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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 42.
Amt führen mit Gerechtigkeit und Un⸗ parteilichkeit, nur die Sache, nicht die Person ansehen. Ich will die großen Aufgaben unserer Stadt richtig zu erkennen und mit Energie auszuführen suchen, will die Wege, die mein großer und hochverehrter Amts vor⸗ gäuger, Herr Oberbürgermeister Dr. Gaßner, auf allen Gebieten geebnet hat, weiter verfolgen, insbesondere auf dem Gebiete der Sozialpolitik, will die entwickelungs⸗ werten Kräfte unserer Stadt wecken und zur Entfaltung bringen.“— Nun, wenn diese Ver⸗ sprechen gehalten werden, dann haben die Mainzer keinen schlechten Griff getan.
Gießener Angelegenheiten.
— Verläumder. Im Bieß. Anz. vom 9. Oktober ist über den Streik in der Berliner Elekrizitätswerken zu lesen:„Sehr bedauerlich ist, daß sich Streikende zu schweren Vergehen hinreißen lassen. Die Kabelleitungen im„Ber⸗ liner Theater“ sind vorsätzlich durchschnitten worden. Ebenso wurde ein Flugapparat be⸗ schädigt, sodaß ein Schauspieler bei der General⸗ probe abstürzte, ohne sich jedoch zu verletzen. Die Täter sind noch nicht ermittelt.“ Die Täter sind noch nicht ermittelt, der Anzeiger weiß aber, daß es streikende Arbeiter sind. Das Blatt sollte wenigstens nicht gar so ungeschickt schwindeln.
— Landtags⸗Kuddelmuddel⸗Kandidat. Am Sonntag hat in Gießen eine Vertrauensmänner⸗ versammlung stattgefunden, die sich mit der Aufstellung des Kandidaten für den Landkreis Gießen beschäftigte und, wie der Anzeiger berichtete, stark besucht gewesen sein soll. Herr Leun wurde als Kandidat aller Bürgerlichen proklamiert, nachdem er erklärt hatte, „für Einführung des direkten Wahlrechts ent⸗ schieden eintreten zu wollen.“— So, so! Da hat sich ja Herr Leun zu anderer Ansicht bekehrt! Ist es aber seine wirkliche Ueberzeugung, was er der Ver⸗ trauensmänner⸗Versammlung erklärte? Bekanntlich stimmte er im Landtage gegen das direkte Wahlrecht und vor wenigen Wochen sagte er in Steinberg, daß er sich den„Luxus“ erlaubt habe, so zu stimmen.
Wir meinen, wer ein solches Verhalten in so wich⸗ tigen Fragen zeigt, dem kann ein vorsichtiger Wähler doch kein Vertrauen entgegen bringen. Im holden Vereine geben der Gieß. Anz. wie auch das Hirschelblatt in Friedberg den Segen zu dem Kuddelmuddel. Letzteres tut es folgendermaßen:
„... Ein Mann, dem das Wohl des Landkreises ... höher steht, wie einseitige Parteipolitik, während sein Gegner lediglich eingefleischter Parteifana⸗ tiker ist. Herr Leun gilt deshalb als Kandidat aller Nichtsozialdemokraten, die für dieses Mal alles Tren⸗ nende unberücksichtigt lassen.“
Also keine einseitige Parteipolitik! Wie oft hat das Antisemitenblatt gegen die Unparteilichkeit gewettert! Wirklich, es spottet seiner selbst und weiß nicht wie! Den auch im Landkreise vorhandenen freisinnigen Wählern wird zugemutet, für einen aus gemachten Rückschrittler einzutreten. Sie werden es auch tun, wie die verflossenen Reichstagswahlen gelehrt haben. Unsere Parteifreunde müssen daher umso eifriger arbeiten, wenn sie den Sieg an ihre Fahne heften wollen.
— Former wurden dieser Tage im„An⸗ zeiger“ nach Gevelsberg in Westfalen gesucht. Vom Metallarbeiterverband werden wir ersucht mitzuteilen, aß dort genügend Arbeitskräfte am Platze sind, auch wären die Löhne keines⸗ wegs hoch. Man locke nur Leute dorthin, um sie als Preisdrücker zu gebrauchen. Alle Former seien deshalb gewarnt, Arbeitsgebote nach Gevelsberg anzunehmen.
— Stiftungsfest der„Eintracht“. Nächsten Samstag den 21. Oktober findet im Saale des Café Leib das 33. Stiftungsfest unseres Arheitergesangvereins statt. Der Verein, der stets bereit ist, die Festlichkeiten der Gewerk⸗ schaften und Partei durch seine anerkennens⸗ werten Leistungen verschönern zu helfen, darf wohl auf zahlreichen Besuch von Seiten der Parteifreunde rechnen.
Aus dem Rreise gießen.
r. Auf der Wilson'schen Ziegelei in Großenlinden scheinen in Bezug auf die Arbeits⸗ verhältuisse recht schlimme Zustände zu herrschen. Es wird dort fast nur im Akkord gearbeitet und dieses Lohnsystem treibt die„schönsten“ Blüten. Wenn näm⸗ lich die Arbeiter sich aufs äußerste anstrengen und da⸗ bei ein paar Pfennige mehr als den Durchschuitts⸗
Tagelohn verdienten, so reduzierte der Betriebsleiter
Brohms die Löhne sofort um etwa 10 Prozent, wohl weil er fürchtete, daß die Arbeiter zu fett würden. Und dieses Manöver wiederholte sich mehrmals. Arbeitern, die dagegen Verwahrung einlegten, wurde einfach mit Entlassung gedroht und eine Anzahl zog es auch vor, dieses Paradies zu verlassen. Als sie aber ihren ver⸗ dienten Lohn haben wollten, erwiderte ihnen der Be⸗ triebsleiter, sie sollten bis zum Zahltage warten. Mehreren wurde der rückständige Lohn überhaupt ver⸗ weigert. Bei dieser Gelegenheit machte sich wieder der Mangel eines Gewerbegerichts für den Kreis Gießen recht fühlbar. Wird ein Arbeiter entlassen, so ist ihm der verdiente Lohn sof ort auszuzahlen, er hat nicht nötig seinen sauer verdienten Groschen so und sovielmal nachzulaufen. In diesem Betrieb giebts auch sonst noch zahlreiche Mißstände anderer Art. So ist noch nicht einmal ein ordentlicher Eßraum vorhanden; nur in einer Ecke ist durch ein paar Bretter ein nicht heizbarer Verschlag hergestellt, wo im Winter und bei naßkalter Witterung der Aufenthalt fast unmöglich ist. Hier sollte die Fabrikinspektion mal nach dem Rechten sehen; die Arbeiter aber sollten sich bemühen durch An⸗ schluß an die Organisation menschenwürdige Zustän de zu schaffen.
— Versammlung in Heuchel⸗ heim. Sonntag Abend 8 Uhr findet im Lokale Karl Steinmüller eine öffentliche Parteiver⸗ sammlung statt, in welcher Genosse Vetters⸗ Gießen über den Jenaer Parteitag sprechen wird. Die Parteigenossen wollen recht zahlreich er⸗ scheinen und auch ihre Frauen mitbringen.
— Wieseck. Eine Parteiversamm⸗ lung findet diesen Samstag, 14 Oktober im Lokale des Gambrinns bei Wacker statt. Gen. Vetters⸗Gießen wird über den Jenaer Parteitag sprechen. Alle Parteigenossen wollen recht zahlreich erscheinen und auch ihre Bekannten mitbringen. Frauen haben ebenfalls Zutritt und sind willkommen.
Aus dem Nreise Wetzlar.
Herr Franz Behrens, der für Wetzlar in Aus sicht genommene stöckerische Reichstagskandidat, trat bekanntlich auch in Essen bei der Nachwahl als Kandidat auf. Er schnitt erbärmlich ab, brachte trotz maßloser Agitation nur ganze 2194 Stimmen auf. Seine Auf⸗ stellung hatte eingestandenermaßen den Zweck, den National⸗ liberalen Stimmen abzusplittern und so zu verhindern, daß deren Kandidat in die Stichwahl käme. Dies war immerhin nicht ganz ausgeschlossen, und wenn der sonst allgemein beliebte Rechtsanwalt Niemeyer mit dem Zentrum in die Stichwahl kam, so wäre wahr⸗ scheinlich das Zentrum unterlegen. Für diesen, ihm geleisteten Dienst hat das Zentrum Herrn Behrens das Mandat Wetzlar⸗Altenkirch en versprochen. Wir können also zur nächsten Reichstagswahl erleben, daß die Agitation gegen unsere Partei ziemlich ruppig betrieben werden wird, denn was Behrens in dieser Beziehung im Essener Kreise geleistet hat, läßt die stärksten Dinge erwarten. Mit welchen Mitteln der Stöckerjünger arbeitete, geht aus einer Notiz der Berg⸗ arbeiter⸗Zeitung hervor, welche in ihrer vorletzten Nummec schrieb:
„Herr Franz Behrens hat in öffentlichen Wahlversammlungen gesagt, der alte er band habe 95000 Mark von den gesammelten Streikgeldern an die russischen strei⸗ kenden Arbeiter oder„Revolutionäre“, wie sich der„General“⸗Sekretär geschmackvoll ausdrückte, geschickt. Das ist einfach eine ganz gemeine Lüge, die sich Monsieur Behrens entweder aus den Fingern gesogen hat, um sie im Wahlkampf für seine„christliche“ Kan⸗ didatur auszunützen, und dann erklären wir ihn als einen stinkenden Verleumder, andernfalls hat sich Monsieur Behrens diesen Bären aufbinden lassen, den er nun in Versammlungen losläßt, und dann rangiert er unter Waschweiber, wie man vulgär diese Schwätzer nennt. Es find, wie die Quittung im„Vor⸗ wärts“ auswies, 5000 Mark von den Bergarbeitern ganz Deutschlands an die Streikenden nach Rußland geschickt worden, und diese 5000 Mk. find so gesammelt
und nicht der Streikkasse entnommen. Behrens scheint
es aber uur darum zu tun zu sein, seinen Gegner nach echt Brust'scher Methode zu verleumden, denn mit ehr⸗ lichen Waffen kann er nicht kämpfen, und solches Pack nennt sich auch noch— gristlich.“
Nun, wir können ja Herrn Behrens hierorts zur Genüge. In einer Wetzlarer Versammlung bezeichnete er einmal die Sozialdemokraten als— Läuse und so lausig wird er wohl auch seine Agitation in Essen betrieben haben.
Eine weitere Nummer der Bergarbeiterzeitung teilt berichtigend mit, daß nicht Behrens, sondern Lic. Mum m in der obengeschilderten Weise in der Ver⸗ sammlung von Abführung von Streikgeldern an die russischen Streilenden geredet. Behrens gestand aber in der neulichen Sitzung der Siebenerkommission ein,
daß er aus dem Parteitagsbericht„entnommen“ habe, daß 20 000 Mk. für die Bergleute gesammelte Streik⸗ gelder nach Rußland geschickt worden seien. Er ist also doch der Urheber der niederträchtigen Wahllüge. Tatsächlich find uur solche Gelder für die Russen ge⸗ geben worden, die nach Schluß der Sammlung für die Bergarbeiter bei dem Parteivorstand eingingen und deren Spender diese Verwendung ausdrücklich billigten. +Amtsmüde. Der Stadtverordnete Seminardirektor Vorbrodt legt sein Amt als Stadtvater nieder. Er ist erst vor kurzem als Kandidat aller Bürgerlichen gewählt worden, hat aber offenbar an der Arbeit für das Ge⸗ meinwesen nicht viel Geschmack gefunden.
h. Die vier Metzger, welche am 8. August vom Schöffengericht wegen Vergehens gegen das Nahrungs mittelgesetz zu 100 Mk. Geldstrafe verurteilt wurden, hatten gegen das Urteil Berufung eingelegt. Alle bis auf den Angeklagten Weinrich hatten die Berufung zu⸗ rückgezogen. Dieser behauptete in der Straf⸗ kammerverhandlung am Mittwoch, daß die be⸗ schlagnahmte verdorbene Wurst zur Vernichtung bei Seite gelegt war. Seine Berufung wurde jedoch verworfen und das Urteil in Höhe von 100 Mark aufrecht erhalten.
h. Herr Regie rungsassessor Rotberg vom Landratsamt verläßt Wetzlar und wird nach Lüneburg versetzt. Der Anzeiger verkündet der Welt diese Nachricht und fügt hinzu, daß sie allseitig mit Bedauern auf⸗ genommen würde. Was uns betrifft, so können wir den Schmerz ertragen. Herr Rotberg ver⸗ suchte stch nämlich auch in der Sozialistenbe⸗ kämpfung und weil es anders nicht ging, durch die unschöne Art der Lokalabtreiberei. Verschiedenen Wirten, die uns ihren Saalzur Ver⸗ sammlung hergegeben hatten, erlaubte er sich Vorhaltungen zu machen. Was hat sich ein Beamter darum zu kümmern. Das ist eine ganz ungehörige Einmischung und es ist nur bedauerlich, daß sich die Betreffenden solche Bevormundung nicht ganz energisch verbeten haben. Die Sozialdemotratie wird in ihrem Vorwärtsschreiten durch solche Mittelchen nicht aufgehalten, das wird Herr Rotberg auch noch einsehen.
h. Volksvorlesung. Die Lesever⸗ einigung veranstanltet nächsten Montag, den 1—5 Oktober abends ihren ersten Vortrag. Herr Prof. Dr. Wünsch⸗Gießen wird über das Thema:„Zur Entstehung des Aberglaubens“ sprechen. Der Vortrag findet im„Schützen⸗ garten“ statt und beginnt punkt 8 ¾ Uhr. Die Eintrittskarte kostet abends an der Kasse 30 Pfg., im Vorverkauf 20 Pfg.
k. Die Gemeindew ahl in Krofdorf findet am 26. Oktober statt. Von Seiten der Ordnungsleute, der Pfarrer⸗ und Schul meister⸗ Clique werden gewaltige[Anstrengungen ge⸗ macht, damit kein weiterer Arbelterbertreter gewählt werden soll. Dabei befindet stch in Krofdorf die Arbeiterschaft in der Mehrheit! Unsere Genossen müssen daher tüchtig auf dem Posten sein! Mittwoch vor acht Tagen fand eine Versammlung statt, in der Gen. Zlelowski⸗ Frankfurt a. M. über die Gemeindepolttik sprach. Seine Ausführungen wurden beifällig aufge⸗ nommen.
Bergherren⸗„Wohltätigkeit“. Aus Oberscheld wird berichtet:
„In der vorigen Woche wurde den Bergleuten der Frank schen Elsenwerke eine unerwartete Freude zu Teil. Jeder Bergmann, dem im Laufe des Jahres ein Kind geboren ist, erhielt eine Unterstützung, deren Höhe sich nach der Zeit der Arbeit auf dem Frank' schen Betriebe richtet. Einzelne erhielten über 20 Mk. Das Interesse der Werkleitung an den häuslichen und Familienver⸗ hältnissen der Arbeiter hat allgemein wohlgetan.“
Ja, wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen. In Wirklichkeit werden solche Almosen meist zu dem Zwecke gegeben, dle Arbeiter von berechtigten Forderungen abzuhalten. Und es ist sehr wahrscheinlich, daß sich die Grubenherren etwas freigebiger zeigen, seitdem sie merken, daß die Bergleute bemüht sind, ihre Lage durch Anschluß an die Organisation zu verbessern. Und wie notwendig das ist, dafür haben wir in unserm Blatte schon zahl⸗ reiche Beispiele gebracht. Zum Ueberfluß können wir gleich noc) eines anführen, das die letzte Nummer der Bergarbeiterzeitung bringt. Von der Grube Ottilie bei Braunfels wird dem Blatte mitzeteilt, daß dort einigen
Bergleuten in drei Monaten jedem 30 Mark nicht


