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Nr. 20. Gießen, den 14. Mai 1905. 12. Jahrgang Redaktion: 8 9 55 edaktioneschlnt; Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteld eutsch 2 Weene 5 4 Ugze.
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Arbeit und Lebensnot.
In früheren Zeiten, als die Arbeiter sich noch nicht zum Klͤssenbewußtsein durchgerungen hatten, waren sie hilflos und unwissend. Wo er das Licht der Welt erblickt hatte, da blieb der Arbeiter meistens kleben; von allem, was die Welt bewegt, wußte er nichts. Wenn er nur Nahrung und notdürftige Kleidung hatte, genügte ihm das vollkommen, denn weitere Be⸗ dürfnisse hatte er nicht kennen gelernt. Aber die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Der Arbeiter hat gelernt und begriffen, daß und welche Ansprüche er an die gegenwärtige Gesell⸗ schuft zu stellen hat. Er will nicht vom Leben auf dieser„schönen Erde“ nur allein die sauren Wochen haben, sondern auch an anderen Genüssen Teil haben. Daß die herrschende Klasse ohne Arbeit in Freuden lebt, kann sie nur, weil er arbeitet. Die große Masse der Bevölkerung wird bis zur Erschöpfung ausgebeutet und ge⸗ winnt nur kümmerlich ihren Unterhalt, und wirtschaftliche Krisen bringen ihr Hunger, Elend, häufig sogar völligen Untergang. Hunderttausende brechen unter der Ausbeutung zusammen, aus ihrem Hunger, ihrem Elend, ihren zerissenen Kleidern, ihren dumpfen sogenannten Wohnungen kommen sie nie heraus. Ihren Geist zu bil⸗ den, ihr Herz zu heben, sich des Lebens zu freuen, dazu läßt ihnen die kapitalistische Aus⸗ beutung keine Zeit Ja, man ist erstrebt, den Arbeiter geistigniederzuhalten, ihm mög⸗ lichst wenig Zeit zu lassen, sich weiterzubtilden und mit den öffentlichen Dingen zu befassen, damit er unwissend und„zufrieden“ bleibt. Von den Früchten seiner Arbeit verdirbt, verrostet, verschimmelt ein Teil, der andere wird schließlich verschleudert und bringt nur geringen Ertrag. In der sozialistischen Gesellschaft könnten die nötigen Produkte in viel kürzerer Zeit als jetzt gergestellt werden und ohne daß das arbeitende Volk im Elend dahinlebt. Die Unmasse von Krankheiten, welche heute aus dem schweren Fabrikationsbetriebe und der sonstigen Ueber⸗ anstrengung entstehen, die grenzenlose Menge von leiblichem und sittlichem Elend, welche den⸗ selben Ursprung haben, sie sind die Folgen der kapitalistischen Produktionsweise. Ein Mensch, der in einer Fabrik Jahr aus Jahr ein vom frühen Morgen bis in den späten Abend die nämlichen einförmigen Handgriffe macht, muß erkranken, muß geistig verkommen. Nur wenn der Arbeiter frei von Nahrungssorgen ist, und hinreichend Muße zur körperlichen und geistigen Erholung findet, hat er ein Gegengewicht gegen die schädlichen Wirkungen der einförmigen Arbeit. Mit Recht sagt Eugen Baret, daß die Teilung der Arbeit ein verzweiflungsvoller Widerspruch sei. So günstig sie im technischen Sinne wirke, für den Arbeiter werden sie zu einer unmittel ⸗ baren Veranlassung von Elend und Vertierung. In einer Werkstätte, wo die einzelnen Ver⸗ richtungen sehr geteil“ sind, gilt der Arbeiter nur durch seine physische Kraft oder vielmehr durch die Geschicklichkeit, in einer gegebenen Zeit möglichst viele Handgriffe und Bewegungen zu vollführen. Je mehr die Arbeit mechanisch wird, um so geringer wird sie gelohnt, um so un⸗ sicherer wird des Arbeiters Existenz. Die ins äußerste gehende Teilung der Arbeit macht dem
Arbeiter ebenso seine Intelligenz streitig wie
sein Brot. Der Arbeiter kann sich seines Pro⸗ duktes nicht erfreuen, er sieht es nicht unter seinen Händen entstehen; er ermüdet ununter⸗ brochen und bringt keine Schöpfung hervor.
In früheren Zeiten stand der Handwerker auf solidem Unterbau, leiblich und seelisch. So lange seine Verhältnisse gestchert waren, war er gesund, hatte sein Auskommen, war unterrichtet und strebsam. Je mehr der Fabri⸗ kationsbetrieb sich ausdehnte und ins Große überging, um so mehr mußte das Handwerk zurückgehen. In dem rückschreitenden Hand⸗ werkertum, das— im Gegensatz zum Lohn⸗ arbeitertum— unfähig war, die Tendenz der ökonomischen Entwickelung zu begreifen, bildete sich allmählich eine eigentümliche, man möchte sagen: soziale Krankheitsform aus, die eine wahrhaft epidemische Verbreitung fand: der Kleinbürger ward zum Philister. Es ist der Stumpfsinn gegen jegliches soziale Interesse, die gewissenlose Gleichgiltigkeit gegen alles öffentiche Leben, der blinde Haß gegen das Kapital, das natürlich nach seiner Ansicht nur in Händen von Juden ist, und der fanatische Haß gegen die aufstrebenden Arbeiter, die mehr Lohn und kurze Arbeitszeit von ihm verlangen. Die öffentlichen Angelegenheiten wecken nur noch insoweit seine Teilnahme, als ihm ein persönlicher Vorteil dabei ins Auge springt, als sie ihm Stoff zur flachsten Unterhaltung bieten. Der zum Philister verkrüppelte Hand⸗ werksmeister verliert schließlich allen Gemeinsinn. Mit diesem Philistertum, als einem seiner Feinde, liegen auch die Arbeiter täglich im 9 0 um höheren Lohn und kürzere Arbeits⸗ zeit.
Unter der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise verlangt jeder, ob großer oder kleiner Ausbeuter, vom Arbeiter eine rastlos angestrengte Tätigkeit ohne Maß und Ziel. Der Schwächere wird erbarmungslos dem Stärkeren geopfert, alles verliert Mitleid und Gewissen, mißt alles menschliche mit dem Maß⸗ stabe des allgemeinen Tauschmittels. Die Furien der Selbstsucht zerstören das Familienleben, umtanzen nur den frechen Erfolg. Der Mehr⸗ wert fließt in die Tasche des Kapitalisten, der Arbeiter bleibt zeitlebens im Sklavenjoch. Die persönlichen Eigenschaften des Arbeiters, sie mögen noch so vortrefflich sein, sie stehen auch im günstigsten Falle hinter dem Einfluß und der Gewalt von Lohn und Markt. Selbst bei den geringsten Bedürfnissen und bei vorzüglicher Gesundheit, Intelligenz und Morol kann der Arbeiter wegen ungünstiger Verhältnisse des Markts verhungern, erfrieren, umkommen.
Ueberblickt man die Summe von Elend, das der Kapitalismus auf den Arbeiter häuft, so muß jeder Einsichtige zugestehen, daß vor dem körperlichen und geistigen Untergange die große Masse des arbeitenden Volkes nur gerettet werden kann durch eine völlige wirtschaftliche Umwälzung: die kapitalistische muß durch die sozialtstische Produktions weise ersetzt werden. „Erst die soztalistische Produttion“, sagt Kautsky einmal,„kann dem Mißverhältnis zwischen den Ansprüchen der Arbeiter und den Mitteln, ste zu befriedigen, ein Ende machen, indem sie die Ausbeutung und die Klassenunterschiede auf⸗ hebt.“
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Politische Rundschau. Gießen, den 11. Mai 1905.
Zolljammer.
Von allen Seiten werden jetzt Klagelieder über die Vernichtung ganzer Industriezweige durch die neuen Handels verträge ange⸗ stimmt. So heißt es in dem Bericht der Handels⸗ kammer in Offenbach:
„Das Ergebnis der Handelsvertragsver⸗ handlungen übertrifft weit das Schlim mste, was wir befürchtet haben. Daß bei den⸗ selben auf deutscher Seite die landwirtschaftlichen Interessen an erster Stelle maßgebend sein würden, darüber haben wir uns niemals einer Täuschung hingegeben. Wir haben aber nicht erwartet, daß dies selbst unter Preisgabe eines großen Teiles der deutschen Aus⸗ fuhr geschehen werde. Für unseren Bezirk haben die mit Rußland, Oesterreich⸗Ungarn und der Schweiz abgeschlossenen Verträge eine recht beklagenswerte Bedeutung, und auch die übrigen Abschlüsse lassen zum Teil außerordentlich viel zu wünschen übrig. Wir befürchten, daß ein sehr großer Teil der Ausfuhr der zahlreiche Spezialitäten für den Weltmarkt herstellenden und sich in der Hauptsache darin betätigenden Industrie unseres Bezirks auf Grund dieser Neugestaltung der Handelsbeztehungen Deutsch⸗ lands zum Auslande verloren gehen wird. .. Wir vermögen nicht zu begreifen, wie es mit der Volkswohlfahrt Deutschlands vereinbar sein soll, daß bei jährlich sehr erheblich steigendem Mehrbedarf an Nahrungsmitteln über die hei⸗ mische Erzeugung hinaus und bet sonach fort⸗ gesetzt erheblich wachsenden Zahlungen an das Ausland für die Entnahme derselben vom Welt⸗ markte auch noch mit einem Rückgang der Ausfuhr von industriellen Erzeugnissen und einer damit Hand in Hand gehenden Minder⸗ einnahme an Barvergütungen des Auslandes an uns gerechnet werden muß.“ 5
Aehnlich spricht sich der Bericht noch an andern Stellen aus. Jetzt kommen die Klagen natürlich zu spät. Als es galt, nach Abschluß des Zolltarifs bei den Handelsverträgen noch zu retten, was zu retten möglich, versagten die Herren Industriellen, denn sie waren es speziell im Offenbacher Kreise, die dem Vertreter der Bülowschen„mittleren Linte“, dem unvergleich⸗ lichen Dr. Becker aus Sprendlingen, mit zum Siege verhalfen und den Vertreter der Capri⸗ vischen Handelspolitik, unter der, wie in dem⸗ selben Bericht zu lesen ist,„Deutschland einen in der Geschichte unseres Vaterlandes geradezu beispiellosen Aufschwung erlebt hat“, mit allen Mitteln bekämpften. Es war freilich ein Sozial⸗ demokrat, der den nimmersatten Agrariern in ehrlicher Entrüstung derb und deutlich die Meinung gesagt hat.
Sogar der Landesausschuß der sächsischen Nationalliberalen spricht sich in einer Erklärung über die Schädigung der Industrie durch die Handelsverträge aus und bemerkt, daß in Sachsen für manche Industriezweige die Ausfuhrmöglichkeit fast ganz abgeschnitten wird. Ueber diese Klagen der Nationalliberalen, die doch den ganzen Zolltrödel mit verschuldet haben, könnte man eine gewisse Genugtuung empfinden, wenn eben nicht das arbeitende Volk


