Ausgabe 
14.5.1905
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 20. 9

besonders unter den schädlichen und von der Sozialdemokratie vorausgesagten Folgen der Zollpolitik zu leiden hätte.

Fleischteuerung.

Aus den nordbayrischen Städten wird eine empfindliche Steigerung der Fleisch⸗ preise berichtet, die die Städteverwaltung veranlaßt, sich an das Ministerium mit der Bitte zu wenden, es möge die Kommisston, die vor zwei Jahren gelegentlich der Fleischnot ein⸗ gesetzt wurde, um Mittel und Wege zur Ver⸗ sorgung der Städte mit billigem Fleisch zu finden, schleunigst einberufen werden und Stell⸗ ung nehmen. Die Kommission, die schon vor zwei Jahren nicht in der Lage war, etwas Be⸗ merkenswertes in dieser Sache zu tun, wird auch jetzt wenig vermögen. Inzwischen nimmt in den Städten der Konsum guten Fleisches ab, während der minderwertigen Fleisches auffallend steigt. Die Pferdeschlachtungen nehmen zu, auch der Konsum von Hundefleisch bürgert sich hier und da ein. In Erlangen ver⸗ minderte sich die Zahl der Ochsenschlachtungen und stieg die minderer Viehgattungen so auf⸗ fallend, daß das Gemeindekollegium bei der Schlachtverwaltung nach dem Grunde fragte. Diese antwortete, der Rückgang sei zunächst in einer Verminderung des Fleischverbrauchs und diese wiederum in den hohen Fleischpreisen be⸗ gründet, hauptsächlich aber in der Beschränkung der Einfuhr bet ungenügender Versorgung des Fleischmarktes durch die heimische Land wirtschaft. Wie wird das erst werden, wenn sich die Seg⸗ nungen der deutschen Wirtschaftspolitik in vollem Maße bemerkbar machen!

Nutzlose Kolonialpolitik.

Daß dem deutschen Volke die herrlichen Kolonien ungeheuere Summen kosten, die so gut wie weggeworfen sind, ist allgemein bekannt. GewissePatrioten suchen den Leuten aber vorzureden, daß, wenn die Geschichte jetzt auch Geld koste, für später Gewinn zu erwarten sei. Unter der jetzigen Wirtschaft ist dies aber ausgeschlossen. Ein Sach verständiger, der Afrikareisende Fritz Bauer hat sich kürzlich in der Zeitschrift Globus über die deutsche Kolonial⸗ wirtschaft in Kñamerun ausgelassen und er ist dabei zu einer entschiedenen Verurteilung der in Kamerun herrschenden Zustände gekom⸗ men, die eine Folge des jetzigen Verwaltungs⸗ systems und der Kurzsichtigkeit der leitenden Beamten sind. Die Leidtragenden sind dabei die Farmer, die ihr Vermögen zusetzen und nichts erreichen. Unter anderem sagt Bauer, daß die Pflanzer im Vertrauen auf die Sach⸗ kenntnis verantwortlicher Reichsbeamten mit minderwertigen Kakaosorten Zeit, Arbeit und Kapital verloren hätten,so daß wir voraussichtlich bald vor einer wirtschaftlichen Krisis stehen werden. Bauer klagt dann leb⸗ haft darüber, daß nichts getan wird, den Ver⸗ kehr zu erleichtern. Nachdem er noch eine An⸗ zahl weiterer Mängel in der Verwaltung gerügt hat, schließt er wie folgt:

Ueberhaupt würde es schwer fallen, irgend ein Feld der Verwaltung zu entdecken, auf dem die Regierung von Kamerun zlelbewußt gearbeitet und etwas Tüchtiges erreicht hätte... So zeigen sich die Nachtseiten des bestehenden Systems auf Schritt und Tritt. Verkörpert aber wird dieses System durch den Gouverneur. Buea mit seiner Zugangsstraße und der zugehörigen Lustjacht Herzogin Elisabeth ist unter seiner Verwaltung ein tropisches Musterinstitut geworden, der ganze Rest der Kolonie aber befindet sich im Zu⸗ stande wirtschaftlicher Versumpfung.

Wir sind ja der Ansicht, daß auch bei einer musterhaften Verwaltung in Kamerun dem Boden nicht so viel abgewonnen werden könnte, daß der Ertrag in einem angemessenen Ver⸗ hältnis zu den riesigen Ausgaben für unsere herrlichen Kolonien steht. Immerhin ist es interessant, von sachkundiger Seite bestätigt zu finden, daß erst durch die kopflose Verwaltung die ungünstigen Verhältnisse zu dem herrschenden Kolonialelend ausgewachsen sind.

Der Reichstag

hat am Mittwoch seine Sitzungen wieder aufgenommen. Auf der Tagesordnung stand die zweite Lesung des

Antrages Hagemann betr. die Aenderung des Gerichts⸗ verfassungs⸗Gesetzes. Der Antrag verfolgt den Zweck, die Zuständigkeit der Schöffengerichte zu erweitern und dadurch eine Beschleunigung der Straf⸗ rechtspflege herbeizuführen. Von dem Abg. Lattmann wurde hierbei ein Antrag eingebracht, den Schöffen Reise, und Tagegelder zu gewähren. Dieser Antrag wurde von unsern Genossen lebhaft unterstützt, vom Reichstage jedoch abgelehnt, weil der Staatssekretär erklärte, daß diese Frage nicht bei dieser Gelegenheit erledigt werden könne. Die württembergische Kammer hat kürzlich einen ähnlichen Antrag angenommen.

Zeitungsmache der Grubenbarone.

Um die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten und zum Nachteile der Berg⸗ arbeiter zu beeinflussen, wenden die Gruben⸗ kapitalisten gewaltige Summen auf. Nicht weniger als Mk. 190000 hat der Bergbau⸗ liche Verein zur Bekämpfung des Berg⸗ arbeiterstreiks und der Bergarbeiterschutz⸗ novelle aufgewendet. Jetzt soll das in Essen gegründete Preßbureau zu einer dauernden Einrichtung ausgebaut und mit einem jährlichen Etat von Mk. 60 000 ausgestattet werden. Das Bureau untersteht einem Bergassessor. Wie berichtet wurde, machte es Schwierigkeiten, einen geeigneten Tintenkuli zu finden, der auf eigene Meinung verzichtet, sich unter den Befehl eines Bergassessors stellt und sich nach jeder Richtung hin als williger Sklave der Gruben⸗ kapitalisten erweist. Schließlich fand sich ein derartiges Reptil. Es wird also offenbar eine ins Großertige gehende Beeinflussung der öffentlichen Meinung geplant. Die kapitalistischen und agrarischen Scharfmacherblätter haben sich bisher schon redlich Mühe gegeben, dem Gruben⸗ kapitalismus Kränze zu winden und gleichzeitig gegen die Bergarbeiter nach Herzenslust zu hetzen. Wenn die Sache jetzt in ein System gebracht wird, dann kann man sich auf bedeutsame Kraft⸗ leistungen gefaßt machen. Eins wird man freilich nicht fertig bringen, nämlich den Gruben⸗ kapitalismus mit seinen Ausbeuterpraktiken bei dem Volke in ein besseres Licht zu setzen.

Ein Muster⸗Redakteur.

In Halle hatte der Redakteur Otto Winkler, ein scheinbar sehr vielsettiger Mensch, im Januar zur Rettung der katholischen Seelen unter dem TitelKatholisches Wochenblatt, Spezialorgan für die katholische Gemeinde, eine Zeitung herausgegeben. Als der Mann neulich vor der Strafkammer wegen Uebertretung des Preßgesetzes angeklagt war er hatte der Poltzei kein Pflichtexemplar eingesandt ꝛc. erklärte der Vorsitzende etwas erstaunt in die Akten schauend:Aber der Mann ist ja evan⸗ gelisc.Ja, bemerkte der Staatsanwalt spöttisch,das ist Geschäft! Das Gericht verurteilte denevangelisch⸗katholischen Redak⸗ teur, der wohl mit Vorbedacht nicht zur Ver⸗ handlung erschienen war, zu 10 Mk. Geldstrafe. Den Braven sollte sich der Bergbauliche Verein für sein in der vorhergehenden Notiz besprochenes Preßorgan sichern, in Herrn Winkler fund gewiß die gesuchtegeeignete Kraft ge⸗ unden.

Volksbetrüger.

Der freisinnige Landtagsabgeordnete Gyßling sagte jüngst in einer Rede an seine Wähler in Königsberg:

Die lange Dauer der Sessionen rührt auch aus dem Umstand her, daß sich in den Parlamenten mehr und mehr eine Popula⸗ ritätshascheret geltend macht. Insbesondere in der Sozialpolitik. Einer will immer soztalpolittscher sein als der andre. Das ist der ungünstige Einfluß der Sozial⸗ demokratie, die unserm parlamentarischen Leben überhaupt die tiefsten Wunden ge⸗ schlagen hat.

Bei jeder Wahlagitation hören wir unsre bürgerlichen Gegner versichern, daß die Sozial⸗ demokratie die einzig wahre Feindin aller Sozialpolitik wäre, deren ergebene und auf⸗ opfernde Freunde sie selber seien. Jetzt aber gibt einer dieser Herren, noch dazu ein Mitglied der bürgerlichenLinken, unumwunden zu, daß das sozialpolitische Getue der bürgerlichen Parteien eitel Schwindel, leerePopularitäts⸗

hascherei sei und schiebt der Sozialdemokratie

die Schuld daran zu, daß die bürgerlichen Parteien aus Konkurrenzrücksichten solchen lästigen Schwindel überhaupt betreiben müßten. Der Freisinnskämpe hat ja vollkommen recht, wenn er sagt, daß die Sozialdemokratie auf die Moralität verschiedener Parteien sehr un⸗ günstig eingewirkt hat. An die Stelle der echt empfundenen, offen zur Schau getragenen Arbeiterfeindschaft ist eine mandaterschleichende heuchlerische Freundlichkeit getreten. Freilich trägt die Sozialdemokratie daran ebensowenig die Schuld wie die Kriminalpolizei daran, daß sich die abgefeimtesten Spitzbuben in der Wacht⸗ spiel auf die vollendeten Ehrenmänner heraus⸗ pielen.

Landratsbettel für Umsturzbekämpfung.

DieBerliner Volksztg. veröffentlicht einen vom Vorsitzenden General v. Liebert des Reichsverbands gegen die Sozialdemokratie unterzeichneten Bettelbrief, in dem es heißt:

Von dem Landrat Ihres Kreises ist uns mit⸗ geteilt worden, daß Sie vermöge Ihrer nationalen Betätigung auf dem Boden desReichs verbandes gegen die Sozialdemokratie stehen und voraus sichtlich geneigt sein werden, unsere Ziele zu fördern. Da der Verband seine Aufgaben nur erfüllen kann, wenn die kapitalkräftigen Elemente unter den bürgerlichen Parteien eine ähnliche Gebefreudigkeit ent⸗ wickeln wie die sozialdemokratischen Parteigänger bei ihren geringen Mitteln, so erlauben wir uns usw.

DerReichsverband scheint von der Gebe⸗ freudigkeit seiner unglücklichen Opfer nicht so sehr überzeugt zu sein, wenn er ihnen gleich den Landratsrevolver an die Brust setzt. Kapitalkräftige Elemente haben meist allen Grund, sich mit dem Herrn Landrat, den die Berl. Volksztg. leider nicht nennt, gut zu stellen und werden Wünsche, die sich auf ihn berufen dürfen, nicht leichten Herzens abschlagen.

Opfer des Kampfes.

Am Sonntag ist Genosse Karl Leid, Redakteur desVorwärts aus der Tegeler Strafanstalt entlassen worden, in der er ein volles Jahr wegen des bekannten Kaiserinsel⸗ Artikels und eines Artikels über die schlesischen Wahlverhältnisse zugebracht hatte. Eine große Anzahl Berliner Genossen hatte sich nach Tegel begeben, um den der Freiheit wiedergegebenen zu begrüßen, sie wurden jedoch enttäuscht, Leid war vorher nach dem Berliner Polizeiprästdium gebracht worden und wurde von dort entlassen. Zu seiner Begrüßung hatten sich darauf viele Genossen in einem Saale zusammengefunden, wo man durch ernste und heitere Ansprachen den Entlassenen feierte. Auch Bebel begrüßte ihn mit einer Ansprache. Ueber die ihm im Gefängnis zuteil gewordene Behandlung konnte Leid als Preßsünder im Allgemeinen nicht klagen. Ferner hat ein Opfer der Breslauer

Streiljustiz, der Maurer Josef Machate, das 9

Gefängnis verlassen, in dem er Jahre zu⸗ gebracht hatte. Er wurde von seinen Verbands⸗

kollegen und den Breslauer Parteigenossen 1

herzlichst begrüßt. Machate war s. Zt. zu

langer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil

er von seinem Koalitionsrechte Gebrauch machte,

das Interesse seiner Kollegen vertrat und dabei

dieEhre der Streikbrecher verletzte. Königsberg vor dem Reichsgericht.

Am Mittwoch voriger Woche hat das J Reichsgericht über die Revision des Königsberger

Prozesses verhandelt. An diesem Tage wurde

die Verhandlung jedoch nicht zu Ende geführt,

sondern auf Samstag, den 6. Mai, vertagt.

Das geschieht sonst von dem Reichsgericht nich,

es wird wohl öfter die Urteilsfällung, fast nie aber die Verhandlung vertagt und dieser Um⸗

stand beweist, welche außerordentliche Bedeutung man diesem Prozeß bei dem höchsten Gericht?

hofe des Reiches beimißt.

Was aber diese

Revistonsverhandlung auch sonst außerordentlich

auffällig gestaltete und sie

weit aus dem

Rahmen sonstiger reichsgerichtlicher Gepflogen⸗

heiten hinausrückte, das war die Rede des Reichsanwalts Trentlein⸗Moerdes. An die Stelle der kühlen, mehr oder weniger scharf⸗