Ausgabe 
13.8.1905
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

zum Stlaven herabdrücken lasse. Wollte er seine Augen öffnen, so müßte er doch einsehen, daß nur eine kräftige Organlsation ihn aus diesem jammervollen Dasein her⸗ auszureißen vermöge. Es sei hier in Marburg auch noch traurig um die Löhne bestellt und er könne es nicht begreifen, wie es die Kollegen fertig brächten, in elner Stadt, wo die Wissenschaft so zu sagen auf der Straße spazieren gehe, für einen Tagelohn von Mark 2.50 zu schaffen. Freilich hätte man auch hier eine Masse vonJubiläumsarbeitern, die sich zum Inventar des Unternehmers rechneten. Gerade diese seien dem Organisationsgedanken unzugänglich. Sagte doch einer dieser ganz Zufriedenen zu seinem Unternehmer, der sich ein palastähnliches Gebäude baute, als er ihm einen Pfennig pro Stunde Zulage geben wollte:Ach, Meister, laßt es nur, wenn man selber baut, hat man das Geld nötig. Bei solchen Leuten ist natürlich jedes Wort von Organisation Verschwendung. Doch sollten die Arbeiter bedenken, daß die Unternehmer hier keinen Pfennig zugesetzt haben würden, hätte die hiesige Zahl⸗ stelle nicht ihre Lohnforderungen gestellt. Und es liege in ihrer Hand, im Laufe, vielleicht noch dieses Jahres die 30 Pf. pro Stunde zu erringen. Aber nur dann, wenn sie sich der Organisation anschließen! Andernfalls würde der Lohn bei Herbstbeginn wiedre reduziert werden. Die abgeschlossenen Tarife liefen bekanntlich im Jahre 1908 ab und die Unternehmerorganisation werde bis dahin gerüstet dastehen. Darum solle jeder auf den Posten sein und wenn der Schlag von der Gegenseite geführt werden sollte, wir ihn parleren könnten. Zum Schluß ermahnte er die Ortsverwaltung, nicht zu er⸗ lahmen und ihren Kollegen treu zur Seite zu stehen. Das Motto:Einer für Alle und Alle für Einen müsse stets hochgehalten werden. In der Diskussion sprachen noch zwei Redner im Sinne des Referenten, worauf der Vorsitzende, nachdem er dem Redner den Dank ausgesprochen, mit einem dreifachen Hoch auf den Erd⸗ und Bauhilfsarbeiter⸗Verband die Versammlung schlog.

Wer begnadigt wird.

Bauunternehmer Romulo Echtermeyer, der als Direktor der verkrachten Immoblliengesell⸗ schaft wegen einfachen Bankrotts von der Strafkammer in Kassel zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt worden war, ist vom Kaiser begnadigt und ihm die Strafe erlassen worden. Die übrigen Gesellschafter waren zu empfindlichen Geldstrafen verurteilt.

Eln Zentrums, Tugendbeld.

Freiherr v. Schorlemer, vor nicht langer 555 noch Redakteur des Zentrumsblattes in

raunstein in Bayern, ist auf Antrag seiner Brüder entmündigt worden. Er hat seinen Wohnsitz in Traunstein aufgegeben und ist in eine Irrenanstalt verbracht worden. Dieser Freiherr wäre ohne Zweifel, wenn ihm das Irrenhaus nicht sein gastlich Tor geöffnet hätte, dem Strafrichter wegen widernatürlicher Unzucht, begangen mit seinem Sohne, verfallen. Dieser Schorlemer war vor Jahren Offizier bel den Großenhainer Husaren, er hatte so viel auf dem Kerbholz, daß er eines Tages verschwinden mußte. Als Zentrumsredakteur war er aber immer noch gut genug.

Ungehobelter Schreinermeister. Vor dem Nürnber ger Gewerbegericht

i geberdete sich kürzlich ein Schreinermeister Elsner,

der vom Schreinergehilfen Bauer auf Bezahlung rückständigen Lohnes in der Höhe von M. 33,50 verklagt worden war, sehr aufgeregt, obgleich die Forderung durchaus berechtigt war. Die Rache des Meisters fand ihren schärfsten Aus- uruck in der Aeußerung:Ich sch.... auf die Verhandlung! Wegen dieser Ungebühr wurde Elsner in eine sofort zu vollziehende Haftstrafe von 2 Tagen verurteilt. Dies wirkte abkühlend

und er erklärte sich nun auch zur Bezahlung des Lohnes bereit.

Sachalin.

In neuester Zeit ist wieder die allgemeine Aufmerksamkeit auf die große Insel im fernen Osten gerichtet, welche die teilweise zutreffende. BezeichnungMörderinsel führt. Sachalin, ine russtsche Besitzung, ist der unfreiwillige Aufenthaltsort für schwere Verbrecher u. A. befinden sich dort etwa 8000 männliche und weibliche Mörder und außerdem für solche

politische Sträflinge, die dem Barismus besonders gefährlich sind. Die übrige Bevölke⸗ rung setzt sich zusammen aus ehemaligen Ge⸗ fangenen, aus Beamten, Soldaten und Einge⸗ borenen, sowie einigen etwa einem Dutzend freigeborenen Russen. Am 1. Januar 1898 betrug die Zahl der Strafe verbüßenden und ehemaligen Gefangenen 22167. K

Bei dem Transport nach Sachalin müssen die unglücklichen Sträflinge Tausende von Kilo⸗ meter zu Fuß zurücklegen, was natürlich mehrere Monate lang währt. Ausgehungert, totmüde und bis auf die Knochen durchfroren, kommen sie abends in einem der elenden Etap⸗ penlager an, wo sie noch zum Teil auf dem kalten, aufgeweichten und schmutzigen Fußboden nächtigen müssen. Sind die Gefangenen auf der Insel angekommen, so erfolgt alsbald ihre Verbringung in eines der trostlosen Gefängnisse.

Hier sind die Verhältnisse noch weit schlim⸗ mere als selbst in Sibirien. Mit Kranken wird z. B. gewöhnlich in der Weise verfahren, daß man sie während einiger Tage im Walde liegend ihrem Schicksal überläßt. Da genügend Räume für sie doch nicht vorhanden sind, über⸗ trägt man derfrischen Luft die Obliegen⸗ heiten des Arztes. Eine besonders schwere und schimpfliche Bestrafung ist das Anschmieden an Karren. Aber trotzdem diese entsetzliche Straf⸗ art sogar während der Nacht nicht aufgehoben ist, gelingt es auch unter den derart Gemaß⸗ regelten manchen, zu entfliehen. Daß die Beamten auf Sachalin meist pflichtvergessen sind, ihre Tage mit Saufen, Spielen und noch Schlimmerem zubringen und Dienst Dienst sein lassen, begünstigt eine solche Flucht sehr, für welche dann gemeine Soldaten schwer büßen müssen. Werden daher Letztere eines Flücht⸗ lings wieder habhaft, so behandeln sie ihn mit ganz unnötiger Grausamkeit. Da die In⸗ haftierten durchaus ungenügend beschäftigt werden, so erweckt schon die furchtbare Lange⸗ weile Fluchtgedanken in ihnen, die oft auch zur Tat werden. Die Entwichenen gelangen aber nur sehr selten weiter als in die großen Wälder, wo sie im Sommer kümmerlich von Pilzen, Beeren und Wurzeln, sowie von Betteln bei früheren Sträflingen, wohl auch Erpressungen bei Wanderern, leben, solange sie nicht den ste unerbittlich verfolgenden Soldaten und Einge⸗ borenen tot oder lebendig in die Hände fallen. Aber im Winter, bei 7 Fuß hohem Schnee und 50 Kälte, wenn die in Lumpen gehüllten Flüchtlinge nirgends mehr Eßbares auftreiben können, dann kehren sie nicht selten freiwillig in den Kerker zurück, aus dem ste geflohen waren. 5

Dort erwartet die Ankömmlinge etwas Unbeschreibliches, Gräßliches! Sie werden auf derKoliba Bank festgebunden und dann mit der dreisträhnigen, an den Enden mit Blelkugeln ausgegossenenPlet auf teuf⸗ lische Weise gezüchtigt. Außerdem wird ihre Kerkerstrafe verlängert. Uebrigens ist es etwas Alltägliches, daß der Gefängnisvorsteher Sträflingen den nackten Körper mit in heißem Essig gelegten Ruten streichen läßt, wenn sie irgend welchen Vorschriften nicht nachgekommen sind, oder auch nur, weil er der allmächtige Beamte übler Laune ist. Sehr bezeich⸗ nend ist es, daß sogar schon Frauen derart geprügelt und dann in Ketten gelegt wurden, trotzdem dies verboten ist.

Den Wenigsten unter den Sträflingen wird dieGnade zuteil, je die Insel verlassen zu dürfen. Und da die lange Haft die Meisten zum Kampfe mit der herben Natur Sachalins unfähig macht, bemächtigt sich dieser Menschen die Verzweiflung, welche gar oft neue Ver⸗ brechen erzeugt. Es gibt auf Sachalin auch hie und da gutherzige Beamte. Aber sie können das fluchwürdige System nicht wirksam bekämpfen, das den Menschen geringer bewertet als ein Stück Vieh und das in den Betroffenen abgesehen von den politischen Gefangenen die tiefste Hoffnungslosigkeit hervorruft und den Verlust aller und jeder Moral.

Dafür ist aber auch Sachalin ein Stück vom heiligen Rußland C. K.

Auf dem Holzweg.

Humoreske von Viktor Lenz.

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Bürgermeister Wansterl zu Dingsdahausen war das Muster eines preußischen Kommunal⸗ beamten, das mußte ihm selbst der blasse Neid lassen. Es war eine wahre Freude, zu sehen, wie er seine dreitausendunddreißig Dingsda⸗ hausener in Raison hielt, wie er die Strenge mit der Milde paarte und die Köpfe seiner Untertanen stets so zu lenken wußte, daß ste alle nach seiner Pfeife tanzten und doch dabei ihren freien Willen zu haben glaubten.

Wenn ich vonKöpfen der Dings dahausener spreche, so meine ich das natürlich nicht im ge⸗ wöhnlichen Sinne, denn statt des normalen, logisch denkenden Gehlrns hatten die guten Dingsdahausener in ihren runden Schädelkapseln eine Art breliger, weißlicher Masse, die vielleicht einmal dem Menschen im Urzustande ene gewesen sein mag, die aber von dem enkorgan des entwickelten Menschen unserer Tage ganz gewaltig verschieden war.

Doch wie dem auch sein mochte: Bürger⸗ meister Wansterl wußte jedenfalls mit diesen Schädelköpfen ausgezeichnet fertig zu werden, und das war ja für ihn, für die Dingsdahausener und für die hochwohllöblichen Regierungsbe⸗ hörden die Hauptsache. Da gab es keine Verwaltungskonflikte, keinebeklagenswerten Gegensätze, keine Stadtskandale Alles ging wie am Schnürchen, und wenn irgendwo etwas vorkam, was zu unangenehmen Weiterungen führen und auf die städtischen Zustände ein be⸗ denkliches Licht werfen konnte, wie etwa eine kleine Prügelei zwischen den Stadtverordneten, ein Defizitchen im Stadthaushalt, eine kleine Unterschlagung, ein Verhungerungsfall oder etwas Aehnliches, so wurde einfach der Mantel der christlschen Liebe darüber gedeckt und es war Alles wieder auf's Schönste und Beste geordnet im kleinen Reiche des Tyrannen von Dings⸗ dahausen.

Nur Nichts aus dem Neste vertragen, das war Herrn Wansterls bewährter Grundsatz, und wenn man bei Befolgung dieses Grundsatzes auch eine gute Portion Schmutz im eigenen Neste behielt, so war das doch immer noch besser, als wenn man auf Dingsdahausen mit Fingern gezeigt und gesagt hätte:Seht doch diese Dingsdahausener! Eine solche Mißwirtschaft! Schändlich!

Es war unter diesen Umständen selbstver⸗ ständlich gewesen, daß man Herrn Wansterl immer wieder von Neuem zum Bürgermeister des Städtchens wählte, und daß die Hochwohl⸗ löblichen Regierungsbehörden ihn immer wieder als solchen bestätigten. Sein Gehalt war, in Anerkennung seiner Verdienste, immer höher gestiegen, und in sein Knopfloch war bereits ein buntes Ordensbändchen geflogen, auf das nicht nur Herr Wansterl, sondern auch die sämt⸗ lichen dreitausendunddreißig Dingsdahausener nicht wenig stolz waren.

Es war das damals nach der 5 0 Ae der Sekundärbahn von Dummen⸗ felde nach Dingsdahausen gewesen, die über das gute Städtchen Dingsdahausen eine neue Aera des Wohlstandes und Glanzes heraufführen sollte. Diese Sekundärbahn war Herrn Wan⸗ sterls ureigenste Idee gewesen. Sein armes Dingsdahausen lag so unglücklich mitten in der großen norddeutschen Ebene drin, nur durch eine einstündige Wagenfahrt von der Haupt- eisenbahnlinte erreichbar, und er hätte gar zu gern Handel und Gewerbe in seinem kleinen Königreich in Blüte gesehen und seinen Namen

als den Namen eines Wohltäters und Förderers

seiner Untertanen verewigt.

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Na, endlich war sie ja auch da, diese hübsche, kleine Bahn, und Handel und Gewerbe fingen