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Seite 6.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 42.
Gerechte Strafe.
Aus Halle berichtete unser Veipziger Parteibla tt: Eine gemeine Denun⸗ ziation führte den arbeitswilligen Schneider⸗ gesellen Bruno Göpfert von hier auf die An⸗ klagebank der Strafkammer. Der Kanonier Konitzer von hier, der bei dem e ment Nr. 74 in Torgau dient, war zu Weih⸗ nachten hier auf Urlaub gewesen und hatte mit dem Schneidermeister Weber vereinbart, bei diesem nach Beendigung seiner Dienstzeit wieder in Stellung zu treten. Dies versuchte Göpfert, der zur Zeit bei Weber beschäftigt war, dadurch zu vereiteln, daß er den Konitzer bei dem Militärkommando denunzierte. Unter dem falschen Namen Krähnert meldete er, Konitzer habe vor seinem Diensteintritt anar⸗ chistische Schriften gelesen, auf Urlaub in sozial⸗ demokratischen Kneipen Hochs auf die Sozial⸗ demokratie ausgebracht und einmal„Nieder mit dem Militärismus“, gerufen. Die Militär⸗ behörde würde gut tun, den Konitzer nicht wieder nach der„bverseuchten Groß⸗ stadt Halle“ zurückzulassen. Göpfert hatte seine Behauptungen aus der Luft gegriffen und wurde wegen der gemeinen Handlung mit drei Monaten Gefängnis bestraft.
An unsere Frauen!
Was heißt Politik treiben? Auf die Frage müßt gerade Ihr Antwort haben, denn viele von Euch meinen, ihr Mann braucht keine Politik zu treiben. Das sei nur eine zeitraubende und Geldkosten verursachende überflüssige Beschäf⸗ tigung. Dieser Meinung sind viele Frauen offenbar nur deshalb, weil sie nur eine sehr unklare Empfindung dafür haben, was es heißt, Politik zu treiben.
Politik ist die Tätigkeit, welche auf den Staat, die Gesetzgebung und die Verwaltung Einfluß zu gewinnen sucht. Dieser Einfluß wird deshalb erstrebt, weil von der Art der Gesetze und ihre Handhabung das Wohl des Volkes als Ganzes wie auch der Einzelnen abhängig ist. Heute sind die Gesetze so, daß die Besitzenden in ihrem Besitz geschützt und ge⸗ fördert werden, die Arbeiter aber große Schwierig⸗ keiten finden, ihr Einkommen zu erhöhen.
Soll das zugunsten der besitzlosen Arbeiter besser werden, so müssen die, die unter den schlechten Gesetzen zu leiden haben, sich um die Gesetze und ihre Abänderung kümmern, sie müssen Politik treiben. Das ge⸗ schieht dadurch, daß man die Partet, von der man überzeugt ist, daß ste die richtigen Grundsätze vertritt, möglich st stark macht. Und das kann man dadurch erreichen, daß man ihre Vereine und ihre Presse durch Vermehrung ihrer Mitglieder und Abonnenten so stark wie möglich zu machen sucht. Die Gesetze werden im Sinne der Arbeiter gebessert, wenn in den gesetzgebenden Körperschaften möglichst viele Arbeitervertreter gewählt werden, denn durch Beratung und Abstimmung der Volksvertreter kommen die Gesetze zustande.
Aber auch dadurch schon können die Gesetze verbessert werden, daß die Forderungen nach Verbesserung der Gesetze möglichst laut in der Oeffentlichkeit, in den Versamm⸗ lungen, im Verein wie in der Presse an das Ohr aller Staatsbürger dringen, denn die öffentliche Meinung, d. h. die Meinung aller derer, die sich in der Oeffentlichkeit äußern, ist eine höchst bedeutsame Macht hinstchtlich der Gesetzgebung. Darum muß man dafür sorgen, daß die Meinung, die man für die richtige hält, und von deren Anerkennung das Wohl der Menschheit, insbesondere aber der Arbeiterklasse abhängt, in der Oeffentlichkeit so laut wie möglich erklingt, denn um so eher setzt sie sich durch. Das erreicht man aber dadurch, daß recht viele Versammlungen stattfinden, daß in Vereinen recht viel belehrende Debatte ge⸗ pflogen wird, und daß vor allem aber die Presse, in der die richtige Ansicht vertreten wird, in möglichst vielen Exemplaren ge⸗ lesen wird.
Darum muß jeder Mann Mitglied des sozialdemokratischen Vereins sein. Jeder Staatsbürger und jede Staats- bürgerin müssen es sich angelegen sein lassen, öffentliche Versammlungen zu besuchen, in denen ste sich über die richtigen Ansichten von Gesetzen orientieren, in denen sie mithelfen, die richtigen Anstchten zu verbreiten. Und besonders muß jeder Arbeiter die sozialdemokrattsche Presse abonnieren, damit er den in ihr ge⸗ lehrten Anschauungen zu möglichst wirksamer Verbreitung verhelfe. Eine Zeitung hat, um existieren zu können, eine große Anzahl von Abonnenten nötig. Je leistungsfähiger sie sein will, je mehr Text sie ihren Lesern soll bieten zahl sei um so größer muß ihre Abonnenten⸗ zahl sein.
Wir Sozialdemokraten sind nicht nur für praktische, sondern auch für sehr gerechte Politik. Sie betrifft den Menschen von der Wiege bis zum Grabe. So ver⸗ langen wir, daß sowohl die Kosten für die Ge⸗ burtshilfe wie auch die Beerdigungskosten aus allgemeinen Mitteln bestritten werden. Wir sind der Meinung, daß der ehelose Steuerzahler zu den Kosten für die Geburtshilfen mit her⸗ angezogen werden soll wie die Familie für die Beerdigungskosten, bei der der Todesengel glücklicherweise ein seltener Gast ist. Wir sind für die ausgleichende Gerechtigkeit nicht nur in Worten sondern auch in Taten.
Und wir können noch Hunderte von Bei⸗ spielen vorführen, die Euch zeigen könnten, wie man durch die Gesetzgebung das Los der minder Wohlhabenden bessern könnte.
Aber dann dürft ihr Frauen Eure Männer nicht davon abhalten, Politik zu treiben, im Gegenteil grade Ihr müßt sie erst recht an⸗ treiben, ihre öffentliche Pflicht zu tun. Und Ihr selber müßt mithelfen, fleißig die Arbeiterpresse lesen, auch die ernsten Artikel, nicht nur das Vermischte und Lokale, sondern gerade auch die ernste Politik. Wenn Ihr Euch einmal hinein⸗ gelesen habt, findet Ihr gerade daran das meiste Gefallen.
Frauen, helft uns, eine bessere Welt zu schaffen! Wofür Ihr Euch begeistert, das hat die Zukunft für sich. Denn Ihr habt die Macht über Eure Kinder, die Kämpfer der Zukunft.
Die Mutter als Erzieherin.
Du sollst konsequent sein!
Du ärgerst dich über dein Kind. Heute hat es schon wieder vergessen, was du ihm gestern gesagt hast. Es soll die Schularbeiten gleich nach dem Vesperbrot machen. Aber als es Abendbrotzeit ist, hat es noch keinen Federstrich getan. Es soll vor dem Schlafengehen die Stiefel putzen. Aber am nächsten Morgen stehst du es in aller Eile über die Stiefel hinweg⸗ pfuschen. Es soll mittags den Tisch decken. Aber als der Vater nach Hause kommt, mußt du dein flatterhaftes Kind erst von der Straße hereinholen. Und dann schiltst du es heftig und im Uebermaß und vergißt doch am selben Nachmittag wieder, dein Kind an die Schul⸗ arbeiten zu erinnern; und du 177 am selben Abend, zu fragen, ob die Stiefel blankgeputzt in der Ecke stehen; und du vergißt am nächsten Mittag, rechtzeitig dein Kind an sein gestriges Versäumnis zu erinnern.
Und darum ist nicht dein Kind allein schuld. Auch du trägst einen Teil der Schuld, den größeren sogar. Die Erzieherin muß 00 sein sein, konsequent bis zur Pedanterie. Es ist kein Zufall, wenn die meisten Lehrer und Lehrerinnen einen pedantischen Zug in ihrem Wesen haben. Der Beruf bringt das mit sich. Der Erzieher, also auch die Mutter, darf sich nicht die Mühe verdrießen lassen, mit gelassener Ruhe und strenger Regelmäßigkeit die Kinder an die Ordnung zu gewöhnen. Wenn du selbst nicht einmal so viel Energie und Konsequenz besitzest, um auf die strikte Innehaltung der von dir selbst aufgestellten Hausgesetze zu achten, wie kannst du dich darüber wundern, wenn dein unerfahrenes, leichtfüßiges Kind darüber hin⸗ weghüpft? Wenn du aber dein Kind von klein
auf mit Konsequenz und freundlicher Unerbitt⸗ lichkeit an die Unterordnung unter die Gesetze gewöhnst, die im Interesse eines geordneten, ruhigen Familienlebens notwendig sind, so hast du Freude daran und dein Kind mit dir. Du brauchst dich nicht über Vergeßlichkeit bei deinem Kinde zu ärgern, und dein Kind empfindet seine kleinen Pflichten nicht mit mürrischer Miene als täglich erneute Lasten und Strafen, sondern als gern geübte selbstverständliche Notwendig⸗ keiten.(h. sch. in der Gleichheit.)
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G 55 MAnterhaltungs Cril.
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2 Erntesegen.
Des Sommers Pracht in nun dahingegangen, Schon schimmert bunt das vordem grüne Caub, Noch kurze Frist, dann sehen wir mit Bangen; Die ganze Schönheit wird der Stürme Raub! Doch froh schau' auf der Ernte reichen Segen, Er ruht geborgen für die harte Seit, Und nicht der Trübsinn soll dein Herz bewegen, Denn alle Schönheit ist Vergänglichkeit! 5 Nur wenn du keinen Frühling hast genossen, Nur wenn kein Sommersonnenschein dir geglüht, Von all den Blüten und den tausend Rosen Dir keine einz'ge Blume hat geblüht— Nur wenn dein Erntesegen gänzlich ausgeblieben, Vor trüber Zukunft du mußt bangend steh'n, Und Vot dich schreckt und alle deine Lieben, Dann darfst du seufzend in die Sukunft seh'n. Doch sollst du nicht die Mutter Erde hassen, Als ob sie weniger dich Armen liebt— Nein, selber sollst du nach dem Rechte fassen, Das dir einst nur ein festes Wollen gibt. Durch festes Wollen wirst du dir's erzwingen, Daß auch für dich die Ernte einst bereit, Den reichsten Segen wirst du dir erringen, Nicht darbend auf der Seite steh'n wie heut. An dir ist es, zu säen edlen Samen In allen Herzen wie in fruchtbar Feld— Dann bist du länger nicht ohn Ernt' und Namen Und dir gehört die ganze weite Welt!
Frida Pritzlaff.
In der Zwickmühle.
Erzählung von R. Schweichel. Schluß.)
Betäubt stand Ruprecht vor der Tür. Er ging nach der„Sonne“, aber auf einem Um⸗ wege, um sich erst zu fassen. Wie, wenn auch dort inzwischen sein Himmel eingestürzt war? Er hatte es der Geliebten überlassen müssen, daß sie zuerst mit der Mutter redete. Sie hatte ihr auch noch an demselben Abend das süße Geheimnis vertraut.„Nu ja, so hat's kommen müssen,“ war Alles, was die Mutter zunächst mit großer Ruhe geäußert hatte. Dann hatte sie schwer geseufzt, hatte Anna, die ihr schmeichelnd um den Hals gefallen war, von sich fortge⸗ schoben und gefragt:„Jetzt, Du Unglückswurm, was soll denn daraus werden? Heiraten kannst Du doch den Schulmeister nicht; der hat ja für sich allein nur so viel, daß er just nicht verhungert. Wenn er noch irgend was Recht⸗ schaffenes gelernt hätte, aber blos Kinder unter⸗ richten...“ Und am folgeuden Morgen hatte sie denselben Faden weiter gesponnen. Das arme Annerl hatte gegen die vernünftigen Vor⸗ stellungen der Mutter nichts in die Wagschale zu werfen als seine Liebe. Die wog gar zu leicht, und so begrüßte Ruprecht Greiner ein trübselig Gesichtlein; grollend empfing ihn die Mutter. Sie hätte ja gegen ihn nichts; aber er sollte sich was schimen. Da ihn der Pastor nicht als Schwiegersohn kriegen könnte, so könnte er Gift darauf nehmen, daß der geistliche Herr nicht eher ruhen würde, als bis er ihn aus seiner Stelle weggebissen hätte.„Nein, knechten laß ich mich von ihm nicht,“ rief er, sich hoch⸗ aufrichtend, und das Annerl warf sich mit frohem Stolz an seine Brust.
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