Ausgabe 
16.4.1905
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sonntaas⸗Zeitung.

Von Nah und Fern.

Diesichere Existenz.

In der Zigarrenfabrik von Bein und Reis (Inhaber: Ludwig Mutze) in Frankfurt ist eine Arbeiterin, die im Mai dieses Jahres bereits 24 Jahre in diesem Geschäfte tätig ist, seit zirka 14 Tagen krank. Vor einigen Tagen

10 ihr nun die Firma folgendes Jubiläums⸗ reiben:

1Wie wir in Erfahrung brachten, wollen Sie vor Ostern nicht mehr zur Arbeit kommen, und sind wir deshalb leider gezwungen, Ihnen zu kündigen, so daß Ihre Arbeitszeit bei uns am 17. d. M. beendet ist.

So lohnt die Firma die 24 Jahre Arbeit dieser

Arbeiterin.

Schweinepriester.

Vor der Strafkammer in Mainz hatte sich der Dompropst Malzi von Worms wegen Sittlichkeits verbrechen zu ver⸗ antworten. Die Verhandlung dauerte vom Donnerstag voriger Woche bis zum Montag. Verteidiger war der hess. Landtagsabgeordnete Schmitt. Die Beweisaufnahme ergab, daß der Propst anfangs dieses Jahres den Lehrling Werner vorsätzlich körperlich mißhandelt und widerrechtlich durch Gewalt und Bedrohung mit dem Vergehen der Körperverletzung zu Hand⸗ lungen, nämlich zu bestimmten Aussagen und Niederschrift einer Erklärung des Inhalts, daß er mit den Schulmädchen Schmitt und Zimmer⸗ mann unzüchtige Handlungen begangen habe, genötigt zu haben. Dann zwang er die Mädchen durch Drohungen und Mißhandlungen, einen derartigen Verkehr mit dem Werner mit ihrer Unterschrift zuzugeben. Die Mädchen erklärten aber sogleich: Es ist doch gelogen! Dann küßte er die Zimmermann, legte sie aufs Sopha und sagte, nun sollte sie es mal mit ihm so machen, wie sie es mit Werner gemacht habe. Die Mädchen weigerten sich dessen und schrieen. Der Oberstaatsanwalt hielt die Anklage im vollen Umfange aufrecht. Die Mißhandlung des Werner habe lediglich die Erpressung eines Geständnisses zum Zweck gehabt. Der Ange⸗ klagte habe zu einem Mittel gegriffen, das nach unserer modernen Anschauung allen Gefühlen Hohn spreche. Es sind dies die Mittel der Gewalt und der Mißhandlung, die den Schul⸗ digen in das Zuchthaus bringen können. Aber alles, was vorkam, sprach auch dafür, daß die so erlangtenGeständnisse der Kinder nicht der Wahrheit entsprachen, und daß sie völlig unschuldig seien an dem, was der Angeklagte ihnen unterstellte. Schließlich sprach jedoch der Staatsanwalt sein Bedauern für den An⸗ geklagten aus! Er beantragte wegen der Miß⸗ handlungen eine kleine Geldstrafe und stellte die Strafe wegen des Versuchs des Sittlich⸗ keitsverbrechens in das Ermessen des Gerichts. Der Verteidiger stellte den Pfaffen nun ganz und gar als einen Unschuldsengel hin und beantragte Freisprechung! Darauf ließ sich aber das Gericht denn doch nicht ein, sondern verurteilte den würdigen Seelsorger zu einem Jahre Gefängnis und 100 Mk. Geldstrafe.

Diese Strafe wird man sehr gelind finden, selbst wenn man den Angeklagten als ein Opfer des Zölibats ansehen will. Es ist doch geradezu empörend, wenn ein Mensch, der sich als Erzieher der Jugend aufspielt und von Eltern und Kindern fast unbegrenztes Vertrauen genießt, die ihm anvertraute Jugend sittlich und mora⸗ lisch vergiftet! Bei der Verhandlung selbst spielte er eine erbärmliche Rolle. Austatt an⸗ gesichts der klaren Beweise seine Schuld ehrlich einzugestehen, stellte er die Kinder als Lügner und sich als die verfolgte Unschuld hin!

Als kürzlich der frühere sozialdemokratische Abg. Antrick von der Berliner Parteileitung veranlaßt wurde, seine Aemter niederzulegen, well er sich mit der Frau eines Genossen ein⸗ gelassen hatte, wie schlachtete da die Pfaffen⸗ und Ordnungspresse diesen Vorfall aus! Was will aber der Fall Antrick bedeuten gegen den des verbrecherischen Pfaffen! Außerdem sind Fälle wie der Antrick's in unsern Reihen so selten, daß man jeden einzelnen hunderte aus

den Kreisen der Ordnungsstutzen aller Art Mieragrrtiellen kann. Die patentierten Sitt⸗ lichkeitshüter haben der Sozialdemokratie nicht das mindeste in Punkto Sittlichkeit vorzuwerfen! Erwähnt muß noch werden, daß man in Worms Bittgebete für Freiprechung des Propstes ub⸗ hielt. Die beiden Mädchen Zimmermann und Schmitt wurden geradezu 8 95 eine Lehrerin forderte die Schülerinnen auf, die Mädchen ins Gesicht zu schlagen! Diese Dinge sind für die dortige talholische Bevölkerung sehr be⸗ zeichnend.

Die Frömmigkeit mit Lichtbildern.

Wie man die bleierne Langeweile der orts⸗ üblichenGottesdienste dadurch zu beseitigen trachtet, daß man diese nach dem Prinzip des Varlétés möglichst abwechslungs reich ge⸗ staltet, beweist folgende Meldung bürgerlicher Blätter: Eine Lichtbilder⸗Predigt wurde am Sonntag in der neuen evangelischen Garnison⸗ kirche an der Hasenheide in Berlin abgehalten. Nach einem einleitenden Choralgesang wurde die Kirche verdunkelt und es begann die Vor⸗ führung der das Leben und Sterben Jesu dar⸗ stellenden bunten Lichtbilder. Jedem der 33 Bilder, welche die Gemeinde in ziemlich rascher Folge von Jesu Einzug in Jerusalem über Golgatha bis zur Himmelfahrt führten, ging ein kurzer Abschnitt aus der Passtonsgeschichte

voran, den der Pfarrer von der Kanzel verlas.

Es folgten, ebenfalls hinter jedem Bilde, ab⸗ wechselnd Chorgesang, Violinvorträge, Solo- gesang und Orgelzwischenspiele. Die Bilder, wurden von der Orgelempore aus auf eine große Leinwandfläche geworfen, die sich vor dem Altar ausbreitete. In unserer Gegend, besonders im Wetzlarer Kreise wurden solche modernen Hilfsmittel auch schon öfters bei Gebetsversammlungen angewendet.

400 Menschen durch ein Bauunglück getötet.

In Madrid stürzte am Samstag vor⸗ mittag ein großes im Bau befindliches Wasser⸗ reservoir ein, wobei 400 dabei beschäftigte Arbeiter ihr Leben einbüßten. Die ganze Gewölbedecke, die auf zahlreichen Granitsäulen ruhte, war wie ein Kartenhaus eingefallen und hatte Hunderte von Arbeitern unter einer un⸗ geheuren Menge von Schutt und Trümmern begraben. Nach Tausenden strömte sofort das Volk zusammen, während unter dem Trümmer⸗ haufen lautes Jammern und Stöhnen hervor⸗ drang. Die Ursache ist in einer gewissen⸗ losen Nachlässigkeit und Schlamperei der Bauleiter zu suchen. Die Arbeiter hatten eine Katastrophe schon befürchtet, da vor 14 Tagen schon dret Gewölbe eingestürzt, und da in vier andern starke Risse aufgetreten waren. Schon vor 4 Jahren kamen bei dem Bau, der bereits 1892 begonnen wurde, Einstürze vor. Eine Anzeige einer Kommisston der Bauarbeiter über die Unsicherheit des Baues wurde nicht beachtet. Der Ministerrat beschloß, einen Prozeß zu veranlassen, um die Verantwortlich⸗ keitsfrage klarzustellen. Ob bei diesem Prozeß etwas herauskommen wird, ist mehr als frag⸗ lich. Die gewissenlosen Bauleiter könnte nicht genug Strafe treffen für die vielen Menschen⸗ leben, die sie auf dem Gewissen haben.

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0 Unterhaltungs-CTeil. 7

Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel.

55(Fortsetzung.)

Der Plakatzeichner hatte ein tapferes Herz.

te er den Baron aus dem Sattel heben sollte, das wußte er freilich noch nicht und Röschen ebenso wenig. Aber die Liebe machte Beide fröhlich und die Mutter tröstete sie, daß sie noch

sehr jung seien und gut noch ein Weilchen

warten könnten. i. Meister Adersen murrte in den nächsten

Tagen wie ein Ungewitter vor dem Ausbruche.

Er war mit den Meistern vom Handwerk einig

geworden, daß ihnen die Gesellen nichts, aber auch gar rein nichts abtrotzen sollten; mögen ste nur kommen. Erst am Freitag durchbrach die Mittagssonne auf einen Augenblick das düstere Gewölk. Der Meister ließ eben, in der Ladentür stehend, die mächtige Fülle seines Fleisches von ihr bescheinen, da bei Gott, es war der Baron von Unkenstein, der piquefein, mit glänzendem Zylinder und hellen Glaces, die Straße heraufkam. Dem Meister versagte der Atem, dann riß er die gestickte Mütze vom Kürbishaupte, machte einen Bückling und rief, so daß es über die Straße schallte:Gehor⸗ samster Diener, Herr Baron. Dieser winkte ihm mit der Hand, hob ein wenig den schim⸗ mernden Zylinder und rief herantretend: Morgen, Morgen, mein lieber Herr Adersen! Wollte mir die Ehre geben, mich zu erkundigen, wie den verehrten Ihrigen die Partie von neulich bekommen set.

Der Bäckermeister strahlte.Gar zu gütig, Herr Baron! Gar zu viel Ehre, Herr Baron! Haben Sie die Gewogenheit, mir gefälligst 10 den Laden zu folgen, es ist der nächste

eg.

Und der Herr Baron hatte die Gewogenheit! Meister Adersen hüpfte, trotz seiner Beleibtheit, fast die Stufen zur Wohnstube hinauf, stieß

deren Tür auf und trat mit einem Bückling

bei Seite. Dann watschelte er eilfertig zu der gegenüberliegenden Tür, welche in die gute Stube führte, und wiederholte das Nanöber. Der Baron aber war stehen geblieben und schnarrte:Aeh, pardon, mein gnädigstes Fräulein, wenn ich störe.

Denn in der Wohnstube erteilte der alte Häsekin dem Mädchen eine Lektion in der Literatur. Rosalie erwiderte mit einiger Be⸗ fangenheit den Gruß. Häsekin schaute den Gast mit Augen an, die sich mehr und mehr erweiterten. Jetzt schnellte er von seinem Stuhle auf und rief:Joseph! Mein Joseph! Zitternd streckte er beide Hände dem Baron entgegen, der wie erschrocken zurückwich und mit nichts weniger als fester Stimme erwiderte:Sie irren; mein Vorname ist Isidor Istdor von Unkenstein.

Der Alte aber rief erregt:Wie, Du er⸗ kennst Deinen alten Vater nicht wieder? Es sind allerdings beinahe dreizehn Jahre her, seitdem Du uns verließest, um nach dem Glück zu jagen. Deine Mutter ist vor Gram gestorben und ich bin alt geworden, aber mein Vaterherz täuscht sich nicht. Joseph, mein verlorener Sohn!

Der Baron räusperte sich:Aeh! Aeh! schaute hierhin und dorthin und trat noch weiter zurück. Meister Adersen, der mit offenem Munde noch immer an der Türe stand, ermannte sich:Aber Häsekin, was fällt Ihnen ein? Ste täuschen sich, das ist wirklich der Herr Baron von Unkenstein. Bitte, kommen Ste, Herr Baron.(Schluß folgt.)

Humoristisches

Blaues Blut. v. Dusselwitz: Aeh Vor⸗ stand von Adel jenossenschaft verlangt, daß bestraften Adeligen Adel aberkannt und ins Bürjertum verstoßen werden! v. Fusel witz: Aber doch bloß so lange, wie im Zuchthaus sitzen? v. Dusselwitz: Selbstverständ⸗ lich! Nachher wieder untadelhafter Edelmann.

Eine fromme Seele.Aber, Herr Koumer⸗ zienrat, tuen Ihnen denn Ihre Bergleute nicht leid, wenn sie wieder für so einen kargen Lohn hinunterfahren müssen in die Grube?Wieso? Worüm? Mir leid? Gott der Gerechte, hat nicht schon der alte Erzvater Jakob gesagt, das er will mit Leid hinunterfahren in die Grube? Worüm sollen's da haben die Bergleut besser?

(Südd. Postill.)

Kleines Gespräch. A.:Können Ste mir den Unterschied zwischen dem früheren und dem jetzigen preußischen Militärgerichts⸗Verfahren erklären?

B.: Gewiß! Das kann ich Ihnen ganz genau er⸗ lären: Bei dem früheren Verfahren war die Oeffent⸗ klichkeit von vornherein ausgeschlossen und bei dem jetzigen wird sie von vornherein ausgeschlossen.

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