Ausgabe 
14.5.1905
 
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Seite 4.

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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 20.

wie die zuerst genannte Familie; für sie würde also das Schweinefleisch⸗Oktroi 37,44 Mark ausmachen.

Mehraus gabe: 12,56 Mark.

Der reichste Mann von Offenbach zahlt zirka 45,000 Mark an Gemeindesteuern. Der Wegfall des Schweinefleisch⸗Oktrois hätte ihm an indirekten Steuern, bemessen wir es reich⸗ lich(wir bewilligen dem Mann fünf Pfund Schweinefleisch⸗Verbrauch pro Tag), etwa 100 Mark pro Jahr gespart. Dagegen wären ihm durch den Zprozentigen Zuschlag auf direkte Steuern rund 1400 Mark mehr abgeknöpft worden. Die Maßnahme des Ministertums hat also für diesen reichsten Mann dieselbe Bedeutung, wie ein direktes jährliches Geschenk von rund 1300 Mark!

Deutlicher kann die Ungerechtigkeit des Oktrois wohl nicht bewiesen werden.

In der Stadtverordueten⸗ Sitzung am Donnerstag verhandelte man u. d. über die Höherlegung des Eisenbahn⸗ dammes der Fuldaer Line in der Gegend des Schiffenbergerweges, die im Interesse größerer

Verkehrssicherheit nötig wäre. Die Eisenbahn⸗

verwaltung verlangt jedoch, daß die Stadt 200000 Mk. dazu beitrage und das wird als zu kostspielig abgelehnt. Weiter werden Ein⸗ gaben der Handeskammer betreffend Bahnbauten im Vogelsberg besprochen. Gegen die von der Regierung vorgesehenen Bahnen, besonders die geplante Linie Ulrichstein⸗Mücke werden keine Einwendungen gemacht, auch nicht gegen die von Alten⸗ und Großen ⸗Buseck und Beuern gewünschte Stichbahn nach Beuern. Mitgeteilt wird noch, daß die Eisenbahnverwaltung 1031 Mark an die Stadt zahle als Ersatz für Wald⸗ brandschaden, der im Stadtwalde durch Loko⸗ motiven angerichtet wurde.

Die Schillerfeier in Gießen hat den programmmäßigen Verlauf genommen. In mehreren Theatervorstellungen wurde von Studenten die Rütli⸗Szene ausTell und Wallensteins Lager aufgeführt. Am Sonntag als Volksvorstellung. Hier in Gießen hätte es sich leicht ermöglichen lassen müssen, bei dieser Gelegenheit durch geeignete Veranstaltungen und Vorträge die sogenanntenunteren Volks⸗ kreise mit den Werken des großen Dichters näher bekannt zu machen. Von solchem Bestreben hat man aher nichts bemerkt. Im Gegenteil war für die erste Theatervorstellung und den Festakt in der TurnhalleGesellschaftsanzug vorgeschrieben, womit gesagt ist, daß man nur bessere Leute zu sehen wünscht. Da hatte der Wahre Jakob recht, wenn er über Spieß⸗ bürgers Schillerfeier dichtete:

Holt den Rock mir aus dem Schranke, wohl gebürstet muß er sein,

Denn ich geh zur Schillerfeier, und das Publikum ist fein.

Aber auch das Militär feierte Schiller. Wie das Amtsblatt mitteilte, hat das hiestge Regi⸗ ment jedem Soldaten eine Broschüre überreicht, worin auf Schillers Schöpfungen, die den Wehrstand, das Soldatenleben und die Vater⸗ landsliebe behandeln, hingewiesen wird. Das ist wirklich nicht übel, Schiller für den Mili⸗ tarismus zu reklamieren! Mit Schillers revo⸗ lutionären Dichtungen wird man die Sol⸗ daten nicht bekannt gemacht haben!

Unser Maifest. Obwohl am Sonntag Nachmittag der Himmel ein wenig vertrauen⸗ erweckendes Gesicht machte und mit Regen drohte, hatte sich zum Waldfeste der Gießener Arbeiter⸗ schaft eine zahlreiche Menschenmenge eingefunden. Glücklicherweise blieb es auch trocken und das Maifest nahm seinen programmmäßigen und durch keinen Mißton gestörten Verlauf. Der Festzug marschierte kurz nach/ 2 Uhr vom Oswaldsgarten ab. Die Teilnehmerzahl am Zuge war ja gewiß nicht gering, aber sie könnte noch größer sein. Die Gewerkschaften müßten es sich zur Pflicht machen, bei solchen Gelegen⸗ heiten möglichst vollzählig auf dem Platze zu sein. Denn weil ein Arbeiter⸗Festzug nicht besonderen Prunk entfalten kann, so muß er mehr mit der Masse seiner Teilnehmer wirken. Uebrigens, wenn man schon einen Zug ver⸗ anstaltet, so könnte es unseres Erachtens nicht

schaden, wenn man ihn mehr als Demonstrations⸗ zug für unsere Forderungen charakteristerte und dementsprechend ausstattete. In welcher Weise das zu geschehen hätte, darüber müßten natür⸗ lich die Gewerkschaften Beratung pflegen. Im Walde hatten sich nach und nach an die zwei⸗ tausend Personen eingefunden, die sich bei Gesang und Tanz einige Stunden Erholung und Freude gönnten. Auf die Bedeutung der Mai⸗ feier wurde vom Genossen Vetters in einer kurzen Ansprache hingewiesen. Mit Eintritt der Dunkelheit machte man sich auf den Heimweg.

Vom Schneiderstreik. Noch immer hat sich die Situation in Bezug auf den nun schon etliche Wochen währenden Kampf im Schneidergewerbe nicht geändert. Auf den 8. Mai hatte der Zentralausschuß des Arbeit⸗ geberverbandes zwar eine General⸗Aus⸗ sperrung angedroht, wenn bis zu diesem Tage in Leipzig, Gießen und Würzburg die Arbeit nicht aufgenommen sei, die Herren haben dies aber klugerweise unterlassen. Das an den Vorstand des Schneiderverbandes gerichtete Schreiben war im Tone eines preußischen Unteroffiziers gehalten. Darin war u. a. ge⸗ sagt: Der Zentralausschuß habe beschlossen, von dem Vorstand des Verbandesdie Wieder⸗ aufnahme der Arbeit in den genannten drei Plätzen bis längstens Montag den 8. Mai zu fordern.

Darauf erfolgte vom Vorstand des Schneider⸗ Verbandes die richtige Antwort:Wir erlauben uns darauf zu erwidern, daß Sie von uns gar nichts zu fordern resp. zu verlangen haben, da wir weder Ihre Untergebenen noch Ihre Angestellten sind, denen Sie etwas zu befehlen haben. Was würden Sie uns wohl antworten, wenn wir von Ihnen fordern würden, Sie sollten Ihre Verbände in Leipzig und Gießen anweisen, die Forderungen der Gehilfen bis zum 8. Mai zu bewilligen, oder aber min⸗ destens mit der Vertretung unsres Verbandes in Unterhandlungen einzutreten? Ferner er⸗ klärte der Vorstand des Verbandes:Wir find aber jederzeit bereit, mit Ihnen oder Ihren Ortsgruppen über die Bedingungen der Wieder⸗ aufnahme der Arbeit in den drei Plätzen zu verhandeln, lehnen jedoch alle andern von Ihnen an uns gestellten unberechtigten Anforderungen ganz entschieden ab.

Auch in Nürnberg kam es zur Arbeits⸗ einstellung, weil von den Arbeitern verlangt wurde, Stteikarbeit zu machen. In Würzburg haben jedoch nach neueren Nachrichten die Firmen die Zusage gegeben, daß organisterte Gehilfen keine Streikarbeit zu machen haben und Maß⸗ regelungen wegen des Streiks nicht eintreten werden und daraufhin wurde dort am Donners⸗ tog die Arbeit wieder aufgenommen.

Eine zeitgemäße Ehrung Schillers zum 100 jährigen Todestage plant, wie wir bereits in der letzten Nummer mitteilten, der Aus schuß zur Sammlung einer Schillerspende für das Rhein⸗ Main⸗Gebiet. Die Schillerspende soll einer planmäßigen Volksbildungsarbeik in Hessen, Nassau, der Pfalz und angrenzenden Gebieten dienstbar gemacht werden; es soll eine beratende und anregende Zentralstelle für das Volksbildungswesen im Geiste Schillers geschaffen und die örtliche Volksbildungsarbeit(Vortragswesen, Volks⸗ bibliotheken, Volks⸗Kunstpflege), namentlich in ärmeren Orten, unterstützt werden. Wer sich an einer solchen Ehrung unseres großen Dichters beteiligen will, wolle seinen Beitrag an Herrn Charles L. Hallgarten in Frankfurt a. M., Neue Mainzerstr. 74, richten. Der Eingang jeder Gabe wird durch Quittung bestätigt. Wir erklären uns ebenfalls zur Annahme und Weiter⸗ beförderung von Beiträgen gerne bereit.

Aus dem Rreise gießen.

Maifeier in Watzeuborn⸗Steinberg. Am Sonntag begingen unsere hiesigen Parteigenossen die Maifeier auf der zwischen unsern beiden Dörfern gelegenen Wiese. Eingeleitet wurde die Feier mit einer von Männern und Frauen ausgezeichnet besuchten Ver⸗ sammlung, in der Genosse Krumm⸗Gießen über die Bedeutung des 1. Mai sprach. Seine sehr ausmerksam verfolgten und mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen gipfelten in den Schlußworten, daß die Arbeiter, um endlich einigermaßen genügenden Arbeiter⸗ schutz, Verkürzung der Arbeitszeit, Schutz der Frauen und Kinder vor übermäßiger Ausbeutung zu erreichen, sich fest in ihren gewerkschaftlichen und poli⸗ tischen Organisationen zusammenschließen müßten. Be⸗

sonders aber müsse für die Verbreitung der Arbeiter⸗ presse gewirkt und die versimpelnden Generalanzeiger und sonstige arbeiterfeindliche Presse aus dem Hause gelassen werden.

Aus dem Rreise Friedherg⸗Büdingen.

X. Die Maifeier in Niederflorstadt. am Sonntag verlief unter großer Beteiligung der Ein⸗ wohner von Niederflorstadt und vieler Genossen von Auswärts auf's prächtigste. Nach einem Gesangsvortrag des Gesangvereins Liederkranz hielt Genosse Busold die Festrede. Für seine vortrefflichen Ausführungen erntete er reichen Beifall. Der Gesangverein Vorwärts⸗Frtedberg und die beiden hiesigen Gesangvereine trugen dann noch verschiedene Lieder vor. Auch den Kindern wurde durch Verabreichung von Fahnen und Bretzeln eine kleine Freude gemacht. 10

aus dem Nereise Alssesd-Cauterbach.

b. Die Maifeier der Alsfelder Arbeiter am Sonntag, die in einem Ausfluge nach Münch⸗Leusel be⸗ stand, nahm einen recht guten und anregenden Verlauf. Auf dem Platze wurden von verschiedenen Genossen An⸗ sprachen gehalten. Terschowitz wies hin auf Ausbeutung. des Volkes durch das Kapital und die daraus sich er⸗ gebende Unfreiheit und Notlage der arbeitenden Bevöl⸗ ferung. Wiegand wies auf die Notwendigkei: der Organisation hin, denn der Einzelne sei machtlos der Willkür des Unternehmertums preisgegeben. Gerade in Alsfeld sei das nötig, wo vielfach die Frauen mit in der Fabrik arbeiten müßten und so oft die Kinder sich selbst überlassen wären. Martin legte die Bedeutung der Maifeier dar und schilderte den Gegensatz zwischen besitzender und nichtbesitzender Klasse. Gen, Leutkäger feierte zum Schluß Schiller als Freiheitskämpfer, dessen Ideale zu verwirklichen die Arbeiterklasse berufen sei. Ein begeistertes Hoch auf die Sozialdemokratie schloß. die Ansprachen, worauf man zum gemütlichen Teile der Feier überging. In, dem Bewußtsein, den Feiertag der Arbeit in schöner und würdiger Weise begangen zu haben, brachen unsere Genossen gegen Abend zur Heimkehr auf.

aus dem Nreise Wetzlar.

h. Die Schillerfeier der Lesevereinigung am vorigen Donnerstag war außerordentlich stark besucht und von dem Dargebotenen war Jedermann befriedigt. VomDeutschen Sprachverein wurde ebenfalls eine Feier veranstaltet. Diese Vereinigung besteht aus Leuten derbesseren Kreise, die Schiller nicht zusammen mit dem gewöhnlichen Volke ehren wollen.

h. Wegen Konkursvergehen hatte sich

am Mittwoch der Handschuhfabrikant und frühere Stadtverordnete Oskar Dietrich zu ver⸗ antworten. Die Anklage legt ihm zur Last, daß er als Vollkaufmann seine Bücher unordentlich geführt und keine Bilanzen gezogen hat. Be⸗ kanntlich wurden durch ihn und den früheren Kassierer des Vorschußvereins Gäns die Mit⸗ glieder dieses Vereins ganz empfindlich ge⸗ schädigt. Die Schulden Dietrichs betragen 320000 Mk. Der Angeklagte wird zu 4 Mo⸗ naten Gefängnis verurteilt, obwohl der Staatsanwalt nur 800 Mk. Geldstrafe bean⸗ tragt hatte. Aus der Verhandlung ging hervor, daß Gäus als Kassierer des Vorschußvereins ungeheuerliche Finanzoperationen und Schteb⸗ ungen gemacht hat und als der Hauptschuldige gelten darf. Beide waren aber sehr angesehene Ordnungsstützen! Herrn Gäns hat der Vor⸗ schußverein verklagt und verlangte von ihm 50000 Mk. Schadenersatz. Trotz der Bemüh⸗ ungen des Landgerichtsdirektors Schmidt in Limburg scheiter ten die Vergleichsverhandlungen. Gäns wollte nur 20 000 Mk. bezahlen. Er hat übrigens den Staub Wetzlars von den Füßen geschüttelt und soll jetzt in Gießen wohnen.

h. Christlich⸗sozialer Muster⸗Arbeiter⸗ vertreter. Wie Herr Behrens der Stöckerjünger und mutmaßlich zukünftiger Reichstags kandidat für den Wahlkreis Wetzlar, Arbeiterinteressen wahrnimmt, dafür brachte kürzlich der Vorwärts einen Beleg. In dem Berichte heißt es über die Tätigkeit dieses Herrn u. a.;

Die Berliner Gärtnergehilfen stehen seit Anfang Februar in einer Tarifbewegung. Es wurde zwischen. den Kommisstonen des Allgemeinen deutschen Gärtner⸗ Vereins und der Handelsgärtnerorgänisation ein Tarif ausgearbeitet, der einen Wochenlohn von 18 Mark be⸗ stimmte, die Errichtung eines paritätischen Arbeits⸗Nach⸗ weises regelte usw. Der Tarif sollte bis 1. April 1906. Giltigkeit haben; es war eine Abwehr des von dem christlichen Verbande des Behrens beabfichtigten Tarifs mit 16.20 Mark: Minimallohn, vepeinbaxt bis zum 1. Juli 1907. Als alles soweit sertig war, erschien Herr Behrens, stieß seine eigenen Abmachungen mit den Arbeitgebern um, nach welchen der Tarifaus⸗

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