Ausgabe 
15.10.1905
 
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Nr. 42.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

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Seite 3.

Hessische Bauarbeiterschuk⸗ Konferenz.

Am Sonntag vor acht Tagen fand in Offenbach eine Bauarbeiterschutz⸗Konferenz statt, die von 78 Dele⸗ girten aus 30 hessischen Orten besucht war. Zweck derselben war, Mittel und Wege ausfindig zu machen, die geeignet sind, den im Baugewerbe herrschenden Mißständen abzuhelfen, durch welche Unfälle in großer und zunehmender Zahl verursacht werden.

Krunser⸗Frankfurt hielt über die in dieser Be⸗ ziehung gestellten Forderungen der Bauarbeiter ein eingehendes und vorzügliches Referat. Die von Jahr zu Jahr steigende Unfallziffer im Baugewerbe, bemerkte er, zwinge die Arbeiter Stellung zu nehmen und den Regierungen das Gewissen zu schärfen. Mit den Arbeiterschutzbestimmungen sind die Bauberufe am kärglichsten bedacht worden, bis in die 80 er Jahre hinein fehlte es überhaupt an diesbezüglichen Be⸗ stimmungen. Auch das neue Unfallversicherungsgesetz hat nicht vermocht, die Zustände zu bessern, weil es den Berufsgenossenschaften überlassen ist, Schutzbestimmungen zu erlassen oder nicht, es also in die Hände der inte⸗ ressierten Unternehmer gegeben ist, ob für die Arbeiter etwas geschieht, ist ein unerträglicher Zustand geschaffen. In einem Zeitraume von 10 Jahren, von 1894 bis 1904, sind zirka eine halbe Million Unfälle vorgekommen, davon waren 116 000 entschädigungspflichtige, also schwerer Natur. 11623 Tode zeitigten die Unfälle und insgesamt blieben 22827 Hinterbliebene Frauen und Kinder zu unterstützen. Rechnen wir für unsern Saisonberuf 220 Arbeitstage im Jahr, so entfielen 223 Unfälle, darunter 5 tötliche, auf jeden Tag! Und diese Ziffern steigen noch. Damit muß auf⸗ geräumt werden. Wir wollen nicht länger schutzlos unsere gesunden Knochen zu Markte tragen.

Als eine Hauptursache der Unfälle ist der in Blüte stehende Bausch windel anzusehen. Die Kapitalisten suchen sich Strohmänner zu ihren Bauunternehmungen, diese suchen dann durch Verwendung schlechten Bau⸗ materials, durch Druck auf die Arbeitslöhne und wo ihnen das durch starke Gewerkschaftsorganisationen zurück⸗ geschlagen wird, durch Einführung eines Antreibersystems, das zum intensivsten Arbeiten führt, die Bauten mög⸗ lichst billig hoch zu treiben. Die Ersparnisse an dem, was dem Schutze der Arbeiter dient, liegen am nächsten und so erklären sich die ungeheuer hohen Unfallziffern. Das gleiche tritt ein, wo Behörden Bauarbeiten auf dem Submisstonswege vergeben. Und die billigen Unternehmer suchen dann zum Nachteil der Arbeiter unter Umgehung oftmals der primitivsten Schutzvor⸗ richtungen auf ihre Rechnung zu kommen. Deshalb fordern wir Beseltigung des Submisstonswesens und Ausführung der staatlichen oder kommunalen Bauarbeiten in eigener Regie. Beinahe ein Drittel der Bau⸗ arbeiter könnten auf diese Weise unter besseren Be⸗ dingungen für Leben und Gesundheit beschäftigt werden.

Wenn wir uns die Art der Unfälle betrachten, so finden wir, daß zwei Drlitel ohne weiteres auf den Mangel an Schutzvorrichtungen zurückzuführen sind. Es sind jene Fälle, die entstanden durch Absturz, Zusammen⸗ bruch und Herabfallen von Gegenständen. Die Ver⸗ dächtigungen der Bauarbeiter als Schnapsbrüder oder leichtsinnige Menschen sind entschteden zurückzuwelsen. Es ist festgestellt worden, daß auf 200 Unfälle nur 1 dem Leichtsinn der Arbeiter zur Last zu legen ist und erst auf 400 Unfälle kommt einer den die Trunken⸗ heit verschuldet. Die übergroße Mehrzahl aller Unfälle müssen den Unternehmern zur Last gelegt werden. Die Schutzvorrichtungen zeigen sich als wirkungslos, ohne beständige scharfe Kontrolle. Als Kontrol⸗ leure verlangen wir praktisch tätig gewesene Bauarbeiter, die von den Arbeitern gewählt sind und deren Vertrauen besitzen.

Wir verlangen nun, daß der Bauarbeiterschutz reichsgesetzlich geregelt wird. Von den meisten Gemeindevertretungen haben wir nichts zu erwarten, reaktionäre Wahlsysteme schließen die Arbeiter von den Stadtparlamenten aus, die Hausagrarier und Bau⸗ spekulanten dominieren. In den Landtagen sitzen gleich⸗ jalls die Arbeiterfeinde. Im hessischen Landtag wurde eine Petition der Bauarbeiter der Regierung als Material überwiesen und dann hat man nichts mehr gehört. Die sympatische Stellung des Ministerialdirektor s Braun zu den Forderungen der Bauarbeiter weckt keinen Toten auf, schafft die Krüppel nicht aus der Welt. Warum wird denn die Sympathie in Worten nicht in Taten umgesetzt? Die Bauarbeiter müssen sich regen, und endlich muß ihnen ein Schutz werden, wie ihn andere Arbeiterkategorien bereits besitzen, und wie er im Interesse der Menschlichkeit, der Kultur gelegen ist.

Nach dem mit lebhaftem Beifalle aufgenommenen Referat sprach der Vorsitzende des Dachdecker Verbandes, Gen. Diehl⸗Frankfurt über denB auarbeiterschutz der Gegenwart. Er betonte in seiner Rede, daß die Gewerkschaften neben den materiellen Forderungen sich die Pflege einer wirksamen Sozialpolitik in Gemeinde und Staat angelegen sein lassen müßten. Und dazu sei die Stärkung der politischen Organisationen

nötig. Eine lebhafte und ausglebige Diskusston folgte den beiden Referaten und schließlich wurde eine Resolution angenommen, in welcher gegen die Nachlässigkeit der Behörden auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes protestlert und gefordert wird:

Eine energische Bekämpfung des überhandnehmenden Bauschwindels;

Schaffung von Gesetzen, die eine Kontrolle sowohl der Pläne, als auch der Bauausführungen durch technisch durchaus durchgebildete Beamte vorsehen. Den Beamten sind praktisch geschulte Bauhandwerker zur Kontrolle der zu treffenden Bauarbeiter schutzvorrichtun gen beizugeben.

Diese Kontrolleure aus Arbeiterkreisen sind staat⸗ licherseits anzustellen und zu besolden und von den Arbeitern nach dem Modus des Gewerbegerichtswahl⸗ gesetzes zu wählen.

Ferner tunlichste Beseitigung der Vergabe der Bauarbeiten in Submission und Uebernahme der Bauaus führungen in eigene Regie. Die ortsüblichen oder tariflich festgelegten Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen haben als Mindestsatz zu gelten.

Schließlich bedauert die Konferenz, daß bis jetzt die hessische Regierung ihr gegebenes Versprechen bezüglich des Bauarbeiterschutzes nicht erfüllt hat und fordert von neuem die Regierung auf, in anbetracht der hohen Unfallziffern im Baugewerbe eine Reform der Unfall⸗ verhütungsvorschriften vorzunehmen und zur baupolizei⸗ lichen Ueberwachung praktisch geschulte Arbeiter zu⸗ zuziehen.

Man beschloß ferner, in den Städten Darmstadt, Mainz, Offenbach, Gießen und Worms Arbeiter⸗ schutzkommissionen zu errichten. Je ein Delegierter aus diesen Kommissionen soll in eine Zentralkommission, die in Darmstadt ihren Sitz haben soll, entsandt werden.

Soziales, Gewerkschaftliches.

Der Kampf in der elektrischen In⸗ dustrie in Berlin dauert noch fort und, wie die Sachen jetzt stehen, werden an diesem Samstag noch weitere 20000 Arbeiter vom Metall⸗Industriellen⸗Verbande auf die Straße geworfen. Die bürgerlichen Blätter Berlins stellen sich fast ohne Ausnahme auf die Seite der Unternehmer und hetzen und schimpfen in rüdester Weise auf die Arbeiter und die Sozial⸗ demokratie, die doch mit dem Streik nicht das Mindeste zu tun hat. Es ist eben überall die unehrliche und gemeine Kampfesweise der kapi⸗ talistischen Soldschreiber! Welche Zustände! Eine Handvoll ungeheuer reiche Leute, die aus der Arbeitskraft ihrer Arbeiter alljährlich Tonnen Goldes erpressen, verweigern einigen hundert Arbeitern eine kleine Lohnerhöhung, die bei den Riesenprofiten jener gar nicht ins Gewicht fiele. Weil aber die Arbeiter nicht sofort zu Kreuze kriechen, werden Zehntausende anderer Arbeiter zum Hungern verurteilt! Man muß wissen: Die Direktion der Allgemeinen Elektrizitäts- Gesellschaft erhielt im Geschäftsjahr 1903-04 eine Tantieme von rund 900 000 Mark! Hier⸗ von hat der Generaldirektor Rathenan allein erhalten zirka 400 000 Mark! Im ganzen bezieht er jährlich knapp gerechnet zirka 750000 Mark! Bei solchem Lohn braucht er allerdings nicht zu streiken!

Wieder eine Aussperrung haben die Unternehmer in der vogtländischen Sticker et⸗ In dustrie über ihre Arbeiter verhängt. Dies⸗ mal sind es die Schiffchenmaschinenbesitzer, die höhere Löhne beanspruchten und auf ihren Forderungen beharren. Der größte Teil der vogtländischen Fabrikanten hat aber die Forde⸗ rungen abgelehnt und in einer außerordent⸗ lichen Versammlung am Sonntag die Schließung sämtlicher Schiffchenstickmaschinenbetriebe zum 28. Oktober und die Kündigung sämtlicher Arbeiter zum nächsten Samstag beschlossen. In Betracht kommen etwa 5000 Arbeiter.

Christlicher Arbeiterverrat. Die Rheinische Zeitung, unser Parteiorgan in Kölnveröffentlichte folgendes Dokument zentrums⸗ christlicher Schmach:

Köln, den 18. September 1905.

Werter Kollege! Es wurde mir mitgeteilt, daß Du eventl. geneigt seiest, hier in Köln als Maschinenschreiner in Arbeit zu treten. In verschiedenen Werkstätten werden hier tüchtige Maschinenschreiner gesucht. Der Lohn beträgt 1 55.50. Am besten ist es, Du wendest Dich an den Arbeits nachweis unseres Verbandes, Köln, Palm⸗ straße 14, wo Dir sofort Arbeit angewiesen wird. Be⸗ kannt wird Dir sein, daß sich hier der sozialdemokratische Verband im Streik befindet. Da aber der Streik ohne

unsere Zustimmung inszeniert wurde, haben wir keine Veranlassung, denselben mitzumachen, vielmehr sehen wir denselben als für uns nicht existierend an. Auf diesbezgl. Antwort wartend, zeichnet mit frdl, Gruß für den christl. Holzarbeiterverband, Zahlstelle Köln Wilh. Heinmüller, Adr. Palmstr. Nr. 14.

Dieser Brief ist von unschätzbarem Wert für die Geschichte des Kölner christlichen Arbeiter⸗ verrats. Er dreht allen Lügen, mit denen die Streikbruchführer ihre feige Tat zu beschönigen versucht haben, den Hals ab. In dem Briefe ist es mit nackten Worten urkundli hald 15 daß der Kölner Arbeiterverrat nur deshalb be. gangen wurde, weil der Deutsche Holzarbeiter⸗ verband mit seinen mehr als anderthalbtausend Stimmen sich nicht dem Willen der 135 christ⸗ lichen Mitglieder fügte, die gegen den Streik gestimmt haben. Und das nennt sich Ar⸗ beiterorganisation!

Von Nah und Lern. Hessisches.

Die Zweite Kammer tritt nächsten Donnerstag, den 19. Oktober zu einer Tagung zusammen, jedenfalls der letzten dieses Landtags. Auf der Tagesordnung stehen eine Reihe kleinere Vorlagen sowie Rückäußerungen der Ersten Kammer. Der Schluß des Landtages soll am 25. Oktober erfolgen, worauf die Neuwahlen alsbald ausgeschrieben werden dürften.

Ein neuer Justizminister in, Hessen. Schon vor längerer Zeit war in der Presse von dem baldigen Rücktritt des, Justizministers Dittmar die Rede. Das ist jetzt Tatsache geworden; am Mittwoch teilte dieDarmst. Zig. amtlich mit, daß Dittmar auf ein Gesuch in den Ruhestand versetzt und an seine Stelle Reichsgerichtsrat Ewald zum Justizminister ernannt worden sei. Ewald ist in Weimar geboren, war Amtsrichter in Worms, dann Staatsanwalt in Darmstadt und Mainz Seit 1896 war er am Reichsgericht in Leipzig. DieFrankf. Ztg. hofft von ihm, daß er im Gegensatz zu Ditkmar im liberalen Geist wirken werde. Na, man wird ja sehen. Das arbei⸗ tende Volk braucht sich keinen großen Hoffnungen hinzugeben. In Bezug auf unsere Rechtspflege bleibt noch immer das Goethe'sche Wort wahr: Es erben sich Gesetz und Rochte wie eine ewige Krankheit fort!

Einkommensteuer in Hessen. Im laufenden Rechnungsjahre gab es in Hessen nach den Mitteilungen der Zentralstelle für Landes⸗ statistik 321 437 Einkommensteuerpflichtige, die an Einkommensteuer 9 150 427 Mk. zu entrichten haben. Zu der ersten Abteilung, Einkommen über 2600 Mk., gehören 29 431; zu der zweiten, Einkommen unter 2600 Mk., 292006 Steuer⸗ zahler. Von den Steuerzahlern der zweiten Abteilung haben mehr als die Hälfte ein Einkommen unter 900 Mk. In der ersten Abteilung sind die meisten Steuerpflichtigen in der untersten Stufe, die ein Einkommen von 2600 bis 2900 Mk. umfaßt, nämlich 5361 von 29 431. Mehr als 100 000 Mk. Elnkommen haben im ganzen Großherzogtum 97 Pflichtige. Sie haben zusammen 1005 585 Mk. Einkommen⸗ steuer zu zahlen. Von den drei Provinzen bringt Starkenburg 3 903 226, Rheinhessen 3595 265 und Oberhessen 1651935 Mk. Ein⸗ kommensteuer auf. Weniger als 100 000 Mk. an Steuern gehen in folgenden Städten ein: in Rheinhessen in Wörrstadt, in Starken⸗ burg in Beerfelden, Fürth, Höchst und Michel⸗ stadt, in Oberhessen in Alsfeld, Butzbach, Grünberg, Homberg, Hungen, Lauterbach und Schotten. Am unergiebigsten an Steuern ist die Umgebung von Homberg. Die meisten Einkommensteuern zahlt die Stadt Mainz mit 1739021 Mk. Ihm folgt Darmstadt mit 1398 635 Mk.

Zum Bürgermeister von Mainz an Stelle der verstorbenen Oberbürgermeister Gaßner haben die Mainzer Stadtverord⸗ neten am Samstag den bisherigen Beigeord⸗ neten Dr. Göttelmann gewählt. Der Ge⸗ wählte dankte bewegt für das ihm geschenkte Vertrauen und sagte u. a.:Ich will mein