Ausgabe 
15.10.1905
 
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Gießen, den 15. Oktober 1905.

12. Jahrgang.

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zu neuem Kampf,

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Bei mindestens

Bist Du Sozialdemokrat?

Wer von unseren Lesern dürfte diese Ge⸗ sinnungsfrage nicht mit einem kräftigen über⸗ zeugten J a beantworten, wenn sie ihm draußen im Leben von einem Freunde oder Kollegen forschend gestellt wird? Fast keiner. Deshalb läßt er sich ja das Arbeiterblatt ins Haus kommen, deshalb verfolgt er in ihm die Kämpfe, Leiden und Freuden seiner Klassenge⸗ nossen, weil er sich im kiefsten Herzen hingezogen fühlt in die Reihen derer, die für das Volkes Recht und Freiheit streiten. Die Arbeiterzeitung ist ihm der Freund geworden, bei dem er Mut Aufklärung in seinen Zweifeln, Anregungen zu weiterem Lernen und Denken findet, der ihn über das Fortschreiten

des Klassenkampfes täglich unterrichtet und die

Angriffe der Gegner mit Wucht und Begeiste⸗ rung abschlägt. Wer so in ständiger Ver⸗ bindung mit den politischen und wirtschaftlichen Kämpfen des Proletariats gehalten wird, der fühlt des einigende Band der Gleichgesinnten auch um sich gezogen, der bekennt sich offen und gern als Sozialdemokrat!

Doch kann das allein genügen? Ergibt sich aus der bejahenden Antwort auf die erste Frage nicht die weitere: Hast Du auch Deine

Pflicht als Sozialdemokrat ge⸗

tan? Es genügt ja nicht allein das Bewußt⸗ sein sozialdemokratischer Gesinnung mit sich herumzutragen, die Ueberzeugung von der Wahr⸗ heit unserer Lehren im eigenen Busen zu hegen: ein echter Sozialdemokrat tut mehr, er begnügt sich damit nicht! Er wird versuchen, die Er⸗ kenntnis, die sich ihm aufdrängte, den anderen mitzuteilen, mit denen er im Leben in Be⸗ rührung tritt, er wird die Ideen ausbreiten, und so ihrer Verwirklichung näher zu führen suchen. Das kann gewiß von jedem Einzelnen geschehen, wollen wir unsere Propaganda aber im großen Maßstabe betreiben, wollen wir den Kampf gegen den noch in hunderttausend Köpfen nistenden Unverstand mit einiger Aussicht auf Erfolg aufnehmen, so gehört dazu das Mittel der politischen Organisation. Nur vereint sind wir in der Lage, gegen Ausbeutung, Verdummung und Vermuckerung den wuchtigen Angriff zu führen.

Der Parteitag in Jena hat im neuen Parteistatut dieser Tatsache verschärften Ausdruck gegeben, er hat als bindende Pflicht für jeden wirklichen Parteige⸗ nossen die Mitgliedschaft beim sozialdemokratischen Verein ver⸗ langt. Eigentlich sollte das schon immer selbst⸗ verständlich sein. Wie wäre die Partei denn überhaupt imstande, durch Hunderttausende von Flugblättern die Massen aufzuklären, wie könnte ste Versammlungen in großen und kleinen

Orten abhalten, Redner herbeiziehen, schwere

Wahlkämpfe organisieren, ihre Vertreter im Reichstage unterhalten, wenn nicht ein Stamm von überzeugten Sozialdemokraten seine finan⸗ ziellen Mittel in den Vereinskassen ansammelte und durch praktische Mitarbeit die ganze Agi⸗ tation erst möglich machte? Die Sozialdemo⸗ kratie hat eine große, täglich wachsende Auf⸗ gabe zu erfüllen, wenn sie das Interesse des

ganzen werktätigen Volkes wahrnehmen soll gegenüber dem Unternehmer, gegenüber dem Staat. Sie soll auf allen Gebieten in der Schule, im Heer, bei der Recht⸗ sprechung die Wünsche des Volkes vertreten, soll in den Stadtverwaltungen wie in den Reichs⸗ und Landesparlamenten für die arbeitende, minderbemittelte Bevölkerung eintreten, soll das Volk für die Ideen der neuen Zeit empfänglich machen, alles das kann gg schehen durch die politische Organi⸗

nur ge 1 Auf⸗ f Spa sie all die zugewiesenen? uf 0 in zuftitdenftellender Weise erfüllen,

dann gehört daz die Mitarbeit 92 sich zu unseren Ansichten bekennen. 5

Die Heersäulen, die unter der roten Wahne gegen Verdummung und Vermuckerung, gegen Knechtschaft und Unterdrückung kämpfen, müfsen immer größer, immer zahlreicher, immer ge⸗ schlossener werden! Denn immer energischer, immer verzweifelter, immer rücksichtsloser werden die Feinde des Volkes. Bald unter der Maske der Arbeiterfreundlichkeit, bald unter brutaler Offenheit suchen sie unsere schmalen Rechte aus der Hand zu winden oder zu verkümmern, und es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, wenn ste sich auch ans Wahl- und Vereinsrecht wagen. Solchen Attentaten müssen wir eben⸗ falls gerüstet gegenüber stehen, in zweifacher Weise gewappnet: durch die Zahl der Streiter und durch den mutigen Geist, der in ihnen lebt! Es gilt nicht nur die Reihen zu stärken, sondern die Genossen auch zu erfüllen mit klarer Ueber⸗ zeugungstreue und opferwilliger Energie. Dies aber kann nur in unserer politischen Organi⸗ sation, im sozialdemokratischen Verein geschehen, in dem die Gleichgesinnten sich schulen und ihr Wissen erweitern können, wo die Kämpfer her⸗ angebildet werden sollen! Deshalb darf leiner, der eine Besserung der heutigen Zustände will, der mit uns die durch den Kapitalismus geübte wirtschaftliche Ausbeutung, die politische Unter⸗ drückung der Volksmehrheit beseitigen will, fern bleiben, sondern er muß in die Reihen der Kämpfer eintreten! Viele von denen, die bei diesem Kampfe am meisten interessiert sind, haben es bisher versäumt. An sie ergeht des⸗ halb unser Mahnruf: Werdet Mitglieder des Sozial demokratischen Wahlvereins! 2

Diese Mahnung müssen anugesichts der bevor⸗ stehenden Landtagswahlen besonders unsere hessischen Genossen beherzigen. Die Gegner sind bereits lebhaft au der Arbeit. Sie alle haben sich gegen die Arbeiterschaft ver⸗ einigt, der sie eine Vertretung im Landtage vorenthalten wollen. Und wenn unsere Genossen, wenn die Arbeiterschaft sich nicht energisch rührt, so kann sie es zum Beispiel im Gießener Land⸗ kreise erleben, daß, trotzdem die sozialdemokra⸗ tischen Wähler in der Mehrheit sind, ein Gegner der rückständigen Sorte wieder als Vertreter in den Landtag einzieht! Darum auf zur Arbeit! Tue jeder seine Schuldigkeit! Es gilt die Wahrung Eurer Interessen, es handett, sich um die Sache des arbeitenden Volkes!

Politische Rundschau.

Gießen, den 12. Oktober 1905

Zur Fleischnot.

leischnot⸗Debatte im bayrischen Meg Landtage.

Am Donnerstage voriger Woche kam im bayrischen Landtage, der seine Sitzungen vor kurzem wieder eröffnet hat, die Interpellation der sozialdemokratischen Fraktion wegen der Fleischnot zur Verhandlung. Genosse Segitz begründete die Interpellation und fragte die Regierung, ob sie zur Abwehr des durch die hohen Fleischpreise hervorgerufenen Notstandes

etwas tun wolle. Er ging mit großer Schärfe Je ihre bisherige Haltung vor. Wenn den

egen N rbeitern für das Steigen der verschiedenen

Lebensmittelpren ein Ausgleich gegeben werden

2

solle, müsse man ihnen mindestens 35 Proze Lohnerhöhungen gewähren. Wie man aber dem Verlangen nach Lohnerhöhung begegne, zeige zurzeit die Aussperrung in Berlin. Wenn ein Minister gesagt habe, daß sich die Löhne der Arbeiter um 100 Prozent erhöht hätten, so be⸗ weise das, wie sehr unsere Minister dem Volks⸗ leben und besonders den Arbeitsverhältnissen entfremdet seien. Redner führte weiter aus, daß, wenn eine Arbeiterfamilie, ein Quantum Fleisch beanspruche, wie es für Soldaten fest⸗ gesetzt ist(die kriegsstarke Ratton beträgt/ Pfund Fleisch) mit der Maßgabe, daß man für die Frau zwei Drittel und jedes Kind ein Drittel des für den Mann erforderlichen Fleisches in Rechnung stellt, dann würde diese Familie jährlich 730 Mk. allein für Fleisch auszu⸗ geben haben. Das sind für die meisten Arbeiter mehr als zwei Drittel des Arbeits- verdienstes! Segitz kam weiter auf diewitzigen Bemerkungen des Ministers Podbielski auf der landwirtschaftlichen Versammlung im Kaiserhof in Berlin zu sprechen. Dort hatte Podbielski den Vorschlag des Vorwärts, die Stadt Berlin möge 110,000 Schweine mästen

um dem Notstande in Berlin abzuhelfen, ver⸗ höhnt und gesagt, er hätte gar nichts dagegen, und wenn die Stadtgemeinde dies nicht tun wolle, so könnte es der sozialdemokratische Par- teivorstand tun, er würde dem Herrn Singer die Ferkel dazuf liefern.Ich halte es geradezu für eine historische Pflicht, festzustellen,

wie deutsche Minister über die

Notlage des Volkes spotten, wie ste mit dem Volke Schindlu der treiben. Nebenbei gesagt: wenn der sozial⸗

demokratische Parteivorstand Schweiaezucht treiben würde, von der Firma Podbielski würde

er die Ferkel wirklich nicht beziehen. Der Ge⸗

schäftsführer der Firma ist schon wegen Milch⸗

fälschung bestraft worden, sodaß er hin⸗

reichend verdächtig erscheint, auch schlechte Fleisch⸗

waren zu liefern und ein ehrlicher Geschäfts⸗

mann wird mit einer so anrüchigen Firma auf

keinen Fall Geschäfte machen.

Der Minister beantwortete die Inter⸗ pellation und gab, wie nicht anders zu er⸗ warten war, die Erklärung ab, daß mit Rück⸗

stcht auf die angebliche Seuchengefahr an eine Oeffnung der Grenzen nicht zu denken sei.