklagten in vier Zeitungen publiztert. Geschieht ihnen recht.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Eine Maurerversammlung, die einen recht zahlreichen Besuch aufwies, fand am 3. April bei Kyrmse statt. Es wurden die Verhältnisse im Berufe besprochen und 32 Mann ließen sich in den Verband aufnehmen. Fast sämtliche Maurer Wetzlars und der Umgebung gehören jetzt der Organisation an. Am 15. April soll die Antwort von den Unternehmern auf die von den Maurern kürzlich eingereichten Lohnforde⸗ rungen gegeben werden.

h. Bismarck⸗Anbetung. Am verflossenen 1. April war der 90. Geburtstag Bismarcks, des Säkularmenschen. Diesen Anlaß benutzten verschiedene Spitzen der Wetzlarer Bürgerschaft dazu, ein Fest zu arrangieren. Damit war nicht nur dem berühmten tiefgefühlten Bedürfnis abgeholfen, sondern auch ge⸗ wissen Leuten Gelegenheit gegeben, den widerlichsten Byzantinismus zur Schau zu tragen und in Monarchen⸗ und Bismarck⸗Verhimmelung das Unglaublichste zu leisten. Man hält es nicht für möglich, daß Bürger sich zu einer solchen würdelosen Lobhudelei jenes Junkers versteigen, der dem Bürgertum oft genug seine Mißach⸗ tung zeigte und es von oben herunter behandelte. Was wird da alles zusammen ge dichtet! Der Festredner Rektor Luerssen rühmte demHeros des Jahrhunderts, Adel der Gesinnung, wahrhaft vornehme Denkweise nach. Er hat jedenfalls vergessen, daß Bismarck mit einem armen Arbeiter wegen einer Gans und zwei Hühnern prozessierte, die dieser der fürstlichen Guts⸗ verwaltung zu liefern hatte! Für dievornehme Ge⸗ sinnung sind auch die zahllosen Beleidigungsprozesse bezeichnend, die Bismarck gegen jeden anstrengte, der in Wort oder Schrift eine harmlose Aeußerung gegen ihn getan hatte. Im Uebrigen hat es der Mann mit der vornehmen Gesinnung ausgezeichnet verstanden, sich die Taschen zu füllen und darin mag er allerdings dem Bürgertum als leuchtendes Vorbild erscheinen. Die Arbeiterklasse dagegen muß in dem brutalen Junker ihren Widersacher erblicken, der das Streben nach Hebung ihrer Lage mit dem Polizeiknüppel niederzuschlagen suchte, was ihm allerdings nicht gelang. Jedenfalls würde Schiller heute, wenn er diese bürgerliche Schweifwedelei sähe, nicht mehr vomMännerstolz vor Königsthronen singen und dichten.

Westerwald und Anterslahn.

x. Mit dem Mandatsschacher im Dillenburg⸗ Herborner Wahlkreise beschäftigte sich dieser Tage die Presse. Herr Dr. Burckhardt, der Gewählte von Zentrumsgnaden, gab Schriftstücke bekannt, in welchen der frühere nationalliberale Amtsrichter Hofmann um die Zentrumshilfe bettelt. Bekanntlich lag die Ent⸗ scheldung in der Stichwahl beim Zentrum, das Herrn Burckhardt durchdrückte. Nun ist aber für beide, für Burckhardt wie für Hofmann, ein wenig peinlich, um Zentrumshilfe gebettelt zu haben, z denn beide Parteien haben ja gelegentlich die Schwarzen als Reichsfeinde abgemalt und die römische Gefahr als die fürchterlichste Bedrohung gegen die deutsche Kultur erklärt. Ja, wäre die Sache gelegen wie im Offenbacher Kreise, da ließ es sich noch leichter machen; vor der roten Gefahr schwinden alle Gegensätze zwischen Kapitalisten der beschnittenen, gescheitelten und geschorenen Fraktion und den gutmütigen Zentrumsschafen aus der Arbeiterklasse wird einfach so⸗ lange vorgeschwatzt, ihr Seelenheil sei in Gefahr, bis sie es glauben.

So offen konnte der Schacher nicht getrieben werden, hier mußten die Ordnungsbrüder hinter den Koulissen arbeiten. Die Drehscheiben⸗Leute fielen aber dabei herein. Darüber ärgerten sie sich nicht wenig und werfen den Stöckerlanern würdelose Bettelei um die Zentrumstimmen vor. Burckhardt antwortet, auch die Nattonallliberalen hätten mit dem Zentrum gehandelt, allerdings erfolglos und er beweist das, indem er den Briefwechsel ver⸗ öffentlicht, den der Nationalliberale Hofmann damals mit dem Zentrumskomitee führte. Daraus geht hervor, daß Hofmann und seineLiberalen bereit waren, das Zentrum in Bingen⸗Alzey gegen den Freisinnigen Schmidt zu unterstützen, also dort ihren eigenen Bundes⸗ genofsen, der ihnen am nächsten stehenden Partei in den Rücken zu fallen! Die Stimmenzahlen im Binger Wahlkreise zeigen denn auch, daß ein großer Teil der nationalliberalen Stimmen dem Zentrum zufielen. Das

kennzeichnet diese ganze Schachergesellschaft! National⸗ liberale, Zentrum, Christlich⸗Soziale sie sind ein⸗ ander wert!

t. Verunglückte Bismarckfeter. UnserePatrioten so schreibt man uns aus dem Dillkreis wollten zu Bismarcks 90. Geburtstage ihre Mannesbrust innationaler Begeisterung schwellen lassen und hatten zu diesem Zwecke in Herborn einen Bismarck⸗ Kommers arrangiert. Aber o weh, obgleich drei Vereine, Klub, Kriegerverein und national⸗ liberaler Wahlverein gemeinsam die Geschichte in die Hand nahmen, klagt das Herborner Tageblatt, daßdie Besetzung des Saales allerlei zu wünschen übrig ließ. Noch kläglicher fiel der Bismarck⸗Rummel in Haiger ins Wasser, wo noch nicht einmal die eingeladenen Beamten, Lehrer ꝛc. erschienen. Das läßt wenigstens noch auf einen einigermaßen gesunden Sinn schließen.

Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.

Die Ortskrankenkasse hielt am Mittwoch voriger Woche ihre Frühjahrs-Generalversammlung ab, welche nur schwach besucht war. Leider! Stand doch auf der Tagesordnung ein Vortrag des Herrn Prof. Brauer über Säuglingsernährung und macht es für den Vorstand, der den Vortrag angeregt hat, ebensowohl einen bedrückenden Eindruck, wie auch für den Vor⸗ tragenden, wenn er vor ziemlich leeren Bänken sprechen soll. Es ist wirklich beschämend für die Marburger Arbeiter, wenn sie eine derartige Gelegenhett, ohne jeg⸗ liche Unkosten ihr Wissen zu bereichern, nicht benutzen. Und gerade aus diesem Vortrage klang die Klage heraus, daß neben den sozialen Verhältnissen, der Wohnungs⸗ misere ꝛc. gerade die Unkenntnis des Volkes die Haupt⸗ schuld an der großen Säuglingssterblichkett trägt. Näher auf den Vortrag einzugehen, gestatten die Raumverhält⸗ nisse nicht, es sei nur erwähnt, daß in nächster Zeit eine Säuglinzsabteilung in der Poliklinik errichtet wird, zu welchem die Krankenkasse einen Beitrag von 300 Mk. für Freibetten für Kinder von Kassenmitgliedern bewilligte, und daß in einigen Wochen ein öffentlicher unentgelt⸗ licher Vortrag für Frauen stattfindet.

O Sonntags ruhe wollen die Marburger Aerzte vom 16. April ab einführen. Von diesem Tage ab werden von den 14 in Marburg praktizierenden Aerzten an den Sonntagnachmittagen nur zwei in ihrer Wohnung zur ärztlichen Hilfeleistung anwesend sein. Die Namen dieser beiden Aerzte werden Freitags in den hiesigen Zeitungen bekannt gemacht und außerdem auf den Tafeln an den Wohnungseingängen aller Aerzte zu ersehen sein. Das Publikum wird sich bald an diesen weiteren Fortschritt in der Sonntagsruhe gewöhnt haben, umsomehr als Sonntagsnachmittags verhältnismäßig wenig ärztliche Hilfe verlangt wird.

O Die kleinen Diebe hängt man. Die Strafkammer verurteilte am Dienstag eine 72 Jahre alte Witwe aus Frankenberg wegen Holzdiebstahls zu drei Monaten Gefängnis. Die alte Frau wohnte im Frankenberger Armenhause und bekam regelmäßig das ihr zu zusteh ende Holz und wenn dieses nicht reichte, konnte sie sich noch weiteres Holz nehmen, mußte aber vorher die Erlaubnis dazu einholen. Die vergaß die 72 jährige Alte in der Regel, sie wurde abgefaßt und muß nun unter Annahme mildernder Umstände wegen diesesVerbrechens drei Monate ins Gefängris. Damit ist hoffentlich derGerechtigkeit Genüge geschehen.

Die Genick starre,

jene unheimliche, meist zum Tode führende Krankheit, die vor längerer Zeit in Schlesten in stärkerem Maße auftrat, wurde letzter Tage auch in Kassel festgestellt. Dort ist der Kanonier Apel von der ersten Batterte des Artillerie⸗Regiments an der Krankheit gestorben. Etwa 20 Mann erkrankten an Genickstarre und wurden in Baracken untergebracht.

Bebels Erbschaftsprozeß,

der vor einiger Zeit vor dem Landgerichte in Ulm verhandelt wurde, ist zu Bebels Gunsten entschieden worden. Bebel bleibt demnach Miterbe im Sinne des Testaments des Leutnants Koll⸗ mann. Der ehemalige bayerische Leutnant Kollmann hat bekanntlich 1879 seines Bruders Otto Frau und Kinder einerseits und den Abg. Bebel andrerseits zu gleichberechtigten Erben seines großen Vermögens eingesetzt, seinen Geschwistern und sonstigen Verwandten, die ihn nicht gerade liebevoll behandelt haben sollen, aber nichts vermacht. Es handelt sich um eine Summe von 800000 Mk. In der

Begründung wird ausgeführt: Den Klägern hätte der Beweis obgelegen, daß das Testament

nicht in lichter Geistes verfassung errichtet wurde. Die hierfür vorgebrachten Tatsachen seien jedoch nicht ausreichend. Gegen das Urteil haben die Erben Berufung eingelegt.

Justiz gegen Streikende.

Vor dem Schwurgericht in Essen wurde gegen 14 polnische Bergleute wegenAufruhrs verhandelt. Die Angeklagten hatten während des Generalstreiks einigen Krakehl gemacht und mit Steinen nach den Gendarmen geworfen. Vier Angeklagte wurden frelgesprochen, die übrigen zu zehn Monaten bis zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Lohnkämpfe. Die Maßschneider in Elberfeld⸗Barmen haben einen Erfolg erzielt. In den Geschäften der Tarifklasse III wurde der Tarif ganz eingeführt. Ebenso in der Klasse II, wo bisher kein Tarif war. In den erstklassigen Geschäften gelang es zwar nicht, den Tarif ganz durchzuführen, jedoch wurden auch hier den Gehülfen nennenswerte Konzes⸗ stonen gemacht. In Köln traten am Frei⸗ tag die städtischen Gas arbeiter in den Aus⸗ stand, weil zwei Kommisstons mitglieder entlassen wurden. Die Tagschicht trat am Samstag früh nur unter der Bedingung an, daß im Laufe des Vormittags eine Einigung erfolge. Diese kam um 1 Uhr zustande. Sie brachte erhebliche Zugeständnisse und die Wieder⸗ einstellung der Gemaßregelten.

Partei-Machrichten. Parteigenossen Hessens!

Auf Antrag Mainz wurde in Pfungstadt beschlossen, das Landeskomitee zu beauftragen

mit Hinzuziehung von Parteigenossen der verschtedenen

Kreise einheitliche Mitglieder⸗ und Kassenbücher aus⸗

zuarbeiten und an die einzelnen Partetorganisationen

auszugeben.

In Ausführung dieses Beschlusses und in der Absicht mit den Vertretern der Kreise des Landes die bevor⸗ stehenden Landtagswahlen zu besprechen, wird hiermit eine

Ronferenz der Kreisvertreter

auf Sonntag, den 7. Mai, vormitt. 10 uhr nach Offenbach a. M. in den Saalbau, Austraße 9 einberufen.

Die Wahlkreise werden hiermit ersucht, ihre Vertreter rechtzeitig zu wählen und ihre Wünsche in den zur Besprechung stehenden Fragen festzustellen, damit die Konferenz ersprießlich zu wirken in der Lage ist.

Das Landes⸗Komitee.

Versammlungskalender.

Samstag, den 15. April.

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof). Metall⸗ arbeiter. Abends Uhr Versammlung bei Orbig.

Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends ½9 Uhr Versammlung im Lokale August Rinn. Zahlreich erscheinen.

Sonntag, den 16. April.

Gießen. Städtische Arbeiter. Nachmittags ½4 Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof).

Lollar. Wahlverein. Nachmittags ½4 Uhr Versammlung bei Wirt Schupp. Mitgliedsbücher mitbringen!

Dienstag, den 18. April.

Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends ¼9 Uhr

Sitzung bei Orbig.

Die nächste Nummer gelangt des Char-

freitags wegen bereits am Donnerstag zur Ausgabe.

Geffentliche

Metallarbeiterversammlung

Donnerstag, den 20. April, nachm. Uhr im Restaurant Pfau, Neustadt 55. Tagesordnung:Warum sind die Lohnverhältnisse der Gießener Metallarbeiter schlechter als anderwärts.

Referent: Fritz Ehrler⸗Frankfurt. Freie Diskussion. Der Einberufer.

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