Ausgabe 
16.4.1905
 
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Seite 4.

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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

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Nr. 16.

Von Nah und Fern.

Hessisches.

Die Zweite Kammer hat sich seit 7. April in die Osterferien begeben. Am letzten Sitzungstage kam eine Vorstellung des hessischen evangelischen Pfarrvereins, die Erbschafts⸗ und Schenkungssteuer betreffend und in Verbindung hiermit die Vorstellung der Kirchengemeinde Wallerstädten, Rückzahlung einer Schenkungs⸗ steuer betreffend, zur Beratung. Dazu bemerkte der Abg. Sens felder, die Kirchengemeinde Wallerstädten habe 32000 Mk. durch Kollekte gesammelt, worunter sich zwei Schenkungen von 20000 und 10000 Mk. befunden hätten. Nun sei die Steuerbehörde gekommen und habe 3000 Mk. Schenkungssteuer verlangt. Die Kirchenvertretung, an ihrer Spitze der Pfarrer, haben sich aber geweigert, die Steuer zu be⸗ zahlen und da habe die Steuerbehörde das Kirchenvermögen pfänden wollen. Er will ein Gesetz erlassen wissen, wodurch der Kirchen⸗ gemeinde die 3000 Mk. erhalten blieben. Diese Angelegenheit habe bei der darauffolgenden Reichstagswahl der Sozialdemokratie eine große Stimmenzahl zugeführt, liest er unter Heiterkeit der Kammer aus einer Zeitung vor. Ulrich hält es für selbstverständlich, daß Schenkungen zu gemeinnützigen Zwecken, insbesondere wenn sie z. B. zur Fortbildung, zu Schulzwecken, zur Förderung von Bildung und Kunst über⸗ haupf gemacht würden, steuerfrei seien. Die Sozialdemokratie verzichte übrigens auf solche Mitglieder, die sie wegen Steuerverweigerung bekomme. Wer Sozialdemokrat sei, müsse es aus Ueberzeugung sein. Schließlich wird die Sache nach dem Antrage des Ausschusses für erledigt erklärt.

Eine Abnahmedes Viehbestandes, besonders des Rindpiehes in Hessen hat die Viehzählung am 1. Dezember 1904 ergeben. Nach der Statistik hat seit der Zählung im Jahre 1900, die Zahl der Tiere um rund

10000 Stück abgenommen. Zugenommen haben nur die Schweine um 24067 Stück und die Pferde um 2445 Stück; abgenommen hat dagegen der Rindviehbestand um 11 999 Stück, die Zahl der Schafe um 24312 Stück, die der Ziegen um 781 Stück. Trotzdem hat man die Rindvieh⸗Einfuhr mit ungeheueren Zöllen belastet!

Gießener Angelegenheiten.

Ueber den Konsumverein in Leipzig⸗Connewitz, der sich in Liquidation befindet, brachte derGieß. Anz. kürzlich eine schauerliche Notiz, nach welcher die Mitglieder ihre Spargelder verloren hätten. Das ist nach unsern Erkundigungen unrichtig. Die Spar⸗ gelder unter 50 Mk. sind bereits ersetzt und es wird darauf hingearbeitet, alle übrigen voll⸗ ständig zurückzuzahlen. Uebrigens ist jener Verein keine sozialdemokratische Gründung, wie der Anzeiger seinen Lesern erzählte, sondern er wurde schon 1861 von den Schulze⸗ Delitzschianern gegründet. Das Amtsblatt wollte durch Uebernahme jener Notiz nur den Konsumvereinen am Zeuge flicken.

Dasselbe wollen uͤbrigens auch eine Anzahl Mainzer Spießer, die imRabatt⸗Spar⸗ verein Moguntia ihr Wesen treiben. Diese haben nämlich eine Vorstellung an den Landtag gerichtet, in der sie die Besteuerung der Arbeiter⸗ konsumvereine verlangen, weil sonst durch deren Konkurrenz derMittelstand flöten gebe. Die ländlichen Konsumvereine sollen aber nach den Wünschen der Petenten von der Steuer befreit bleiben. Dabei versichern aber diese Leute ein⸗ mal über das andere, sie wollten keine Aus⸗ nahmegesetzgebung! Auch diese Rückschrittler werden nicht besettigen können, was sich als gut und nützlich erwiesen hat. Und den Nutzen der Konsumgenossenschaften erkennen jetzt sogar Zentrumsagitatoren an.

Der Schneiderstreik dauert noch immer fort. Die Streikenden haben in einem am Mittwoch verbreiteten Flugblatt die tat⸗ saͤchlichen Verhältnisse geschildert, wie das schon in unserm Blatte mehrfach geschehen ist. Die meisten Ledigen sind abgereist und auch eine

Anzahl Verheiratete haben auswärts Arbeit genommen. Es wird durch das törichte Ver⸗ halten der Unternehmer dahin kommen, daß die besten Arbeitskräfte Gießen den Rücken kehren. Jeder Mensch weiß aber, daß dies einen Schaden für das hiesige Geschäft bedeutet. Die Herren Schneidermeister zeigen aber ein Verhalten, das beinahe komisch wirkt. Als Antwort auf das von der Lohnkommission her⸗ ausgegebene Flugblatt ließen sie ein Inserat imAnzeiger los, in dem sie erklaren:

Der Grund des Streikes ist weniger in den wirtschaftlichen Verhältnissen gegeben, als in Sonderinteressen, die besol⸗ dete Agitatoren verfolgen.

Alle Vermutungen über die Herstellung der Anzüge während des Streiks beruhen auf Irrtum. Die Aufträge werden von besseren, mindestens gleichwertigen Maß⸗ geschäften gefertigt, und die Lieferung erfolgt in bester Ausführung.

Wir erklären wiederholt, daß eine Unter⸗ brechung in den hiesigen Betrieben nicht stattfindet.

Soviel Sätze in dieser Erklärung des Ar⸗ beitgeberverbandes, soviel Unwahrheiten, und zwar bewußte. Wem wollen die Herren denn weißmachen, daß keine Unterbrechung im Betriebe eintritt, wenn 80 Mann die Arbeit einstellen und nicht ein einziger Mann Ersatz dafür da ist? Die Arbeit soll in besseren Maßgeschäften(als die Gießener sind), herge⸗ stellt werden. Da sind die Herren sehr be⸗ scheiden geworden; Tatsache kist, daß die Arbeit auf dem Dorfe, in Langgöns, Niederbiel ꝛc. angefertigt wird. Was nun gar das alberne Gerede von denbesoldeten Agi⸗ tatoren anlangt, so wird darauf kein ver⸗ ständiger Mensch etwas geben. Die Flausen sind zu abgebraucht, sie werden jedesmal vor⸗ gebracht, wenn irgendwo Arbeiter ein paar lumpige Pfennige mehr haben wollen. Die Kohlenbarone im Ruhrrevier machtens ja ge⸗ radeso. Natürlich werden die Arbeiter, deren bescheidenen Forderungen kein verständiger Mensch die Berechtigung absprechen wird, sich in keiner Weise beirren lassen und ihre Sache zum Siege führen.

Der Streikbrecher⸗Dichter. Unter verschiedenen kürzlich bekannt gegebenen Beför⸗ derungen, Ernennungen ꝛc. befand sich auch die Verleihung des Professor⸗Titels an den Ober⸗ lehrer der Gießener höheren Mädchenschule Dr. Fritz Sommerlad. Diese Ernennung bietet einiges Interesse. Der neugebackene Herr Pro⸗ fessor machte sich vor etwa Jahren als Verfasser einesDramas berühmt, in dem der Streik⸗ brecher verherrlicht und im Zuchthausgesetz⸗ Geiste als nützlichstes und edelstes Glied der menschlichen Gesellschaft gefeiert wird. Selbst⸗ verständlich muß die Arbeiterbewegung dabei manche Verdächtigung über sich ergehen lassen; Sommerlad läßt u. a. in dem Stück einen soztalistischen Agitator, einenDoktor auf⸗ treten, den er mit all' den schönen Eigenschaften und Tugenden ausstattet, die wir bei dem seligen Hammerstein und vielen andern Ord⸗ nungsstützen beobachten konnten. Das Machwerk verrät im Uebrigen eine geradezu bemitleidens⸗ werte Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse und man kann sich danach ungefähr vorstellen, was dieser Mann den höheren Töchtern für ein Zeug über Arbeiterbewegung und Sozial⸗ demokratie verzapfen mag. Deswegen wurde er aber doch Professor, was beweist, daß dazu nicht soviel gehört, wie sich mancher vorstellt

g. Der Brauerverband hat in Gießen in der letzten Zeit eine recht erfreuliche Ent⸗ wickelung zu verzeichnen. Im letzten Quartal steigerte sich die Mitgliederzahl um die Hälfte und seit 1. Juli 1904 hat sie sich mehr als verdoppelt. Besonders hervorzuheben ist, daß die zuletzt Beigetretenen meistens Fahrburschen sind, deren Lage wahrlich keine beneidenswerte ist. Deshalb werden sie auch wissen, warum sie sich dem Verbande anschließen.

Die Metallarbeiter halten nächsten Donnerstag, den 20. April im LokaleZum Pfau eine öffentliche Versammlung ab, in 11 75 der Gauleiter Ehler⸗Frankfurt sprechen

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r. Für die Fabrik- und Hilfsarbeiter

fanden am Sonntag in Gießen und Wieseck zwei Ver⸗ sammlungen statt, in denen der Gauleiter des Verbandes, Knöchel aus Offenbach über:Die Gewerkschaften im Kampf um die Menschlichkeit sprach. Redner schilderte, wie schon vor vielen Jahrhunderten tapfere Männer für wahre Menschlichkeit kämpften und die Lage des nieder⸗ gedrückten Volkes zu erleichtern und zu verbessern suchten. Jesus von Nazareth sei einer der ersten gewesen, welcher gegen das Volkselend und Volksknechtung ankä pfte und die hohen Menschheits⸗Ideale verfocht. Dafür schlugen ihn auch die damaligen Machthaber ans Kreuz und so mußten bis heute noch alle, die sich im gleichen Sinne betätigten, schwere Verfolgungen über sich ergehen lassen. Auch die Gewerkschaften führten schon Jahrzehnte lang den Kampf für die Menschlichkeit. Redner gab dann im Weiteren einen Ueberblick über die Vorteile, welche die Gewerkschaften der Arbeiterschaft bieten. Nur müßten sich dis Arbeiter immer mehr in der Organisation zu⸗ sammenschließen, denn nur durch diese sei es dem Arbeiter möglich, seine Lage zu verbessern. Die Ausführungen wurden beifällig aufgenommen und es traten eine Anzahl dem Verbande bei.

Weitere Versammlungen finden statt: Samstag, den 15. April, abends 8 Uhr, in Watzenborn⸗Stein⸗ bergZum grünen Baum. Sonntag, den 16, April, nachmittags ½4 Uhr in Heuchelheim bei August Rinn. Für Rödgen⸗Trohe in Rödgen bei Wirt Balser abends 8 Uhr. Redner in sämtlichen Ver⸗

sammlungen ist Gauleiter Knöchel aus Offenbach.

Kollegen und Kolleginnen erscheint zahlreich zu den Versammlungen!

Zu Ausflügen ladet das herrliche Frühlings⸗ wetter ein, das nunmehr nach den April⸗Schneestürmen der vorigen Woche eingetreten ist. Unsere Parteifreunde, Wahlvereine, Gewerkschaften ꝛc, sollten für die Feiertage gemeinsame Ausflüge nach Orten der Umgebung arran⸗ gieren. Wenn solche veranstaltet werden, muß immer auch darauf gesehen werden, daß solche Wirte in erster Linie besucht werden, die sich unserer Sache nicht feindlich gegenüberstellen und auch Arbeiter als Gäste gerne sehen. Eine Lokalliste würde in dieser Beziehung gute Dienste leisten. Die regelmäßige Veröffentlichung einer solchen in unserm Blatte ist zwar von der letzten Kreiskonferenz beschlossen worden, aber die Organisationen, die uns die Lokale mitteilen sollen, sind dem bisher nur in vereinzelten Fällen nachgekommen. Hoffentlich wird das von den Säumigen bald nachgeholt.

Vom Hudde. Der im hlesigen Unter⸗ suchungsgefängnis befindliche Mörder des Pfarrers Thöbes in Heldenbergen soll außer dieser Mordtat noch eine zweite und zwar in der Nähe von Koblenz an seinem Komplizen, namens Hüddemann verübt haben, dessen Leiche vor kurzer Zeit in einem Steinbruch bei Koblenz aufgefunden wurde. Die Verdachtsmomente, daß Hudde auch diese Tat auf dem Gewissen hat, sind so stark, daß deswegen Vorunter⸗ suchung eingeleitet wurde.

Aus dem RKreise gießen. f

In Großenlinden soll ein neuer Bahnhof errichtet werden und zwar auf der andern Seite der Bahn als das jetzige Stations⸗ gebäude steht. Jedoch gehört das in Ausstcht genommene Terrain noch zur Gemarkung Leih⸗

gestern, das zu den Kosten einen Teil bei⸗

tragen wird.

h. In Daubringen findet diesen Sonntag, den

16. April eine öffentliche Volksversammlung im Saale des Herrn Gastwirt Emil Schäfer statt. Stadt⸗ verordneter E. Krumm⸗Gießen wird über:Unsere Wirtschaftspolitik und die Volksinteressen sprechen. Da wir in Daubringen seit längerer Zeit keine größere Ver⸗ sammlung hatten, darf wohl ein recht zahlreicher Besuch erwartet werden.

Aus dem Rreise Sriedberg⸗Büdingen. Gewissenlose Metzger. Eine

Fleischschmuggel⸗Affafre aus Vilbel kam am Dienstag vor der Gießener Straf- Angeklagt waren die Metzger Strauß und Goldberg von dort wegen Vergehen gegen das Nahrungsmittel und Fleischbeschau⸗Gesetz. Sie hatten wiederholt minderwertiges und krankes Fleisch der Kontrolle

kammer zur Verhandlung.

entzogen und nach Frankfurt eingeführt. Be⸗

sonders wurde festgestellt, daß sie vor einiger 1 75 eine im höchsten Grade tuberkulöse

uh geschlachtet und das Fleisch nach Frank⸗ furt verkauft hatten. Dort wurde es jedoch Sachverständige erklärte, daß faustgroße eiterige Tuberkelherde an dem Fleische nachgewiesen wurden. Erleichtert wurde den Angeklagten ihr Treiben durch die Lässig⸗

angehalten und der