Ausgabe 
15.10.1905
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 42.

Seine Ausführungen wurden nicht nur von der Agrariermehrheit, sondern auch von den Liberalen mit großem Beifall aufgenommen.

Bei der Fortsetzung der Debatte am Frei⸗ tag bestritt der Zentrumsmann Matzinger in einer langen Rede das Vorhandensein einer Fleischnot und sprach sich gegen die Grenz⸗ oͤffnung aus. Ebenso redeten noch verschiedene andere Zentrumsleute und Bauernbündler. Der Liberale Neußdörfer sagte den Zen⸗ trümlern, daß auch solche Stadtvertretungen, in denen das Zentrum regiert, die Oeffnung der Grenze verlangt hätten, wie beispielsweise Bamberg. Er weist ferner den Zentrums⸗ rednern bedeutende Irrtümer in der Behand- lung der Statistik nach. Die deutsche Land wir kschaft war in den letzten Monaten absolut nicht in der Lage, den Fleischbedarf zu decken. Was gedenke die Regierung zu tun, wenn eine weitere Preissteigerung eintritt?

Die Debatte wurde am Montag noch fort⸗

esetzt und zu Ende geführt. Von unserer

Parte sprachen noch Schmitt⸗ München und Rollwagen Ausburg, welche mit triftigen Gründen für Eingreisen der Regierung und Oeffnung der Grenzen eintraten. Segitz widerlegte in seinem Schlußworte die Ein⸗ wendung der Agrarier und beleuchtete die Ver⸗ kehrtheit der ganzen Schutzpolitik, die dem ganzen Volke schwere Nachteile zufüge und schließlich seinen Ruin herbeiführe.

Steigerung der Fleischpreise.

Nach derStatistischen Korrespondenz sind die Fleischpreise in 23 der bedeutendsten deutschen Marktorte seit Januar folgendermaßen gestiegen. Es kostet dort durchschnittlich 1 Kilo Pfennige:

im Januar April Jult August Septbr. Rindfl.(Keule) 142 144 150 155 159 Rindfl.(Bauch) 121 123 121 133 137 Schweinefleish 135 146 157 157 172 Kalbfleisch.. 143 144 152 158 166 Hammelfleisch. 138 140 150 154 156 inl. ger. Speck 155 160 170 179 185 Schweineschmalz 158 164 168 175 178

Danach ist Rindfleisch von der Keule um 17 Pfg., vom Bauch um 18 Pfg., Sch weine⸗ fleisch um 37 Pfg., Kalbfleisch um 23 Pfg., Hammelfleisch um 18 Pfg., Speck um 32 Pfg., Schmalz um 20 Pfg. gestiegen, obgleich die Januarpreise keineswegs niedrig wareu. Wohl⸗ gemerkt, das sind amtliche Zahlen! Und angesichts solcher ungeheuerlicher Preissteigerung wollen agrarische Agitatoren das Vorhandensein eines Notstandes bestreiten!

VomSegen der Kolonien

reden die vor kurzem von dem Ausflug nach Kamerun zurückgekehrten Reichstags⸗Abgeord⸗ neten, die sich diese deutsche Kolonie vom Deck des Wörrmann⸗Dampfers aus beguckten. Sie richteten bei ihrer Ankunft in Hamburg ein Telegramm an den Herzog Albrechtvon Mecklen⸗ burg, in dem sie sagen:

Wir hoffen, daß die Erfahrungen, die wir auf unserer Reise sammeln konnten, für unsere Kolonien und damit für deren Mutterland von Segen sein werden. Wir kehren mit der freudigen Zuversicht aus den deutschen Kolonien zurück, daß diese am Beginn einer glän⸗ zenden Entfaltung stehen.

Die Herren sind so vorsichtig, wenigstens nur den Beginn einer glänzenden Entfaltung zu prophezeien, bemerkt dazu derVorwärts sarkastisch. Wieglänzend sich bisher Kamerun und Togoentfaltet haben, mögen einige Zahlen beweisen. Die deutsche Ein⸗ fuhr nach den beiden Kolonien hatte 1904 einen Gesamtwert von 6,442,000 Mark, die Ausfuhr derselben nach Deutschland von 6,634,000 Mark. Für diesen Handel zahlt das Reich einen Barzuschuß von 5,980,000 Mark. Ein glänzendes Geschäft! Unter der Einfuhr figurleren die Spirituosen mit 2,711,000 Mark beinahe an erster Stelle! Da sich in beiden Kolonien zusammen nur 899 Weiße befinden, ergibt sich, daß die Kultur auch hier hauptsächlich durch Verbreitung der Schnaps⸗ pest betrieben wird!

Sozialpolitische Bildung der Besitzenden.

Ein weißer Rabe ist der Theologe Prof. Dr. Thränendorfs, der in seiner Bro⸗ schüre:Die soziale Frage in Prima, der d Erziehung der gebildeten Stände auf en Mittelschulen das Wort redet; er schreibt unter anderem:

Es ist geradezu erstaunlich, mit welcher Naibität man sich in den Kreisen des höheren Beamtentums und der Geldaristokratie zum Christentum bekennt, ohne für sein soztales Verhalten auch nur die geringsten Folgerungen daraus zu ziehen. Nackter Egoismus und offenes Be⸗ kenntnis zu dessen Grundsätzen vertragen sich in diesen Kreisen so gut mit kirchlicher Rechtgläubigkeit, daß jeder, der von einer solchen Verträglichkeit nicht ganz über⸗ zeugt ist, für einen verdrehten Kopf und gefährlichen Menschen gehalten wird.

Sehr treffend äußert er sich auch über die Unbildung in sozialen Dingen, die in den Kreisen des höheren Beamtentums, sowie der Gebildeten überhaupt noch erschreckend groß sei und führt als Beispiele an, daß oft akademisch Gebildete, die mit Stolz behaupten, sichviel mit sozialen Dingen beschäftigt zu haben, es fertig bringen, die Unzufriedenheit und Massen⸗ verbitterung des Proletariats auf dieperfide und gewissenlose Hetzerei der Agitatoren zu⸗ rückzuführen, die sich bloß von den berühmten Arbeitergroschen mästen wollen.Kann man mit einem solchen Bildungsvertreter überhaupt noch weiter debattieren? fragt hier Prof. Thränendorfs und fährt fort:Ich verzichte meinerseits wenigstens stets gern auf Fort⸗ setzung des sozialpolitischen Gesprächs, sobald ich solchen Mangel an jeglichem sozialen Ver⸗ ständnis und sozialer Bildung spüre. Denn was ist da zu wollen! Es fehlen einfach alle Voraussetzungen des sozialen Denkens.

Bankrott des Antisemitismus.

Ein antisemitischer sogenannterParteitag wurde anfangs der Woche in Leipzig ab⸗ gehalten. Natürlich hinter verschlossenen Türen; die Herren haben auch jedenfalls alle Ursache ihre Beratungen vor der Oeffentlichkeit zu ver⸗ bergen, denn sie haben wirklichnichts zu prangen. Der Bankrott in jeder Beziehung kann aber auch bei den Liebermännern(denn diese waren in Leipzig zusammen) nur mit Mühe verschleiert werden.

Ueber die im Anschluß an den anutisemitischen Parteitag veranstalteteFestversammlung berichtet unser Leipziger Parteiblatt: Kaum 150 Personen waren es, die sich in dem großen Saale eingefunden hatten, trotzdem auch für diese Veranstaltung nach recht antisemitischer Gepflogenheit mit allen Mitteln der Reklame gearbeitet und auf das Auftreten ihres großen Häuptlings aufmerksam gemacht worden war. Und wer waren die Zuhörer? Rund 70 Prozent junge Leute, die tagsüber hinter dem Ladentisch arbeiten, und der Rest bestand aus einigen indifferenten Kleinkrämern. In der Tat, das Gefühl des Mitleids beschlich einen bei dem Anblick jammervollen antisemitischen Aktion! Der antisemitische Abgeordnete Raab, der als erster Redner] auftrat, schien denn auch wenig erbaut zu sein von der ganzen Situation und er stimmte ein gar bewegliches Klagelied an über den politischen Stumpfsinn und Indifferentis⸗ mus des Mittelstandes. Heil, Heil! erscholl es durch den weiten leeren Raum, als Herr Liebermann v. Sonnenberg die Redner⸗ tribüne betrat, um über Ausländer und Aus⸗ länderei im Deutschen Reiche zu reden. Als Ausländer bezeichnete Liebermann v. Sonnen⸗ berg natürlich in erster Linie die Juden, die er von allen Aemtern und akademischen Berufen ausgeschlossen haben will. Ferner machte er seine Zuhörer vor dergelben Gefahr gehörig gruselig und brach für das Moskowitertum eine mächtige Lanze. Große Sorge hat Herr Liebermann auch darum, daß die deutschen Fürstenkronen schließlich auf Ausländer über⸗ gehen könnten; um das zu vermeiden, verlangte er mit großer Emphase ein Reviston des Fürsten⸗

rechts! Heil, heil! erscholl es von neuem, und die Komödie war zu Ende.

Ein Antisemitrich.

Vor dem Landgerichte in Dresden wurde dieser Tage ein Aufsehen erregender 5158 zu Ende geführt. Der ehemalige

trektor der Dresdener Allgemeinen Ver⸗ sicherungsanstalt, Lehleitner, hatte sich wegen Untreue zu verantworten. Lehleitner hatte eine recht bewegte Vergangenheit hinter sich, doch gelang es ihm, als er Ende der neunziger Jahre nach Dresden kam, hier bald Oberwasser zu gewinnen. Das wurde ihm um so leichter, als er sich als strammer Antisemit dem Reformerverein anschloß und in ihn wenn er dies jetzt auch in Abrede zu stellen versuchte bald eine führende Rolle übernahm. Eine Zeitlang wohnte der Direktor in Königsbrück, wo er eine prächtige Villa mit großem Wald⸗ park besaß. Das Geld hierzu hat er, wenigstens zum Teil, aus der ihm anvertrauten Genossen⸗ schaftskasse entnommen und dadurch eine ganze Anzahl kleiner Leute geschädigt. Daß die Ber⸗ untreuungen einen derartigen Umfang zirka 170000 Mk. annehmen konnten, ber⸗ schulden zum größten Teil die Au fsichts rate, die sämtlich intime Parteigenossen des An⸗ geklagten waren. Der Prozeß förderte eine Reihe Schmutzereien zu Tage, u. a. hat Leh⸗ leitner an Mitglieder des Aufsichtsrats Dar⸗ lehen gegeben und zwar aus Mitteln der Ver⸗ stcherungsanstalt, wodurch sich jene Herren natürlich von L. abhängig machten und nicht wagten, dessen Maßnahmen entgegenzutreten. In der Gesellschaft herrschte die tollste Wirt- schaft. Der Staatsanwalt bezeichnete in seinem Plädoyer den Angeklagten als einen skrupellosen Direktor. Lehleitner, der einer Partet an⸗ gehöre, die im Stadtverordnetensaale die Herrschaft führe und in Dresden viel Lärm schlage, habe nur in seinem eigenen Interesse gehandelt, nicht aber im Interesse der Anstalt. Das Urteil lautete auf 1 Jahr 8 Monate Gefängnis, 2000 Mk. Geldbuße und 3 Jahre Ehrenrechtsverlust.

Revolution in Rußland.

In Moskau kam es am Sonntag Nacht auf dem Twerskol⸗Platz bei einer Versamm⸗ lung zu einem blutigen Zusammenstoß mit den Truppen. Aus der Menge wurden Revolver⸗ schüsse abgefeuert. Zu Tausenden durchzog die Arbeiterschaft die Hauptstraßen. Bei einer Bäckerei auf der Twerskoistraße kam es zu einem blutigen Zusammenstoß. Die Bäcker warfen vom Dache Ziegelsteine auf die Kosaken. Diese feuerten; 8 Bürger wurden g etötet, 2 verwundet, 1 Kosak getötet. Viele Polizei und Privatpersonen wurden verletzt.

Ueber diese Vorgänge am Sonntag, die in Petersburg viel Aufsehen erregen, machten Berliner Blätter noch eingehendere Mitteilungen. Danach kam es zu einer regelrechten Schlacht zwischen den Truppen und den streikenden Arbeitern. Auf der einen Seite kämpften gegen zehntausend Streikende, auf der andern Seite ein Bataillon Infanterie. Das Militär gab wiederholt Salven ab, viele Per⸗ sonen wurden getötet, darunter Frauen und Kinder. Eine noch größere Anzahl wurde schwer verwundet. Die Zahl der Getöteten wird annähernd auf fünfzig geschätzt, die Zahl der Verwundeten auf 600. Mehrere hundert Personen wurden verhaftet. In dem Arbeiterviertel Moskaus kämpften Frauen in den vordersten Reihen. Die Frauen be⸗ nutzten Stöcke und Schirme als Waffen, wurden aber von den Kosaken niedergesäbelt.

Montag dauerten die Unruhenfort; an diesem Tage wurde ein plötzlicher Angriff auf das Palais des General⸗Gouverneurs gemacht. Doch wurde dieser Angriff von den Truppen zurückgeschlagen, wobei zehn Streikende fielen. In der Umgegend vou Riga soll, wie die Voss. Ztg. mitteilt, ein Schießplatz ent⸗ deckt worden sein, auf dem von Anhängern des revolutionären Komitees regelmäßige Schieß⸗ übungen veranstaltet wurden.

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