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Nr. 20.
Mittel deutsche Sonutags⸗Zeitung.
Seite 5.
schuß aus Verhältniswahl mit gebundener Liste hervorgehen sollte, und fordert nunmehr paritätische Vertretung der Arbeltnehmer im Tarifaus⸗ schusse, weil die Christlichen sonst keinen Kandidaten durchbringen würden. Soweit die Vorgeschichte. Am 15. April legten nun die Mit⸗ glieder des Allgemeinen deulschen Gärtner⸗Vereins die Arbeit in den Geschäften nieder, wo der torifmäßige Lohn von 18 Mark nicht gezahst wurde. Dies wurde den christlichen Verbänden mitgeteilt, die durch den Arbeils⸗ nachweis eines Gastwirtes, den sie nominell decken, Streikbrecher zu stellen drohten, und zwar wurde diese Drohung von Behrens selbst in seinem Blatte aus⸗ gesprochen. Die christlichen Herren haben denn auch in der Tat ihren Arbeitsnachweis in Berlen dozu benutzt, um die Streikbrecher za stellen.
Um allen die Krone aufzusetzen, begab sich Herr Franz Behrens in die Arbeitgeber ⸗Versammlung am 18. April und machte den Herren verständlich, daß sie auf keinen Fall den Tarif nur arf ein Jahr ab- schließen dürften, da sie dann im nächsten Jahre wieder von der sozialdemokratischen Gehilfenschaft„belästigt“ werden könnten. So wurde der Tarif mit 18 Mark Minimallohn auf z wei Jahre abgeschlossen und dies be⸗ deutet für Berliner Verhältnisse einen Verrat an der Gehilfenschaft. Behrens, der vor nicht langer Zeit Sekretär des christlichen Bergarbeiter verbandes geworden ist, hat dann bei der Gärtnerbewegung in Berlin noch eine Streikbrecher⸗ Agentur organi⸗ siert! Zu dieser neuen Kraft kann man den Berg⸗ arbeitern gratulieren!
* Ins frühe Grab. Am Sonntag wurde unserer Partei ein eifriger Mitkämpfer, den Krofdorfer Partei⸗ freunden ein aufrichtiger, treuer und sehr intelligenter Genosse durch den Tod entrissen. Der Metallarbeiter Carl Laucht erlag in den frühen Morgenstunden des Sonntags einer Lungenkrankheit, an der er schon längere Zeit danieder lag. Er war erst reichlich 22 Jahre alt, aber trotz seiner Jugend hatte er sich durch fleißiges Studium nicht unbedeutende Kenntnisse auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete erworben und er berechtigte für unsere Bewegung zu den besten Hoffnungen. Durch sein offenes, ehrliches und freundliches Wesen hatte er sich viele Freunde erworben und war überall geachtet und beliebt. Zu seiner Beerdigung am Dienstag hatten sich Leidtragende in großer Anzahl eingefunden; vom Gesangverein„Eintracht“, dessen Mitglied ber Verstorbene war und von der sozialdemokratischen Partei wurden Kränze niedergelegt.— Ehre seinem Andenken!
Verkehrte Gemeindepolitik. Auch jetzt kommt es noch oft vor, daß Gemeinden Grundbesitz an Private veräußern. Das ist unter allen Umständen ein Fehler, denn es muß immer danach gestrebt werden und es liegt im Interesse der Gemeinde, den Besitz der Gemeinde zu vermehren, statt zu vermindern. So beschloß voriges Jahr in Krofdorf der Gemeinderat, die alte Schule, die, weil eine neue gebaut worden war, nicht mehr zu Schulzwecken gebraucht wurde, zu ver⸗ kaufen. Das Gebäude hätte gewiß in anderer Weife im öffentlichen Interesse verwendet werden können. Auch die Aufsichtsbehörde wollte die Ausführung dieses Be⸗ schlusses verhüten, aber trotzdem beharrte der Gemeinde⸗ rat auf seinem Beschlusse, nur Genosse Stock stimmte, wie auch das erste Mal, gegen den Verkauf. Jedenfalls wird durch diesen Beschluß das Gemeinde⸗Interesse nicht gewahrt. Trotzdem hört man hier und da törichte Schwätzer gegen unsern Genossen Stock Vorwürke wegen dieser Sache erheben. Solche Leute sollten ihre Nase etwas tiefer in die Gemeinde⸗Augelegenheiten stecken und sich mit ihren Kritiken an die richtige Stelle, an den Vorsteher wenden.
Westerwasd und Anterlahn.
— Eine christlich⸗soziale Versammlung fand am Samstag in Langenaubach statt. Der Redakteur des Herborner Stöckerblattes hielt einen langen Vortrag, in dem er sich zum großen Teil mit religiösem Gezänke beschäftigte. Genosse Vetters ergriff das Wort, um die Angriffe auf die Sozialdemokratie zurückzuweisen und die angebliche Arbeiterfreundlichkeit zu schildern. Von einer wirklichen Diskussion ist bei den Stöckerleuten nie die Rede; dem Gegner werden immer nur wenige Minuten Redezeit gestattet. Die Mehrheit der schwach besuchten Versammlung bestand aus Anhängern der Christlichen. Ein etwa 18—19 jähriger Mensch schimpfte in gemeiner Weise auf die Sozialdemokratie. Jedenfalls müssen unsere Genossen dort tüchtig arbeiten, um unsere Sache vorwärts zu bringen.
Aus dem. Nreise Marburg⸗Nirchhain. r. Flugblattverbreitung. Sonntag über acht
Tage, am 21. Mai, findet im Wahlkreise Marburg eine allgemeine Flugblattverteilung statt, zu der sich die
Parteigenossen recht zahlreich zur Verfügung stellen
wollen. Die Einteilung der Touren und die Ausgabe der Flugblätter erfolgt am Samstag(20.) abends 9 Uhr
bei Jesberg. Um diese Zeit muß dort das Matecial in
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Empfang genommen werden, damit es am Sonntag früh keinen Aufenthalt mehr gibt. Jetzt, bei diesem herrlichen Frühlingswetter bedeutet eine Flugblatt verteilung für den Verbreiter einen wirklichen Erholungs⸗Ausflug, ein Grund mehr, sich daran zu beteiligen!
O, Ein Unternehmer⸗Verband hat sich in Marburg zusammengetan. Seine Bestrebungen kommen in den„Satzungen“ zum Ausdruck, die in dem Kreis⸗ blatt veröffentlicht werden. Danach ist es Aufgabe des Verbandes:„1. Das Wohl der in den Marburger Betrieben beschäftigten Arbeiter fortgesetzt werk⸗ tätig zu fördern(). 2. Unberechtigte Bestrebungen der Arbeitnehmer, welche darauf gerichtet find, die Ar⸗ beits bedingungen einseitig vorzuschreiben und insbesondere die zu diesem Zweck geplanten oder veranstalt⸗ten Aus⸗ stände gemeinsam abzuwehren und in ihren Folgen un⸗ schädlich zu machen. 3. Andere wirtschaftliche, die ge⸗ meinsamen Interessen berührende Fragen zu beraten und die Anschauungen des Verbandes in geeigneter Weise zur Geltung zu bringen. 4. Anschluß an den Haupt⸗ verband deutscher Arbeitgeber in Berlin. 5. Den Mit⸗ gliedern wird zur Pflicht gemacht, keinem Arbeiter, welcher ordnungswidrig seine Stellung verlassen hat, Anstellung zu gewähren; für die Folge ist bei jeder Entlassung dem Arbeiter eine Entlassungsbescheinigung zu erteilen.“ Also wie jeder sieht, eine Scharfmacher⸗ Organisation nach dem Muster des Kühnemänner⸗Ver⸗ bandes, des Bundes der Berliner Metallindustrieellen. Es ist der reine Hohn, wenn an erster Stelle von der Förderung des„Wohles“ der Arbeiter geredet wird. Wie sich das die Herren denken, geht aus den folgenden Sätzen klar genug hervor. Was„unberechtigte“ Be⸗ strebungen der Arbeiter sind, entscheiden natürlich die durchweg sehr„christlich“ gesinnten Herren Unternehmer selber und sie sehen bekanntlich jede Forderung auf ein paar Pfennige mehr Lohn oder sonstige Besserung der Arbeitsbedingungen als„unberechtigte Bestrebung“ an, wobei sie keinen Unterschied machen werden, ob diese Bestrebungen von christlichen oder sozialdemokratischen Arbeitern ausgehen. Den Marburger Arbeitern sollte das Vorgehen des Unternehmertums aber eine Mahnung sein, alles daran zu setzen, ihre Organisationen zu stärken; unterlassen sie dies, so dürften sie es eines Tages empfindlich zu spüren bekommen.
O Eine Erhöhung der Fleischpreise ver⸗ kündet die hiesige Metzger⸗Innung dem konsumierenden Publikum. Die Fleischpreise haben damit den höchsten Stand erreicht, den sie bis jetzt gehabt haben. Die Arbeiter werdeu noch mehr zur vegetarischen Lebens⸗ weise gezwungen werden.
O Ueber Arbeiter⸗Jubiläen berichteten in letzter Zeit die hiesigen Zeitungen um die Wette. Bald hatte in diesem, bald in jenem Betriebe ein Arbeiter sein 25⸗, 29⸗ oder 32 jähriges Jubiläum gefeiert und dabet von seinem Arbeitgeber eine silberne Uhr oder ein Geldgeschenk erhalten. In den wenigsten Fällen dürfte der Wert des Geschenkes 50 Mk. überschritten haben, bei 25 jähriger Tätigkeit— pro Woche 4 Pfg.! Eine billige Noblesse!
* Unnötige Sorgen machte sich neulich die Marburger nattonalsoziale„Hessische Landeszeitung“ über unsere Parteifinanzen. Sie erzählte, daß auf dem sächsischen Parteitage über die geringe Verbreitung der Parteipresse geklagt worden sei und das sei„bei dem ultraradikalen Charakter der Leipziger Volkszeitung allerdings kein Wunder.“ Das stimmt aber denn doch nicht ganz. Der Bericht des Landesausschusses hob im Gegenteil hervor, daß sich die Parteipresse in Sachsen in erfreulicher Weise entwickelt habe, besonders auch die Leipziger Volkszeitung. Ferner hätte sich Genosse Pfann⸗ kuch„bezeichnendermaßen“ über die Finanzlage der Partei beäußert und gesagt:„Wenn wir unsere großen, gutprosperierenden Parteigeschäfte„JZorwärts“ in Berlin, „Echo“ in Hamburg nicht bälten, dann wäre es zum Teufel mit den Finanzen der Partei bestellt“. Wenn Pfannkuch sich wirklich so ausgesprochen hätte— in den Berichten haben wir davon nichts gelesen— halten wir trotzdem unsere Finanzen nicht für so bedenklich. Gewiß könnten uns einige Hunderttausend Mark mehr in der Kasse nichts schaden, aber vor dem Bankrott stehen wir deswegen noch nicht. Vielleicht wünscht ja die„Hess. L.⸗Ztg.“, daß die deutsche Sozialdemokratie dem Schicksal der total bankrotten nationalsozialen Partei verfiele, damit wird sie aber lange warten können.
Kurz vorher nahm die„H. L.“ ein Zirkular unseres Parteivorstandes, das zu regerem Abonnement auf die „Neue Zeit“ aufforderte, zum Anlaß, die verhältnismäßig gecinge Verbreitung unserer wissenschaftlichen Zeitschrift darauf zurückzuführen, daß„das literarische Klopffechter⸗ tum des Herrn Mehring und der trockene Doktrinaris⸗ mus des Herrn Kautsky, ihr den geistigen Stempel auf⸗ drückten.“ Nun, die„Neue Zeit“ darf sich inhaltlich, wie auch in Bezug auf ihre Verbreitung, sehen lassen. Es gibt wenig Zeitschriften dieser Art, die eine so hohe Auflage haben. Wenn sie im Verhältnis zur Stärte der Partei niedrig genannt werden muß, so liegt das an den geringen Mitteln der Arbeiter und mehr noch
daran, daß ihnen zu wenig Zeit zum Lesen zur
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Verfügung steht. So liegt die Sache in Wirklichkeit. Die Notionalsozialen haben von jeher mit Vorliebe in unsern internen Parteiangelegenheiten herumgeschnüffelt; lassen wir ihnen das Vergnügen auch fernerhin!
Opfer der Arbeit.
In Krefeld erfolgte am 2. Mai in der chemischen Fabrik von Leitholf aus unbekannter Ursache eine Dampfkesselexplosion, bei der zwei Arbeiter getötet wurden und ein dritter schwere Verletzungen erlitt. f
Ein Pfarrer⸗„Verhältnis“.
Die Strafkammer zu Schweinfurt ver⸗ urteilte die 23 Jahre alte Maria Stock aus Würzburg, die unter dem Namen Gräfin b. Greifenstein Hochstapeleien trieb, zu zwei Jahren Gefängnis. Sie hatte einem katholischen Pfarrer unter dem Ver⸗ sprechen, daß er von ihr einst Millionen erben würde, mehrere tausend Mark Stiftungsgelder abgeschwindelt. Die Verhandlung ergab, daß der Pfarrer die Schwindlerin auf der Flucht nach Holland begleitete, und das er in ver⸗ schiedenen Hotels mit ihr genächtigt hatte.
Letzte Nachrichten.
Bergarbeiterschutz. Die sozialdemokratis che Reichstagsfraktion beschloß, baldigst Anträge aus zu⸗ arbeiten und im Reichstage einzubringen, denen die Forderungen des Berliner Bergar eitertages zu Grunde liegen sollen.— Der Reichstag erklärte die Wahl des Abg. Pauli⸗Potsdam(kons.) für ungültig.— Bei einer Gemeinderatswahl in Wien siegte der Sozial⸗ demokrat Schlinger mit 5420 Stimmen über den Christlich⸗Sozialen. f
Partei-Uachrichten.
Eine merkwürdige Stellung hat der Abg. Peus im Landtage für Anhalt in Bezug auf die Um⸗ satzsteuer für Konsumvereine eingenommen. Dieser hat Peus zugestimmt! Also der Mann, der doch sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter für Westhavel⸗ land ist, tritt für eine Steuer ein, die unter allen Um⸗ ständen von der Partei als eine höchst ungerechte ver⸗ worfen wird und die von antisemitischen Mittelständlern als Mittel zur Erdrosselung der Konsumvereine empfohlen wird! Mit Recht wird in der gesamten Parteipresse das Ver⸗ halten des Genossen Peus auf das schärfste geta delt; auch Prof. Staudinger⸗Darmstadt wendet sich in der konsumgenossenschaftlichen Rundschau scharf gegen ihn.
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Versammlungskalender.
Samstag, den 13. Mai.
Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 8 Uhr Versammlung bei Orbig.
Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Wirt Germer. Turnabteilung. Versammlung im Turn⸗
lokale. Ausflug betreffend
Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung im„Gambrinus“ bei Wacker. Wichtige Tagesordnung!
Sonntag, den 14. Mai.
Gießen. Transport⸗ und städtische Arbeiter. Nachmittags ½4 Uhr Versammlung bei Lö b (Wiener Hof),
Kirchhain. Mühlenarbeiter-Versammlung, nachmittags 3 Uhr, im Saale„Zur Post“. Ref. A. Wedermann⸗ Marburg. Alle Kollegen von Gießen, Marburg, Kirchhain, Ziegenhain ꝛc. sind eingeladen.
Mittwoch, den 17. Mai.
Gießen. Gewerkschaftskartell, Abends ½9 Uhr Sitzung bei Orbig.
Montag, den 22. Mai. 5
Marburg. Maler, Weißbinder und Lackierer. Abends 6 Uhr öffentliche Versammlung bei Hil d⸗ mann.
Briefkasten.
N.⸗Schotten. Wenn Sie trotz wiederholter Auf⸗ forderung das Material von Alsfeld nicht erhalten haben, so wenden Sie sich am besten direkt an das Landes- komitee: Joh. Orb, Offenbach, Friedrichstr. 24. Wieseck. Nächste Nummer.* 0
Einsendungen für die nächsten Nummern er⸗ bitten wir möglichst frühzeitig.— Die Auskunfts⸗ stelle unserer Redaktion ist für mündliche Anfragen bis 1. Juni geschlossen. 4.


