Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
„ Anterhaltungs-Teil.
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Die Worte des Glaubens. Von Friedrich Schiller.
Drei Worte nenn' ich Euch inhaltschwer,
Sie gehen von Munde zu Munde,
Doch stammen sie nicht von außen her;
Das Herz nur gibt davon Kunde.
Dem Menschen ist aller Wert geraubt,
Wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt. Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei Und würd' er in Ketten geboren,
Laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei, Vicht den Mißbrauch rasender Toren!
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, Vor dem freien Menschen erzittert nicht!
Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall, Der Mensch kann sie üben im Leben,
And sollt er auch straucheln überall,
Er kann nach der göttlichen streben,
Und was kein Verstand der Verständigen sieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.
Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt, Wie auch der menschliche wanke;
Hoch über der Seit und dem Raume webt Lebendig der höchste Gedanke,
Und ob alles in ewigem Wechsel kreist,
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist. Die drei Worte bewahret euch, inhaltschwer, Sie pflanzet von Munde zu Munde,
Und stammen sie gleich nicht von außen her, Euer Innres gibt davon Kunde.
Dem Menschen ist nimmer sein Wert geraubt, Solang er noch an die drei Worte glaubt.
Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte von Friedrich Schiller.
In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapttel unterrichtender für Herz und Geist, als die Annalen seiner Verirrungen. Bei jedem großen Verbrechen war eine verhältnismäßig große Kraft in Bewegung. Wenn sich das geheime Spiel der Begehrungskraft bet dem matteren Licht gewöhnlicher Affekte versteckt, so wird es im Zustand gewaltsamer Leidenschaft desto hervorspringender, kolossalischer, lauter; der feinere Menschenforscher, welcher weiß, wie viel man auf die Mechanik der gewöhnlichen Willensfreiheit eigentlich rechnen darf, und wie weit es erlaubt ist, analogisch zu schließen, wird manche Erfahrung aus diesem Gebiete in seine Seelenlehre herübertragen und für das sittliche Leben verarbeiten.
Es ist etwas so einförmiges und doch wieder so Zusammengesetztes, das menschliche Herz. Eine und eben dieselbe Fertigkeit oder Begierde kann in tausendenlei Formen und Richtungen spielen, kann tausend widersprechende Phäno⸗ mene bewirken, kann in tausend Charakteren anders gemischter scheinen, und tausend ungleiche Charaktere und Handlungen können wieder aus einerlei Neigung gesponnen sein, wenn auch der Mensch, von welchem die Rede ist, nichts weniger denn eine solche Verwandschaft ahnet. Stünde einmal, wie für die übrigen Reiche der Natur, auch für das Menscheugeschlecht ein Linnäus auf, welcher nach Trieben und Neigungen klassi⸗ fizierte, wie sehr würde man erstaunen, wenn man so manchen, dessen Laster in einer engen bürgerlichen Sphäre und in der schmalen Um⸗ zäunung der Gesetze jetzt ersticken muß mit dem 189 9 5 Borgia in einer Ordnung beisammen fände!
Von dieser Seite betrachtet, läßt sich Manches gegen die gewöhnliche Behandlung der Geschichte einwenden, und hier, vermute ich, liegt auch die Schwierigkeit, warum das Studium derselben für das bürgerliche Leben noch immer so fruchtlos geblieben. Zwischen der heftigen Gemütsbe⸗ wegung des handelnden Menschen und der ruhigen Stimmung des Lesers, welchem diese Handlung vorgelegt wird, herrscht ein so widriger
Kontrast, liegt ein so breiter Zwischenraum, daß es dem Letzteren schwer, ja unmöglich wird, einen Zusammenhang nur zu ahnen. Es bleibt eine Lücke zwischen dem historischen Subjekt und den Leser, die alle Möglichkeit einer Vergleichung oder Anwendung abschneidet und statt jenes heilsamen Schreckens, der die stolze Gesundheit warnet, ein Kopfschütteln der Befremdung er⸗ weckt. Wir sehen den Unglücklichen, der doch in eben der Stunde, wo er die Tat beging, so wie in der, wo er dafür büßet, Mensch war, wie wir, für ein Geschöpf fremder Gattung an, dessen Blut anders umläuft, als das unsrige; seine Schicksale rühren uns wenig, denn Rührung gründet sich ja nur auf ein dunkles Bewußtsein ähnlicher Gefahr, und wir sind weit entfernt, eine solche Aehnlichkeit auch nur zu träumen. Die Belehrung geht mit der Beziehung verloren, und die Geschichte, anstatt eine Schule der Bil⸗ dung zu sein, muß sich mit einem armseligen Verdienste um unsere Neugier begnügen. Soll stie uns mehr sein und ihren großen Endzweck erreichen, so muß sie notwendig unter diesen beiden Methoden wählen— entweder der Leser muß warm werden, wie der Held, oder der Held, wie der Leser, erkalten. f
Ich weiß, daß von den besten Geschichts⸗ schreibern neuerer Zeit und des Altertums manche sich an die erste Methode gehalten und das Herz ihres Lesers durch hinreißenden Vor⸗
trag bestochen haben. Aber diese Manter ist eine
Usurpation des Schriftstellers und beleidigt die republikanische Freiheit des lesenden Publikums, dem es zukömmt, selbst zu Gericht zu sitzen; sie ist zugleich eine Verletzung der Grenzen⸗Ge⸗ rechtigkeit, denn diese Methode gehört aus⸗ schließend und eigentümlich dem Redner und Dichter. Dem Geschichtschreiber bleibt nur die letztere übrig.
Der Held muß kalt werden, wie der Leser, oder, was hier ebenso viel sagt, wir müssen mit ihm bekaunt werden, eh er handelt; wir müssen ihn seine Handlung nicht bloß vollbringen, sondern auch wollen sehen. An seinen Gedanken liegt uns unendlich mehr, als an seinen Taten, und noch weit mehr an den Quellen dieser Ge⸗ danken, als an den Folgen jener Taten. Man hat das Erdreich des Vesuvs untersucht, sich die Entstehung seines Brandes zu erklären; warum schenkt man einer moralischen Erscheinung weniger Aufmerksamkeit als einer physischen? Warum achtet man nicht in eben dem Grade auf die Beschaffenheit und Stellung der Dinge, welche einen solchen Menschen umgaben, bis der ge⸗ sammelte Zunder in seinem Inwendigen Feuer fing? Den Träumer, der das Wunderbare liebt, reizt eben das Seltsame und Abenteuerliche einer solchen Erscheinung; der Freund der Wahr⸗ heit sucht eine Mutter zu diesen verlorenen Kindern. Er sucht sie in der unveränderlichen Struktur der menschlichen Seele und in den veränderlichen Bedingungen, welche sie von außen bestimmten, und in diesen beiden findet er ste gewiß. Ihn überrascht es nun nicht mehr, in dem nämlichen Beete, wo sonst überall heilsame Kräuter blühen, auch den giftigen Schierling gedeihen zu sehen, Weisheit und Torheit, Laster und Tugend in einer Wiege beisammen zu finden.
Wenn ich auch keinen der Vorteile hier in Anschlag bringe, welche die Seelenkunde aus einer solchen Behandlungsart der Geschichte zieht, so behält sie schon allein darum den Vorzug, weil sie den grausamen Hohn und die stolze Sicherheit ausrottet, womit gemeiniglich die ungeprüfte, aufrechtstehende Tugend auf die gefallene herunterblickt; weil sie den sanften Geist der Duldung verbreitet, ohne welchen kein Flüchtling zurückkehrt, keine Aussöhnung des Gesetzes mit seinem Beleidiger stattfindet, kein angestecktes Glied der Gesellschaft von dem gänzlichen Brande gerettet wird.
Ob der Verbrecher, von dem ich jetzt sprechen werde, auch noch ein Recht gehabt hätte, an jenen Geist der Duldung zu appellieren? Ob er wirklich ohne Rettung für den Körper des Staates verloren war?— Ich will dem Aus⸗ spruch des Lesers nicht vorgreifen. Unsere Ge⸗ lindigkeit fruchtet ihm nichts mehr, denn er starb durch des Henkers Hand— aber die Leichenöffnung seines Lasters unterrichtet viel⸗
leicht die Menschheit und— es ist möglich au die Gerechtigkeit.
Christian Wolf war der Sohn eines Gast⸗ wirts in einer... schen Landstadt(deren Namen man aus Gründen, die sich in der Folge auf- klären, verschweigen muß) und half seiner Mutter, denn der Vater war todt, bis in sein zwanzigstes Jahr die Wirtschaft besorgen. Die Wirtschaft war schlecht, und Wolf hatte müßige Stunden. Schon von der Schule her war er für einen losen Buben bekannt. Erwachsene Mädchen führten Klagen über seine Frechheit, und die Jungen des Städtchens huldigten seinem erfinde⸗ rischen Kopfe. Die Natur hatte seinen Körper verabsäumt. Eine kleine unscheinbare Figur, krauses Haar von einer unangenehmen Schwärze, eine plattgedrückte Nase und eine geschwollene Oberlippe, welche noch überdies durch den Schlag eines Pferdes aus ihrer Richtung gewichen war, gaben seinem Anblick eine Widrigkeit, welche alle Weiber vor ihm zurückscheuchte und dm Witz seiner Kameraden eine reichliche Nahrung 1 darbot. 1
Er wollte ertrotzen was ihm verweigert war; weil er mißfiel, setzte er sich vor, zu gefallen. Er war sinnlich, und beredete sich, daß er liebe. Das Mädchen, das er wählte, mißhandelte ihn; er hatte Ursache zu fürchten, daß seine Neben⸗ buhler glücklicher wären; doch das Mädchen war arm. Ein Herz, das seinen Beteuerungen ver⸗ schlossen blieb, öffnete sich vielleicht seinen Ge⸗ schenken; aber ihn selbst drückte Mangel, und der eitle Versuch, seine Außenseite geltend zu* machen, verschlang noch das Wenige, was er. durch eine schlechte Wirtschaft erwarb. Zu be⸗ quem und zu unwissend, seinem zerütteten Haus⸗ wesen durch Spekulation aufzuhelfen; zu stolz, auch zu weichlich, den Herrn, der er bisher ge⸗ wesen war, mit dem Bauer zu vertauschen und seiner angebeteten Freiheit zu entsagen, sah er nur einen Ausweg vor sich— den Tausende vor ihm und nach ihm mit besserm Glücke er⸗ griffen haben— den Ausweg honnet zu stehlen. Seine Vaterstadt grenzte an eine landesherrliche Waldung, er wurde Wilddieb, und der Ertrag seines Raubes wanderte treulich in die Hände seiner Geliebten.
(Fortsetzung folgt.)
Schiller worte.
Das Volk. Die Seele blutet mir um euer Volk; Ich leide mit ihm, denn ich muß es lieben, Das so bescheiden ist und doch voll Kraft; Es zieht mein ganzes Herz zu ihm mich hin; Mit jedem Tage lern' ich's mehr verehren.
*
Das Volk versteht sich besser auf sein Glück; Kein Schein verführt sein stcheres Gefühl. *
Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst!„Und warum keine?“ Aus Religion.
* 1 „Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihnen, zu wohnen. ö Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.“
** 4 Allmächtig ist das Gold, auch Mohren kann es bleichen. * 8 Im engen Kreis verengert sich der Sinn, 1 Es wächst der Mensch mit seinen größ'ren 1 Zwecken.
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Die Geistlichkeit war von jeher eine Stütze der königlichen Macht. Ihre goldene Zeit fiel immer in die Gefangenschaft des menschlichen Geistes, und wie jene sehen wir sie vom Blöd⸗ N sinn und von der Sinnlichkeit ernten. Der 4 bürgerliche Druck macht die Religion notwendiger und teurer; blinde Ergebung in Tyrannenge⸗ walt bereitet die Gemüter zu einem blinden, bequemen Glauben, und mit Wucher erstattet 15 Despotismus die Hierarchie seine Dienste wieder. 1
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